<?xml version='1.0' encoding='UTF-8'?><?xml-stylesheet href="http://www.blogger.com/styles/atom.css" type="text/css"?><feed xmlns='http://www.w3.org/2005/Atom' xmlns:openSearch='http://a9.com/-/spec/opensearchrss/1.0/' xmlns:georss='http://www.georss.org/georss' xmlns:gd='http://schemas.google.com/g/2005' xmlns:thr='http://purl.org/syndication/thread/1.0'><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378</id><updated>2012-01-29T00:37:00.308+01:00</updated><category term='HIFI'/><category term='FAZ'/><category term='Politik'/><category term='Technik'/><category term='Konzerte'/><title type='text'>FAZ-Besprechungen</title><subtitle type='html'></subtitle><link rel='http://schemas.google.com/g/2005#feed' type='application/atom+xml' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/feeds/posts/default'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default?max-results=100'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/'/><link rel='hub' href='http://pubsubhubbub.appspot.com/'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author><generator version='7.00' uri='http://www.blogger.com'>Blogger</generator><openSearch:totalResults>83</openSearch:totalResults><openSearch:startIndex>1</openSearch:startIndex><openSearch:itemsPerPage>100</openSearch:itemsPerPage><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-5737505548726993363</id><published>2009-12-13T15:29:00.001+01:00</published><updated>2009-12-13T15:29:30.480+01:00</updated><title type='text'>Obamas gemischte Bilanz</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;Fremde Federn: Robert B. Goldmann &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Wenn auch die Umfragezahlen leicht gefallen sind, bleibt Präsident Obama beliebt, und das gilt nicht nur für Amerika, sondern auch für das Ausland. In linksliberalen Kreisen Amerikas wäre es geradezu Majestätsbeleidigung, sich negativ über ihn zu äußern. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Nach den acht Bush-Jahren hat Obama zugunsten Amerikas viel erreicht. Sein Charisma ist unbestreitbar, seine Familie bereichert diese Ausstrahlung, und auf seinen Reisen hat der Präsident die Interessen der Vereinigten Staaten verteidigt, ohne dabei provozierend zu wirken. Aber es hapert an konkreten Ergebnissen, sei es im Blick auf das iranische Nuklearprogramm oder im Nahostkonflikt: Hier hat Obama Israel deutlich gemacht, was er fordert; von den Palästinensern und arabischen Ländern, die hilfreich sein könnten, hat er dagegen wenig verlangt.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;In Russland gab es ein freundliches Gespräch mit Präsident Medwedjew, aber die Unterredung mit Ministerpräsident Putin verlief gespannt. In Italien hat sich die G8 in der Klimapolitik auf bescheidene Richtlinien geeinigt, ist aber in Wirtschaftsdingen nicht weitergekommen. In Ghana verurteilte der Präsident mit klaren Worten Korruption und Diktatur in Afrika. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Was Bush zu viel und zu oft tat – die Demokratie zu preisen und sie Ländern mit anderer politischer Kultur dringend zu empfehlen –, tat Obama zu wenig. Klare Äußerungen fehlten nicht nur gegenüber der Verzögerungstaktik Teherans, sondern auch zur brutalen Niederschlagung der Demonstrationen in den Städten Irans gegen das Ergebnis der Präsidentenwahl. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Innenpolitisch kommt die Regierung nur schwer voran. Die vielen Milliarden des Konjunkturpakets zeigen nach fünf Monaten enttäuschende Ergebnisse. Die von Obama als höchste Priorität geplante Reform des Gesundheitswesens wird bescheidener ausfallen, als es der Präsident geplant hatte. Die Arbeitslosigkeit steigt unerbittlich, Washington ist jetzt Hauptaktionär von General Motors, und die Börsenkurse dümpeln dahin. Beunruhigend ist der steigende Schuldenberg, der weitgehend von China finanziert wird.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Obama hat erstklassige Mitarbeiter und Berater, und er selbst strahlt Zuversicht aus. Aber man fragt sich, ob er nicht mehr erreichen könnte, wenn er nicht alle Probleme gleichzeitig in Angriff nähme. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Schließlich sollte sich Obama Gedanken über die eine Woche lang fast ununterbrochene Beschäftigung der Medien mit Michael Jackson machen. Es ist an der Zeit, dass er gegen die Infantilisierung dieser Gesellschaft das Wort ergreift. Es ist ein Missverhältnis, dass endlos über den "König des Pop" berichtet wird, während über den Einsatz amerikanischer Soldaten in Afghanistan kaum öffentlich diskutiert wird. Der einflussreichste Präsident seit Franklin Roosevelt hat auch die Pflicht, dieser Generation zu erklären, dass sie sich auf lange Zeit schwerwiegenden Herausforderungen stellen muss. Ohne Ernst und Verantwortung geht das nicht. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;Der Autor ist freier Journalist und lebt in New York.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27.07.2009 Seite 8&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-5737505548726993363?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/5737505548726993363'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/5737505548726993363'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/12/obamas-gemischte-bilanz.html' title='Obamas gemischte Bilanz'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-7737604724167099802</id><published>2009-12-13T15:28:00.003+01:00</published><updated>2009-12-13T15:28:50.940+01:00</updated><title type='text'>Wo heute Lärm ist, war einst Magie</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;Das Theater kann der selige Schlupfwinkel der Kindheit sein oder das traurigste Gewerbe. Bei Michael Kehlmann, meinem Vater, war es ein Hort des Erzählens – bis das Erzählen aus der Mode kam. "Die Lichtprobe": Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele Von Daniel Kehlmann &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Das bürgerliche Leben", sagte Max Reinhardt in einer Rede an der Columbia University, "ist eng begrenzt und arm an Gefühlsinhalten. Es hat aus seiner Armut lauter Tugenden gemacht, zwischen denen es sich schlecht und recht durchzwängt." Im Ungenügen also an dem einen Dasein, das uns gegeben ist, an der Mangelhaftigkeit unserer Gefühle, der Begrenztheit der Wege, die uns offen stehen, sah der Mitgründer dieser Festspiele die Wurzel unserer Faszination für das Theater. "Wir alle tragen die Möglichkeit zu allen Leidenschaften, zu allen Schicksalen, zu allen Lebensformen in uns." Wo aber das Theater die Berührung mit der existentiellen Wahrhaftigkeit verliere, bleibe leeres Spiel und, schlimmer noch, blanke Langeweile. "Das Theater kann, von allen guten Geistern verlassen, das traurigste Gewerbe, die armseligste Prostitution sein."&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ich hörte diese Rede zum ersten Mal als Kind auf einer Langspielplatte meines Vaters. Das mit dem traurigsten Gewerbe verstand ich nicht ganz, schon weil ich nicht so recht wusste, was das Wort Prostitution bedeutet, das über die Armut des bürgerlichen Lebens aber verstand ich sehr wohl: Natürlich sehnte ich mich nach anderen Möglichkeiten und danach, mehr als ein Leben zu führen, alle Kinder tun das, werden sie erwachsen, verdrängen sie es, es sei denn, sie werden Schauspieler oder sie schreiben. Wenn Reinhardt das Theater "den seligsten Schlupfwinkel derer" nennt, "die ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich damit auf und davon gemacht haben", so fand ich genau diesen Schlupfwinkel in den Büchern, im Erfinden, in der kontrollierten Flucht in die Phantasie, die jeder Roman bietet. Vom Theater aber hielt ich mich lieber fern.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Das hatte mit meinem Elternhaus zu tun. Mein Vater war Regisseur, und das Theater gehörte nun einmal zu seiner Welt, zum Bereich seiner Zuständigkeit, dem ich als Sohn, der etwas Eigenes sein und tun wollte, lieber nicht zu nahe kam. Gerade als einer, der unter Schauspielern aufgewachsen ist, jenen stets angenehmen und doch so verzweifelt des Zuspruchs bedürftigen Menschen, hatte ich schon früh das Gefühl, dass es gut für mich wäre, mein Leben in anderem Umfeld zu verbringen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;An meinem ersten und größten Theatererlebnis waren allerdings gar keine Schauspieler beteiligt. Ich war vier Jahre alt, mein Vater probte im Wiener Theater an der Josefstadt, meine Mutter und ich waren aus München gekommen, ihn zu besuchen. Eines Morgens nahm er mich mit zur Beleuchtungsprobe. Ich sehe noch den leeren Zuschauerraum vor mir, die leere Bühne bei offenem Vorhang. Mein Vater rief etwas nach oben, und plötzlich begann sich ein riesiger Kristallluster – mir jedenfalls kam er riesig vor – aufleuchtend aus der Dunkelheit herabzusenken. Der gewaltige Raum wurde hell. Mein Vater rief wieder etwas, der Luster stieg auf, die Schatten wurden länger, und schließlich war der Luster im Schwarz der Decke verschwunden. Ich wusste natürlich nicht, dass sich das allabendlich ereignete; ich glaubte wirklich, es wäre nur für mich und zum ersten Mal geschehen. Ich war erschrocken und glücklich. Keine Theateraufführung kam je an diesen Vormittag heran.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;In den nächsten Jahren sah ich viele Inszenierungen meines Vaters, die meisten als Fernsehaufzeichnungen, nurmehr wenige auf der Bühne, bis sein Leben Ende der achtziger Jahre eine traurige Wendung nahm: Lange Zeit war er einer der erfolgreichen Regisseure des deutschsprachigen Fernsehens und Theaters gewesen – übrigens arbeitete er auch bei den Salzburger Festspielen –, nun aber, mit verblüffender Geschwindigkeit, geriet er aus der Mode und in Vergessenheit.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Von seinem Vater zu lernen ist ja immer eine zweischneidige Sache. Man möchte doch eigenständig sein, instinktiv lehnt man Lektionen des Elternhauses ab und sucht seine Lehrer so fern davon wie möglich. Als mich vor kurzem ein Germanist darauf hinwies, dass die Hauptfigur meines ersten Romans vaterlos ist, ein Mann ohne Herkunft und Abstammung, so verblüffte es mich selbst, wie sehr man das, was ich damals für spielerische Erfindung hielt, als Absichtserklärung des beginnenden Autors lesen kann: niemandem verpflichtet und von keinem überschattet sein, von nirgendwo herkommen. Aber in Wirklichkeit ist es bekanntlich nie so, und Stunden, ja Tage würden nicht ausreichen, um auch nur einen Teil der Schuld zu umreißen, die ich Michael Kehlmann nicht nur als Mensch – das ist selbstverständlich und braucht hier nicht erklärt zu werden –, sondern als Künstler, als Gestalter, als Erzähler in Bildern und Szenen, zurückzuzahlen hätte, gehörte es nicht zum Wesen solcher Schulden, dass sie nicht zurückgezahlt werden können. Dadurch etwa, dass ich ihm zuhören durfte, wenn er seine Drehbücher der Verfilmungen Joseph Roths ins Tonbandgerät diktierte, lernte ich, dass Erzählen weniger eine Frage des Inhaltes als der Atmosphäre ist, eher Haltung als Handwerk, eher Stimme als Technik. Ich lernte von ihm den Wert des Humors, den Wert der Gelassenheit, vor allem auch den Wert des Zorns. Über seine Inszenierungen dachte er wochenlang nach und formte alles noch vor der ersten Leseprobe in seinem Kopf: Er wusste, wie ein Stück aussehen sollte, unter seiner Leitung wurde nicht diskutiert, dafür, so meinte er, habe man ihn ja engagiert. Kunst bestehe aus großen, kleinen und winzigen Entscheidungen, Aberhunderten davon, jeden einzelnen Tag, und man selbst wisse nie, ob man das Richtige tue, man könne nur darauf hoffen und müsse konsequent bleiben; immer an sich zu zweifeln sei ebenso wichtig, wie diese Zweifel dann während der Arbeit mit sich allein abzumachen. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Vor allem aber sah er im Regisseur einen Diener des Autors. Jawohl, einen Diener – so sagte er, und an dieser Auffassung lag es, dass er auf den deutschsprachigen Bühnen in den letzten zwei Jahrzehnten seines Lebens, trotz zunächst noch guter Gesundheit, nicht mehr arbeiten durfte. In einem Bereich, wo es keinen schlimmeren Vorwurf gibt als das Wort altmodisch, galt er plötzlich als ebendies, und wohl auch deswegen war ich zunehmend entschlossen, mich vom Theater fernzuhalten und lieber Bücher zu schreiben. Was immer einem Romancier zustößt, so dachte ich und denke es immer noch, es kann ihn doch keiner daran hindern, seine Arbeit zu tun. Schlimmstenfalls bleiben seine Werke ungedruckt, aber schreiben darf er sie doch, und niemand hält ihn davon ab, auf eine gewogenere Zukunft zu hoffen. Der Regisseur aber, der sich herrschenden Dogmen verschließt, hat diese Chance nicht. Als mein Vater durch den Wandel der Umstände seine Arbeit nicht mehr ausüben konnte, senkte sich allmählich die Krankheit des Vergessens auf ihn herab, bis ihn ganz zuletzt die Demenz vom Bewusstsein der Enttäuschungen befreite. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ich bin also, ich leugne es nicht, voreingenommen, aber andere sind es nicht. Spricht man mit Russen, mit Polen, mit Engländern oder Skandinaviern, die deutschsprachige Lande besuchen und hier ins Theater gehen, so sind sie oft ziemlich verwirrt. Was das denn solle, fragen sie, was denn hier los sei, warum das denn auf den Bühnen alles immer so ähnlich aussehe, ständig Videowände und Spaghetti-Essen, warum sei immer irgendwer mit irgendwas beschmiert, wozu all das Gezucke und routiniert hysterische Geschrei? Bitte verzeihen Sie die Klischees, doch es sind nicht meine, sondern genau jene, die uns die deutschen Theater vorspielen, formelhaft treu, Abend für Abend, Woche für Woche, in Stadt und Land. Ob das, so die Frage der Besucher, denn staatlich vorgeschrieben sei? &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Was soll man darauf antworten? Aus rein familiären Gründen – weil ich erlebt habe, dass einer, der es anders machen wollte, es gar nicht mehr machen konnte – und weil es mich außerdem jedesmal mit Melancholie erfüllt, im Ausland grandiose Stücke lebender Dramatiker zu sehen, die bei uns praktisch unaufführbar sind, weil ihre Autoren keine verfremdenden Inszenierungen gestatten, antworte ich diesen Verwunderten dann nicht, dass es nun einmal so sein müsse, dass sie keine Ahnung hätten, wie schlimm verstaubt das Theater in ihren Heimatstädten sei, und wir eben mal wieder einen Sonderweg gefunden hätten, zu speziell und verschlungen, um von anderen Völkern verstanden zu werden. Sondern ich sage in etwa Folgendes:&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Bei uns ist etwas Absonderliches geschehen. Irgendwie ist es in den vergangenen Jahrzehnten dahin gekommen, dass die Frage, ob man Schiller in historischen Kostümen oder besser mit den inzwischen schon altbewährten Zutaten der sogenannten Aktualisierung aufführen solle, zur am stärksten mit Ideologie befrachteten Frage überhaupt geworden ist. Eher ist es möglich, unwidersprochen den reinsten Wahnwitz zu behaupten, als leise und schüchtern auszusprechen, dass die historisch akkurate Inszenierung eines         Fortsetzung auf Seite 25&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27.07.2009 Seite 23&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;Fortsetzung der Rede von Daniel Kehlmann von Seite 23 Wo heute Lärm ist . . . &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Theaterstücks einfach nur eine ästhetische Entscheidung ist, nicht besser und nicht schlechter als die Verfremdung, auf keinen Fall aber ein per se reaktionäres Unterfangen. Als vor vier Jahren der Satiriker Joachim Lottmann im "Spiegel" einen spöttischen Artikel über deutsche Regiegebräuche veröffentlichte, ging eine Empörungswelle durch die Redaktionen, als schriebe man das Jahr 1910 und einer hätte Kaiser Wilhelm gekränkt.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Es hat wohl mit der folgenreichsten Allianz der vergangenen Jahrzehnte zu tun: dem Bündnis zwischen Kitsch und Avantgarde. Nach wie vor und allezeit schätzt der Philister das Althergebrachte, aber mittlerweile muss sich dieses Althergebrachte auf eine strikt formelhafte Weise als neu geben. Denn wer ein Reihenhaus bewohnen, christlich- oder ökologisch-konservative Parteien wählen und seine Kinder auf Privatschulen schicken will und es dennoch für zwingend notwendig hält, sich als aufgeschlossener Bohemien ohne Vorurteil zu fühlen - was bleibt ihm denn als das Theater? In einer Kultur, in der niemand mehr Marx liest und kontroverse Diskussionen sich eigentlich nur noch um Sport drehen, ist das Regietheater zur letzten verbliebenen Schrumpfform linker Weltanschauung degeneriert.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Wie alt die Fragestellung und auch die Praxis ist, zeigt sich auch darin, dass der scharfsinnigste Text darüber aus dem Jahr 1926 stammt: Karl Kraus' furioser Aufsatz "Mein Vorurteil gegen Piscator". Der große Regisseur Erwin Piscator hatte in Berlin eine, das Wort war damals neu, "aktualisierte" Inszenierung von Schillers "Räubern" auf die Bühne gebracht, was Kraus dazu veranlasste, grundsätzlich zu werden. In Wahrheit, so Kraus, sei Aktualisieren das Gegenteil dessen, was die Presse darunter verstehe, nämlich die behutsame Wiederherstellung dessen, was wir nicht mehr von der Vergangenheit wüssten, was uns unwiderruflich von ihr trenne. ",Aktuell'", schrieb er, "ist die Überwindung des Zeitwiderstands, die Wegräumung des Überzugs, den das Geräusch des Lebens dem Gehör und der Sprache angetan hat. Für aktuell aber halten die Zutreiber der Zeit den Triumph des Geräusches über das Gedicht, die Entstellung seiner Geistigkeit durch ein psychologisches Motiv, das der Journalbildung" – also der Bildung des Journalismus – "erschlossen ist."&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Man muss Kraus hierin nicht folgen, man kann es auch ganz anders sehen, man darf selbstverständlich auch für die drastischste Verfremdung eintreten, aber man sollte sich deswegen nicht für einen fortschrittlichen Menschen halten. Kraus war kein Anhänger des großen Ausstattungstheaters, er trat für äußerste Reduktion ein; was ihm vorschwebte, war näher bei dem Minimalismus eines Peter Brook als bei Max Reinhardt. Ein anderer Minimalist, Samuel Beckett, verbot regelmäßig Aufführungen seiner Werke, die er als entstellend empfand und die von seinen akribischen Regieanweisungen abwichen – möchte man ihn darum rückständig nennen? Wer gegen das sogenannte Regietheater ist, muss beileibe nicht konservativ sein, aber gerade mancher tiefkonservative Mensch hält die teuren und konventionellen Spektakel des Regietheaters für unangreifbar. Ein teuflischer Kreis: Wo Regisseure die Stars sind, dort halten sich die Autoren zurück. Wo sich die Autoren zurückhalten, beanspruchen die Regisseure wiederum den Status eines Stars, dem kein Autor, lebend oder tot, dreinzureden habe: "Eigentlich sind wir die Urheber!", rufen sie, und in der Tat muss man es sich wohl recht angenehm vorstellen, ein genialischer Schöpfer zu sein, ohne dafür eigens Stücke verfassen zu müssen. Unterdessen aber bleibt der Großteil der interessierten Menschen, die einstmals Publikum gewesen wären, daheim, liest Romane, geht ins Kino, kauft DVD-Boxen mit den intelligentesten amerikanischen Serien und nimmt Theater nur noch als fernen Lärm wahr, als Anlass für wunderliche Artikel im Feuilleton, als Privatvergnügen einer kleinen Gruppe folgsamer Pilger, ohne Relevanz für Leben, Gesellschaft und Gegenwart. "Das traurigste Gewerbe", sagte Reinhardt – und nicht selten ist man versucht, ihm zuzustimmen, sich abzuwenden und einfach den Fernseher einzuschalten.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Aber ich wollte ja von Michael Kehlmann reden und davon, was ihm die Bühne und was er für sie bedeutete, wieso bin ich so abgeschweift? Vielleicht bin ich es gar nicht, ich habe von dem gesprochen, was er neben einigen Gleichgesinnten – ich nenne nur den großen, fast vergessenen Rudolf Noelte –, zu verhindern versuchte und was doch Gestalt annahm: ein Klima der Repression, in dem Abweichung geächtet ist. "Ich bin größenwahnsinnig", schrieb Karl Kraus, "ich weiß, daß meine Zeit nicht kommen wird." Auch für meinen Vater zeichnete sich ab, dass seine Zeit nicht mehr kommen würde, dass sie, wenn überhaupt, unwiderruflich hinter ihm lag – und doch passte er sich nicht an und arbeitete lieber gar nicht als unter Umständen, die ihm nicht die volle Freiheit gelassen hätten. Man kann das durchaus Größenwahn nennen. Früher oder später kommt vielleicht für jeden Künstler der Augenblick, da sein Weg und der Zeitgeschmack sich trennen. Häufig ist Beharren ein Zeichen der Verstocktheit, manchmal aber auch das einzig Richtige.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Und so denke ich oft an jenen Luster damals im leeren Theater. An die wundersamen Widersprüche denke ich, die jedesmal von neuem auf der Bühne zusammenfinden: Etwas, das jeden Abend passiert, passiert gerade in dem Moment zum ersten Mal und nie wieder genau so; es wird Gegenwart und ist doch pure Wiederholung; Figuren stehen vor uns und tun es doch nicht, so dass wir Zeugen sind bei einem Ereignis, das nicht wirklich geschieht, und zwar in einer Spontaneität, wie sie nur nach langem Proben möglich wird. Film ist magisch, Theater aber ist paradox. Und das bleibt es selbst in der albernsten Gestalt, und das wird es noch sein, wenn man sich so mancher hochsubventionierten Absurdität nur noch mit amüsiertem Lächeln erinnert. "Nicht Verstellung ist die Aufgabe des Schauspielers", so Reinhardt, "sondern Enthüllung." Die Wahrheit auszusprechen also über unsere von Konvention und Gewohnheit eingeschnürte Natur, die Wahrheit über das eine kurze Leben, das wir führen. Und über die unzähligen Leben, die wir darüber versäumen und denen wir nirgendwo anders begegnen als in unserer Phantasie und in der Kunst.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27.07.2009 Seite 25&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt; &lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-7737604724167099802?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/7737604724167099802'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/7737604724167099802'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/12/wo-heute-larm-ist-war-einst-magie.html' title='Wo heute Lärm ist, war einst Magie'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-7945546719347901494</id><published>2009-12-13T15:28:00.001+01:00</published><updated>2009-12-13T15:28:19.774+01:00</updated><title type='text'>Nur der Wind trocknet die Wäsche gratis</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;Wäschetrockner ersparen das mühsame Auf- und Abhängen der Wäsche. Sie machen Handtücher und Unterwäsche ohne Weichspüler flauschig, gelten aber als Energiefresser, die der Umwelt schaden. Stimmt das? Von Georg Küffner &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Wäschetrockner sind schädliche Energiefresser. Das ist schnell gesagt. Ohne sich je in die Niederungen der Thermodynamik eingearbeitet zu haben, und das wäre für ein fundiertes Urteil wichtig, tragen viele Zeitgenossen diese Meinung immer wieder vor. Und es kommt noch doller: Zu Beginn der neunziger Jahre war der Widerstand gegen diese oft als völlig unnötig eingestufte Technik (Wäsche trocknet ja von selbst) so groß, dass man die Geräte ganz verbieten wollte.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Dass es anders kam, liegt weniger an der Lobbymacht der Hersteller und mehr an den überzeugenden Fakten. Denn wie eine Studie des Öko-Instituts belegt, frisst die auf dem Gestell im Arbeitszimmer aufgehängte Wäsche nicht mehr und nicht weniger Energie als die einem Mittelklasse-Wäschetrockner anvertraute. Denn die beim Trocknen in der Wohnung anfallende Verdunstungskälte muss durch mehr Heizaufwand ausgeglichen werden, andernfalls würde die Raumtemperatur merklich sinken. Zudem muss man die Feuchtigkeit aus der Wäsche durch intensives Lüften aus dem Haus bringen, wenn man sich keinen Schimmel einfangen will. Auch dafür braucht man Heizwärme. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Damit steht fest: Wäschetrocknen kostet Geld. Und wenn man sie im Garten aufhängt, was nicht immer möglich ist, kostet sie zumindest Zeit und Aufwand. Daher greifen auch überzeugte Lufttrockner im Winter gern auf den Trockenapparat zurück. So ein Gerät ist in den Apartmenthäusern großer Städte unentbehrlich, da vielerorts das Wäschetrocknen auf dem Balkon verboten ist oder äußerst ungern gesehen wird. Außerdem werden sogenannte Trockenböden und professionell ausgestattete Waschküchen in Neubauten kaum noch installiert.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Nicht viel anders ist die Lage in den Vereinigten Staaten. Hier ist in einigen Gegenden das Maschinentrocknen als allein akzeptiertes Vorgehen in Gesetzen, Verordnungen und Mietverträgen festgeschrieben. Wäscheleinen seien hässlich und minderten den Wert einer Immobilie deutlich, wird argumentiert. Im Zuge eines wachsenden Ökobewusstseins sehen das immer mehr Amerikaner anders und beharren auf ihrem "right to dry". So hat sich, wie der "Boston Globe" schreibt, mit dem "Project Laundry List" (www.laundrylist.org) eine ernstzunehmende Bürgerbewegung etabliert, die dem Naturtrocknen und damit der Wäscheleine ein rundum positives Image verpassen will. Ein hehres Ziel, das nur zu erreichen ist, wenn anders als bisher in den einschlägigen Geschäften auch Wäscheleinen und -ständer zu kaufen sind. Mehrere Unternehmen bedienen mittlerweile diesen Markt: Etwa die Vermont Clothesline Company (www.smartdrying.com), die für 195 Dollar den Ständer "Summer Breeze" anbietet. Das sind zwei rustikale hölzerne T-Stützen, die man im Garten einbuddelt und dazwischen mehrere parallele Leinen spannt.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Doch bei aller Euphorie für das Lufttrocknen, für das Gros der Amerikaner ist und bleibt der Wäschetrockner im Haus unentbehrlich. Rund 88 Prozent aller Haushalte nutzen ihn und verantworten damit einen Anteil am privaten Stromverbrauch von 5,8 Prozent. Deutlich mehr Energie wird im Haushalt für das Kühlen von Speisen und Getränken benötigt. Das ist in Deutschland (mit einem Anteil für Kühl- und Gefriergeräte von 24 Prozent) nicht anders. Auch hier zählt der Wäschetrockner nicht zu den größten Stromverbrauchern, wobei sich, je nach Energieeffizienzklasse des Geräts und Nutzerverhalten, die Stromrechnung für das Wäschetrocknen jedoch durchaus auf 150 bis 200 Euro im Jahr addieren kann.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Wie nicht anders zu erwarten, ist dafür weniger der Antrieb für die Edelstahltrommel verantwortlich, die sich während des Trockenprozesses dreht und dabei die Wäsche verwirbelt, sondern die Heizung der Geräte. Sie muss die Hauptarbeit leisten, und zwar um somehr, je größer der Wasseranteil in der Schleuderwäsche ist. Damit verteuern vor allem schwache Schleuderleistungen das Maschinentrocknen: Nach einem 1000/min-Schleudergang stecken in fünf Kilogramm Frottierhandtüchern noch rund 3,5 Liter Wasser – eine ganze Menge. Läuft die Schleuder auf höheren Touren, reduzieren sich der Feuchteanteil und damit der Energiehunger des Trockners deutlich. So vermindert ein Schleudergang mit 1400 Touren den Stromverbrauch beim anschließenden Trocknen um rund 15 Prozent. Und wer es genau wissen will: Um einen Liter Wasser aus der Wäsche zu treiben (bei 23 Grad Raumtemperatur und einer Luftfeuchte von über 50 Prozent), werden exakt 0,97 kWh benötigt. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;In Kenntnis dieser Zusammenhänge weisen die Trocknerhersteller stets auf die Wichtigkeit des kraftvollen Schleuderns hin, arbeiten aber weiter daran, den Energieverbrauch ihrer Geräte zu senken. Das wäre gar kein Hexenwerk, würde man nicht die Zusage machen, dass man die getrocknete Wäsche bereits nach zwei Stunden dem Gerät entnehmen könne. Längere Trocknungszeiten, verbunden mit niedrigeren Lufttemperaturen, würden den Strombedarf deutlich reduzieren. Die in Skandinavien weitverbreiteten Trockenkammern arbeiten nach diesem Prinzip. Man hängt die nasse Wäsche auf Kleiderbügeln hinein, ventiliert Luft zu und wartet.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Wer es schneller haben will, der wählt heute in der Regel zwischen einem Abluft- und einem Kondenstrockner, wobei der erstgenannte Typ nur zu betreiben ist, wenn man den zwingend notwendigen Abluftschlauch ins Freie leiten kann. Die energetische Bewertung dieser Geräte fällt schwer, denn sie holen die Prozessluft aus dem Raum und pusten sie nach draußen: Im Sommer wird so kostenlose Sonnenenergie genutzt, während man im Winter teure (Raum-)Heizenergie verbrät. Und ganz wichtig: Die zugefeuerte Energie wird an die Umgebung abgegeben und ist verloren.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Das ist beim Kondenstrockner anders. Hier werden rund 80 Prozent der eingesetzten Heizleistung als Wärme an den Raum abgegeben, so dass diese Geräte wie Heizöfen wirken. Die Aufstellräume müssen entsprechend groß dimensioniert sein. Trotz dieses Vorzugs liegt der Energieverbrauch durchschnittlich etwa 15 Prozent über dem eines Ablufttrockners. Richtig Freude an diesen Trocknern hat nur, wer sich ein gut gekapseltes und damit "luftdichtes" Gerät kauft. Denn nur das schafft es, mehr als 90 Prozent der in der Trommel aufgenommenen Feuchtigkeit zu kondensieren. Ältere und nicht all zu hochwertige Geräte kommen nicht auf diesen Wert. Sie entlassen einen Großteil der Feuchtigkeit zusammen mit der Warmluft in den Raum, was in dieser Kombination besonders an Sommertagen überaus störend sein kann.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Deutlich weniger Energie benötigen die seit wenigen Jahren angebotenen Wärmepumpentrockner, die mittlerweile alle Hersteller (bis auf Whirlpool) im Programm haben. Sie ziehen 40 bis 50 Prozent weniger Strom als Abluft- oder Kondenstrockner, sind dafür in der Anschaffung aber rund 200 Euro teurer als die besten klassischen Modelle. Für den höheren Preis ist jedoch nur zum Teil der größere apparative Aufwand verantwortlich. Entscheidend ist, dass man bei den Bauteilen nicht auf eigens für Wäschetrockner konzipierte Komponenten zurückgreifen kann, sondern sich – etwa beim Kompressor – mit Standardprodukten begnügen muss, die Abstriche bei der Optimierung notwendig machen. Und so funktionieren die Pumptrockner: Der heiße Teil der Wärmepumpe heizt die Zuluft auf, während der kalte Teil der Pumpe die Feuchtigkeit der Abluft kondensiert. Wärme und (Trocken-)Luft können so im Kreislauf geführt werden, was in dieser Kombination den Vorzug dieser Technik ausmacht.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ähnlich günstige Energiebilanzen wie mit (elektrisch betriebenen) Wärmepumpengeräten lassen sich mit den in Deutschland weitgehend unbekannten Erdgastrocknern erreichen. Während in Nordamerika 20 Prozent aller Geräte ihre Trockenwärme aus einer Gasflamme beziehen, werden hierzulande gerade mal rund 400 Gasgeräte im Jahr verkauft. Und es gibt nur noch einen Anbieter. Nachdem Miele aus dem Markt für gasbetriebene Haushaltstrockner ausgestiegen ist und lediglich noch Gas-Gewerbemaschinen herstellt, können energiebewusste Haushälter zwischen zwei Modellen (zeit- und sensorgesteuert) des englischen Anbieters Crosslee wählen, die über die AG Gastechnik GmbH in Olbernhau vertrieben werden.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Der Grund für das günstige Abschneiden der Gastrockner ist schnell erklärt: Es werden die nicht unerheblichen Wandlungs- und Transportverluste der Stromproduktion vermieden. Der (Primär-) Energieverbrauch und auch der CO2-Ausstoß liegen dadurch um rund 50 Prozent unter denen konventioneller Elektrotrockner. Und das Aufstellen und Anschließen der Geräte sind einfacher als vielfach vermutet, gibt es doch längst Gassteckdosen, die sich so einfach wie Stromdosen bedienen lassen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29.09.2009 Seite T1&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;Trocknen mit Gas und (elektrisch betriebener) Wärmepumpe &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Den Markt der Wäschetrockner dominieren die Abluft- und Kondensgeräte. Doch es gibt Alternativen. Vor allem in Nordamerika spielen gasbefeuerte Maschinen eine wichtige Rolle, haben sie doch den Vorteil, direkt auf einen Primärenergieträger zugreifen zu können. Wandlungs- und Transportverluste wie bei der Stromproduktion werden vermieden. Über genormte Gassteckdosen können die Geräte wie konventionelle Trockner "angeschlossen" werden. Energetisch mustergültig arbeiten auch Wärmepumpentrockner: Der heiße Teil der Wärmepumpe (Verflüssiger) heizt die Zuluft auf, während der kalte Teil (Verdampfer) die Feuchtigkeit der Abluft kondensiert. Wärme und (Trocken-) Luft werden im Kreislauf geführt, was den Vorzug dieser Technik ausmacht. (kff.)&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29.09.2009 Seite T1&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt; &lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-7945546719347901494?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/7945546719347901494'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/7945546719347901494'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/12/nur-der-wind-trocknet-die-wasche-gratis.html' title='Nur der Wind trocknet die Wäsche gratis'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-2841513728380505841</id><published>2009-12-13T15:27:00.003+01:00</published><updated>2009-12-13T15:27:35.907+01:00</updated><title type='text'>Eckensteher der Romantik</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;h2&gt;Zum Tode Willy DeVilles&lt;br /&gt;&lt;/h2&gt;&lt;p&gt;&lt;a href='http://www.faz.net/s/RubD87FF48828064DAA974C2FF3CC5F6867/Doc%7EE508CDDFBDC124E2BA9C62414A5B3C2E8%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html'&gt;&lt;span style='color:#7d7d7d; font-family:Times New Roman; font-size:12pt'&gt;Von Edo Reents&lt;/span&gt;&lt;/a&gt;&lt;span style='font-family:Times New Roman; font-size:12pt'&gt;&lt;br /&gt;				&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;a href='http://www.faz.net/s/RubE219BC35AB30426197C224F193F54B1B/Doc%7EE7D0205A71992437BAC086512F38BF4DC%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html'&gt;Drucken&lt;/a&gt;&lt;a href='http://www.faz.net/s/RubE219BC35AB30426197C224F193F54B1B/Doc%7EE7D0205A71992437BAC086512F38BF4DC%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html'&gt;Versenden&lt;/a&gt;&lt;a href='http://www.faz.net/s/RubE219BC35AB30426197C224F193F54B1B/Doc%7EE7D0205A71992437BAC086512F38BF4DC%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html'&gt;Speichern&lt;/a&gt;&lt;a href='http://www.faz.net/s/RubE219BC35AB30426197C224F193F54B1B/Doc%7EE7D0205A71992437BAC086512F38BF4DC%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html'&gt;Vorherige Seite&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;a target='_blank' href='http://linkarena.com/bookmarks/addlink/?url=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubE219BC35AB30426197C224F193F54B1B%2fDoc%7eE7D0205A71992437BAC086512F38BF4DC%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;title=Zum+Tode+Willy+DeVilles%3a+Eckensteher+der+Romantik+-+Pop+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://www.furl.net/storeIt.jsp?u=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubE219BC35AB30426197C224F193F54B1B%2fDoc%7eE7D0205A71992437BAC086512F38BF4DC%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;keywords=&amp;amp;t=Zum+Tode+Willy+DeVilles%3a+Eckensteher+der+Romantik+-+Pop+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://www.oneview.de/quickadd/neu/addBookmark.jsf?URL=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubE219BC35AB30426197C224F193F54B1B%2fDoc%7eE7D0205A71992437BAC086512F38BF4DC%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;title=Zum+Tode+Willy+DeVilles%3a+Eckensteher+der+Romantik+-+Pop+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://yigg.de/neu?exturl=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubE219BC35AB30426197C224F193F54B1B%2fDoc%7eE7D0205A71992437BAC086512F38BF4DC%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;exttitle=Zum+Tode+Willy+DeVilles%3a+Eckensteher+der+Romantik+-+Pop+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://www.webnews.de/einstellen?url=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubE219BC35AB30426197C224F193F54B1B%2fDoc%7eE7D0205A71992437BAC086512F38BF4DC%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;title=Zum+Tode+Willy+DeVilles%3a+Eckensteher+der+Romantik+-+Pop+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://www.facebook.com/share.php?u=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubE219BC35AB30426197C224F193F54B1B%2fDoc%7eE7D0205A71992437BAC086512F38BF4DC%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;t=Zum+Tode+Willy+DeVilles%3a+Eckensteher+der+Romantik+-+Pop+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://www.mister-wong.de/index.php?action=addurl&amp;amp;bm_url=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubE219BC35AB30426197C224F193F54B1B%2fDoc%7eE7D0205A71992437BAC086512F38BF4DC%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;bm_description=Zum+Tode+Willy+DeVilles%3a+Eckensteher+der+Romantik+-+Pop+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://del.icio.us/post?url=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubE219BC35AB30426197C224F193F54B1B%2fDoc%7eE7D0205A71992437BAC086512F38BF4DC%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;title=Zum+Tode+Willy+DeVilles%3a+Eckensteher+der+Romantik+-+Pop+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://digg.com/submit?phase=2&amp;amp;url=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubE219BC35AB30426197C224F193F54B1B%2fDoc%7eE7D0205A71992437BAC086512F38BF4DC%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;title=Zum+Tode+Willy+DeVilles%3a+Eckensteher+der+Romantik+-+Pop+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;span style='font-family:Times New Roman; font-size:12pt'&gt;Willy deVille 1953 - 2009&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;07. August 2009 Es mag auch an seinem Äußeren gelegen haben, dass Willy DeVille nicht von allen ernstgenommen wurde. Der zeitlebens strizzihaft-dürre Kerl war dem Dunstkreis des Punk entstiegen und spielte klassisch-modernen Rhythm&amp;amp;Blues. Mit seiner Band Mink DeVille verbreitete er ein Jahrzehnt lang Eckensteherromantik in der Tradtion des Drifters-Soul. Die Platten "Cabretta" (mit den Hits "Spanish Stroll" und "Cadillac Walk") sowie "Return To Magenta" atmeten eine Romantizität, die von dem bisweilen knochenharten Rock nicht etwa erdrückt wurde, sondern erst recht hervortrat.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;In einem versierten, aber ständig wechselnden Bandensemble lebte sich Willy De Ville mit einer fast unverschämten Grandezza und Schmierigkeit aus, die seine stimmlichen Leistungen bisweilen in den Hintergrund drängten. Aber niemand kam ihm im weißen Lager gleich, wenn er auf Balladen wie "Guardian Angel" und vor allem "That World Outside" erst Luft holte und dann delikate Seufzer ausstieß. Auch im mittleren Tempo konnte kaum einer bei ihm mithalten. Nicht weniger überzeugend war er schließlich als schnörkelloser, fauchender Rocksänger.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Bis zuletzt bewies Willy DeVille jene Nehmerqualitäten&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Und dies alles dank einer Stimme, die aggressiv und schneidend, zärtlich und einschmeichelnd, stolz und klagend sein konnte, aber des Guten nie zu viel tat. Diese Ökonomie, die Weigerung, gesangliches overacting zu betreiben, machte Willy DeVilles Einzigartigkeit aus. Hinzu kam das in seinem Fall absolut glaubwürdige, jede Warnung vor Lächerlichkeit in den Wind schlagende Posieren in Rollen, die man längst überholt glaubte oder die dem Publikum sonst nur noch in ironisch-travestierter Form zugemutet wurde. Willy DeVille war wirklich der schmachtende Liebhaber und Angeber mit hochtoupiertem Haar und Goldzahn.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Unter dem Ausbleiben von Massenakzeptanz litt Willy DeVille auch während seiner Solokarriere, in der er nach schwächerem Start auf den Alben "Loup Garou" (1995) und "A Horse Of A Different Color" (1999) wieder sein altes Format zeigte. Wer das Glück hatte, ihn in jener Zeit auf der Bühne zu erleben, wird einen so großspurigen wie dünnhäutigen, bis in die letzten Nerven hinein angespannten und quasi jederzeit zum Tigersprung bereiten Musiker voller Hingabe und Professionalität in Erinnerung haben.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Der ganz große Erfolg blieb trotzdem aus. Aber bis zuletzt bewies Willy DeVille jene Nehmerqualitäten, die er an seinem Filmvorbild Silvester Stallone immer so bewundert hat. In der Nacht zum vergangenen Freitag ist William Borsay, wie er eigentlich hieß, in einem New Yorker Krankenhaus im Alter von achtundfünfzig Jahren gestorben.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;span style='font-family:Times New Roman; font-size:12pt'&gt;Text: FAZ.NET&lt;br/&gt;Bildmaterial: Michael Kretzer&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-2841513728380505841?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/2841513728380505841'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/2841513728380505841'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/12/eckensteher-der-romantik.html' title='Eckensteher der Romantik'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-2757578825022428103</id><published>2009-12-13T15:27:00.001+01:00</published><updated>2009-12-13T15:27:01.288+01:00</updated><title type='text'>Ein Fall fürs Katasteramt</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;Das Werk wird mit der Zeit immer geheimnisvoller, das Material aber immer überraschungsärmer, weil man das meiste schon kennt: Neil Youngs "Archives". &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Das hat uns noch gefehlt, wir mussten aber auch lange darauf warten: Seit den achtziger Jahren geisterte das Schlagwort "Archiv" durch die Neil-Young-Philologie. Der Meister selbst, so hieß es immer wieder, warte nur noch auf den richtigen Zeitpunkt, es zu öffnen. Dass es einen richtigen Zeitpunkt nie geben würde, wusste Neil Young selbst wohl am besten; denn der nostalgische Aspekt, der mit der Sache unweigerlich verbunden war, würde sich mit seiner Technikfaszination nicht ins Gleichgewicht setzen lassen. Die Dialektik aus Traditionspflege und Neuerungsanspruch bestimmte, ähnlich wie bei Bob Dylan, seine Karriere seit dem kommerziellen Höhepunkt mit dem Album "Harvest" (1972). Young ist, anders als Dylan, jemand, der sich über die technische Qualität seiner Musik viel Gedanken macht (obwohl man das nicht immer hört) – der wohl penibelste Editionsphilologe im Rock, dessen Skrupel die Herausgabe dessen, was in seinem mutmaßlich sehr umfangreichen Archiv lag, immer wieder verzögerten. Man wusste zuletzt gar nicht mehr, ob es überhaupt noch dazu kommen würde oder ob das Ganze nicht doch bloß ein PR-Gag war, der ihn, zusätzlich zu seinen regulären und immer noch höchst regelmäßigen Plattenveröffentlichungen, im Gespräch hielt.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Jetzt, wo "Neil Young Archives Vol. I" vorliegt – zehn DVDs beziehungsweise Blu-ray-Discs und acht CDs –, ist festzuhalten, dass man sich von der Sache mehr versprochen hatte, was natürlich auch daran liegt, dass so viel davon gesprochen wurde und man so lange darauf gewartet hat. Unter den insgesamt 128 Songs finden sich 43 bisher unveröffentlichte; viele davon sind aber solche, die es in anderer und zum Teil besserer Fassung seit langem gibt. Wirklich neue Lieder gibt es also nur wenige, und sie finden sich vor allem auf der ersten DVD/CD zur ganz frühen Karrierephase der Jahre 1963 bis 1965, als Young noch in Kanada war und in der Kapelle The Squires Gitarre spielte, aber wenig sang, weil er seiner Stimme noch nicht recht traute und auf der Bühne gelegentlich sogar ausgelacht wurde.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Von diesen Liedern sind, außer der Urfassung von "Nowadays Clancy Can't Even Sing", das dann auf die erste Buffalo-Springfield-Platte kam, eigentlich nur "Runaround Babe", "The Ballad of Peggy Grover", "The Rent is Always Due" und "Extra Extra" erwähnenswert, weil sie die Originalität, Eigenwilligkeit und die melancholische Schärfe schon spüren lassen, die Neil Young später so auszeichneten. Der zum Teil rein instrumentale Rest zeigt nur, wie sehr die Squires unter dem Einfluss des klassischen Beat, mehr aber noch im übermächtigen Schatten Hank Marvins standen, des damals wie ein Gott verehrten Gitarristen der Shadows.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Aus dieser Zeit gibt es keine Filmaufnahmen; dazu war das Interesse, das Youngs erste richtige Band zu wecken vermochte, zu gering. Das ändert sich mit der Gründung von Buffalo Springfield, der ersten, aber nur kurzlebigen Supergruppe des Countryrock, der außerdem Stephen Stills und Richie Furay angehörten, eine der aufregendsten Livebands von Los Angeles, was etwas heißen will, weil dort zur selben Zeit auch die Doors aufspielten, in deren Nachbarschaft Buffalo Springfield denn auch oft auftauchten. Die in technicolorkompatiblen Farben festgehaltenen Bühnenauftritte wurden ausgelagert auf die DVD mit Youngs erstem Film "Journey Through The Past", der 1973 als Zeugnis eines ersten künstlerischen Innehaltens, einer ersten Selbstbetrachtung ins Kino kam und seither nur selten zu sehen war.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Dort also sehen wir die einander schon in Hassliebe verbundenen Flügelmänner, den Texaner Stills mit Cowboyhut und Young in indianischer Fransenjacke, die Klassiker "For What It's Worth" und "Mr. Soul" zum Besten geben. Im übrigen merkt man hier, dass es damals doch die richtige Entscheidung war, dass Young auch bei seinen eigenen Liedern Furay meistens den Gesang überließ; seine nachmals so fesselnde Stimme hatte sich noch nicht gefunden.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Darüber hinaus bringt der Springfield-Abschnitt 1966 bis 1968 kaum etwas Neues, ebenso wie die DVD/CD zur ersten Solozeit, in der aus der Raupe allerdings ein bunt schillernder Schmetterling wurde, der sich zunächst in dem von Hippies schon stark frequentierten Topanga Canyon nahe Hollywood niedergelassen hatte und später weiter nach Nordkalifornien zog, wo er auf seiner Broken-Arrow-Farm endgültig sesshaft wurde. Die Topanga-Zeit warf wichtiges Material ab, bis einschließlich "After The Gold Rush". Eine Offenbarung ist der mit Crazy Horse eingespielte harte Stomper "Dance Dance Dance", der nie auf Platte kam und nun zeigt, wie unterschätzt Youngs Countryfeeling die ganze Zeit über war. Und ein psychedelisch-surreales Akustik-Epos wie "The Last Trip to Tulsa" vom noch etwas unzureichend produzierten Debüt "Neil Young" oder die Gitarrenduelle seiner damals im Handstreich verpflichteten Begleitband Crazy Horse auf dem harten, staubtrockenen Album "Everybody Knows This Is Nowhere" sind immer wieder imponierend und erregend; aber um archivalische Funde handelt es sich hier nicht.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Unter den drei Livedokumenten war nur Youngs Auftritt vom Februar 1969 im Riverboat in seiner Heimatstadt Toronto bisher unzugänglich; die Konzerte vom März 1970 im New Yorker Fillmore East (krachend, aber für Crazy-Horse-Verhältnisse erstaunlich präzise) und vom Januar 1971 in der Massey Hall in Toronto (solo mit akustischer Gitarre) gibt es schon länger auf Vinyl und CD. Wir kennen also schon den abwechselnd hochempfindlich-gereizten und zugänglich plaudernden, linkisch-scheuen, aber vom Bewusstsein seiner, wie die "New York Times" dann später feststellen sollte, nur noch mit Dylan zu vergleichenden Songschreiber- und Performerqualitäten unverkennbar schon getragenen Künstler. Interessant aber, dass er seinen Standarddank ans Publikum ("Thank you very much, I really appreaciate that"), den er bis heute murmelt und bei dem man sich fragt, ob er nicht doch ironisch gemeint ist, schon sehr früh im Repertoire hatte. Aber nur beim Massey-Hall-Konzert sehen wir auch wirklich Filmaufnahmen, deren Qualität freilich zu wünschen übriglässt: Nicht sehr deutlich, manchmal nur schemenhaft bekommen wir eine faszinierend düstere, hochgewachsene Erscheinung zu sehen, die außer einer akustischen Gitarre oder einem Klavier nichts brauchte und ihrer Ausdruckskraft vollauf vertrauen konnte.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;1963 bis 1972: Auch wenn Young sich in dieser Zeit enorm entwickelt hat, so ist in diesem Archivteil der musikalisch homogenste Abschnitt in seiner Karriere enthalten; es gibt noch keinen Bruch. Erst nach dem auf den letzten beiden DVDs/CDs dokumentierten Reifezustand, nach "Harvest", kam etwas wirklich Neues: die sogenannte &lt;em&gt;doom trilogy&lt;/em&gt; mit "Time Fades Away", "On The Beach" und "Tonight's The Night". Dass Young mit diesen Alben, die heute mit zu seinen bedeutendsten zählen, das maßgeblich aus "Harvest" resultierende Image eines in goldgelbe Farben getauchten Vollendeten des Folkrock mutwillig zerstörte, muss heute niemanden mehr irritieren; aber dass diese Richtungsänderung durch den Tod zweier Clan-Mitglieder, des Crazy-Horse-Gitarristen Danny Whitten und des Roadies Bruce Berry, mitverursacht wurde – Young leistet mit den Post-"Harvest"-Platten ja auch Trauerarbeit –, erfahren wir nicht mehr und wird wohl auch auf den weiteren drei geplanten Archivteilen, deren Erscheinungstermine noch offen sind, ausgeblendet werden.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Alles andere widerspräche auch Youngs Auffassung, dass zwar die Öffentlichkeit ein Recht darauf hat, einen Künstler in jeder Phase und Form, auch in vermeintlich schlechteren, aus nächster Nähe zu betrachten, alles von ihm zur Kenntnis zu nehmen; dass aber die Musik dabei absolut für sich zu sprechen hat. Nur einmal gewährt er Einblick in seine Kunstauffassung, die sich erstaunlicherweise als religiös erweist: "God respects me when I work, but he loves me when I sing."&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;So akribisch also diese bereits sehr gewaltige Werkphase aufbereitet ist, so strikt werden biographische Einzelheiten ausgespart, die man ja auch in Form der Interviews, welche Young damals durchaus gegeben hat, hätte mitteilen können. Auf diese Weise wird das geheime Prinzip dieses Archivabschnitts deutlich: Während das Werk als solches mit der Zeit immer tiefer, geheimnisvoller, abgründiger wird, wird das gebotene Material immer überraschungsärmer, weil man das meiste eben schon kennt; nur aus der ganz frühen, musikalisch selbst den Biographen kaum bekannten Zeit gibt es Entdeckungen zu machen, die musikalisch indes nicht allzu hochwertig sind.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ein Wort zum technischen Aspekt dieser mit dickem multimedialem Anstrich daherkommenden Sammlung: Sie blufft auch. Die Scheiben und das Booklet, die man dem unhandlichen, brettharten Karton umständlich entnimmt, sollen die Musik offensichtlich nach dem Internetprinzip erschließen: Man klickt an, was man gerade sehen oder hören will. Auf den Zeitleisten sind die wichtigsten Daten in einer nicht auf Anhieb einsichtigen Form vermerkt. Man hat Zugang zu den Songtexten mit der markanten, altvertrauten Handschrift, allerdings auch zu altmodischen Hängeregistraturen, als wäre Neil Young ein Fall für das Katasteramt. Das in weiches Kunstleder eingebundene Begleitbuch verdankt seinen Umfang nicht nur den zum Teil rührenden Fotos, sondern auch den ausführlichen diskographischen Angaben zu jedem einzelnen Song.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Was die Musik als solche betrifft, so starren wir die meiste Zeit über auf sich drehende Plattenspieler mit dem Originalvinyl oder Tonbänder; sonst ist, wie gesagt, nicht viel zu sehen. Das am Anfang jeder DVD pompös eingeblendete Logo "Shakey Pictures" (nach Youngs Filmkünstlernamen Bernard Shakey) verspricht mehr, als es halten kann – groß Regie führen musste hier niemand. Sagen wir es so: etwas viel tara, etwas wenig netto. Umso dankbarer ist man für die in der Tat wunderschönen Filmaufnahmen in der Hügellandschaft Kaliforniens, die einen Musiker in seltener Unbefangenheit zeigen, halb Hippie, halb verzogenes Superstarfrüchtchen, wie Karl Bruckmaier ihn einmal nannte.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Als grundsätzliche, auch für andere Werkausgaben mit diesem historisch-kritischen Anspruch geltende Erkenntnis bleibt, dass es in aller Regel schon seine Richtigkeit damit hat, wie die Platten damals erschienen sind. Das Bedauern über einst notgedrungen weggelassenes Material hält sich in Grenzen; und das, was regulär erschien, ließ sich, wie die Alternativfassungen zeigen, in der Regel kaum noch verbessern. Wirklich Neues, das die Sache und den Preis von in diesem Fall 249,99 Euro für die Blu-ray-Discs, 219,99 für die DVDs und 129,99 für die CDs auch lohnt, wird nur wenig zutage gefördert. Der Aufwand, der dazu betrieben wurde, läuft ein wenig ins Leere; man hat den Eindruck, dass die gewaltigen Speicherkapazitäten dieser Medien zu einem Vollständigkeitswahn in der Veröffentlichungspraxis verleiten, der der Musik nicht immer guttut.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Muss man das Archiv also haben? Fanatiker werden hier kaum zögern. Der etwas gelassenere Neil-Young-Freund, der nicht alles wissen muss, ist zufrieden, dass er den Kram nun endlich hat, aber auch ernüchtert.      EDO REENTS&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;Neil Young, Archives 1963–1972. Wahlweise 10 DVDs, 10 Blu-ray-Discs oder 8 CDs. Reprise Records (Warner)&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 08.08.2009 Seite 36&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-2757578825022428103?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/2757578825022428103'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/2757578825022428103'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/12/ein-fall-furs-katasteramt.html' title='Ein Fall fürs Katasteramt'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-4074143941557674898</id><published>2009-12-13T15:26:00.001+01:00</published><updated>2009-12-13T15:26:16.105+01:00</updated><title type='text'>Fernsehgeräte Der Fortschritt steckt in subtilen Technik-Details</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;Raffinierte neue Lichtquellen und virtuelle Bilder aus Bewegungsprognosen sollen den LCD-Bildschirmen ihre letzten Schwächen austreiben. Die Resultate sind auf den neuen Flachmännern oft deutlich sichtbar – sogar im Elektronik-Supermarkt. Von Wolfgang Tunze &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frank Bolten, Geschäftsführer von Sharp in Deutschland, gestaltete seine Pressekonferenz auf der Internationalen Funkausstellung IFA anno 2009 im Stil eines technischen Proseminars. Der geneigte Teilnehmer erlernte dort Begriffe wie Edge-Lit, Full LED Backlight, RGB-Hinterleuchtung und vieles mehr, und am Ende der Veranstaltung leuchtete selbst den Korrespondenten fachferner Publikationen der Sinn des ungewöhnlichen Vortrags ein: Wie soll man denn sonst erklären, weshalb es flache Fernseher für 1200 und solche für 12 000 Euro gibt – vom offenkundigen Differenzierungskriterium der Mattscheibengröße einmal abgesehen? An anderen Ständen sammelten die IFA-Besucher in Berlin gleich noch etliche weitere Technik-Formeln ein. Die Größe 200 Hertz etwa tat sich allenthalben als das populärste Gütesignal der Saison hervor.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Steckt hinter all diesen Begriffen mehr als nur Marketing-Geklingel? Und wenn ja: Was bedeuten sie im Detail – und wie viel Entscheidungshilfe bieten sie beim Kauf? Das Stichwort LED signalisiert einen Großtrend der Bildschirmtechnik: Statt spaghettidünner Leuchtstoffröhren – Fachleute nennen sie Kaltkathodenröhren – setzen die Hersteller in den höherwertigen Geräteklassen immer häufiger Leuchtdioden (LED) als Lichtquellen ein. Dass Bildschirme überhaupt solcher Strahler bedürfen, liegt an den Besonderheiten der LCD-Technik, die auf der Lichtventil-Funktion von Flüssigkristallen beruht: Flache Scheiben der Gattung LCD leuchten nicht selbst. Einem Dia ähnlich, brauchen sie zierliche Lampen, die sie von hinten durchleuchten und erst so brillante Bildeindrücke ermöglichen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;LED-Leuchtzellen helfen sogar, Umweltlasten zu verringern&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Samsung hat seine Begeisterung für LED-Hinterleuchtungen gleich in einen neuen Terminus umgemünzt: LED-Fernseher nennt der Hersteller entsprechend ausgestattete Geräte seines Hauses fortan. Der als Signal für Innovationsfreude gedachte Begriff irritiert allerdings eher: Natürlich zählen auch diese Modelle zur Familie der LCD-Fernseher. Und ob König Kunde den LED-Lichtquellen am Ende wirklich fortschrittliche Aspekte abgewinnen kann, hängt ganz von der konkreten Art ihres Einsatzes ab. Ökowerbebotschaften sagen dem LED-Trend gern umweltfreundliche Nebenwirkungen nach. Tatsächlich enthalten Kaltkathodenröhren Quecksilber, das der Biosphäre erspart bleibt, wenn LEDs künftig die Mattscheibe erhellen. Aber da wir von sofort an, ebenfalls aus Ökogründen, immer mehr quecksilberhaltige Stromsparglühbirnen in unsere Lampen schrauben müssen, vermag uns dieses Argument nicht recht zu entzücken.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;LEDs können aber helfen, Energie zu sparen und gleichzeitig die Bildqualität zu erhöhen, und zwar mit einem Local Dimming genannten Kunstgriff: Konventionelle Hinterleuchtungen strahlen stets mit voller Leistung; gibt das Motiv dunkle Passagen vor, müssen die LCD-Zellen dem Licht so gut wie möglich den Weg versperren. Das gelingt ihnen allerdings, eine Schwäche des Prinzips, stets nur annähernd. Folglich schaffen LCD-Schirme von Haus aus keine perfekten Schwarzwerte, der Kontrast bleibt begrenzt. Übernimmt ein Feld aus LED-Zellen die Leuchtaufgaben, kann die Elektronik überall dort die Lichtleistung herunterregeln, in denen der Bildinhalt Dunkelheit verlangt. Das vertieft den Kontrast deutlich und senkt die Stromrechnung spürbar. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die Verwirklichung solcher Lösungen ist freilich kniffliger, als sich die grobe Funktionsbeschreibung anhört. Geräte mittlerer Preisklassen können das Hinterleuchtungsraster nicht annähernd so fein gestalten wie die LCD-Schirme Bildpunkte differenzieren. Typische vollflächige LED-Hinterleuchtungen setzen sich aus etwa 100 bis 200 Lichtsegmenten zusammen. Daraus erwächst das Risiko, dass sich die Grenzen der viereckigen Lichtzonen im Fernsehbild abzeichnen. Davor sollen Diffusorscheiben schützen, die zwischen LED-Hinterleuchtung und LCD-Panel sitzen. Sie verwischen die Grenzen der Segmente, und zusätzlich helfen elektronische Signalkorrekturen, das Bild an die nun eher wolkige Lichtverteilung anzupassen. Ob die Lichtzonen dennoch sichtbar werden, offenbart ein simpler Test im Elektronik-Supermarkt: Laufen die Fernseher der engeren Wahl mit voll aufgedrehtem Kontrast und großer Helligkeit, und liefert das Programm überdies noch kontrastreiche Szenen, trennt sich die Spreu vom Weizen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Es gibt aber auch noch weit anspruchsvollere Arten, das Local-Dimming-Prinzip zu perfektionieren. So rüstet Sharp sein Flaggschiff-Modell LC-XS1E (Bildschirmdiagonale: stolze 165 Zentimeter) mit einer LED-Hinterleuchtung aus, die sich aus 1568 Lichtsegmenten zusammensetzt und damit einen Weltrekord markiert. Außerdem spendiert der Hersteller diesem Boliden statt der einfachen weißen LEDs Gruppen aus roten, grünen und blauen Exemplaren; Sony und Samsung gönnen ihren Spitzenmodellen ebenfalls das Mischlicht aus den drei Grundfarben, Fachkürzel: RGB. Der Vorteil: Diese Lichtquellen decken einen größeren Farbraum ab, können also sichtbar dazu beitragen, die Motive mit feineren, natürlicher wirkenden Farbnuancen auf die Bildfläche zu bringen. Allerdings ist diese Art von Fernsehspaß noch sündhaft teuer: Sharp will für sein Renommierstück rund 12 000 Euro; auch diese Größe liegt auf Rekordniveau.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;LED-Hinterleuchtungen haben noch eine andere interessante Eigenschaft: Gruppieren sie sich nur am Rand des Bildschirms und verteilen ihr Licht mit Hilfe einer speziellen Folie, so helfen sie, Bautiefe zu sparen. Folglich gibt es immer mehr elegante Bildschirme, die kaum noch dicker sind als ein Zeigefinger. Der Nachteil dieser Edge-Lit genannten Seitenbestrahlung: Local Dimming funktioniert höchstens rudimentär, und die Helligkeit größerer Bildschirme nimmt zur Mitte hin ab. Für Geräte, die solche Risiken dank vollflächiger Hinterleuchtung umgehen, haben Marketing-Linguisten deshalb schon den Begriff Full LED Backlight erfunden.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Schnellere Einzelbild-Folgen sorgen für schärfere Konturen&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Das andere große Technik-Thema der Fernsehsaison hat mit der scharfen Darstellung von Bewegungen zu tun. LCD-Fernseher neigen dazu, schnell bewegte Bilddetails zu verwischen – nicht etwa, weil sie zu träge wären, auf flinke Veränderungen des Bildinhalts zu reagieren. Diese ursprünglich LCD-typische Schwäche haben die Bildschirme heute weitgehend überwunden. Das Problem entsteht so: LCD-Fernseher lassen jedes Einzelbild so lange stehen, bis der Sender das nächste liefert. Unsere Wahrnehmung verarbeitet Ruhephase und abrupten Wechsel zu einem Glissando mit verwischten Konturen. Ein probates Mittel gegen diesen Effekt besteht darin, die Anzahl der Einzelbilder in jeder Sekunde zu erhöhen. Der Kunstgriff ist eigentlich alt: Schon Röhrengeräte verdoppelten die 50 vom Sender stammenden Bilder je Sekunde, also die Bildfrequenz von 50 Hertz, auf 100 Hertz. In der Analog-Ära ging es allerdings darum, das Flimmern heller Bildpartien in den Griff zu bekommen. 100-Hertz-Technik zählt heute auch zur Ausstattung der meisten größeren Flachbild-Fernseher, und ihr bildschärfender Einfluss ist nicht zu übersehen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Schon im vorigen Jahr setzte Sony als erster Hersteller noch eins drauf, mit der Vervierfachung der Bildfrequenz auf 200 Hertz. Konkret: Zwischen jeweils zwei vom Sender gelieferte Einzelbilder fügt die Fernseher-Elektronik drei weitere, komplett neu errechnete ein. Wie gut diese Maßnahme wirkt, hängt ganz davon ab, wie präzise es der Elektronik gelingt, die Bewegungsrichtungen im Bild vorherzusagen und so den virtuellen Zwischenbildern bis in die kleinsten Details hinein möglichst fehlerfreie Konturen zu verpassen. Sony hat seine 200-Hertz-Elektronik übrigens, das sei als patriotische Fußnote gestattet, nicht im fernen Tokio, sondern in seinem Stuttgarter Forschungslabor entwickelt, und von da aus machte das Beispiel Schule: Zur IFA gab es schon mehr als 30 verschiedene 200-Hertz-Modelle aller großen Hersteller. Allerdings: Nicht überall, wo 200 Hertz draufsteht, sind auch wirklich 200 vollständige Bilder in jeder Sekunde drin. Toshiba und LG etwa wenden in einigen Modellen einen Kunstgriff an, der durchaus brauchbare Resultate zeitigt: Dunkelphasen zwischen den Einzelbildern, auf wechselnde horizontale Teilbereiche des Bildschirms verteilt, sparen Rechenleistung, sprich Kosten, und helfen unseren Sinnen ebenfalls, konturenscharfe Bewegtbilder zu sehen. Allerdings verringert diese Scanning Backlight genannte Lösung die Bildhelligkeit.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Insgesamt gilt: Der Unterschied zwischen der Original-Bildfolge von 50 Hertz und errechneten 100 Hertz ist deutlich sichtbar. Die Differenzen zwischen 100 und 200 Hertz dagegen fallen subtiler aus; gute 100-Hertz-Geräte können manchmal sogar klarere Bilder produzieren als weniger gute 200-Hertz-Versionen. Am besten lässt sich die Wirkung der wundersamen Bildvermehrung mit Test-DVDs (etwa von Burosch, www.burosch.de) ermitteln, die Laufschriften auf die Mattscheibe bringen. Gute Geräte zeigen den Text klar und ohne Doppelkonturen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Und noch etwas lässt sich als Fazit festhalten: LCD-Fernseher mit noch höheren Bildfrequenzen sind kaum zu erwarten. Sie bringen keine subjektiven Verbesserungen mehr – und sie würden auch das Reaktionsvermögen der LCD-Schirme überfordern. Denn ein bisschen träge ist diese Gattung der Flachmänner immer noch, aber solange sie damit nicht die Trägheit unserer biologischen Bildverarbeitung überbietet, sei es ihr gestattet.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 06.10.2009 Seite T1&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-4074143941557674898?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/4074143941557674898'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/4074143941557674898'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/12/fernsehgerate-der-fortschritt-steckt-in.html' title='Fernsehgeräte Der Fortschritt steckt in subtilen Technik-Details'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-4869615098572152889</id><published>2009-12-13T15:25:00.003+01:00</published><updated>2009-12-13T15:25:37.189+01:00</updated><title type='text'>Was ist mit der Kultur passiert?</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;Heinrich August Winklers "Geschichte des Westens" konzentriert sich allein auf die Politik. Das ist Stärke und Schwäche dieses monumentalen Werks. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Mit dem lapidaren Satz "Am Anfang war ein Glaube: der Glaube an &lt;em&gt;einen&lt;/em&gt; Gott" hebt das vorliegende Riesenwerk an. Der Monotheismus war der Stammvater "des Westens", behauptet Heinrich August Winkler, und er nahm seinen Anfang im Ägypten des vierzehnten vorchristlichen Jahrhunderts, als König Amenophis IV. (Echnaton) den Sonnengott Aton zum alleinigen Gott erklärte. Zwar fielen die Ägypter bald wieder in ihren gewohnten Polytheismus zurück, doch wurde Aton durch Moses am Leben erhalten, wenngleich unter dem neuen Namen Jehova und mit einer neuen Theologie versehen. Dieser jüdische Monotheismus war es, so Winkler, der den Prozess der "Rationalisierung, Zivilisierung und Intellektualisierung" einleitete und den Westen schuf.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Bevor es dazu kommen konnte, bedurfte es jedoch einer weiteren entscheidenden Entwicklung. Auch sie war ein Ausfluss derselben religiösen Tradition, genauer gesagt, von Jesu Antwort auf die Frage, ob es recht sei, dass man dem römischen Kaiser Steuern zahle: "So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!" Denn mit dieser Aufforderung nahm die Gewaltenteilung ihren Anfang. Im Mittelalter kam die Trennung zwischen dem Monarchen und den Ständen hinzu, deren dramatischste Episode sich 1215 ereignete, als König Johann auf Druck der englischen Barone die Magna Charta unterzeichnen musste. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Nachdem Montesquieu das Prinzip der Gewaltenteilung 1748 in seinem "De l'esprit des lois" maßgeblich formuliert hatte, wurde es 1776 in der amerikanischen und 1789 in der französischen Revolution von der Theorie in die Praxis umgesetzt und in den Verfassungen beider Länder verankert. Indem sie darüber hinaus die Prinzipien der Volkssouveränität und der Rechtsstaatlichkeit etablierten, vollendeten diese beiden weltgeschichtlichen Ereignisse das westliche Projekt. Seitdem, so Winkler, wird die politische Geschichte des Westens von Kämpfen "um die Aneignung oder Verwerfung des normativen Projekts der beiden atlantischen Revolutionen" bestimmt.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Dieses Szenario wirft eine naheliegende Frage auf: Was ist mit den Griechen passiert? Die verblüffende Antwort lautet: Sie sind ausgeklammert worden. Winkler führt uns ohne Umschweife von Moses zu Jesus, wobei als einziges Bindeglied seine Beobachtung dienen muss, Jesus habe "in einer Tradition des hellenistischen Judentums" gestanden. Aristoteles und Platon treten nur in Erscheinung, insofern sie Beiträge zur Entwicklung des Christentums und zur Renaissance in Italien geleistet haben. Der griechische Unabhängigkeitskampf in den 1820er Jahren nimmt in Winklers Darstellung breiteren Raum ein als das gesamte klassische Griechenland. Das Buch enthält mehr Verweise auf Frankfurt am Main als auf jede Phase der griechischen Geschichte. Den polytheistischen Römern geht es nur unwesentlich besser, dauerte es doch bis 312 nach Christus, bis endlich ein Kaiser – Konstantin – die Vorzüge des Monotheismus begriff. Dass Winkler die klassischen Wurzeln ignoriert, ist einigermaßen kühn und schreit nach einer wesentlich ausführlicheren Begründung, als hier gegeben wird, nämlich gar keine.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die antike Welt auf das Judentum/Christentum zu reduzieren verleiht dem Buch seine spezifische chronologische Struktur, die einer auf der Spitze stehenden Pyramide gleicht. Das christliche Zeitalter wird auf Seite 30 erreicht, Karl der Große auf Seite 42 und die Magna Charta auf Seite 62. Konstantinopel fällt auf Seite 89 an die Türken, die italienische Renaissance beginnt auf Seite 93 und Luthers Reformation auf Seite 111. Nachdem die folgenden zweihundert Jahre auf sechzig atemlosen Seiten durchgenommen worden sind, lässt das Tempo spürbar nach. Nichtsdestotrotz sind wir bei den Revolutionen von 1848/49, bevor die Hälfte des Buches erreicht ist, wodurch für die letzten rund 150 Jahre gewaltig viel Platz bleibt. Dieses Ungleichgewicht wäre nicht so frappant, hätten die vorangegangenen Kapitel nicht so viele Fragen unbeantwortet gelassen und so viele Steine nicht umgedreht.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Im Rahmen der von ihm gezogenen Grenzen freilich liefert Winkler ein Buch von hoher, ja sehr hoher Qualität. Winklers größter Vorzug besteht in der Gabe, eine flüssige, stichhaltige und überzeugende politische Darstellung und Analyse zu verfassen. Obwohl er Stilmittel wie die Charakterskizze oder die unterhaltsame Vignette meidet, schreibt er nie langweilig oder unverständlich. Auch finden sich viele einprägsame Aphorismen. Darüber hinaus werden wir von dem "Warum einfach, wenn's auch schwierig geht"-Syndrom verschont, von dem einige führende Vertreter der deutschen Historikerzunft befallen sind. Winkler ist mit der besten – älteren wie neueren – deutschen, französischen, englischen und amerikanischen Literatur gründlich vertraut. Wer nach einer verlässlichen, umfassenden und lesbaren Darstellung der politischen Geschichte des Westens in der Neuzeit sucht, könnte nicht besser bedient sein.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Zwei besondere Vorzüge des Buches sollen hervorgehoben werden. Der erste ist der regelmäßige Einschub von substantiellen Abschnitten zur politischen Theorie, die den Leser zum Nachdenken und zur begrifflichen Klärung anregen. Besonders eindrucksvoll sind die Essays über Machiavelli, Hobbes, Locke, Rousseau und Tocqueville ausgefallen. Die schiere Breite seiner Kenntnisse und Tiefgründigkeit seines Verständnisses erlauben es Winkler zudem, die unterschiedlichsten erhellenden Querverweise sowohl geographischer als auch chronologischer Art anzubringen. Nachdem Kolumbus erst einmal in Südamerika und die Pilgerväter im Norden angelangt sind, mausert sich das Buch wahrhaft zur Geschichte des Westens. So weist Winkler darauf hin, dass 1848, als Europa durch seine Revolutionen von sich reden machte, die folgenreichsten Ereignisse in den Vereinigten Staaten der Vertrag von Guadalupe Hidalgo mit Mexiko sowie Goldfunde in Kalifornien waren. Wie dieses Beispiel andeutet, bekommt die Entwicklung in Nordamerika die Aufmerksamkeit, die sie verdient, und wird in den Hauptstrom der Erzählung integriert.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;So gut sich Winklers konzeptueller Rahmen als übergreifendes Erklärungsschema eignet, wirft seine unermüdliche Betonung des "normativen Projekts" doch unbequeme Fragen nach der Fülle von Ausnahmen und Abweichungen auf. Insbesondere könnte man meinen, der Autor messe Verfassungsdokumenten wie der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der französischen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte zu viel und der politischen Praxis zu wenig Gewicht bei. Trotz ihrer umfassenden Missachtung von Volkssouveränität, unveräußerlichen Menschenrechten oder der Gewaltenteilung gab es im "alten Regime" Großbritanniens oder dem Heiligen Römischen Reich mehr Freiheit als im revolutionären Frankreich, und zwar aus dem einfachen Grund, weil ihre morschen Strukturen den Pluralismus wenn nicht auf dem Papier, so doch realiter förderten. Winkler sieht ganz richtig, dass die Pluralität der Nationen einen wichtigen Bestandteil der spezifisch westlichen Politik bildete, doch seine einengenden normativen Kategorien verstellen ihm den Blick für das pluralistische Freiheitspotential, das gewöhnliche Männer und Frauen in der Zivilgesellschaft genießen. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Winkler bietet so viel, dass es ungehobelt erschiene, mehr zu verlangen. Kann aber eine Geschichte des Westens wirklich zufriedenstellen, die sich unter Ausschluss von praktisch allem anderen allein auf die Politik konzentriert? Von kurzen Passagen über mittelalterliche Städte und die industrielle Revolution abgesehen, bleibt die Wirtschaft ebenso ausgeklammert wie die mit ihr verbundenen sozialen Entwicklungen. Etwas mehr Aufmerksamkeit für die Entwicklung des Kapitalismus hätte vielleicht Zweifel daran gesät, ob man den Westen mit bestimmten positiven Merkmalen identifizieren kann, die sich allgemeiner, wenn vielleicht auch nicht einmütiger Zustimmung sicher sein dürfen. Handelte es sich bei Sklaverei, kolonialem Völkermord, Kinderarbeit und Antisemitismus wirklich nur um Irrwege – oder nicht doch um integrale Bestandteile des westlichen Prozesses? Der Westen gleicht eher Janus als Athena. Zudem ist die Welt in diesem Buch in hohem Maße eine von Männern, genauer gesagt, von heterosexuellen Männern. Die eine Buchseite, die den Frauen gewidmet ist, wirkt noch kümmerlicher, wenn man sie mit dem Luxus der folgenden zwanzig über (männliche) Arbeiter vergleicht. Von den marginalisierten und verfolgten Gruppen der Gesellschaft werden nur die Juden mit gebührender Aufmerksamkeit behandelt. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die größte Auslassung betrifft die Kultur. Winklers Westen verfügt über eine politische Kultur, über die er sich ausführlich und mit großem Scharfsinn äußert; bildende Künste, Literatur oder Musik aber scheint dieser Westen nicht zu kennen. So wird die künstlerische Moderne in einem knappen Absatz abgefertigt. Shakespeare muss sich seinen einen Satz mit Dante und Cervantes teilen. Johann Sebastian Bach kommt lediglich vor, weil eines seines Orgelwerke beim Internationalen Sozialistenkongress 1912 in Basel gespielt wurde. Wagner hat einen flüchtigen Auftritt, jedoch nur als politischer Revolutionär. Mozart, Beethoven und Verdi – um nur einige der berühmtesten Abwesenden zu nennen – werden nicht einmal erwähnt. Winklers Westen ist einer für den politisch anspruchsvollen Kulturbanausen.             Tim Blanning&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;Aus dem Englischen von Michael Adrian.&lt;br/&gt;Heinrich August Winkler: "Geschichte des Westens". Bd. 1: Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert. C. H. Beck Verlag, München 2009. 1343 S., geb., 38,– €.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 22.10.2009 Seite 35&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-4869615098572152889?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/4869615098572152889'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/4869615098572152889'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/12/was-ist-mit-der-kultur-passiert.html' title='Was ist mit der Kultur passiert?'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-5525692487680266630</id><published>2009-12-13T15:25:00.001+01:00</published><updated>2009-12-13T15:25:02.787+01:00</updated><title type='text'>Brücke zwischen MP3 und High-End</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;Peachtree Nova: ein Vollverstärker, der Kompromisse veredeln kann &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die Verfechter schönen HiFi-Klangs haben mindestens so große Nachwuchssorgen wie der Motorradhandel. Die Computer- und Telekommunikationswelt hält junge Leute heute so gefangen, dass die Bikes ebenso das Nachsehen haben wie der von entsprechend hochwertigem Gerät servierte Ohrenschmaus. Datenreduzierte Musiksoftware beherrscht die Szene, Festplatten und USB-Speicher dienen als Vorratslager von Klängen, die bei High-Endern Kopfschütteln provozieren. Doch es gibt Brücken zwischen diesen Kontinenten. Eine davon heißt, poetisch genug, Peachtree Nova, stammt aus Amerika (und, was die Fertigung betrifft, aus China) und will das digitale Prekariat mit der akustischen Wohlhabenheit verwöhnter Ohren versöhnen. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Technisch gesprochen, ist der Nova nichts anderes als ein Zwei-Kanal-Vollverstärker. Er sieht aber so ganz anders aus als die übliche HiFi-Architektur: kein eckiger schwarzer Kasten, sondern ein wohlgerundetes Ding mit tadellosem Außenfinish. Das 36 Zentimeter breite hölzerne Gehäuse rings um die Aluminiumfront ist in zwei verschiedenen Furnieren oder Schwarz Hochglanz zu haben. Vorn neben dem Lautstärkesteller (fernbedienbar wie die anderen Funktionen des Pfirsichbaums) der Netzschalter und nicht weniger als acht Knöpfe zur Quellenwahl sowie ein Fensterchen, hinter dem man unschwer eine Elektronenröhre erkennt. Hinten eine sauber gekennzeichnete An-schlussvielfalt mit ordentlichen Cinch- und optischen Buchsen, dazu solide Lautsprecherklemmen, ein Stereoausgang für einen Subwoofer oder eine externe Endstufe und ein mit einer Platte verschlossenes Loch, auf das wir noch zu sprechen kommen. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die Mission des Nova wird schon an der Frontbeschriftung deutlich: Nur drei von acht Eingängen betreffen analoge Zuspieler (darunter einer, der direkt zur Endstufe weiterführt), die anderen warten auf digitale Kost, die auch über eine USB-Buchse Zugang hat. Dekodiert werden fast alle gängigen Formate, neben MP3 und MP4 auch WAV, Apple Lossless und andere. Die Röhre gehört zum Vorverstärkerzweig (die auch einen anspruchsvollen Kopfhörer-Röhrenverstärker umfasst) und soll hier mit einer Prise harmonischen Klirrs für mehr musikalische Wärme sorgen; zugunsten höherwertigen Quellmaterials lässt sie sich auch umgehen. Die Endstufe liefert 2 × 70 Watt an 4 Ohm und kann so auch leistungshungrige Lautsprecher versorgen. Der streuarme Ringkerntransformator ist kräftig dimensioniert (der Nova wiegt nicht zuletzt deswegen 13,5 Kilogramm), das Netzkabel ist abnehmbar – im High-End-Bereich ein Muss, damit man auch hier die freie Wahl hat. Im Signalweg arbeitet ein 24-Bit-Digital-Analog-Wandler erster Qualität von ESS Sabre, dem sagenhafte 122 Dezibel Rauschspannungsabstand und totale Abwesenheit von Jitter (digitalen Verzerrungen) attestiert werden. Damit ist der Nova natürlich Billig-Wandlern im Konsumbereich so haushoch überlegen, dass man ihn an solche Quellen, auch wenn die Wahl besteht, jedenfalls digital anschließen sollte. Mit Knopfdruck kann man zwischen zwei Digitalfiltern mit den Charakteristiken "langsam" und "scharf" wählen. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Jetzt aber zum Klang des Peachtree. Nach kurzer Einspielzeit probierten wir ihn zuerst mit den kleinen Boxen ds 4.5 aus, die – auch optisch passend – zum Nova angeboten werden (Paarpreis 600 Euro). Es sind Zwei-Wege-Systeme mit einer 2,5-Zentimeter-Textilkalotte für die hohen Frequenzen und einem 10-Zentimeter-Konustieftöner. Nach recht kurzer Einspielzeit ging das Gespann erfreulich zur Sache: Mit vollwertigem Musikmaterial war das keine Überraschung – hier stellte sich der Nova mehr als Klanggourmet denn als Analytiker vor –, doch wie er die Zusammenarbeit mit iPod (analog angeschlossen), MP3-Spielern (über USB), Satellitenradio (über einen koaxialen Digitaleingang) und Computer-Festplatte (USB, kein Treiber erforderlich) gestaltet, das war schon besonders hörenswert. Hier zeigt er tatsächlich sein Talent, aus datenreduziertem Material oder mit minderwertigen Wandlern gestraften Quellen ein Maximum an Klang herauszuholen. Ob man dabei die Röhre (per Fernbedienung) einschaltet oder welchen Filter man wählt (an der Geräterückseite), ist Geschmackssache; gewaltig sind die Unterschiede jeweils nicht, doch durchaus hörbar. Die nur 22 Zentimeter hohen Böxchen stehen dabei wacker ihren Mann, mit einem achtbaren Bass und gut durch-gezeichneten Höhen. Wir haben den Nova aber auch mit größeren und teureren Lautsprechern zusammengebracht: Hier hält er mit anderen Vollverstärkern seiner Preisklasse mühelos mit. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Nicht zuletzt die luxuriöse Wandler-Sektion des Nova rechtfertigt seinen Preis von rund 1300 Euro, aber auch seine sonstige technische Ausstattung und sein ansprechendes, wohnzimmergerechtes Aussehen. Und da kommen wir noch einmal auf den Schacht an seiner Rückseite: Er ist eine Frucht der Sympathie zwischen Peachtree Audio und Sonos, dem kalifornischen Spezialisten für hochwertige kabellose Mehrraum-Anlagen (Technik und Motor vom 29. September), und kann ein Zone-Player-Modul Z80 oder Z90 aus dessen Programm unsichtbar aufnehmen, so dass sich die Außenstellen einer Sonos-Anlage optisch auf das Nova-Gehäuse reduzieren lassen. Ob mit oder ohne Sonos – der Nova (und sein rund 900 Euro kostender, äußerlich gleicher Bruder Decco II, der nur sieben Eingänge hat und 2×40 Watt leistet) hat das Zeug dazu, dem weniger anspruchsvollen Zweig der Digital-Szene die Tür zur High-End-Welt wenigstens ein Stückchen zu öffnen. Wer davon Gebrauch macht, dessen Ohren werden es nicht bereuen.       Gerold Lingnau&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;Vertrieb: Robert Ross Audiophile Produkte GmbH, 85095 Denkendorf, Telefon 0 84 66/90 50 30, www.peachtreeaudio.de.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27.10.2009 Seite T2&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-5525692487680266630?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/5525692487680266630'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/5525692487680266630'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/12/brucke-zwischen-mp3-und-high-end.html' title='Brücke zwischen MP3 und High-End'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-410474656423766321</id><published>2009-12-13T15:24:00.001+01:00</published><updated>2009-12-13T15:24:15.115+01:00</updated><title type='text'>Tod eines Torwarts</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;Die ARD macht aus dem Fall Enke einen Spielbericht &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ein Satz, der harmlos daherkommt und doch geradezu brutal ist: "Sportlich erfolgreich, doch im Privaten erlebt er einen herben Rückschlag – seine leibliche Tochter stirbt vor drei Jahren an einem schweren Herzfehler." Gesendet wurde diese öffentlich-rechtliche Rohheit am späten Dienstagabend im Nachtmagazin der ARD zum Tod des Fußball-Nationaltorwarts Robert Enke, der sich wenige Stunden zuvor das Leben genommen hatte.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ist es denn so, dass dieser Mann, der als sensibel und sozial galt, doch bloß ein Karrierist war, dem auf seinem Weg nach oben der Tod der eigenen Tochter in die Quere kommt, als Störfall gewissermaßen? Einen "herben Rückschlag" mag man das Ausscheiden aus der Champions League nennen, aber nicht das der Tochter aus dem Leben. Und es ist in diesem Zusammenhang auch nicht nötig, deren Leiblichkeit hervorzuheben, als wäre es weniger schlimm gewesen, wenn es sich um ein adoptiertes Kind gehandelt hätte.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Es ist weiß Gott schwer, in Todesfällen die richtigen Worte zu finden. Gelungen ist dies vor Jahren bei Johnny Cash. Marietta Slomka sagte nämlich eigentlich nichts, erwähnte dessen Tod nur, ließ dann ein wahrhaft bewegendes Video des Musikers laufen, kam wieder ins Bild, schluckte und ging dann ernst und wortlos über zum nächsten Thema. Jeder Zuschauer konnte sich seine eigenen Gedanken machen und war doch nicht allein damit, denn er sah: An der Moderatorin geht das auch nicht spurlos vorüber, und dieser Eindruck genügt ja vielleicht auch schon.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Was soll man über einen Selbstmörder auch öffentlich sagen, das über die üblichen Versatzstücke, die Sprach- und Fassungslosigkeit zum Ausdruck bringen, hinaus- und doch nicht zu weit geht? Es wäre verfehlt, hier überkritische Haltungsnoten zu vergeben. Aber die Rede vom "herben Rückschlag" ist eine Entgleisung, die tiefer blicken lässt und womöglich mit dem geradezu grotesken Überhandnehmen der Fußball-Berichterstattung in den beiden öffentlich-rechtlichen Sendern zusammenhängt. ARD und ZDF lassen sich die Übertragungsrechte einiges kosten, darum zeigen sie auch viel. Aber sie zeigen inzwischen zu viel.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die massive Präsenz des Fußballs schafft sich ihren eigenen Kommunikationsstil, der zur Emotionalisierung neigt und auf andere Bereiche abfärbt. Da wird es dann auch in der Politik und der Wirtschaft üblich, von Auf- und Absteigern, von Duellen und Niederlagen zu sprechen. Im Fußball hat das dazu geführt, dass sich die Fernsehberichterstattung über weite Strecken damit begnügt, den immer einstudierter wirkenden Torjubel der Spieler zu zeigen und diese anschließend auch noch zu interviewen, um zu erfahren, was man doch schon gesehen hat: wie sich der Torschütze oder Torwart gefühlt habe.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;So erscheint es nun fast als konsequent, wenn die Berichterstattung über einen so existentiellen Fall in den Jargon des Sportjournalismus zurückfällt. Man tut dann so, als ließe sich eine Lebensgeschichte beschreiben wie ein Spiel oder eine Saison. Der Tod eines Kindes ist dann eben ein herber Rückschlag im Auf und Ab eines Lebens, das der Logik des Tabellenstands gehorcht und an dessen Ende die Meisterschaft oder der Abstieg steht.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Es fällt anlässlich dieses Todesfalles noch etwas anderes ins Auge, das allgemein journalistischer Natur ist: Die öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen haben inzwischen Schwierigkeiten, angemessen auf solche Ereignisse zu reagieren, weil sie ohnehin schon so vieles dramatisieren, personalisieren und boulevardisieren. Das ist auch eine Frage des Sendeformats. Wir nehmen es hin, dass die "Tagesthemen", das "Heute-Journal" und das "Morgenmagazin" keine Nachrichtensendungen sind, sondern "Nachrichtenjournale", bei denen es immer wichtiger wird, wie die Moderatoren sich in Szene setzen. Nicht nur dass sie sich vertraulich das Wort erteilen – auch der Vor- und der Abspann der Sendungen, die die Zuschauer eigentlich gar nicht zu interessieren haben, zeigen sie durchweg schäkernd und bestens gelaunt, als gäbe es nur Erfreuliches zu berichten. Wie soll man inmitten dieses Terrors von Intimität noch den richtigen Ton für etwas treffen, von dem sich ein ganzes Land bestürzt zeigt?&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;In diesen Rahmen passt eine Todesnachricht denkbar schlecht. Das "Morgenmagazin" weckte am Mittwoch Befremden. Der Zuschauer konnte erwarten, dass der erste Beitrag dem Tod des Torwarts gelten würde. Aber dass die Moderatoren während der Überleitung zu den Nachrichten mit ihrer Trauer einen Platz füllten, der normalerweise für ihr neckisches Geplänkel vorgesehen ist, wirkte abstoßend. Man musste ja daran denken, dass sie eigentlich viel lieber miteinander schäkern.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Es mag gerade in solchen Fällen eine Katharsis durch die Medien nötig sein. Moderatoren nehmen es dem Zuschauer ab, einer Trauer Ausdruck zu verleihen, und man orientiert sich dabei an einem seriösen Rahmen. Selten machte sich die Preisgabe einer Neutralität, die doch gerade in solchen Fällen Halt gibt, weil sie jedermann noch Raum für eigene Empfindungen lässt, so krass bemerkbar wie jetzt. Man hatte sich die Übertragungsrechte gesichert, aber der Tod Robert Enkes stand nicht auf dem Spielplan.      EDO REENTS&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12.11.2009 Seite 29&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-410474656423766321?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/410474656423766321'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/410474656423766321'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/12/tod-eines-torwarts.html' title='Tod eines Torwarts'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-1861860669598271108</id><published>2009-12-13T15:23:00.001+01:00</published><updated>2009-12-13T15:23:45.254+01:00</updated><title type='text'>Schluss mit den Mauerlegenden!</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;Das zum Jahrestag des 9. November ständig wiederholte Mantra, das Ende des Kommunismus sei unvorhersehbar gewesen, ist eine Entstellung der Tatsachen. Von Bernard-Henri Lévy &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Wir sind dabei, einen neuen Mythos zu erschaffen: den des "Mauerfalls, den niemand vorausgesehen hat". &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Natürlich hat niemand gewusst, wann es dazu kommen würde. Und auch das liegt auf der Hand: Mit der Form dieser Revolution verhielt es sich ebenso wie mit der Form aller wahren Revolutionen, die den geregelten Gang der Dinge unterbrechen. Keine historische Erklärung vermag das Geschehen vollständig zu begründen, weil auch diese Revolution von Dingen abhing, deren Auftreten die normale Logik der Geschichte außer Kraft setzten. Wir wurden hier gleichsam Zeugen eines Wunders, in dem die kleinen Leute der kleinen Staaten Mitteleuropas den großen Mächten das Steuer der großen Geschichte aus der Hand und das eigene Schicksal wieder in die eigenen Hände nahmen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Doch wenn wir daraus schlössen, wir hätten dem Schauspiel vollkommen verblüfft beigewohnt; wenn wir aus der zutreffenden Tatsache, dass dieses Geschehen sich nicht vorausberechnen ließ, den falschen Schluss zögen, es sei auch unvorstellbar gewesen; also wenn wir aus dem außergewöhnlichen Charakter dieser unerwarteten Wendung die Vorstellung herleiteten, die ganze Welt hätte das Märchen einer unvergänglichen Sowjetherrschaft geglaubt, dann entspräche das weder der Wahrheit noch der Erinnerung derer, die das Glück hatten, diesen unerhörten Augenblick zu erleben.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ich erinnere mich an Schriftsteller, von Schalamow bis Solschenizyn, die sehr deutlich vorausgesehen haben, dass der Kommunismus untergehen würde. Ich erinnere mich an die Männer und Frauen, die man Dissidenten nannte und die – wie Andrei Amalrik, der schon 1970 ein Buch schrieb, das den Titel trug "Kann die Sowjetunion das Jahr 1984 erleben?" – allenfalls am Datum des Untergangs Zweifel hegten. Ich erinnere mich an Intellektuelle, die im Westen das Wort dieser Dissidenten aufgriffen und damit dem antitotalitären Denken neues Leben einhauchten. Ihre Botschaft lautete, die Entlarvung des Schwindels sei nicht nur wünschenswert, sondern auch wahrscheinlich und auf kürzere oder längere Sicht unausweichlich. Ich erinnere mich an einen Essayisten, Cornelius Castoriadis, der in einem seiner letzten Bücher, "Devant la Guerre", in der Hypertrophie des sowjetischen Militärapparats und seinem exponentiellen, irrsinnigen, metastasenartigen Wachstum das Symptom einer Krebsgeschwulst erblickte, die das System auffraß und zum Tode verurteilte.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ich erinnere mich, um hier ausschließlich auf Verstorbene zu verweisen, an einen anderen Essayisten, Jean-François Revel, der niemals solche Trauer über die "totalitäre Versuchung" in den Demokratien, über die "große Parade", zu der sie sich bereitfanden, um den versteinerten Herren eines seinerseits versteinerten Sowjetsystems zu gefallen, und über ihre unverständliche, betrübliche, selbstmörderische "Feigheit" zum Ausdruck gebracht hätte, wenn ihm nicht bewusst gewesen wäre, dass diese Regime im Sterben lagen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ich erinnere mich an Michel Foucault, der immer wieder gesagt hat, dass jede Diskursformation wie auch jedes politische Gebilde geboren wird, also auch stirbt – und dass dieses Gebilde eines Tages wie alle anderen sterben wird.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ich erinnere mich an Papst Johannes Paul II., der an die Erscheinung der Jungfrau Maria in Fatima erinnerte, die bereits im Mai 1917 den drei Hirtenkindern den Tod des Sowjetregimes geweissagt hatte, und der uns ohne Umschweife erklärte, die lang ersehnte Stunde sei nicht mehr fern.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ich erinnere mich an die einfachen Leute, denen ich vor 1989 auf meinen Reisen in die Tschechoslowakei, nach Polen und in die Sowjetunion begegnete und die sich immer weniger von einer Mystifizierung täuschen ließen, welche sich allenfalls noch auf die von ihr verbreitete Angst stützen konnte oder auf die Willensschwäche einer "freien Welt", die ihre eigenen Werte verriet.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Anders gesagt, wir sind dabei, zwei Dinge miteinander zu verwechseln: Feigheit und Taubheit. Die Tatsache, dass man nichts hören wollte, mit der Tatsache, dass nichts gesagt worden wäre.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die Haltung eines Kissinger, Brandt oder Giscard d'Estaing, die vor den Unterdrückten im Osten die Türe zuschlugen; die Haltung Thatchers oder Mitterrands, die, wie wir heute wissen, bis zum letzten Augenblick alles taten, um die Wiedervereinigung Deutschlands zu verhindern und die alte Ordnung zu retten; die Haltung schließlich eines intellektuellen Klerus, der in seiner übergroßen Mehrheit, in Schweden oder Norwegen wie in Frankreich, nichts über den fortdauernden Skandal zu sagen wusste, der die Hälfte Europas in einem Raum, einer Zeit und einer Zivilisation gänzlich anderer Art gefangen hielt – wir sind dabei, all das zu verwechseln mit der scheinbaren Stummheit, dem langen, stillen Grollen jener Völker, die dort im Osten längst alles verstanden hatten und nur auf den letzten Funken warteten, der ihnen den Mut gab zu sagen, dass der König, also die Diktatur, nackt war.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Diese Verwechslung ist schlimmer als ein Irrtum. Sie ist ein Fehler.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Sie ist schlimmer als eine Legende, sie ist Desinformation.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Und diese Desinformation vertreibt die Lüge nicht, sondern lässt sie auf andere Weise weiterleben. Damit löscht man eine jahrzehntelange Geschichte des Denkens und des Kampfes aus dem Gedächtnis. Und man bereitet die entmutigende Zukunft einer umgeschriebenen, manipulierten, revidierten Geschichte vor.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Schluss mit den banalen, bis zum Erbrechen wiederholten Klischees! Und Ehre all denen, die mit dem Kopf oder mit den Füßen den Zusammenbruch kommen sahen und ihn beschleunigten!&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;Aus dem Französischen von Michael Bischoff.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;Der französische Publizist Bernard-Henri Lévy, geboren 1948, veröffentlichte auf Deutsch zuletzt seinen Briefwechsel mit Michel Houellebecq unter dem Titel "Volksfeinde – Ein Schlagabtausch".&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12.11.2009 Seite 31&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-1861860669598271108?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/1861860669598271108'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/1861860669598271108'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/12/schluss-mit-den-mauerlegenden.html' title='Schluss mit den Mauerlegenden!'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-1546322170017801805</id><published>2009-12-13T15:19:00.001+01:00</published><updated>2009-12-13T15:19:55.615+01:00</updated><title type='text'>Tina Turner wird 70</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;Tina Turner Das schönste Gesicht des Rhythm &amp;amp; Blues Groß gemacht und beinahe zerstört von ihrem Ehemann Ike, wurde sie eine der am meisten geachteten Rocksängerinnen überhaupt &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Am 14. Mai 1981, einen Tag nach dem Papst-Attentat, berichtete die "New York Times" über ein Konzert im "Ritz". Es war die Rückkehr einer Dschungel-Aphrodite, die man lange nicht mehr gesehen hatte und die nun, im Alter von einundvierzig Jahren, sich anschickte, "die Mae West der Rockmusik" zu werden.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die Zahl der Rückkehrer in der Unterhaltungsindustrie ist groß. Das Comeback, das Tina Turner feierte – allerdings noch nicht im "Ritz", sondern eigentlich erst drei Jahre später –, ist vermutlich eines der allergrößten und nur noch mit dem von Elvis Presley in Memphis zu vergleichen. Angekündigt war eine so gut wie mittellose, künstlerisch ausgebrannte Sängerin, die sich des Mae-West-Vergleichs jedoch insofern als würdig erwies, als sie auf der Bühne dann geradezu die Parodie einer unzüchtigen Frau gab: derb und humorvoll, Prostituierte und Gospelinterpretin in einem, die einen Mann, wie einst Mae West, auch jederzeit hätte fragen können: "Hast du 'ne Knarre in der Hose, oder freust du dich so, mich zu sehen?" Die Show muss jedenfalls enorm gewesen sein, und es spielt aus heutiger Sicht keine Rolle, ob sie es auch deswegen war, weil Tina Turner bloß ihre Unsicherheit verbergen wollte. Die Stimme jedenfalls, eine der wenigen, auf die das Attribut "Reibeisen" wirklich passt, hatte sich ihre einzigartige Kraft bewahrt, und ihre Beine, die immer als die schönsten im Rockzirkus gepriesen wurden, werden ihren Eindruck auch nicht verfehlt haben.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Dass sie aber in diesem Alter um ihr Leben sang, während Mae West wenige Jahre vorher mit achtzig noch ein sängerisches Comeback gewagt hatte, zeigt, wie sehr sich die Zeit zwischen Hollywoods &lt;em&gt;golden age&lt;/em&gt; und der Reagan-Ära, aber auch, wie sehr sich unsere Wahrnehmung in den vergangenen dreißig Jahren geändert hat: Niemand käme heute auf die Idee, eine Einundvierzigjährige für alternd oder alt zu halten. Tina Turner selbst auch nicht, sonst hätte sie das Singen wohl längst aufgegeben.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Vier Produzenten und acht Songschreiber waren trotzdem nötig, um sie 1984 wieder richtig auf die Beine zu bringen. Der Boden war bereitet von schmeichelhafter Propaganda des Rockadels in Gestalt Mick Jaggers und David Bowies, die sie zu ihrer Lieblingssängerin erklärten – Jagger hatte noch andere Gründe, denn von Tina Turner lernte er im Prinzip erst tanzen. Im Sommer 1984 schoss die bei der alten Sinatra-Firma Capitol verlegte Platte "Private Dancer" in die Hitparaden, hielt sich lange darin und bekam vier Grammys. Obwohl sie keine direkten Anspielungen enthielt, war sie die Bewältigung einer Vergangenheit, die bitter gewesen sein muss. Was falsche Liebe betrifft, wusste sie jedenfalls, denn ihr Mann Ike, von dem sie nach "sechzehnjähriger Leibeigenschaft" geschieden wurde, ohne auch nur einen Penny für sich und ihre vier Kinder zu sehen, saß ihr quasi noch im Nacken, tauchte 1993 sogar bei den Dreharbeiten für den beklemmenden, auf ihrer Autobiographie basierenden Film "What's Love Got to Do With It?" auf und sorgte dafür, dass die Hauptdarstellerin Angela Bassett Leibwächter bekam.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ike Turner hat sie groß gemacht, nachdem er Ende der fünfziger Jahre mit einem Blumenstrauß vor dem Elternhaus der gerade volljährigen Anna Mae Bullock aufgetaucht war und deren Mutter den Gentleman mit besten Absichten vorgespielt hatte. Und das Mädchen ließ sich darauf ein, nannte sich fortan Tina und machte die "Ike and Tina Turner Revue" zur absolut heißesten, obszön-gewagtesten Unterhaltungsshow, die es in den sechziger Jahren in Amerika gab. Tina konnte sich dabei in ihren Freizügigkeiten desto besser entfalten, da Ike ein Diktator wie James Brown war und den Laden mit seiner profunden Musikalität und einer bemerkenswerten Hitpalette zusammenhielt. Stöhnend und kreischend kämpfte sich Tina durch das Arsenal von "A Fool in Love" (1960) über die gewaltige Phil-Spector-Produktion "River Deep, Mountain High" (1966) und "Proud Mary" (1970) bis hin zu "Notbush City Limits" (1973). Der große Atlantic-Mann Jerry Wexler kam aus dem Staunen nicht mehr heraus: "Du musstest warten, bis du dreißig bist, um eine Sexbombe für die Blumenkinder werden zu können."&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ike Turner betrachtete sie trotzdem nicht als Allgemeingut, sondern als seine Erfindung, über die er nach Belieben verfügen zu können glaubte. Er schlug sie und hielt sie wie eine Gefangene. So hätte er Tina Turner beinahe zugrunde gerichtet. Aber sie hielt sich die achtziger und neunziger Jahre hindurch mit enorm erfolgreichen, verwegen betitelten Platten ("Break Every Rule", "Foreign Affairs", "Wildest Dreams"), mit strapaziösen und nur mit einer Physis wie ihrer zu absolvierenden Tourneen. So wurde sie &lt;em&gt;sexiest grandmother ever&lt;/em&gt; und die wohl geachtetste Popsängerin überhaupt.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Wenn einen die Karriere der Tina Turner dennoch ein wenig melancholisch stimmt, dann deswegen, weil sie, nachdem ihr Ehegefängnis gesprengt war, Musik machte, die sehr genau auf den weißen Massenmarkt hin berechnet und insofern ein Verrat am Rhythm &amp;amp; Blues war. Das soll uns aber – um Buddhas willen (an den sie fest glaubt) – vom Gratulieren nicht abhalten. Am kommenden Donnerstag feiert Tina Turner ihren siebzigsten Geburtstag.      EDO REENTS&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23.11.2009 Seite 32&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-1546322170017801805?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/1546322170017801805'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/1546322170017801805'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/12/tina-turner-wird-70.html' title='Tina Turner wird 70'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-3897223590577982285</id><published>2009-12-13T15:18:00.001+01:00</published><updated>2009-12-13T15:18:26.195+01:00</updated><title type='text'>Bologna-Reform</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;h1&gt;Willkommen an Bord der "Good Practice"!&lt;br /&gt;&lt;/h1&gt;&lt;p&gt;&lt;a href='http://www.faz.net/s/RubD87FF48828064DAA974C2FF3CC5F6867/Doc%7EE0C24E2E407E84DBCBC907689BDE17808%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html'&gt;&lt;span style='color:#7d7d7d; font-family:Times New Roman; font-size:12pt'&gt;Von Jürgen Kaube&lt;/span&gt;&lt;/a&gt;&lt;span style='font-family:Times New Roman; font-size:12pt'&gt;&lt;br /&gt;				&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;a href='http://www.faz.net/s/RubC3FFBF288EDC421F93E22EFA74003C4D/Doc%7EE68BB1DCA107C47E1B8E7C4B15C862A6A%7EATpl%7EEcommon%7ESspezial.html'&gt;Drucken&lt;/a&gt;&lt;a href='http://www.faz.net/s/RubC3FFBF288EDC421F93E22EFA74003C4D/Doc%7EE68BB1DCA107C47E1B8E7C4B15C862A6A%7EATpl%7EEcommon%7ESspezial.html'&gt;Versenden&lt;/a&gt;&lt;a href='http://www.faz.net/s/RubC3FFBF288EDC421F93E22EFA74003C4D/Doc%7EE68BB1DCA107C47E1B8E7C4B15C862A6A%7EATpl%7EEcommon%7ESspezial.html'&gt;Speichern&lt;/a&gt;&lt;a href='http://www.faz.net/s/RubC3FFBF288EDC421F93E22EFA74003C4D/Doc%7EE68BB1DCA107C47E1B8E7C4B15C862A6A%7EATpl%7EEcommon%7ESspezial.html'&gt;Vorherige Seite&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;a target='_blank' href='http://linkarena.com/bookmarks/addlink/?url=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubC3FFBF288EDC421F93E22EFA74003C4D%2fDoc%7eE68BB1DCA107C47E1B8E7C4B15C862A6A%7eATpl%7eEcommon%7eSspezial.html&amp;amp;title=Bologna-Reform%3a+Willkommen+an+Bord+der+%26%23132%3bGood+Practice%e2%80%9c%21+-+Forschung+und+Lehre+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://www.furl.net/storeIt.jsp?u=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubC3FFBF288EDC421F93E22EFA74003C4D%2fDoc%7eE68BB1DCA107C47E1B8E7C4B15C862A6A%7eATpl%7eEcommon%7eSspezial.html&amp;amp;keywords=&amp;amp;t=Bologna-Reform%3a+Willkommen+an+Bord+der+%26%23132%3bGood+Practice%e2%80%9c%21+-+Forschung+und+Lehre+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://www.oneview.de/quickadd/neu/addBookmark.jsf?URL=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubC3FFBF288EDC421F93E22EFA74003C4D%2fDoc%7eE68BB1DCA107C47E1B8E7C4B15C862A6A%7eATpl%7eEcommon%7eSspezial.html&amp;amp;title=Bologna-Reform%3a+Willkommen+an+Bord+der+%26%23132%3bGood+Practice%e2%80%9c%21+-+Forschung+und+Lehre+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://yigg.de/neu?exturl=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubC3FFBF288EDC421F93E22EFA74003C4D%2fDoc%7eE68BB1DCA107C47E1B8E7C4B15C862A6A%7eATpl%7eEcommon%7eSspezial.html&amp;amp;exttitle=Bologna-Reform%3a+Willkommen+an+Bord+der+%26%23132%3bGood+Practice%e2%80%9c%21+-+Forschung+und+Lehre+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://www.webnews.de/einstellen?url=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubC3FFBF288EDC421F93E22EFA74003C4D%2fDoc%7eE68BB1DCA107C47E1B8E7C4B15C862A6A%7eATpl%7eEcommon%7eSspezial.html&amp;amp;title=Bologna-Reform%3a+Willkommen+an+Bord+der+%26%23132%3bGood+Practice%e2%80%9c%21+-+Forschung+und+Lehre+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://www.facebook.com/share.php?u=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubC3FFBF288EDC421F93E22EFA74003C4D%2fDoc%7eE68BB1DCA107C47E1B8E7C4B15C862A6A%7eATpl%7eEcommon%7eSspezial.html&amp;amp;t=Bologna-Reform%3a+Willkommen+an+Bord+der+%26%23132%3bGood+Practice%e2%80%9c%21+-+Forschung+und+Lehre+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://www.mister-wong.de/index.php?action=addurl&amp;amp;bm_url=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubC3FFBF288EDC421F93E22EFA74003C4D%2fDoc%7eE68BB1DCA107C47E1B8E7C4B15C862A6A%7eATpl%7eEcommon%7eSspezial.html&amp;amp;bm_description=Bologna-Reform%3a+Willkommen+an+Bord+der+%26%23132%3bGood+Practice%e2%80%9c%21+-+Forschung+und+Lehre+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://del.icio.us/post?url=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubC3FFBF288EDC421F93E22EFA74003C4D%2fDoc%7eE68BB1DCA107C47E1B8E7C4B15C862A6A%7eATpl%7eEcommon%7eSspezial.html&amp;amp;title=Bologna-Reform%3a+Willkommen+an+Bord+der+%26%23132%3bGood+Practice%e2%80%9c%21+-+Forschung+und+Lehre+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://digg.com/submit?phase=2&amp;amp;url=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubC3FFBF288EDC421F93E22EFA74003C4D%2fDoc%7eE68BB1DCA107C47E1B8E7C4B15C862A6A%7eATpl%7eEcommon%7eSspezial.html&amp;amp;title=Bologna-Reform%3a+Willkommen+an+Bord+der+%26%23132%3bGood+Practice%e2%80%9c%21+-+Forschung+und+Lehre+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;span style='font-family:Times New Roman; font-size:12pt'&gt;Widerstand gegen eine Reform ohne Plan&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;19. November 2009 Warum streiken, wogegen demonstrieren die Studenten denn? Wissen sie denn nicht: Der 1999 gestartete Bologna-Prozess hat zu einer erfolgreichen Modernisierung der deutschen Hochschulen beigetragen. Der Bologna-Prozess ist ein freiwilliger Prozess, der vor allem durch den Dialog der beteiligten Staaten und der eingebundenen Organisationen, der sogenannten Stakeholder, vorangetrieben wird. Der Austausch von Good Practice ist ein wesentliches Element der Zusammenarbeit. Die Umstellung greift, die Umsetzung des Bologna-Prozesses gewinnt an Fahrt.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Für die deutschen Hochschulen ist das ein Gewinn, denn der Bologna-Prozess ist ein wichtiger Beitrag zu ihrer Internationalisierung. Das Bachelor/Master-System eröffnet den Studierenden neue Möglichkeiten für eine Kombination attraktiver Qualifikationen sowie für eine flexiblere Verbindung von Lernen, beruflichen Tätigkeiten und privater Lebensplanung. Auch die Einführung der neuen Studiengänge kommt weiter gut voran. Die Kritik daran ist gestrig. Der Anspruch der Studenten, nicht nur auf Credit Points fixiert zu sein, muss ihre eigene Einstellung zum Studium prägen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Nein, wir sind nicht übergeschnappt. Wir haben nur zitiert. Zitiert aus Reden und Verlautbarungen der Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU), ihres Staatssekretärs und des Ministeriums. Alles aus diesem Jahr, auch das mit der Fahrt.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Taktik statt Interesse&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Jetzt hingegen, da die Studenten protestieren und aus den Hochschulen keine Meldungen kommen, die einen Erfolg von Bologna erkennen lassen, ist Frau Schavan, wie sie sagt, "die erste Ministerin auf Bundesebene, die gesagt hat: Die Reform ist richtig, braucht aber in der Umsetzung Korrekturen", was auch nicht schwierig war, weil sie überhaupt erst die zweite Ministerin im Zeitraum des Bologna-Prozesses ist. Jetzt versteht sie "die Anliegen" der Studenten, ihre Unzufriedenheit, fordert Länder und die Hochschulen auf, ihre Belange ernst zu nehmen. Und die Unternehmen werden ermahnt, die "richtigen Signale" zu geben, dass man mit dem Bachelor "hervorragende Berufschancen" hat.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Woher weiß Frau Schavan eigentlich, dass man diese Chancen hat? Und dass es durch den Bachelor hervorgebrachte Chancen sind, also nicht solche, die es trotz Bachelor gibt, oder solche, die gar nichts mit der Studienreform zu tun haben? Woher weiß sie, dass die Reform richtig ist? Kennt sie Hochschulen? Weiß sie, wie sich dort die Professoren, denen man Exzellenzanreize hingehalten hat, aus der Lehre in der Bachelor-Phase zurückziehen? Hat sie davon gehört, dass Bologna das Studierverhalten demoralisiert, weil es vielerorts zu rein notentaktischen Einstellungen auffordert? Dass das Vergnügen am Studium sinkt, weil es nur noch als Hindernisparcours wahrgenommen wird, auf dem es nicht mehr möglich ist, aus schlechten Seminaren auszusteigen, uninteressante zu überspringen, bei einer Sache, für die man sich begeistert, auch zu bleiben?&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Der falsche Plan&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ist ihr die Wirklichkeit der schwachsinnigen Abrechnung von Studienleistungen nach "workloads" – also den "Kontaktzeiten" der Studierenden mit ihren Lehrern und der Pflichtlektüre – schon einmal begegnet? Weiß sie, dass man in Oxford oder Zürich nach wie vor lachen würde, wenn jemand unter Berufung auf ein deutsches Bachelor-Zertifikat den Zugang zum weiterführenden Studium erzwingen wollte? Hat sie davon gehört, dass es schon innerhalb Deutschlands ihre vielbeschworene "erhöhte Mobilität durch Bologna" nicht gibt? Und hat sie ihre Beamten schon einmal ausrechnen lassen, wie viel Zeit für Lehre und Forschung sie und ihresgleichen vernichten, indem sie das wissenschaftliche Personal in immer neue Drittmittelantragsverfahren, Exzellenzinitiativkommissionen, Selbst- und Fremdevaluationsprozesse, Ratings und Rankings, Studienordnungsdebatten und Akkreditierungen stürzen?&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Das entscheidende Wort hier ist "ihresgleichen". Denn das Spiel, das jetzt beginnt, heißt "Wer hat's falsch umgesetzt?", und es ist ein verlogenes Spiel, weil nicht die Umsetzung falsch, sondern der Plan gedankenlos und ohne das geringste Gespür für naheliegende Folgen war. Dieses Spiel soll Unterschiede zwischen den Funktionären suggerieren.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;So, als dächten nicht Minister und Bundespolitiker aller Parteien und Landespolitiker aller Parteien und die meisten Rektoren, auf jeden Fall aber die Hochschulrektorenkonferenz und der Wissenschaftsrat und das "Centrum für Hochschulentwicklung" und die Bologna-Beauftragten vor Ort und die Akkreditierungsagenturen alle genau dasselbe. Als hätten sie nicht alle dieselben Reformgesänge angestimmt. Als redeten sie nicht alle vom unumkehrbaren Schicksal, wenn sie "Bologna" meinen. Als hätten sie nicht alle kaum Anschauung von dem, was an Universitäten dort, wo diese ihr "Kerngeschäft", die Lehre nämlich, betreiben, vor sich geht. Als interessierte sich irgendjemand aus dem Reformestablishment dafür, was aus den Studenten werden soll. Und weil die das jetzt ahnen, genau darum protestieren die Studenten.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;span style='font-family:Times New Roman; font-size:12pt'&gt;Text: F.A.Z.&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Jetzt räumen sie Fehler ein Die Bologna-Reformer sind um Ausreden nicht verlegen &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Jahrelang war alles auf dem besten Weg. Die Einreden gegen die Bologna-Reform an den deutschen Universitäten wurden als Dokumente ewiggestriger, nostalgischer oder einfach nur lobbyistischer Gesinnung von änderungsunwilligen Professoren abgetan. Jahrelang, das heißt: bis vor ein paar Monaten. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Jetzt aber wird eingeräumt. Die Kultusministerkonferenz hat neulich eingeräumt, es gebe Korrekturbedarf. Die Studiengänge müssten "studierbar" gemacht werden. Jetzt räumt der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Peter Strohschneider, "handwerkliche Fehler" bei der Einführung der Bachelor-Studiengänge ein. Auch der Präsident der KMK, Mecklenburg-Vorpommerns Wissenschaftsminister Henry Tesch (CDU), räumt ein, die Proteste von Studenten seien richtig, sofern sie auf konkrete Verbesserungen der "unmittelbaren Studienbedingungen" zielen. Und als ob es auf einer Verabredung beruhte, schließen sich dem auch die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz und die Bundesbildungsministerin beim Einräumen an. Noch wird gern hinzugefügt, in Bausch und Bogen dürfe man die Bologna-Reform nicht ablehnen, aber wer weiß, ein, zwei Amtswechsel, und es ist vielleicht auch damit zu rechnen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Handwerkliche Fehler, konkrete Verbesserungen, nicht in Bausch und Bogen – das Kleingedruckte zeigt die Rechthaberei im Großen und Ganzen. Es heißt: Die Baupläne stimmen, nur der Handwerker hat gepfuscht. Konkrete Verbesserungen, weil allgemein ja nichts gegen Bologna zu sagen ist und, das will man mitteilen, ja auch nicht die fürs Allgemeine zuständige Politik, sondern die fürs Konkrete zuständigen Hochschulen versagt haben. Die Absichten waren doch bestens. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Man will es sich selbst, vor allem aber allen anderen – denn womöglich wäre es ja ein Rücktrittsgrund –, nicht eingestehen, dass fast nichts, was die Bologna-Reformen in Aussicht gestellt haben, eingetreten ist. Mehr Mobilität, kürzere Studiengänge, mehr Abschlüsse, mehr Praxisnähe. Wie alle Wertelisten enthält auch diese nur Einträge, die man nicht ablehnen kann. Nehmen wir darum noch "mehr Exzellenz in der Forschung", "Umstellung auf Programm- statt Einzelförderung", "Leistungsentlohnung des Personals" und "Steigerung der Studierquote" hinzu. Kann man das alles in Bausch und Bogen ablehnen? Ja, man kann, wenn man sieht, wie sich diese Ziele gegenseitig im Wege stehen, wie verblasen manche von ihnen sind, wie andere als Begründung für Reformen an Fächer herangetragen wurden, bei denen gar nichts im Argen lag, und wie wieder andere reine Phrasen sind, für die es gar keine Anschauung gibt: Leistungsentlohnung zum Beispiel.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Für eine nüchterne Lageanalyse wäre also das Eingeständnis vorauszusetzen, dass die Reform nicht handwerklich und aufgrund von Unzulänglichkeiten oder Übereifer vor Ort scheitert, sondern an ihrer Undurchdachtheit und ihren windigen Zielen, für die der Begriff "Ökonomisierung der Hochschule" noch viel zu optimistisch ist, weil er eine klare Absicht unterstellt.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Was kann man also jetzt, da die Einsicht da ist, dass es so nicht gut werden wird, tun? Was nottäte, wäre der Rückgewinn einer Anschauung von dem, womit es die Universitäten derzeit zu tun haben. Da ist zum Beispiel ihre maßlose Bürokratisierung. Studienordnungen etwa werden erst hart erkämpft und dann durch teure Akkreditierungsprozesse geschleust, obwohl sie bislang nur auf dem Papier stehen, also noch niemand sagen kann, wie "studierbar" sie eigentlich sind. Wieso schafft man das – kein handwerklicher, sondern ein gedanklicher Fehler – nicht einfach ab? Denn hier, beim Akkreditieren, wurden schließlich all jene unsinnigen Erwartungen durchgesetzt, von denen es jetzt heißt, niemand habe sie gewollt, und von denen jedenfalls feststeht, dass sie, die Studienordnungen, niemand versteht.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Das Vollstopfen der Stundenpläne mit modual abrechnungspflichtigen Kursen wäre ein anderer Punkt. Auch dies kein Malheur, das ungewollt passierte. Sollte doch dasselbe – ein vernünftiger Abschluss, der das Papier wert ist, auf dem er steht – in kürzerer Zeit erreicht werden. Siehe G8. Jetzt gibt man bei den Semesterzahlen nach, kann sich statt sechs auch sieben oder acht und bestimmt auch bald wieder zehn vorstellen. Aber dass man durch das Modulsystem vor allem die Präsenzpflicht der Studierenden ganz unsinnig erhöht hat und dadurch die ohnehin bedrohte Kulturtechnik des Lesens, des freien Lesens gar, abschafft, ist den Managern nicht aufgefallen. Vielleicht weil sie die Literatur auf den Gebieten, auf denen sie einst als Forscher tätig waren, oft auch nur noch "zur Kenntnis nehmen" und nicht mehr studieren.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Das sind nur zwei Gesichtspunkte von Dutzenden, die nichts mit adminstrativem Handwerk, dafür alles mit dem Nachdenken über Aufgaben und Möglichkeiten einer Universität zu tun haben. Die Bologna-Reform beruhte auf einer richtigen Fragestellung: Was machen wir mit Studenten, die nicht Wissenschaftler werden wollen? Und sie beruhte auf einer komplett falschen Antwort: Wir sorgen dafür, dass sie möglichst schnell einen Abschluss bekommen. Wer sich diesen grundsätzlichen Irrtum nicht eingesteht, von dem ist nicht zu erwarten, dass er mit Einräumen etwas anderes meint als Beschwichtigen.             Jürgen Kaube&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18.11.2009 Seite N5&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-3897223590577982285?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/3897223590577982285'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/3897223590577982285'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/12/bologna-reform.html' title='Bologna-Reform'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-9113272527199704621</id><published>2009-12-13T15:17:00.001+01:00</published><updated>2009-12-13T15:17:39.254+01:00</updated><title type='text'>Die Bologna-Blase ist geplatzt</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;Von Heike Schmoll Statt zweifelnden Fragens eine hohle Inszenierung von Wissenschaft. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Zehn Jahre nach der Einführung der Bologna-Reform an den Universitäten kann die tiefgreifendste Reform der deutschen Universität nach dem 19. Jahrhundert als gescheitert gelten. Das räumen inzwischen sogar die Verantwortlichen ein. Dafür haben einzig und allein die Proteste der Studenten gesorgt. Allerdings wären es nicht dieselben Politiker und Wissenschaftsmanager mit Vierjahresgedächtnis, die auch die Reform zu verantworten haben, wenn sie nicht eine neue Ausflucht parat hätten: Das sei alles ein "Umsetzungsproblem".&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Nein, das ist es nicht. Die Bologna-Reform ist ein wissenschaftsfernes Zwangskorsett, das der Verkürzung der Studienzeiten und der Verringerung der Abbrecherquote dienen sollte. Es war nicht umsonst von Anfang an von einem europäischen Hochschul- und Wirtschaftsraum die Rede. Und es ist kein Zufall, dass die Bologna-Blase so kurz nach der Finanzblase platzt. In beiden Systemen haben die Verantwortlichen jeden Bezug zur Wirklichkeit verloren. Nachdem Hochschulpolitiker und Wissenschaftsmanager jahrelang den Superlativ vergewaltigt und von einer Exzellenz zur nächsten getaumelt waren, genügt es nun nicht mehr, ein paar Studienpläne nachzubessern.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Jetzt gilt es, nüchtern zu betrachten, was aus einer Wissenschaftskultur geworden ist, die argumentativ begründet war, den Zweifel institutionalisierte, zum selbständigen Nachdenken und zu langfristigen Erkenntnisprozessen anregen sollte. Es hat sich eine hohle Inszenierung von Wissenschaft entwickelt, in der Leerformeln, Verfahrenslegitimitäten und Machtinteressen die wissenschaftliche Auseinandersetzung verdrängt haben. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Mittlerweile wird nicht geforscht, weil eine Frage Antwort erheischt, sondern weil Fördermittel verbucht werden sollen. Der Gegenstand wird im Zweifel nachgeliefert. Schlimmer noch: An die Stelle der Argumentationskultur ist eine Antragskultur ge-treten. Fehler oder Schwierigkeiten dürfen nicht mehr zugegeben, Zweifel bei Strafe der Nichtförderung nicht mehr geäußert werden. An die Stelle des Geschichtsbewusstseins ist die Zukunftsoffenheit getreten, an die Stelle der Deutungsfähigkeit Ergebnisvermutungen, an die Stelle der reflexiven Distanz Scheingewissheiten. Sind Universitäten denn Legebatterien für Anträge, sind sie Brutstätten für potentielle Studienabbrecher oder studierunfähige, zuweilen auch studierunwillige Abiturienten geworden, die der OECD-Verheißung folgen, dass ein Akademiker erheblich bessere Verdienstchancen hat? &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;So einseitig oder uneinheitlich sie sein mögen, so unglücklich der widersinnige Begriff "Bildungsstreik" auch gewählt sein mag, den ernsthaften Studenten geht es um den Kern der Universität: ein wissenschaftliches Studium. Die Ankündigung der Bundesbildungsministerin Schavan, das Bafög zu erhöhen, antwortet darauf in bewährter Weise, indem sie ein Bildungsproblem als Verteilungsproblem des Sozialstaates versteht.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Der Bachelor-Abschluss soll in drei Jahren berufstauglich machen. Doch die Wissenschaftsminister haben nicht nur versäumt, sich die Folgen der Bologna-Reform klarzumachen, sie haben auch noch so getan, als würden die Bachelor-Absolventen in den Unternehmen mit offenen Armen empfangen, was nicht der Fall ist. Der in einigen Fächern viel zu kurze Bachelor-Studiengang bietet auch keine tragfähige Grundlage für den wissenschaftsorientierten Master-Studiengang, den nicht einmal die Hälfte der Bachelor-Studenten aufnehmen kann. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die Studenten spüren, dass über sie entschieden wird, aber nicht mit ihnen, und sie ahnen zumindest, dass dieses Studium, das Fähigkeiten und Fertigkeiten, nicht aber in erster Linie mündige, kritische und selbst denkende Persönlichkeiten entwickeln soll, alles andere als individuell ist. Die Schwierigkeiten einer überbehüteten Generation, sich in einem Wissenschaftsbetrieb wie der Universität zurechtzufinden, wird durch die mangelnde Betreuung im Bologna-System verschärft. Der Kardinalfehler der deutschen Wissenschaftspolitiker war, eine angelsächsische Struktur ohne ihre Rahmenbedingungen mit Tutorien, kleinen Lerngruppen, unmittelbarem Kontakt zum Hochschullehrer einzuführen. Strukturänderungen sollten die Schwierigkeiten einer Massenuniversität mit unstrukturierten Studiengängen und hohen Abbrecherquoten vor Bologna lösen. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Wenn die präsidialen Hochschulrektoren etwas aus den Studentenprotesten gelernt haben, beziehen sie künftig bei der Studienplangestaltung die Studenten mit ein. Dabei muss klar sein, dass es um wissenschaftliche Erkenntnis und nicht um demokratische Abstimmungsprozesse geht. Um die aufgeblasene Antragschreiberei zu beenden, muss die Grundfinanzierung der Universitäten angehoben werden, die zugunsten der Drittmittelfinanzierung gekürzt wurde, während die Studentenzahlen stiegen. Es geht um mehr als um Korrekturen. Die zukünftige Gestalt der Universität entscheidet darüber, ob die Gesellschaft den Alterungsprozessen und der Kommunikationsrevolution mit ihren Denk- und Sprachformen wehrlos ausgeliefert ist oder ob sie zumindest deuten kann, was mit ihr geschieht, um noch Entscheidungen treffen zu können.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24.11.2009 Seite 1&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-9113272527199704621?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/9113272527199704621'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/9113272527199704621'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/12/die-bologna-blase-ist-geplatzt.html' title='Die Bologna-Blase ist geplatzt'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-5319209157494427262</id><published>2009-12-13T15:13:00.001+01:00</published><updated>2009-12-13T15:13:41.396+01:00</updated><title type='text'>Die Not der SPD begann viel früher</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;Das Krisenjahr 1973 bedeutet in der Geschichte der Bundesrepublik und der Sozialdemokratie eine Zäsur: Die Vorstellung, staatliche Intervention und Planung könnten wirtschaftliches Wachstum und Vollbeschäftigung dauerhaft sichern, wurde damals nachhaltig erschüttert. Der Partei ging nicht nur ihre Leitidee verloren, sondern mit dem sozialen Wandel auch ein wesentlicher Teil ihrer traditionellen Anhängerschaft. Von Professor Dr. Franz Walter &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;In der Glanzzeit Willy Brandts, im Jahr 1972, erreichten die Sozialdemokraten noch 41,4 Prozent aller Wahlberechtigten in der Bundesrepublik. Die SPD war damit eine veritable Volkspartei. Bei der Bundestagswahl im September 2009 konnte sie aber nur noch 16,1 Prozent der Wahlberechtigten in Deutschland für sich gewinnen. Eine Volkspartei ist sie in dieser Größenordnung gewiss nicht mehr.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Doch was ist hier passiert? Wer trägt die Verantwortung für den tiefen Sturz der geschichtsträchtigen deutschen Sozialdemokratie? War es in der Tat Schröder mit seiner Agenda-Politik? Lag es an der strategischen Konfusion des stets überschätzten Franz Müntefering im Wahlkampf 2009? Oder hat man mit Oskar Lafontaine doch den eigentlichen Bösewicht im Drama der SPD dingfest gemacht? &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;All das ist zu kurz gegriffen. Die Not der SPD hat einen weit längeren Vorlauf. Sie begann schon 1973. In diesem Jahr ging die lange, stolze Geschichte der alten industrieproletarischen Sozialdemokratie zu Ende. Überhaupt bedeutete das Jahr 1973 in vielerlei Hinsicht eine Zäsur, es markierte einen wirklich tiefen Einschnitt. Damals versiegte der Nachkriegsboom mit seinen historisch einzigartigen wirtschaftlichen Wachstumsraten. Das glückliche Vierteljahrhundert, das die von Kriegen und Krisen gebeutelten Deutschen seit der Währungsreform 1948 erlebt hatten, lief ab. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Dabei waren diese Jahrzehnte zunächst nicht einmal von der Sozialdemokratie, sondern stark von den christlich-demokratischen Parteien geprägt gewesen. Aber ein Merkmal dieses Abschnitts verbanden die Sozialdemokraten später gern mit sich selbst: den epochalen Ausbau des Sozialstaats. In diesen 25 Jahren konnte gelingen, was in der Weimarer Republik noch scheitern musste: die Harmonisierung von Rentabilitätsinteressen des Besitzbürgertums mit den Verteilungsansprüchen der Arbeitnehmer dank üppiger Wachstumserfolge der Industrie. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Man saß in einem Boot, wie es damals besonders Christliche Demokraten gern und ganz im Sinne ihrer Sozialphilosophie verkündeten. Die Sozialdemokraten übernahmen zeitverzögert diese Maxime und stellten sich dann stillschweigend auf dieses Fundament. Als die SPD 1966 zunächst noch als Juniorpartner in Bonn an die Regierung kam, setzte sie zusätzliche wohlfahrtsstaatliche Sahnehäubchen auf das christlich-demokratische Konsensmodell. Die Sozialpolitik wurde weiter ausgedehnt und fortan stärker als Gesellschaftspolitik begriffen, als rational verfügbares Instrument zur gesteuerten Vermehrung der Bildungschancen und der Veränderung der Einkommensverhältnisse. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;In den Kontext einer geplanten Gesellschaftspolitik gehörten von nun an auch der Wohnungsbau, das Gesundheitswesen, die Sozialarbeit — der öffentliche Sektor schlechthin. Einiges davon war schon im christlich-demokratischen Modell angelegt und von CDU-Kanzlern begonnen worden. Aber Sozialpolitik als Gesellschaftspolitik, das war der eigentliche Ehrgeiz der Sozialdemokraten. Wie die Christlichen Demokraten bauten auch sie ganz auf eine sich Jahr für Jahr ausweitende Ökonomie, auf rauchende Schlote, florierende Geschäfte der nationalen Unternehmen. Von 1967 bis 1973 fand die SPD solche Bedingungen als Regierungspartei vor. Das waren die sechs großen, glänzenden, besten Jahre der reformorientierten Sozialdemokratie in der Geschichte der deutschen Industriegesellschaft. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Im Herbst 1973 wurde plötzlich alles anders. Diese Monate läuteten die lange Depression der deutschen Sozialdemokratie ein. Auch Willy Brandt, ihr großer Held der vorangegangenen Jahre, ging nicht unbeschädigt aus jenem Herbst hervor. Die Zustimmungswerte für seine Partei fielen damals um zehn Prozentpunkte; er selbst verlor rasant an Rückhalt. Man traute dem Bundeskanzler politische Führungskraft in der Krise nicht mehr zu. Aber in jenen grauen Monaten des Jahres 1973 herrschte Krise. Über die Deutschen, die sich im vorangegangenen Vierteljahrhundert an kontinuierliche Wohlstandsmehrung gewöhnt hatten, brach sie indes überraschend herein. Das Wort "Schock" wurde zwischen München und Kiel zu einem Begriff für den Ausdruck des Lebensgefühls. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Der Ursprung dieses "Schocks" lag in der jähen Erhöhung des Ölpreises. Zum Symbol der neuen Schockerfahrungen wurden die vier autofreien Sonntage zwischen dem 25. November und dem 16. Dezember 1973 aufgrund eines generellen Fahrverbots. Tristesse und Verunsicherung lagen über der Republik. Ein nicht geringer Teil der Bevölkerung begann wieder Hamsterkäufe zu tätigen. Fußballspiele unter Flutlicht hatte der DFB untersagt. Die Boulevardzeitungen machten Auflage mit unheilschwangeren Titeln wie: "Gehen in Europa die Lichter aus?" Die von der Sozialdemokratie genährte Erwartung, Wohlstand, Sicherheit und Modernität ließen sich systematisch und planvoll auf die Gleise in Richtung einer reibungslos administrierten Zukunft setzen, wirkte auf einmal fragil.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Aber die Erwartung blieb. Sie hielt sich lange – und das keineswegs nur bei Zugehörigen der SPD. Am Ende des glücklichen Vierteljahrhunderts in der Geschichte der Bundesrepublik hatten sich ein, zwei ganze Generationen daran gewöhnt, wirtschaftliches Dauerwachstum für selbstverständlich zu halten, Vollbeschäftigung als Regel anzusehen, die stete Erweiterung des staatlichen Leistungsangebotes zum guten Bürgerrecht aufzuwerten. In den sozialdemokratischen Regierungsjahren 1968 bis 1973 gab es die bis dahin längste konjunkturelle Aufschwungphase der jüngeren Geschichte. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;In dieser Zeit bündelten sich Wohlstandshoffnungen, soziales Sicherheitsverlangen, Konsumentenhybris, Aufstiegsaspirationen zu einer sehr spezifischen und gefestigten Mentalität, die den Einschnitt von 1973 weit überdauerte und als gesellschaftliche Norm und Haltung gegenüber der Politik fortlebte, während die ökonomischen Grundlagen dafür längst tiefe Risse bekamen. Ein scharfer neoliberaler Wind konnte durch die sozialstaatlich abgekitteten Fugen der bundesdeutschen Gesellschaft auch in den späteren Zeiten bürgerlicher Regierungen nicht wehen. Für einen marktzentrierten Individualismus musste erst eine neue Generation mit neuen Erfahrungen jenseits der zuvor entfalteten universellen Wohlfahrtsimperative heranwachsen. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die Dominanz der wohlfahrtsstaatlichen Einstellungen auch nach der Zäsur von 1973 hielt die SPD bei Wahlen und Koalitionsbildungen noch lange im Rennen. Aber in dieser sozialpolitischen Dauererwartung nisteten auch alle Keime der Verdrossenheit, der Wut und Enttäuschung über die Sozialdemokraten, die zunehmend weniger von dem einlösen konnten, was sie als Anspruch vor 1973 selbst Zug um Zug mit aufgebaut und so zu einer stabilen gesellschaftlichen Mentalität festgezurrt hatten. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Seit dem Herbst 1973 kollidierte die kollektive Erfahrung des vorangegangenen Vierteljahrhunderts mit neuen ökonomischen und sozialen Entwicklungsschüben, die sich nunmehr vollzogen. Das Wachstum verschwand zwar auch in den folgenden Jahren nicht; aber es schwächte sich deutlich ab, verlief erratischer, verlor an Stabilität und Tempo. Die Massenarbeitslosigkeit, die man schon weithin durch das Regierungsmanagement antizyklischer Eingriffe für überwunden hielt, kehrte zurück und gewann an Dauer. Selbst in Phasen des Aufschwungs reduzierten sich die Arbeitslosenzahlen kaum; 1973 lag die Zahl der Erwerbslosen noch bei 0,27 Millionen, als die sozialliberale Koalition 1982 zu Ende ging, war schon die Zwei-Millionen-Grenze erreicht. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Am stärksten von Arbeitsplatzabbau betroffen waren die klassischen Industriesektoren und herkömmlichen Domänen der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung: der Bergbau, die Stahlproduktion, der Schiffsbau und die Textilherstellung. Die sozialdemokratisch geführten Regierungen hielten lange an den früheren Lokomotiven des deutschen Industriekapitalismus fest. Sie sparten nicht mit Subventionen – und konnten den Strukturwandel dennoch nicht aufhalten. Aber er kam durch den staatlichen Interventionismus teuer. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Natürlich absorbierte auch die neue Arbeitslosigkeit — mit der die sozialdemokratischen Gesellschaftsplaner niemals gerechnet hatten — beträchtliche Mittel aus den Sozialetats. Zwischen 1973 und 1983 verachtfachte sich die Summe der Zahlungen an Erwerbslose in Deutschland. Die Verschuldung des Staates stieg in dieser Dekade sprunghaft an. Der Spielraum für Sozialpolitik als präventive Gesellschaftspolitik engte sich im gleichen Maße ein. Das entzog dem sozialdemokratisch-reformistischen Politikmodell der späten sechziger und frühen siebziger Jahre die Basis. Im Transformationsprozess der alten Industriegesellschaft zu neuen Technologien und Dienstleistungen kehrten sich die Schwerpunkte ökonomischer Prosperität um. Aus dem früheren Nord-Süd-Gefälle wurde nach 1973 mehr und mehr eine Süd-Nord-Differenz, bei der die Brachen der industriellen Vergangenheit überwiegend nördlich der Main-Linie lagen. Aus den Zentren des ökonomischen Fortschritts, in denen sich fast hundert Jahre lang sozialdemokratische Heimaten herausgebildet hatten, wurden Stätten der sozialen Nachhut, Orte der Zurückgebliebenen und Entbehrlichen. Die neuen Gewinnerregionen, Baden-Württemberg und Bayern, dagegen waren traditionell Diasporagebiete für die SPD, die Gewerkschaften und linke Arbeiterorganisationen schlechthin. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;1973 war auch das Jahr, in dem der tertiäre Sektor den sekundären erstmals an Bedeutung übertraf. Etliche Traditionsfirmen aus der hundertjährigen Industriegeschichte Deutschlands verschwanden von der Bildfläche. Ganze Arbeitergruppen, die lange das Bild der Straßen und Wohnquartiere in den urbanen Zentren des Landes geprägt hatten, lösten sich in diesem Prozess mit auf. Ihre Arbeitskraft, oft schlecht oder gar nicht qualifiziert, wurde nicht mehr gebraucht. Andere Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt gab es für die meisten auch nicht mehr. Und so rutschten sie ab in die soziale Gruppe, die später als "neue Unterschicht" kategorisiert und stigmatisiert wurde. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die alte, berufsstolze, disziplinierte, selbstbewusste, zukunftsoptimistische, kulturell ambitionierte Arbeiterklasse verließ die Bühne. Der "Malocher" mit starken Muskeln und hohem Klassenbewusstsein, mit gewerkschaftlichem Engagement und gut geschulter sozialistischer Gesinnung trat ab. Das, was früher ein linkes Arbeitermilieu bildete, engmaschig organisiert und lebensweltlich wie normativ homogen, konnte nicht mehr bestehen. Die Arbeiterklasse von ehedem spaltete sich auf: Einerseits in die Verlierer, zunehmend atomisierte, resignierte und zur Apathie neigende Menschen. Sie blieben in ihrem angestammten Wohnviertel, das aber Jahr für Jahr mehr von einem wertgebundenen Arbeiter- zu einem verwahrlosten Arbeitslosenquartier herabsank. Auf der anderen Seite standen die Gewinner. Sie hatten die Bildungsreformen genutzt und die Aufstiegschancen im öffentlichen Dienst und in den neuen ökonomischen Sektoren ergriffen. Sie waren nun die "Insider", denen es nach 1973 besser ging als ihren zuvor sozial blockierten Eltern und Großeltern. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die aufsteigenden "Insider" ließen fortan die Ausgestoßenen des Deindustrialisierungsprozesses, die neuen "Outsider", zurück, organisierten sie nicht mehr, formten sie nicht mehr kulturell, gaben ihnen keine politische Orientierung und Interpretationen mehr vor, stifteten weder Sinn noch Halt. Die Klassenbasis des Handarbeitersozialismus zerbrach durch Aufstieg der einen und Abstieg der anderen. Die sozialdemokratische Aktivitas rekrutierte sich im Folgenden nahezu ausschließlich aus den Aufsteigern. Eine Interessenidentität zwischen ihnen und den zurückgebliebenen "Outsidern" gab es nicht. Im Gegenteil, alle Formen der Alimentation für die bei einer postindustriellen Innovation Entbehrlichen erhöhten die Abgaben und Steuern der neuen, durch sozialdemokratische Regierungspolitik mitproduzierten Arbeitnehmermitte der White-Collar-Berufe. Und je höher spezialisiert kleine Gruppen dieser neuen Mitte in elementaren Funktionsbereichen der mobilen Gesellschaft waren, desto stärker konnten sie Druck für eigene, eng begrenzte Interessen entfalten. Auch das zeigte das Jahr 1973, als die Fluglotsen erstmals in einen längeren Bummelstreik traten. Diese Gruppe brauchte nicht die millionenfache Kollektivität einer zentralisierten Gewerkschaftsorganisation, und auch die Lieder von der Solidarität gehörten nicht mehr zu ihrem Repertoire. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Zu einem "roten Jahrzehnt" also wurden die siebziger Jahre nicht, wenngleich einige Zeitgenossen sich später so erinnerten. Als sozialdemokratisches Jahrzehnt lassen sich die Jahre unter Helmut Schmidt, lässt sich die knappe Dekade nach 1973 schwerlich fassen. Die Sozialdemokratie, wie man sie bis dahin kannte, war vielmehr die große Verliererin des Epochenwechsels von 1973. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Selbst die reformistischen oder revisionistischen Sozialdemokraten, die sich in ihrer Partei nach 1914/18 allmählich durchsetzen konnten, hatten auf die höhere Rationalität des Staates gegenüber dem Wildwuchs der kapitalistischen Marktanarchie gesetzt. Auch sie stellten sich die soziale Demokratie im geschichtsphilosophischen Optimismus als kontinuierlichen Ausbau der Sozialquote, des öffentlichen Sektors, der wohlfahrtsstaatlichen Leistungen vor. Und von Eduard Bernstein über Friedrich Ebert und Rudolf Hilferding bis zu Karl Schiller oder Willy Brandt vertrauten dabei alle auf die grundsätzliche Verfügbarkeit von rationalen Steuerungsinstrumenten.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Nur etwa sieben Jahre in der deutschen Geschichte traf und verkörperte diese sozialdemokratische Denkart den Geist der Zeit, fand Resonanz auch im Zentrum der Gesellschaft, bildete sogar die Klammer im sozialen Bündnis von Mitte und Unten und avancierte zum Paradigma realer Regierungspolitik. Das waren die Jahre von 1966 bis 1973. Seither hat die sozialdemokratische Idee von der politisch-administrativischen Steuerung des ökonomischen und gesellschaftlichen Laufs ihre Zug- und Überzeugungskraft verloren. Schon wenige Jahre nach der innenpolitischen Ära Brandt/ Schiller/Ehmke war für die meisten wohl kaum mehr zu begreifen, welcher Zauber von Begriffen wie "Globalsteuerung", "konzertierte Aktion", "Vorhabenerfassungssystem" ausgegangen war. In den frühen siebziger Jahren insinuierten sie noch Aufklärung und Modernität. Am Ende des Jahrzehnts wirkten sie wie hybride Begriffsmonster einer anmaßenden Politiktechnokratie. Die Sprache der Sozialdemokraten flirrte nicht mehr, sie stieß ab. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Der Staat erschien nicht länger als befreiende Instanz, sondern wieder als bedrückender und restriktiver Leviatan. Er galt nicht mehr als Problemlöser, sondern als Problemproduzent, zumindest als hoffnungslos überforderte Institution angesichts all der neuen Komplexitäten, die er durch die nicht beabsichtigten Folgen seiner Aktivitäten oft noch erhöhte. "Unregierbarkeit" hieß das Stichwort nach 1973, wo doch unmittelbar zuvor noch die Optimierung aller Regierungsaktionen in Aussicht gestellt worden war. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;"Die Geschichte des 20. Jahrhunderts war seit 1973 die Geschichte einer Welt", so formulierte es der britische Historiker Eric Hobsbawm, "die ihre Orientierung verloren hat". Das galt sicher allgemein, aber es traf doch ganz besonders auf die Sozialdemokraten zu. Die sozialdemokratischen Ziele und erst recht die Pfade dorthin waren nach 1973 in Frage gestellt. Doch Antworten gab es fürs Erste nicht. Die Improvisation wurde folglich zum Politikstil sozialdemokratischer Bundeskanzler, von Helmut Schmidt bis Gerhard Schröder. Keiner von beiden hatte noch einen Plan, ein festumrissenes Projekt. Illusionsloser als viele in ihrer Partei, wussten sie, dass mit der unterkomplexen Sichtweise der alten Sozialdemokratie – Bürgertum versus Arbeiterklasse; Markt kontra Staat; Sozialgesetze statt Profite – komplexe und in vielerlei Hinsicht nur fragil verkoppelte moderne Gesellschaften nicht mehr angemessen politisch geführt werden konnten. Über eine neue Idee, gar ein neues System stringenter sozialdemokratischer Politik verfügten Schmidt und Schröder aber auch nicht. Woher sollte denn Kohärenz auch kommen? Und war sie für die neue postindustrielle Gesellschaft überhaupt wünschenswert? &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Doch gerade die sozialdemokratische Kernanhängerschaft tat sich mit dem Verlust dieser Idee sehr schwer. Denn das war es ja, woraus Sozialdemokraten ihr Selbst- und Sendungsbewusstsein gezogen hatten – dass sie fest zu wissen meinten, wer das Subjekt der Geschichte sei, wie der Königsweg auszusehen habe, der zu einem eindeutig identifizierbaren historischen Zielpunkt führte: nämlich die industrielle Arbeiterklasse, die Gesellschaft und Wirtschaft über den Staat planvoll und sukzessive in den dann von Klassenprivilegien befreiten demokratischen Sozialismus lenkte. Arbeiterklasse – Planungsstaat – demokratischer Sozialismus: Das waren nach 1973 bald nur noch Artefakte oder Schimären. Aber viele Sozialdemokraten hatten das sich selbst gegenüber noch lange geleugnet. Sie hielten an Selbstbeschreibungen fest, die nicht mehr passten, nicht mehr stimmten. So haderten sie in den folgenden Jahrzehnten oft mit sich, weil sie in der Realität selbst nicht mehr so waren, wie sie sich in den Erzählungen noch gern darstellten. In der Zeit um 1973 nahm das alles seinen Anfang.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;♦ ♦ ♦&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;Der Verfasser lehrt Politikwissenschaft an der Universität Göttingen.&lt;br/&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11.12.2009 Seite 9&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-5319209157494427262?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/5319209157494427262'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/5319209157494427262'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/12/die-not-der-spd-begann-viel-fruher.html' title='Die Not der SPD begann viel früher'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-6840575668133582662</id><published>2009-12-13T14:41:00.001+01:00</published><updated>2009-12-13T14:41:17.581+01:00</updated><title type='text'>Die Wahrheit auf dem Plattenteller</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;h2&gt;Hörbericht&lt;br /&gt;&lt;/h2&gt;&lt;h1&gt;Die Wahrheit auf dem Plattenteller&lt;br /&gt;&lt;/h1&gt;&lt;p&gt;&lt;a href='http://www.faz.net/s/RubD87FF48828064DAA974C2FF3CC5F6867/Doc%7EE508CDDFBDC124E2BA9C62414A5B3C2E8%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html'&gt;&lt;span style='color:#7d7d7d; font-family:Times New Roman; font-size:12pt'&gt;Von Edo Reents&lt;/span&gt;&lt;/a&gt;&lt;span style='font-family:Times New Roman; font-size:12pt'&gt;&lt;br /&gt;				&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;a href='http://www.faz.net/s/RubE219BC35AB30426197C224F193F54B1B/Doc%7EE8E23B3DFA04A4103BA5531D2E61C3661%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html'&gt;Drucken&lt;/a&gt;&lt;a href='http://www.faz.net/s/RubE219BC35AB30426197C224F193F54B1B/Doc%7EE8E23B3DFA04A4103BA5531D2E61C3661%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html'&gt;Versenden&lt;/a&gt;&lt;a href='http://www.faz.net/s/RubE219BC35AB30426197C224F193F54B1B/Doc%7EE8E23B3DFA04A4103BA5531D2E61C3661%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html'&gt;Speichern&lt;/a&gt;&lt;a href='http://www.faz.net/s/RubE219BC35AB30426197C224F193F54B1B/Doc%7EE8E23B3DFA04A4103BA5531D2E61C3661%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html'&gt;Vorherige Seite&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;a target='_blank' href='http://linkarena.com/bookmarks/addlink/?url=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubE219BC35AB30426197C224F193F54B1B%2fDoc%7eE8E23B3DFA04A4103BA5531D2E61C3661%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;title=H%c3%b6rbericht%3a+Die+Wahrheit+auf+dem+Plattenteller+-+Pop+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://www.furl.net/storeIt.jsp?u=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubE219BC35AB30426197C224F193F54B1B%2fDoc%7eE8E23B3DFA04A4103BA5531D2E61C3661%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;keywords=&amp;amp;t=H%c3%b6rbericht%3a+Die+Wahrheit+auf+dem+Plattenteller+-+Pop+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://www.oneview.de/quickadd/neu/addBookmark.jsf?URL=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubE219BC35AB30426197C224F193F54B1B%2fDoc%7eE8E23B3DFA04A4103BA5531D2E61C3661%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;title=H%c3%b6rbericht%3a+Die+Wahrheit+auf+dem+Plattenteller+-+Pop+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://yigg.de/neu?exturl=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubE219BC35AB30426197C224F193F54B1B%2fDoc%7eE8E23B3DFA04A4103BA5531D2E61C3661%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;exttitle=H%c3%b6rbericht%3a+Die+Wahrheit+auf+dem+Plattenteller+-+Pop+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://www.webnews.de/einstellen?url=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubE219BC35AB30426197C224F193F54B1B%2fDoc%7eE8E23B3DFA04A4103BA5531D2E61C3661%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;title=H%c3%b6rbericht%3a+Die+Wahrheit+auf+dem+Plattenteller+-+Pop+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://www.facebook.com/share.php?u=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubE219BC35AB30426197C224F193F54B1B%2fDoc%7eE8E23B3DFA04A4103BA5531D2E61C3661%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;t=H%c3%b6rbericht%3a+Die+Wahrheit+auf+dem+Plattenteller+-+Pop+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://www.mister-wong.de/index.php?action=addurl&amp;amp;bm_url=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubE219BC35AB30426197C224F193F54B1B%2fDoc%7eE8E23B3DFA04A4103BA5531D2E61C3661%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;bm_description=H%c3%b6rbericht%3a+Die+Wahrheit+auf+dem+Plattenteller+-+Pop+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://del.icio.us/post?url=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubE219BC35AB30426197C224F193F54B1B%2fDoc%7eE8E23B3DFA04A4103BA5531D2E61C3661%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;title=H%c3%b6rbericht%3a+Die+Wahrheit+auf+dem+Plattenteller+-+Pop+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://digg.com/submit?phase=2&amp;amp;url=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubE219BC35AB30426197C224F193F54B1B%2fDoc%7eE8E23B3DFA04A4103BA5531D2E61C3661%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;title=H%c3%b6rbericht%3a+Die+Wahrheit+auf+dem+Plattenteller+-+Pop+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;span style='font-family:Times New Roman; font-size:12pt'&gt;Mit wenig Klirrfaktor: Der HD 800&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;07. Juni 2009 Schon bei der ersten Berührung wusste ich, dass es meine alte Liebe nun schwer haben würde: breite, verführerisch gepolsterte Hüften, ein strapazierfähiges Gestell, in edlem Schwarz natürlich, dazu eine hohe Anschmiegsamkeit und die Gabe, selbst dann, wenn es laut wird, nicht die Fassung zu verlieren - das sind Eigenschaften, die man nicht auf der Straße findet. Aber was würde meine alte Liebe dazu sagen? Ich werde sie nicht fragen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Meine Liebe ist wirklich schon sehr alt. Im Spätsommer 1980 drückte mir meine Mutter einhundert Mark in die Hand, hier, mein Junge, hast du hundert Mark, geh sofort ins Elektrogeschäft und kauf dir einen Kopfhörer, ich halt' das nicht mehr aus. Dies war das erste und einzige Mal, dass ich für Fehlverhalten, als das meine Mutter das dauernde Musikhören offenbar ansah, auch noch belohnt wurde. Seither begleitet mich der Sennheiser HD 420 durch alle Krisen, die mit lauter Rockmusik am besten zu überstehen sind, durch alle einsamen Abende, einfach alles. Er kostete damals neunzig Mark und war noch nie kaputt. Mit Beschämung aber muss ich feststellen, dass mir die Tatsache, dass es sich um einen HD 420 handelt, erst bewusst wurde, als der HD 800, wie das neue Gerät heißt, zum Testhören schon geordert war - natürlich nur leihweise, denn auch eine Firma wie Sennheiser hat keine Geschenke zu machen, umso weniger, als das Ding tausend Euro kostet, also mehr als zwanzig Mal so viel wie damals der Sennheiser 420.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Der Klirrfaktor&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Das Gute an diesem Preis ist, dass man ihn sich gut merken kann. Die Frage ist nur, ob das Ding ihn auch wert ist. Ausweichend könnte man antworten, dass unlängst auf der Münchner Fachmesse High End ein neuer Plattenspieler von Transrotor vorgestellt wurde, der 139.000 Euro kostet. "Mit Verlaub", merkte der Technikexperte dieser Zeitung fassungslos an, der in seinem Leben sicherlich schon viel Luxus gesehen hat, dafür könne man sich auch den neuen Porsche Panamera "mit fast sämtlichen Ausstattungsschikanen" kaufen. Ferner wurde von Anlagen berichtet, bei denen allein die Kabel mit 3700 Euro zu Buche schlagen. Es ist also alles relativ.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Trotzdem scheint es mir, um den Lesern eine Vorstellung von der Verführungskraft des HD 800 zu geben, nicht übertrieben, bei seiner Beschreibung auf Schlüpfrigkeiten zu verfallen, wie oben geschehen. Andererseits wäre die Feststellung, der Kopfhörer sei libidinös besetzt, wohl etwas banal. Es geht schon um Technik und damit um Präzision, die kaum diskutabel ist.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;In der Gebrauchsanweisung ist von einem "Klirrfaktor" die Rede, unter dem man sich, obwohl man das Wort schon oft gehört hat, nichts Genaues vorstellen kann und den man eher mit Glas und Porzellan in Verbindung bringen würde. Dass er beim HD 800 unter 0,02 Prozent liegt, wird schon ganz gut sein, denn bei den Vorgängermodellen betrug er das Zehnfache. Aber man muss wahrscheinlich Fledermausohren haben, um den Unterschied zu hören. Ein Klirrfaktor von einhundert Prozent klänge dann vielleicht wie ganz viel auf einmal zerschmissenes Glas und Porzellan.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Ein ungekanntes Gefühl von Freiheit&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Dann ist in der Gebrauchsanweisung ein Diagramm aufgeführt, dem man das Lautheitsdiffusfeldübertragungsmaß ablesen kann, und wenn man auch wenig Lust verspürt herauszufinden, was das ist, so hat man damit doch ein prima Beispiel, mit dem sich die Leistungsfähigkeit unserer Wortbildung, Unterabteilung Komposition, belegen lässt: Lautheitsdiffusfeldübertragungsmaß. Ferner steht da, dass die "Betriebstemperatur" zwischen minus 10 und plus 55 Grad Celsius liegt. Aber darauf muss man es nicht ankommen lassen; für Klimakatastrophen, ob nun für eine Eiszeit oder eine kräftige Erderwärmung, wäre man jedenfalls gerüstet.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Man könnte ewig so weitermachen und die beeindruckendsten technischen Einzelheiten aufzählen und beispielsweise erwähnen, dass sämtliche Kunststoffteile aus Materialien sind, die auch in der Raumfahrt verwendet werden, und dass das Gerät mit seinen Ohrpolstern aus hautfreundlichem Alcantara perfekt am Kopf sitzt, ja, dort quasi festklebt und sich nicht abschütteln lässt; hervorheben den abnehm- und abwaschbaren Staubprotektor, der das Innere der Hörer nicht nur vor Ohrenschmalz schützt und an den man 1980 bei Sennheiser offenbar noch nicht dachte; schließlich und schon vor dem ersten Soundcheck das dynamisch-offene Wandlerprinzip und die Tatsache rühmen, dass dieser Kopfhörer ohrumschließend (circumaural) verfährt und so, mit dem extrem großzügig bemessenen Freiraum zwischen Ohr und Polstern, ein ungekanntes Gefühl von Freiheit, wenn auch nur des Ohrs oder, sagen wir, des Kopfes und damit die Hoffnung vermittelt, davon weniger schnell schwerhörig zu werden.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Dies alles könnte man erwähnen. Doch die Wahrheit liegt auf dem Plattenteller, wo sich Popmusik ja recht eigentlich abspielt. Nur eine Frage ist noch zu klären: Wird der HD 800, vorausgesetzt, ich werde mir ihn eines Tages kaufen, überhaupt zu meiner Anlage passen? Oder verhält er sich wie ein Porsche-Motor im Käfer-Chassis? Dazu ist in aller Bescheidenheit zu sagen: Ich habe einen mehr als soliden, aber eben keineswegs überkandidelten Plattenspieler, der preislich und leider wohl auch qualitativ Lichtjahre vom Transrotor (wie gesagt: 139.000 Euro) entfernt ist; dazu einen guten Verstärker und gute Boxen. Deshalb: Der HD 800 würde, als sogenanntes High-End-Produkt, den Rahmen zweifellos dehnen, aber nicht sprengen und stünde in einem Verhältnis zum Restniveau der Anlage, das mir gerade noch passend erschiene, wenn man bedenkt, wie günstig der alte Sennheiser damals war.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Der erste Eindruck ist nicht sensationell&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Da liegt er nun, mein alter Sennheiser 420, noch absolut funktionstüchtig, wenn auch schon recht speckig an den stoffbezogenen Hörmuscheln, und scheint sich zu fragen: Was hat der Neue, was ich nicht habe?&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Nun denn. Natürlich empfiehlt es sich, für den Neuen nur Lieblingslieder aufzulegen oder zumindest solche, die man sehr gut kennt. Um den Klang des alten Sennheiser HD 420 noch möglichst gut im Ohr zu haben, stöpsele ich den zuerst ein - sagt nicht Goethe irgendwo, dass, wenn man eine neue Liebschaft eingehe, es ein köstliches Gefühl sei, sich der alten noch einmal hinzugeben oder wenigstens zu erinnern? -; ich stöpsele den alten also ein, lege "Exile on Main St." auf, setze die Nadel über die Rille zum fünften Lied und lasse sie herunter. "Da-dam, da-dam, da-dam-damm" - es ist wie immer, die ersten Takte von "Tumbling Dice".&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Jetzt der HD 800. Dass das eigentlich nur ganz leichte, unvermeidliche Knistern in der Leerrille nun deutlicher zu hören ist, registriert man mit einem lachenden und einem weinenden Ohr - dem HD 800 entgeht nichts, das spricht schon mal für ihn. Gleiches gilt für das Vorspiel: Die Rhythmusgitarre ist lauter, mit dann doch unerwarteter Wucht kommt das Schlagzeug, der Bass klingt weniger erdrückend, irgendwie leichter, aber das Heulen dieser räudigen Hunde, die damals unter dem Namen Rolling Stones herumstreunten, ist noch räudiger. Das alles wird sich damals in Keith Richards' feuchtem Keller in Südfrankreich wohl auch schon so angehört haben und klingt hier jetzt hörbar besser als mit dem HD 420, wobei die druckvolle, sehr basslastige Produktion dieser Platte, die sonst fast unangenehm direkt aufs Ohr drückt und zuweilen Beklemmungen verursacht, nun etwas Transparentes, Angenehmes bekommt.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Aber der erste Eindruck ist nicht sensationell; es ist kein Quantensprung, den Sennheiser aber angekündigt hatte. Das mag damit zusammenhängen, dass "Tumbling Dice" von überschaubarer Komplexität ist, während der HD 800 wohl eher für die Wiedergabe von Subtilitäten gebaut wurde. Aber dem Gerät zuliebe kann ich nicht auf Klassik umsteigen. Deswegen mache ich die Probe mit noch simplerer Musik, um mir einzureden, dass der HD 800 für meine Plattensammlung einfach zu fein ist und sich die Anschaffung nicht lohnt. Mit "Up around the Bend" und "Down on the Corner" gelingt das problemlos, und mir fällt ein, was einmal über Creedence Clearwater Revival gesagt wurde: dass nämlich deren "Musik selbst im billigsten Transistorradio noch akzeptabel klang".&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Bewegende Anklage&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Andererseits besitze ich ja nicht nur CCR und die Stones. "Stuck in the Middle with You" von Stealers Wheel knistert am Anfang auch ganz schön, aber Gerry Raffertys Stimme klingt in dieser präziseren Akustik trockener, mehr nach Rock 'n' Roll, ganz wie sich Jerry Leiber und Mike Stoller, die die Platte damals produzierten, das wahrscheinlich auch vorgestellt haben. Und jetzt erst kann man nachvollziehen, wie kunstvoll die Steel-Gitarre hier eingesetzt ist, wie verschlungen sie mäandriert, während die Kuhglocke erheblich direkter daherkommt.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Um den Kopfhörer herauszufordern, lege ich "The Faith Healer" von Alex Harvey auf. Und jetzt ist doch ein ganz erheblicher Unterschied zu spüren: Das ohnehin sehr effektvolle Keyboard-Wummern wächst sich dank der Wiedergabegenauigkeit aus ins Bedrohliche, die Rassel zischt im Ohr, das Schlagzeug scheint zusätzlich noch leise "tschikk-tschikk" zu machen, was früher nie zu hören war, und wenn dann die Rhythmusgitarre einsetzt, ist es, als bekäme man einen Stromschlag, in den Alex Harveys nun mit spürbar mehr Hall versehene Geisterstimme hineinruft - "sensational indeed", wie es einst über seine Band selbst hieß. Wer weiß, vielleicht ist einem der HD 800 ja auch dabei behilflich, den Rillen verborgene, nur für die empfindlichsten Ohren bestimmte Botschaften abzulauschen, wie man seinerzeit meinte, man müsse nur bestimmte Beatles-Platten rückwärts abspielen, dann bekomme man Hinweise auf Paul McCartneys Tod?&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Nur eines noch: Wie übermittelt mir der HD 800 das Lied, das mir von allen das allerliebste ist? Es ist ein ganz schlichtes, anrührendes Countrylied, ich traue mich kaum, es zu sagen: "Under One Roof" von den ansonsten ja komplett indiskutablen Rubettes. Wie viele Finessen stecken doch in dieser von einer würdig-sonoren Stimme vorgetragenen, tragischen und damals, 1976, durchaus schon mutigen Schwulengeschichte, die sich sachte, aber dann sehr nachdrücklich ins, so würde Joachim Kaiser jetzt vielleicht sagen: bewegend Anklagende steigert!&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Die Probleme des Lautheitsdiffusfeldübertragungsmaßes&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Das reicht. Der HD 800 hat mich überzeugt. Er ist ein fabelhafter Kopfhörer, der selbst die simple Musik, die ich bevorzuge, mehr als getreulich übermittelt, irgendwie mehr aus ihr macht und, das ist fast das Entscheidende, dank seiner offenen Bauweise einem das Gefühl vermittelt, man höre die Musik über Lautsprecher. Ein Kopfhörer, der gar nicht wie ein Kopfhörer klingt - könnte man sich dann nicht gleich zwei Boxen am Kopf befestigen? Das wäre nicht das Gleiche. Mir kommt es so vor, als könnte mir der HD all meine Platten noch einmal neu erschließen, mir meine Sammlung noch einmal schenken; und dafür sind tausend Euro nicht zu viel.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ob ich mir das Ding auch wirklich zulege, hängt aber wesentlich davon ab, ob meine Frau, die spätabends gelegentlich auf dem Sofa einschläft, während ich noch Discjockey spiele, sich mit dem einen großen Nachteil des HD 800 anfreunden kann: Die Schalldämpfung ist gering; man hört, auch wenn man das Ding gar nicht selber auf dem Kopf hat, ziemlich laut mit, lauter als beim HD 420, der deswegen auch schon manchen nächtlichen Kleinzwist verursacht hat.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Eines aber kann ich jetzt schon versprechen: Angeblich ist man für eine neue Liebe ja bereit, eine neue Sprache zu lernen. So weit würde ich nicht gehen. Aber ich würde mich, um den HD 800 ganz zu verstehen, in die Probleme des Lautheitsdiffusfeldübertragungsmaßes einarbeiten. Es würde dann auch sicherlich meine letzte Liebe sein, denn wenn er so lange hält wie der HD 420, dann bin ich älter als siebzig.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;span style='font-family:Times New Roman; font-size:12pt'&gt;Text: F.A.S.&lt;br/&gt;Bildmaterial: Kat Menschik&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-6840575668133582662?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/6840575668133582662'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/6840575668133582662'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/12/die-wahrheit-auf-dem-plattenteller.html' title='Die Wahrheit auf dem Plattenteller'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-3159656019303631719</id><published>2009-09-14T22:59:00.001+02:00</published><updated>2009-09-14T22:59:59.586+02:00</updated><title type='text'>Die Opel-Lüge</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;h2&gt;Kommentar&lt;br /&gt;&lt;/h2&gt;&lt;h1&gt;Die Opel-Lüge&lt;br /&gt;&lt;/h1&gt;&lt;p&gt;&lt;a href='http://www.faz.net/s/RubD87FF48828064DAA974C2FF3CC5F6867/Doc%7EEE79B988B5E3446239C4F753328DB2115%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html'&gt;&lt;span style='color:#7d7d7d; font-family:Times New Roman; font-size:12pt'&gt;Von Rainer Hank&lt;/span&gt;&lt;/a&gt;&lt;span style='font-family:Times New Roman; font-size:12pt'&gt;&lt;br /&gt;				&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;a href='http://www.faz.net/s/Rub4D8A76D29ABA43699D9E59C0413A582C/Doc%7EE6A1E008AC31843D6BBAA3C076A684FFC%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html'&gt;Drucken&lt;/a&gt;&lt;a href='http://www.faz.net/s/Rub4D8A76D29ABA43699D9E59C0413A582C/Doc%7EE6A1E008AC31843D6BBAA3C076A684FFC%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html'&gt;Versenden&lt;/a&gt;&lt;a href='http://www.faz.net/s/Rub4D8A76D29ABA43699D9E59C0413A582C/Doc%7EE6A1E008AC31843D6BBAA3C076A684FFC%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html'&gt;Speichern&lt;/a&gt;&lt;a href='http://www.faz.net/s/Rub4D8A76D29ABA43699D9E59C0413A582C/Doc%7EE6A1E008AC31843D6BBAA3C076A684FFC%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html'&gt;Vorherige Seite&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;a target='_blank' href='http://linkarena.com/bookmarks/addlink/?url=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRub4D8A76D29ABA43699D9E59C0413A582C%2fDoc%7eE6A1E008AC31843D6BBAA3C076A684FFC%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;title=Kommentar%3a+Die+Opel-L%c3%bcge+-+Der+Kommentar+-+Wirtschaft+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://www.furl.net/storeIt.jsp?u=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRub4D8A76D29ABA43699D9E59C0413A582C%2fDoc%7eE6A1E008AC31843D6BBAA3C076A684FFC%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;keywords=&amp;amp;t=Kommentar%3a+Die+Opel-L%c3%bcge+-+Der+Kommentar+-+Wirtschaft+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://www.oneview.de/quickadd/neu/addBookmark.jsf?URL=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRub4D8A76D29ABA43699D9E59C0413A582C%2fDoc%7eE6A1E008AC31843D6BBAA3C076A684FFC%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;title=Kommentar%3a+Die+Opel-L%c3%bcge+-+Der+Kommentar+-+Wirtschaft+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://yigg.de/neu?exturl=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRub4D8A76D29ABA43699D9E59C0413A582C%2fDoc%7eE6A1E008AC31843D6BBAA3C076A684FFC%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;exttitle=Kommentar%3a+Die+Opel-L%c3%bcge+-+Der+Kommentar+-+Wirtschaft+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://www.webnews.de/einstellen?url=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRub4D8A76D29ABA43699D9E59C0413A582C%2fDoc%7eE6A1E008AC31843D6BBAA3C076A684FFC%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;title=Kommentar%3a+Die+Opel-L%c3%bcge+-+Der+Kommentar+-+Wirtschaft+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://www.facebook.com/share.php?u=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRub4D8A76D29ABA43699D9E59C0413A582C%2fDoc%7eE6A1E008AC31843D6BBAA3C076A684FFC%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;t=Kommentar%3a+Die+Opel-L%c3%bcge+-+Der+Kommentar+-+Wirtschaft+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://www.mister-wong.de/index.php?action=addurl&amp;amp;bm_url=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRub4D8A76D29ABA43699D9E59C0413A582C%2fDoc%7eE6A1E008AC31843D6BBAA3C076A684FFC%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;bm_description=Kommentar%3a+Die+Opel-L%c3%bcge+-+Der+Kommentar+-+Wirtschaft+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://del.icio.us/post?url=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRub4D8A76D29ABA43699D9E59C0413A582C%2fDoc%7eE6A1E008AC31843D6BBAA3C076A684FFC%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;title=Kommentar%3a+Die+Opel-L%c3%bcge+-+Der+Kommentar+-+Wirtschaft+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://digg.com/submit?phase=2&amp;amp;url=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRub4D8A76D29ABA43699D9E59C0413A582C%2fDoc%7eE6A1E008AC31843D6BBAA3C076A684FFC%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;title=Kommentar%3a+Die+Opel-L%c3%bcge+-+Der+Kommentar+-+Wirtschaft+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;13. September 2009 Der Fall Opel stellt die Welt auf den Kopf. Gegen alle Vernunft und viele Mahnungen hat die deutsche Bundesregierung ihren Willen durchgesetzt: Opel wird aus dem amerikanischen Konzern General Motors herausgetrennt, mehr oder weniger verschenkt an ein wenig bekanntes österreichisch-russisch-kanadisches Konsortium und die Gewerkschaft IG Metall. Das Ganze wird garantiert und mutmaßlich finanziert vom deutschen Steuerzahler, dessen Meinung freilich bei diesem milliardenschweren Deal kaum zählte.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die Politik schert sich nicht nur wenig um ihre Bürger. Sie ignoriert auch strikt alles, was üblicherweise zum Verhältnis von Staat und Markt von ihren Vertretern zum Besten gegeben wird: Dass Politik die Rahmenbedingungen setzt, innerhalb derer die Unternehmen handeln, steht so im Grundbuch der sozialen Marktwirtschaft. Im Fall Opel aber wird der Staat selbst zum wirtschaftlichen Akteur, greift ein in das Geschehen und gibt vor, er kenne die Zukunft eines Unternehmens besser als dessen Kunden, die sich entschieden haben, lieber andere Autos zu fahren.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Deutschland leistet sich mit "New Opel" eine teure Beschäftigungsgesellschaft&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Um den Systembruch zu legitimieren, mussten über all die langen Opel-Monate hinweg eine ganze Reihe von Mythen und Lügen gezimmert und durch mehrfache Wiederholungen den Menschen eingehämmert werden. Da ist zuallererst die Behauptung, der Fall Opel habe irgendetwas mit der Finanzkrise zu tun. Das hat er natürlich nicht: Die Krise ("Überkapazitäten") der Automobilindustrie war auch in den boomenden Jahren zwischen 2002 und 2007 nicht zu übersehen; sie war öffentlich, und über sie wurde stets korrekt berichtet. GM und Opel haben schon vor der Finanzkrise Verluste gemacht. Vollends unglaubwürdig ist im Übrigen die gerne vorgenommene Unterscheidung zwischen tüchtigen "Opelanern" und unfähigen Amerikanern, die nur die Deutschen ausbeuten wollten.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die Bankenrettung, daran kann nicht oft genug erinnert werden, sollte verhindern, dass die Geldversorgung der gesamten Volkswirtschaft zum Erliegen kommt, was den Wohlstand aller Menschen empfindlich berührt hätte. Die Angst mag übertrieben worden sein, ist aber nicht völlig von der Hand zu weisen. Dass aber die Autoversorgung auf deutschen Straßen und in deutschen Garagen gefährdet wäre, wenn es Opel nicht mehr gäbe, wurde glaubwürdig von Volkswagen und Daimler bestritten.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Es liegt auf der Hand, dass der unterstellte Zusammenhang zwischen Opel und der Finanzkrise den Analogieschluss plausibel machen sollte: Milliarden, welche der Commerzbank und der HRE recht sind, müssen für Opel billig sein. Dass die Regierung diesen Schluss selbst nicht ganz glauben wollte, zeigt sich daran, dass Kanzlerin und Vizekanzler die Entscheidung über die Opel-Hilfe den dafür zuständigen Notstandsgremien der Finanzkrise entzogen und zur nächtlichen Chefsache gemacht haben.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Zum Schluss wurde auch die (vom hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch gerne verwendete) Behauptung ad absurdum geführt, die Trennung von Opel und GM sei "marktnah" passiert, denn es habe ein Bietergefecht gegeben, über welches eine private Treuhandgesellschaft wachte, in der wirtschaftliche Fachleute anstatt beamtete Weisungsträger saßen. Von Bietern kann indes kaum gesprochen werden, wenn denen Geld nachgeworfen statt abgenommen wird. Und die von der Regierung in die Treuhand entsandten Fachleute haben zuletzt die Abspaltung von Opel öffentlich missbilligt und damit den politischen Charakter des Deals zum Missvergnügen der Bundesregierung aufgedeckt.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Somit bleibt nur eine Schlussfolgerung: Deutschland leistet sich mit "New Opel" eine aufwendige Beschäftigungsgesellschaft. Ob daraus jemals ein erfolgreiches Unternehmen werden wird, ist ein Versprechen, für welches bislang jegliche Plausibilität fehlt. Wenn der Staat einem Unternehmen Kredite gibt, welche die Banken aufgrund ihrer Prüfkriterien und trotz Staatsgarantien verweigern, muss etwas faul sein. Im Vergleich zur Dimension der "Opel-Rettung" kann man den Eingriff der Regierung Schröder bei Philipp Holzmann vor zehn Jahren als lässliche Sünde abtun.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;So zu argumentieren sei kalt und herzlos, ist häufig zu hören. Der Staat müsse Arbeitsplätze retten, vor allem wenn es viele sind, heißt es dann. Doch warum soll die Politik ein Kleinunternehmen pleitegehen lassen, den Großkonzern aber retten? Der Hinweis, dass der Verlust vieler Jobs für Politiker wahlgefährdend sei, zeugt zwar von Verstand, aber noch nicht von Herzenswärme. Und warum "rettet" Berlin die 25 000 Jobs bei Opel, schert sich aber nicht um 50 000 Arbeitsplätze bei Arcandor? Sind die Jobs am Autofließband systemrelevanter als jene an der Kasse bei Karstadt?&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Es ist eben nicht kalt oder herzlos, darauf hinzuweisen, dass der Sozialstaat über ein Netz verfügt, das Menschen absichert, auch wenn sie ihren Job verloren haben, und dass, wenn Unternehmen pleitegehen, andernorts neue Firmen entstehen, die neue Jobs anbieten. Herzlos ist, wer das verhindert.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;span style='font-family:Times New Roman; font-size:12pt'&gt;Text: F.A.S.&lt;br/&gt;Bildmaterial: dpa&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-3159656019303631719?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/3159656019303631719'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/3159656019303631719'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/09/die-opel-luge.html' title='Die Opel-Lüge'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-5632129073280370921</id><published>2009-07-26T17:12:00.003+02:00</published><updated>2009-07-26T17:12:40.998+02:00</updated><title type='text'>Der Letzte macht das Licht an</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;h2&gt;Demographiepolitik&lt;br /&gt;&lt;/h2&gt;&lt;h1&gt;Der Letzte macht das Licht an&lt;br /&gt;&lt;/h1&gt;&lt;p&gt;&lt;span style='font-family:Times New Roman; font-size:12pt'&gt;Von Wolfgang Tiefensee&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;a href='http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc%7EE5D4574E6794041ED893D29F4012A3372%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html'&gt;Drucken&lt;/a&gt;&lt;a href='http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc%7EE5D4574E6794041ED893D29F4012A3372%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html'&gt;Versenden&lt;/a&gt;&lt;a href='http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc%7EE5D4574E6794041ED893D29F4012A3372%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html'&gt;Speichern&lt;/a&gt;&lt;a href='http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc%7EE5D4574E6794041ED893D29F4012A3372%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html'&gt;Vorherige Seite&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;a target='_blank' href='http://linkarena.com/bookmarks/addlink/?url=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE%2fDoc%7eE5D4574E6794041ED893D29F4012A3372%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;title=Demographiepolitik%3a+Der+Letzte+macht+das+Licht+an+-+Hintergr%c3%bcnde+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://www.furl.net/storeIt.jsp?u=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE%2fDoc%7eE5D4574E6794041ED893D29F4012A3372%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;keywords=&amp;amp;t=Demographiepolitik%3a+Der+Letzte+macht+das+Licht+an+-+Hintergr%c3%bcnde+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://www.oneview.de/quickadd/neu/addBookmark.jsf?URL=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE%2fDoc%7eE5D4574E6794041ED893D29F4012A3372%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;title=Demographiepolitik%3a+Der+Letzte+macht+das+Licht+an+-+Hintergr%c3%bcnde+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://yigg.de/neu?exturl=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE%2fDoc%7eE5D4574E6794041ED893D29F4012A3372%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;exttitle=Demographiepolitik%3a+Der+Letzte+macht+das+Licht+an+-+Hintergr%c3%bcnde+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://www.webnews.de/einstellen?url=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE%2fDoc%7eE5D4574E6794041ED893D29F4012A3372%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;title=Demographiepolitik%3a+Der+Letzte+macht+das+Licht+an+-+Hintergr%c3%bcnde+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://www.facebook.com/share.php?u=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE%2fDoc%7eE5D4574E6794041ED893D29F4012A3372%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;t=Demographiepolitik%3a+Der+Letzte+macht+das+Licht+an+-+Hintergr%c3%bcnde+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://www.mister-wong.de/index.php?action=addurl&amp;amp;bm_url=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE%2fDoc%7eE5D4574E6794041ED893D29F4012A3372%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;bm_description=Demographiepolitik%3a+Der+Letzte+macht+das+Licht+an+-+Hintergr%c3%bcnde+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://del.icio.us/post?url=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE%2fDoc%7eE5D4574E6794041ED893D29F4012A3372%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;title=Demographiepolitik%3a+Der+Letzte+macht+das+Licht+an+-+Hintergr%c3%bcnde+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://digg.com/submit?phase=2&amp;amp;url=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE%2fDoc%7eE5D4574E6794041ED893D29F4012A3372%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;title=Demographiepolitik%3a+Der+Letzte+macht+das+Licht+an+-+Hintergr%c3%bcnde+-+Feuilleton+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;span style='font-family:Times New Roman; font-size:12pt'&gt;Der Auftraggeber der Studie: Bundesminister Wolfgang Tiefensee bei einer Pressekonferenz Ende letzten Monats in Berlin&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;04. Juli 2009 Farben sagen manchmal mehr als Worte. In der Kartographie des demographischen Wandels werden die prosperierenden Regionen warm getönt, den Regionen mit Bevölkerungsschwund hingegen wird sinisteres Schwarz zugewiesen. Sicher, sehr viele dieser Regionen überwiegend im Osten unseres Landes haben gravierende Defizite. Arbeitsplätze und Unternehmen fehlen, die Flexiblen der Bedürftigen fliehen in blühende Wirtschaftslandschaften. Damit schwinden Steuerkraft und Kunden: für Ämter, Verkehr, Ärzte, Läden, Kultur. Es bleibt die Frage nach der Zukunft derjenigen, die ohne Arbeitsperspektive, aus Bildungs- oder Altersschwäche, aus Heimatliebe, der Familie wegen oder aus trotziger Beharrung das Licht in diesen Regionen nicht löschen wollen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Dieses Problem stellt die Bürger und die Politik vor existentielle Fragen. Die wesentliche: Wie weit reicht, wie weit garantieren wir den Zusammenhalt unserer Gesellschaft? Der jüngste Beitrag zur Debatte ist ein Gutachten, welches vom Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung erstellt wurde (&lt;a href='http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc%7EE55D1E0B2E2DA44B4B76970D11FD47F3B%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html'&gt;Plädoyer für eine neue demographische Politik: Herr Minister, wir schrumpfen!&lt;/a&gt;). Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, welches Interesse, welche Brisanz, welche Sorgen und welche Befürchtungen mit dem Thema "demographischer Wandel" verbunden sind, dann waren das die Reaktionen auf die Veröffentlichung des Gutachtens. Mit dieser Diskussion hat das Thema zu Recht eine enorme Aufmerksamkeit gefunden. Das ist bei aller Kritik der beste Effekt der Debatte, und er sollte uns anspornen, nicht nach den besten Lösungen zu suchen. Viele Anregungen der Studie liegen voll auf unserer Linie, manche sind längst realisiert. Andere sollten jetzt mit Verve diskutiert und umgesetzt werden.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Der Staat als Garant &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ein Metropolenbewohner kann Rundum-Service einfordern, der Kleinstdorfbewohner muss selbst ran. Die Wissenschaftler des Berlin Instituts fordern nun, die öffentliche Förderung einzustellen, wenn die Bürger in der Region nicht spuren und drei Jahre keine Projekte in Eigenregie zustande bringen. Das ist zwar rational, mag auch ökonomisch sein, aber deshalb ist es noch keineswegs richtig. Eine solche Brutalität verbietet gottlob unsere Verfassung und entspricht auch nicht meinem Verständnis von politischer Gestaltung und sozialer Gerechtigkeit.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Damit sind wir beim Kern der Frage, vor die der Bevölkerungsschwund in manchen Regionen uns stellt: Geben wir diese auf? Drehen wir den Geldhahn zu und machen das Licht dort aus? Über das Niveau und den Ausstattungsgrad können und müssen wir diskutieren. Wer Regionen aufgeben will, der gibt die Menschen darin auf. Der Staat ist der Einzige, der die öffentliche Daseinsvorsorge auch in den vom Bevölkerungsrückgang betroffenen Regionen sichern kann. Daraus ergibt sich eine ganz besondere Verantwortung. Die Forderung nach einem Rückzug des Staates aus diesen Regionen und einem Ende der öffentlichen Daseinsvorsorge ist radikal und eingängig zugleich. Aber derart radikale Forderungen waren schon immer zu einfach. Sie bringen uns auch jetzt überhaupt nicht weiter.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Neue Möglichkeiten auf dem Land&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Richten wir nochmals bitte den Blick auf das konkrete Schicksal: Soll die alte Frau, die sich an ihr Dorf, ihr Häuschen, ihr Tomatenbeet klammert, ins Pflegeheim im Oberzentrum verfrachtet werden? Ist das ein demokratisch-sozialer Gestus, oder nicht ein ganz anderer? Soll den Kindern des Langzeitarbeitslosen, der, in welcher prosperierenden Region auch immer, keine Arbeit findet, Bildung und Betreuung verwehrt werden? Sollen in den Städten, deren leere Fensterhöhlen vom Niedergang künden, Ruinen das Stadtbild prägen, das Lebensgefühl? Sollen die Jugendlichen durch Abbau aller Freizeitangebote den Rechtsextremen in die Arme getrieben werden?&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die Antwort wäre: Ja, wenn man sich dem Zeitgeist der Entsolidarisierung ergibt. Wenn wir einen solchen Manchester-Regionalismus zur Grundlage einer straffen Planung machten, dann würden diese Landstriche und diese Menschen nicht nur schwarz eingefärbt in den Karten, sondern endgültig abgeschrieben. Wissenschaftler können so etwas fordern. Politik aber muss es verhindern! Nur ein Staat, der seine Menschen nicht aufgibt, ist ein demokratischer, ein Rechts- und ein Sozialstaat.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Wir werden diese Regionen aber nicht nur weiter fördern um der dort Lebenden willen. Wir werden diese wunderbaren Landstriche nicht verloren geben, sondern ihnen eine Zukunft ermöglichen. In Frankreich beispielsweise ziehen immer mehr Menschen aufs Land und revitalisieren abgelegene Dörfer. Mit Internet, Breitbandversorgung und Telearbeit eröffnet die Technik neue Arbeits- und Lebenschancen auch fern der Metropolen. Dahin sollte unser Ehrgeiz gehen. Was sind schon blühende Landschaften gegen lebendige Landschaften!&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;span style='font-family:Times New Roman; font-size:12pt'&gt;Der Autor ist Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung.&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Text: F.A.Z.&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-5632129073280370921?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/5632129073280370921'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/5632129073280370921'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/07/der-letzte-macht-das-licht.html' title='Der Letzte macht das Licht an'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-1561600293677553353</id><published>2009-07-26T17:12:00.001+02:00</published><updated>2009-07-26T17:12:06.623+02:00</updated><title type='text'>Abwanderung im Osten</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;h1&gt;Da war die Studie plötzlich weg&lt;br /&gt;&lt;/h1&gt;&lt;p&gt;&lt;a href='http://www.faz.net/s/RubD87FF48828064DAA974C2FF3CC5F6867/Doc%7EEAA2BC194FE1147A19C0A9B13BBE9EDF5%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html'&gt;&lt;span style='color:#7d7d7d; font-family:Times New Roman; font-size:12pt'&gt;Von Thiemo Heeg und Christian Geinitz&lt;/span&gt;&lt;/a&gt;&lt;span style='font-family:Times New Roman; font-size:12pt'&gt;&lt;br /&gt;				&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;a href='http://www.faz.net/s/RubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3/Doc%7EEF79197E621854F079CF9E23106C4529E%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html'&gt;Drucken&lt;/a&gt;&lt;a href='http://www.faz.net/s/RubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3/Doc%7EEF79197E621854F079CF9E23106C4529E%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html'&gt;Versenden&lt;/a&gt;&lt;a href='http://www.faz.net/s/RubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3/Doc%7EEF79197E621854F079CF9E23106C4529E%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html'&gt;Speichern&lt;/a&gt;&lt;a href='http://www.faz.net/s/RubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3/Doc%7EEF79197E621854F079CF9E23106C4529E%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html'&gt;Vorherige Seite&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;a target='_blank' href='http://linkarena.com/bookmarks/addlink/?url=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3%2fDoc%7eEF79197E621854F079CF9E23106C4529E%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;title=Abwanderung+im+Osten%3a+Da+war+die+Studie+pl%c3%b6tzlich+weg+-+Hintergr%c3%bcnde+-+Politik+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://www.furl.net/storeIt.jsp?u=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3%2fDoc%7eEF79197E621854F079CF9E23106C4529E%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;keywords=&amp;amp;t=Abwanderung+im+Osten%3a+Da+war+die+Studie+pl%c3%b6tzlich+weg+-+Hintergr%c3%bcnde+-+Politik+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://www.oneview.de/quickadd/neu/addBookmark.jsf?URL=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3%2fDoc%7eEF79197E621854F079CF9E23106C4529E%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;title=Abwanderung+im+Osten%3a+Da+war+die+Studie+pl%c3%b6tzlich+weg+-+Hintergr%c3%bcnde+-+Politik+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://yigg.de/neu?exturl=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3%2fDoc%7eEF79197E621854F079CF9E23106C4529E%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;exttitle=Abwanderung+im+Osten%3a+Da+war+die+Studie+pl%c3%b6tzlich+weg+-+Hintergr%c3%bcnde+-+Politik+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://www.webnews.de/einstellen?url=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3%2fDoc%7eEF79197E621854F079CF9E23106C4529E%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;title=Abwanderung+im+Osten%3a+Da+war+die+Studie+pl%c3%b6tzlich+weg+-+Hintergr%c3%bcnde+-+Politik+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://www.facebook.com/share.php?u=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3%2fDoc%7eEF79197E621854F079CF9E23106C4529E%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;t=Abwanderung+im+Osten%3a+Da+war+die+Studie+pl%c3%b6tzlich+weg+-+Hintergr%c3%bcnde+-+Politik+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://www.mister-wong.de/index.php?action=addurl&amp;amp;bm_url=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3%2fDoc%7eEF79197E621854F079CF9E23106C4529E%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;bm_description=Abwanderung+im+Osten%3a+Da+war+die+Studie+pl%c3%b6tzlich+weg+-+Hintergr%c3%bcnde+-+Politik+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://del.icio.us/post?url=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3%2fDoc%7eEF79197E621854F079CF9E23106C4529E%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;title=Abwanderung+im+Osten%3a+Da+war+die+Studie+pl%c3%b6tzlich+weg+-+Hintergr%c3%bcnde+-+Politik+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' href='http://digg.com/submit?phase=2&amp;amp;url=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2fs%2fRubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3%2fDoc%7eEF79197E621854F079CF9E23106C4529E%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;title=Abwanderung+im+Osten%3a+Da+war+die+Studie+pl%c3%b6tzlich+weg+-+Hintergr%c3%bcnde+-+Politik+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;span style='font-family:Times New Roman; font-size:12pt'&gt;Nicht alle Studien präsentiert Wolfgang Tiefensee so stolz wie diese hier&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;24. Juni 2009 Brauchen Politiker Argumente, setzen sie gerne auf externen Sachverstand. Wissenschaftler erstellen dann im Auftrag von Ministerien ausführliche Gutachten. Im besten Fall stützen diese Studien die Linie des Politikers – dann werden sie unter großem publizistischem Getöse veröffentlicht. Im anderen Fall landen die Untersuchungen von der Öffentlichkeit unbemerkt im Papierkorb. Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee wählte jetzt eine dritte Variante, die nicht gerade von politischem Geschick kündet.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;In seinem Auftrag erstellte das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung ein 64 Seiten starkes Gutachten zum demographischen Wandel. Die Studie des unabhängigen Wissenschaftsinstituts setzt sich kritisch mit der bisherigen Förderpolitik für "benachteiligte" Gebiete auseinander. In ihrer Untersuchung schlagen die beiden Autoren Andreas Weber und Reiner Klingholz unter anderem vor, dass einige Regionen in den neuen Ländern außerhalb der Daseinsvorsorge nicht länger gefördert werden sollten&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;"Manche Regionen sind nicht förderbar" &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;In Ostdeutschland gibt es demnach Landstriche, die niemals den deutschen Entwicklungdurchschnitt erreichen können und in denen sich öffentliche Förderung deshalb nicht lohnt. "Manche Regionen sind nicht förderbar", heißt es in der Untersuchung. In diesen "abgekoppelten" Gegenden seien keine Investitionen zu erwarten, es fehlten motivierte Lokalpolitiker, gut ausgebildete und innovative Arbeitskräfte. Daran änderten auch aufwendige Infrastrukturbauten, Entwicklungsprogramme oder der Einsatz von Beratern nichts.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Vorschläge mit politischer Sprengkraft, die Tiefensee als Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Länder nicht gefallen können. Das machte er schon bei der Vorstellung der Studie am Montag klar. Am Dienstagmorgen dann erhielt das Berlin-Institut die Weisung, die auf der eigenen Internet-Seite publizierte Studie vom Netz zu nehmen. Dieser Aufforderung kam das Institut zwangsweise nach: Am Nachmittag fanden Interessierte nur noch den kargen Hinweis: "Auf Wunsch des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) ist das Gutachten auf unseren Seiten nicht verfügbar."&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Eine Ministeriumssprecherin bestätigte das Vorgehen, sagte aber, es habe nichts mit den Inhalten zu tun. Vielmehr wolle das Ministerium das Papier zunächst intern auswerten. "Es ist nicht für die Veröffentlichung bestimmt." Vielleicht ein frühes Opfer des demographischen Wandels?&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;span style='font-family:Times New Roman; font-size:12pt'&gt;Text: F.A.Z.&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-1561600293677553353?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/1561600293677553353'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/1561600293677553353'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/07/abwanderung-im-osten_26.html' title='Abwanderung im Osten'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-8672848405776533329</id><published>2009-07-26T16:50:00.002+02:00</published><updated>2009-07-26T16:51:06.061+02:00</updated><title type='text'>Was heißt: Dialog der Religionen?</title><content type='html'>&lt;span xmlns=""&gt;&lt;p&gt;Von Karl Kardinal Lehmann &lt;/p&gt;&lt;p&gt;Auch wenn es eine besondere Sorge der Religionen um den Erhalt der Schöpfung, um Frieden unter den Völkern, um Recht und Gerechtigkeit gibt, wäre es eine Verkürzung, wenn der Dialog so konzipiert würde, dass er die religiösen Fragen ausklammert und nur politisch und sozial relevante oder nur ethisch orientierte Themen in Angriff nimmt. Dialog ist auf das Finden und das Anerkennen von Wahrheit ausgerichtet.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Der Begriff Religion kann irritieren. Er kann leicht vortäuschen, man könne die oft verwirrende und widersprüchliche Vielfalt der Religionen gleichsam in einer Definition ausreichend zusammenfassen. Ursprünglich bezog sich der Begriff Religion auf den Vollzug religiöser Überzeugungen, auf eine bestimmte Praxis und auch auf die Sorge um die Bewahrung des überkommenen Glaubens. In der Neuzeit wurde der Religionsbegriff erheblich ausgeweitet und dadurch immer abstrakter und universaler – selbst Aberglauben und Satanskulte zählten als Religion. Dadurch wurde der Religionsbegriff immer inhaltsleerer und weniger brauchbar für die Beschreibung der gelebten Religion.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;In gewisser Weise ist dieser Prozess freilich unvermeidlich, wenn man überhaupt Wert legt auf eine minimale Erfassung der Einheit religiöser Überzeugungen mitten in der Vielfalt der religiösen Vollzüge. So hat der Vorschlag, auf den Religionsbegriff ganz zu verzichten, schon aus wissenschaftsorganisatorischen Gründen keine Akzeptanz gefunden. Gewiss ist das Moment der Orientierung zur Bestimmung von Religion in dem Sinne festzuhalten, dass Religion zur Führung des eigenen Lebens, besonders in den Widersprüchen der Lebensverhältnisse und in den Schicksalsschlägen der menschlichen Existenz, zur Bewältigung dieser Situationen beitragen will, und zwar in allen Dimensionen des Menschen (Geist, Seele, Leib).&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Freilich sucht der Mensch gerade in Grenzsituationen eine Antwort, die ihm "von außen" hilft. Religion soll einen Sinn gewähren, wo sonst nur noch Elend, Chaos und Verzweiflung herrschen würden. Die Instanz, die hier hilfreich sein kann und soll, gerät manchmal in die Nähe von Magie, die Macht gewinnt über die widrigen Umstände. Sie wird aber auch in einigen Religionen bezeichnet mit dem "Absoluten", mit dem "Heiligen", mit dem "Göttlichen" oder eben auch mit dem vieldeutigen Wort "Gott". Das Wort Transzendenz, das unter Umständen in Stufen über das empirisch Erfahrbare hinausreicht, beschreibt diesen Prozess.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ein zureichender Begriff von Religion muss auch die Rituale und die Mythen einbeziehen. Gerade in ihnen zeigt sich einerseits, dass die Religion vor allem über die Symbole zur Primärwelt des Menschen gehört, dass sich anderseits aber in ihnen etwas zeigt, was sich nicht in diesen begrenzten vergänglichen Gestalten erschöpft. Mircea Eliade hat dafür den Leitbegriff der Hierophanie geprägt: Das Unendliche, Ewige und Göttliche bekundet sich und zeigt sich im Umkreis von Natur, Geschichte und Kultur. Dafür gibt es auch in der religionswissenschaftlichen Erhellung des Phänomens die Begriffe der Epiphanie oder der Erleuchtung. Schließlich entsteht an dieser Stelle das Wortfeld der Offenbarung. Dabei gibt es zugleich eine Einheit und eine Differenz: In dem Begegnenden erscheint das Heilige, wobei bei aller Differenz beides zur Erfahrung kommt.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Diese unleugbar große Variabilität des Phänomens Religion kann zu einer doppelten Verhaltensweise führen. Man schließt sich ganz in die eigene Identität ein und interessiert sich sehr wenig für das Verhältnis zu anderen Religionen. Wenn es überhaupt eine Relation gibt, so meist Verwerfung. Damit verbindet sich leicht die Gefahr eines selbstgenügsamen Fundamentalismus und möglicherweise auch eines Fanatismus. Das Ergebnis ist oft ein sehr militantes Verhältnis zu anderen Religionen. Es kann aber auch sein, dass man auf der anderen Seite die Vielfalt so interpretiert, dass die Vielheit der Religionen als Brechung erscheint, die die verschiedenen gesellschaftlichen, historischen und kulturellen Bedingtheiten jeder Religion spiegelt. Deswegen ist die Vielfalt oft relativ gleichgültig im Sinne einer Indifferenz, die nicht mehr näher beachtet wird. Eine solche Mentalität kann viele Arten des Verhaltens ausbilden, angefangen von grundlegendem Desinteresse an anderen Religionen bis zu grenzenloser Toleranz allen religiösen Ausdrucksformen gegenüber. Je differenzierter das Spektrum von Religion und Religiosität erfasst wird, umso mehr droht die Gefahr solcher grundsätzlicher Haltungen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Diese Gefahr ist nicht eine theoretische. Die Mobilität unserer Welt führt dazu, dass man das Andere und Fremde unwillkürlich wahrnehmen muss, weil es uns ziemlich nahe auf den Leib rückt. Man kann heute fremden Religionen weniger ausweichen. Dies steigert sich noch, wenn man auf die Globalisierung blickt, die in den Augen nicht weniger eine neue, letztlich unfriedliche Epoche der Religionsgeschichte eröffnet. Hinter dieser Einschätzung steht die mehr oder minder begründete Auffassung, dass Religionen Konflikte erzeugen und intolerant sind. Ohnehin wird schon lange eine wechselseitige Abhängigkeit von Monotheismus und Intoleranz behauptet. Freilich gibt es auch Gegenargumente, denn – so wird erklärt – keine Weltreligion könne sich Aufrufe zur Gewalt erlauben. Gewaltlosigkeit sei ohnehin eine Grundkomponente aller Religionen. Dieses Thema steht heute im Zentrum der Auseinandersetzung über die Religionen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Diese Interpretationsmöglichkeiten und die daraus folgenden Verhaltensformen sollten berücksichtigt werden, wenn man heute einen "interreligiösen Dialog" oder den Dialog der Religionen verlangt. Man darf die Schwierigkeiten nicht unterschätzen, die dem Verstehen des Fremden und Anderen entgegenstehen. Diese reichen von der Unfähigkeit zu verstehen bis hin zur Aneignung des Anderen. Dabei befürchtet man, dass das Verstehen dem Anderen seine Andersheit nehmen könnte und daher auch eine Art von Vereinnahmung bedeutet. Es entsteht dabei die Frage, ob das Verstehen das Fremde so sehr in den eigenen Horizont einbezieht und übersetzt, dass ihm die spezifische Eigenheit genommen wird. In der Tat setzt, wie die Auseinandersetzung um Einwanderung, Integration und den Kampf der Kulturen zeigt, jedes Verstehen eine gewisse Anerkennung des Fremden in seiner Andersheit voraus. Ohne eine Kraft der empathischen Annäherung und eines sensiblen Verstehenwollens gibt es nach alter Überzeugung keine Erkenntnis.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Interreligiöser Dialog schließt die Weigerung aus, sich überhaupt auf das Andere und Fremde einzulassen und sich selbstgenügsam in sich zu verschließen. Er setzt voraus, dass man sich damit in der Begegnung gerade mit einer fremden Religion einem Wagnis aussetzt, nämlich entweder das Eigene des Anderen zu verkennen, also mehr oder weniger misszuverstehen, oder das Andere sich ganz anzugleichen und dadurch vielleicht zu manipulieren. Es kann aber auch die Gefahr drohen, in einer fragwürdigen Begeisterung, in einem trunkenen Enthusiasmus oder einer ungeklärten Faszination vom Fremden regelrecht aufgesogen zu werden.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Was aber heißt vor diesem Hintergrund Dialog? Ein Dialog ist ja nicht einfach eine Unterhaltung oder auch nicht irgendein Gespräch. Dialog ist auch niemals eine harmlose Form eines allgemeinen Sichöffnens auf Welt und Gesellschaft hin oder gar eine Spielart unreflektierter Anpassung. Dialog ist im Unterschied zum Gespräch auf das gemeinsame Finden und Anerkennen von Wahrheit ausgerichtet. Er strebt nach einer Einigung, die einem zuvor bestehenden Missverständnis oder auch einem Streit wenigstens ein vorläufiges Ende setzt. Diese Einigung muss nicht immer ein Konsens in allen Dimensionen und Teilbereichen eines Problems oder einer Sache sein. Es gibt auch Stufen der Übereinstimmung.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Wenn ein Dialog stärker durch die Argumentation als Form der Kommunikation gekennzeichnet ist, wird er im heutigen Denken eher als "Diskurs" bezeichnet. Ein Diskurs versucht über die Berechtigung eines problematisierten Geltungsanspruchs eine Entscheidung herbeizuführen. Er setzt voraus, dass ein Wahrheitsanspruch in Frage gestellt ist und dass eine gemeinsame, wirklich kooperative Wahrheitssuche in einer zwanglosen und uneingeschränkten Kommunikation der Verständigung dient. Dem Dialog eignet im Unterschied zu dem strengeren Diskurs das Merkmal der Offenheit und Gesprächsbereitschaft in allen Lebensäußerungen. Damit ist er eine hervorragende und fruchtbare Methode, wie in einer Gesellschaft mit einer sehr konkreten Vielfalt und den unvermeidlichen Pluralitäten redlich umgegangen werden kann. Der Dialog muss dabei an den Willen zur Findung von Wahrheit gebunden bleiben.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ein solcher Dialog hat viele Feinde. Sie steigern sich, wenn es um werthaltige Stellungnahmen geht, besonders weltanschaulicher, philosophischer, religiöser und theologischer Art. Hier droht zunächst die Gefahr, dass Dialog im Namen von Toleranz zunächst nichts anderes meint als eine beliebige Freiheit der Äußerung. Dabei wird der Anschein erweckt, ein solcher Dialog sei besonders tolerant, wenn er auf Seiten der Partner möglichst wenig Verbindlichkeit voraussetzt und schlechthin alles zugelassen wird. Dabei erscheint heute bereits der Standort eines Partners, der nicht verborgen bleibt, sondern zur Sprache kommt, als Verletzung der Dialogbereitschaft. Gewiss gibt es hier bei der Standortgebundenheit der Teilnehmer die Gefahr einer Unduldsamkeit, von Vorurteilen, ja von Borniertheit. Aber das Vorliegen und Darlegen von Verstehensvoraussetzungen ist nicht einfach "Dogmatismus".&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ich habe in letzter Zeit den Eindruck gewonnen, dass man die Religionsfreiheit, auch im verfassungsmäßigen Sinn, heute oft nur – und zwar gerade im Bereich des interreligiösen Dialogs und der Rede darüber – als negative Religionsfreiheit versteht. Dies ist aber nur die eine Hälfte verfassungsmäßig garantierter Religionsfreiheit. Zu ihr gehört die positive Religionsfreiheit, die der Existenz und dem Wirken von Religion, ohne in den inneren Bereich einzugreifen, Raum gewährt und eine Anerkennung der jeweiligen religiösen Überzeugungen erfordert, ja auch Respekt nötig macht. Auf vielen Feldern des öffentlichen Denkens hat sich ein Verständnis von Toleranz eingeschlichen, das im Grunde im Blick auf verbindliche Gehalte beliebig und "substanzlos" ist. Dialog darf nicht durch Machtansprüche gleich welcher Art verzerrt werden. Es gibt dabei auch eine Intoleranz, die sich als Liberalität gibt.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ein Missverständnis des Dialogs wäre es auch, einen Dialog nur dann als möglich zu sehen, wenn man nur eine abstrakte Gemeinsamkeit einiger religiöser Elemente zulässt. Alles, was partikulär, konkret und spezifisch ist, wird zugunsten dieser abstrakten Gemeinsamkeit ausgeklammert oder beiseitegeschoben. Damit verliert aber Religion an Konturen, wird blass und letztlich unverbindlich. Hier liegt eine große Gefahr des modernen Religionsbegriffs, die dadurch noch erhöht wird, dass eine bestimmte Religion reduziert wird auf theoretische Aussagen und "Lehre", die affektiven Elemente, die ethisch-willentlichen Aspekte sowie die Handlungsimpulse hingegen nicht genügend beachtet werden. Eine solche Verkürzung des Phänomens Religion innerhalb der Forderung nach einem interreligiösen Dialog wird oft zu wenig gesehen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ohne eine ganzheitliche, vor allem aber auch personale, existentielle und willentliche Entscheidungsdimension ist das Phänomen Religion nicht zu begreifen. Darum haftet aber auch der konkreten Religion gerne der Aspekt des Irrationalen an, besonders wenn zur Beschreibung das Wort und das Bedeutungsfeld des "Gefühls" verwendet werden. Am wahren interreligiösen Dialog sind in der Regel ja Teilnehmer und Anhänger konkreter Religionen beteiligt. Er wird nicht einfach "von außen" veranstaltet, sei es vom Staat, von den Kulturschaffenden oder den Medien oder aber den Wissenschaften her. Im interreligiösen Dialog müssen die Religionen selbst bei aller hilfreichen Begleitung durch andere zueinanderfinden. Das macht gewiss jeden Begriff eines Dialoges der Religionen komplexer und im konkreten Verstehens- und Verständigungsversuch schwieriger.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Jedenfalls hat das Ziel einer Verständigung einen stark emphatischen und bis zu einem gewissen Grad auch ethischen Anstrich. Denn wenn das Einverständnis in der Sache das Ziel aller Verständigung ist, dann drängt alle Verständigung zu einem Konsens. Wir haben aber, besonders im ökumenischen Gespräch unter den christlichen Kirchen, gelernt, dass eine solche Verständigung noch viele Schritte zulässt. Daraus kann man für den interreligiösen Dialog lernen. Es gibt ein Minimum an Einvernehmen, es gibt Teilkonsense oder auch als Maximum einen Totalkonsens. Vielleicht ist aber auch noch gar keine geglückte Übereinstimmung erreichbar. Dann gibt es in unterschiedlicher Weise Konvergenzen oder Divergenzen, die sich einem Konsens nähern oder davon wegführen. Dies muss selbstverständlich auch im interreligiösen Dialog beachtet werden. Der erreichte Status muss dann zuverlässig festgehalten werden für weitere Versuche der Verständigung. Wenn man hier nicht sorgfältig die operativen Schritte und deren Erreichbarkeit reflektiert, kommt man sehr leicht zu maßlosen Erwartungen, gerade im interreligiösen Dialog. Illusionen darüber sind aber gefährlich.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;So ergibt sich die Frage, ob man von einem interreligiösen Dialog oft nicht zu viel verlangt und zu viel erwartet. Das Modell eines theoretischen Konsenses ist jedenfalls allein nicht angemessen, sosehr das geistige Element Gewicht behält. Der Dialog hat im Blick auf die Religion auch dann einen Sinn, wenn man zunächst "nur" Verschiedenheiten zwischen Religionen aufdeckt. Der Dialog scheitert oft, wenn eine argumentative Widerlegung des Gegenübers oder das Erreichen einer gemeinsamen Begründungsebene beabsichtigt wird. Der interreligiöse Dialog hat eine eigene Struktur. Das schlagende Argument hat seine Grenzen und kann zerstörerisch wirken. Weiter bedarf es einer anderen Erfassung des "Gegenstandes" der Begegnung im interreligiösen Dialog. Es geht dabei ja nicht nur um ein abstraktes Vergleichen von Positionen. Für den interreligiösen Dialog kann selbst das Scheitern von Konsensbemühungen produktiv und fruchtbar werden.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ich möchte als Begegnungsform des interreligiösen Dialogs den Begriff des "religiösen Zeugnisses" vorschlagen und damit eine Anregung von P. Felix Körner SJ aufgreifen und verstärken. Zeugnis ist nicht nur eine eigene "Redeform", sondern bringt auch das umfassendere Verstehen einer Religion ins Spiel: Es ist zugleich die authentische Darstellung eines Bekenntnisses, wie es zur Religion gehört. Die radikale Andersheit des Gesprächspartners braucht nicht grundlegend zu überraschen. Oft ist bereits das damit einhergehende Gespräch anders. Schon während der Präsentation der eigenen Überzeugung tritt man in einen Austausch mit den jeweils vorgestellten Partnern. Auch entdeckt man erst im Dialog ganz die eigene Sicht. Oft scheint erst im Angesicht des Anderen das Eigene auf. Infragestellung kann auch Neues zu Gesicht bringen. Das Zeugnis ist in diesem Falle eine Mischung von Argumentation und Selbstevidenz eines Anderen, der oder das sich darin zeigt.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Man kann darüber streiten, ob man schon an dieser Stelle das Wort Offenbarung gebrauchen soll. Jedenfalls kann man sinnvoll miteinander sprechen, auch wenn sich (noch) kein gemeinsamer Begriffsrahmen einstellt. So haben Zeugnisse, selbst wenn sie noch nicht zu einem Konsens führen, ein hohes hermeneutisches und heuristisches Potential. Das Gegenüber von Zeugnissen ist also immer zugleich eine riskante Begegnung, verlangt ein dynamisches dialogisches Verfahren und lässt Differenzen besser verstehen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;In diesem Zusammenhang will ich davon absehen, dass noch eine weitere Dimension beim religiösen Gespräch hinzukommt, die in der Verständigung eine Rolle spielt: Nicht alles, was sich in unseren Gedanken abspielt, ist, so wie es sich abspielt, der sprachlichen Wiedergabe fähig. Es gibt viele nicht ausgesprochene, bewusste oder unbewusste Hintergründe. Dies muss bei der "Objektivierung" religiöser Erfahrungen besonders bedacht werden, kommt aber im Falle des interreligiösen Dialogs durch die Kommunikation in Zeugnisform zur Sprache. Ich bin der festen Überzeugung, dass man damit dem interreligiösen Dialog besser gerecht wird, ihn nicht maßlos überfordert und er dadurch auch fruchtbarer werden kann. Es kann sich zudem ein Verstehen vollziehen, das nicht schon von vornherein den Sieg des eigenen Erkenntnismusters impliziert. Geltungsansprüche werden zwar zur Kenntnis genommen, aber zugleich eingeschränkt, weil man eben zuerst kennenlernen will.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Damit wandelt sich wohl auch die Art des Dialogs. Das schlichte Kennenlernen, Kontakte, Besuche und einfache Gespräche bekommen ein größeres Gewicht. So gibt es zum Beispiel Besuche von Christen – im konkreten Fall waren es Theologiestudenten – in Moscheen und zugleich eine Gegeneinladung von Muslimen in eine christliche Kirche. Vielleicht tun wir uns unter anderem deshalb mit dem interreligiösen Gespräch so schwer, weil wir diese schlichten Begegnungsformen – vor allem auch in der Nachbarschaft – geringschätzen und zu wenig pflegen. Hier kann sich hinter einfachen Formen der Begegnung ein wichtiges Feld religiöser Begegnung auftun. Man interessiert sich füreinander und geht nicht achtlos oder achselzuckend aneinander vorüber. Ein Taxifahrer hält auf der Straße, die ich überqueren will, und fragt freundlich: "Geht es Ihnen wieder besser?" Auf meine bejahende Antwort folgt ein "Ich freue mich". Woher er komme, möchte ich wissen. "Ich bin ein Iraner. Ich bin 26 Jahre im Exil. Ich bin dankbar, dass ich hier sein darf." Meine Antwort: "Ich wünsche Ihnen Gottes Segen und auf ein gutes Wiedersehen." Er fährt weiter. Diese Elemente des religiösen Dialogs dürfen wir nicht verachten.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Dialog muss in Rücksicht auf die Eigenart religiöser Überzeugungen authentisch sein: Verzicht auf Einseitigkeiten und Machtpositionen, wahre Ebenbürtigkeit der Partner, Verzicht auf simple Widerlegung, Bereitschaft zu riskanter Begegnung und auch zur "Schwäche". Jede Suche nach besserem Verstehen des Wesens von Religion darf nicht nur bloß beim Gesprächspartner auf die Feststellung von "Unwesen" in der Religion ausgerichtet sein, sondern muss zugleich zum Finden des Unwesens bei sich und im eigenen Bereich bereit sein. Dabei kommt es gewiss auf die inhaltliche Beachtung einiger grundlegender Anforderungen an Religion heute an. Wenn ein Dialog darüber im ersten Anlauf oder auch länger nicht gelingt, ist er nicht umsonst.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Anforderungen an Religion heute sollte man anhand mehrerer praktischer Kriterien zur Sprache bringen. Eine Religion etwa, die die gleiche Würde der Menschen verletzt und den Rang und Wert der Menschen nach Rasse und Klasse, Herkunft und Stand, Bildung und Vermögen/Besitz, ja nach der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion einschätzt und absolut setzt, gefährdet sich fundamental selbst und wirkt zerstörerisch. Jede Religion muss die recht verstandene Freiheit der Menschen fördern. Gewiss kennt jede Religion Ordnung und Bindung an ethische Normen und religiöse Weisungen. Auch gehören Gehorsam und Gemeinschaftsverpflichtung zu jeder Religion. Aber ein maßgeblicher Beweggrund muss für jede Religion in der Überwindung infantiler Bevormundung und in der Förderung wahrer Freiheit zu einem guten Leben bestehen. Die eigene Kritik- und Denkfähigkeit muss gefördert und vertieft werden. Begeisterung, die dies auslöschen würde, und ein blinder Fanatismus können deshalb auch zu sehr fragwürdigen Gestalten innerhalb einer Religion werden. Sie machen sie auch grundlegend unglaubwürdig.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Es ist auch an der Vorstellung festzuhalten, dass jede Religion dem einzelnen Menschen und den religiösen Gemeinschaften zum Finden eines unverlierbaren Lebenssinnes und auch zu einer letzten Geborgenheit verhelfen möchte. Sie macht die Menschen nicht weltflüchtig, sondern hilft ihnen, die Gefährdungen dieses Lebens zu bestehen und an ihnen nicht zu zerbrechen. Auch missionarische Sendung gehört zu einer Religion, wenn und solange sie überzeugt ist, dass sie ihre Orientierung, die den eigenen Mitgliedern und Anhängern kostbar und wertvoll ist, auch anderen zu ihrem Nutzen weitergeben möchte und sollte. Aber in dem Augenblick, in dem diese missionarische Sendung in irgendeiner Weise mit Gewalt verbunden wird, ist nicht nur die Würde und Freiheit des Menschen, sondern auch die der Religion zerstört.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Es gibt im Dialog freilich ein entscheidendes Element, das vielleicht eher sogar zu den Voraussetzungen des Dialogs gehört. Dies ist die theoretische und praktische Frage der Religionsfreiheit, und dies im Sinne der negativen und positiven Religionsfreiheit. Nach meinem Verständnis ist das Eintreten für eine allseitige Religionsfreiheit und die praktische Verwirklichung dieser Religionsfreiheit ein zentrales Kriterium jedes interreligiösen Dialogs. Die moralische Pflicht des Einzelnen, den wahren Glauben zu suchen und anzunehmen, wird durch die Gewährung der Religionsfreiheit keineswegs aufgehoben oder relativiert, sondern lediglich von den Eingriffsmöglichkeiten staatlicher oder anderer Gewalt kategorisch geschieden und gegen sie gesichert. In diesem Sinne hat die Religionsfreiheit eine zentrale und kritische Rolle auch für die anderen Menschenrechte.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Natürlich gibt es eine besondere Sorge der Religionen um den Erhalt der Schöpfung, um den Frieden unter den Völkern, um Recht und Gerechtigkeit in aller Welt und um die Versöhnungsbereitschaft bei Konflikten. Es wäre aber gewiss eine Verkürzung, die freilich nicht so selten ist, wenn man einen Dialog unter den Religionen so konzipiert, dass er die religiöse Frage ausklammert und nur politisch und sozial relevante, nur ethisch orientierte Themen in Angriff nimmt. Es wäre geradezu paradox, wenn der interreligiöse Dialog sich um alles kümmern würde, aber nicht um die Suche nach Wahrheit und die Erfüllung dieses Suchens in einer konkreten Religion.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Unter dieser Voraussetzung ist es anzuerkennen, dass die Religionen sich gerade darum bemühen müssen, ein verbindendes Ethos zu fördern, das schwierige Konflikte mindestens mindert oder sogar lösen hilft und Solidarität unter den Menschen schafft. In diesem Zusammenhang ist ganz unbestritten, dass die Verhinderung von Gewalt, die Beendigung kriegerischer Verhältnisse, die Sicherung des Frieden, die Achtung der Menschenrechte und die Aussöhnung zwischen Gegnern und Feinden zu den vordringlichen Themen des interreligiösen Dialoges gehören müssen. Das Verstehen des Fremden und Anderen über verschiedene Kulturen und Religionen hinweg ist das Verbindende.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Hans Küng hat seit vielen Jahren ein solches "Weltethos" auf einen Nenner zu bringen gesucht. Küngs fünf zentrale Imperative sind: kein Zusammenleben auf unserem Globus ohne ein globales Ethos; kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen; kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen; kein Dialog zwischen den Religionen und Kulturen ohne Grundlagenforschung; und kein globales Ethos ohne Bewusstseinswandel von Religiösen und Nichtreligiösen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Man kann gewiss von diesem "Weltethos" ausgehen – und dies mitten in allen kulturellen Verschiedenheiten. Vielleicht muss man zunächst mit einem bilateralen Dialog beginnen, bevor man es multilateral versucht. Beides schließt sich nicht aus. Aber lernen kann man zuerst und besser beim Gegenüber zweier Partner mit ihrem jeweiligen Profil. Die Polyphonie braucht mehr den Meister. Ökumenische Erfahrungen legen ein solches Vorgehen nahe.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Bei den Reflexionen über die Zukunft der Religionen spielen in jüngerer Zeit auch Überlegungen eine Rolle, ob nicht die Bewältigung der sozialen und gesellschaftlichen Probleme, vor allem auch im Lichte der Globalisierung, Motive braucht, die über die bisherigen Interessensperspektiven individueller und kollektiver Art hinausgehen. Es ist und bleibt ein wichtiger Inhalt des gegenwärtigen und künftigen Dialogs der Religionen, und zwar in den einzelnen Ländern, aber auch auf Weltebene. Viele Fachleute sind der Meinung, dass Religionen für die Entwicklung besonders in wirtschaftlich schwachen Staaten und in Regionen geringer Stabilität von entscheidender Bedeutung seien. Darum muss dem Zusammenhang zwischen Religion und Entwicklung mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Im Zeitalter der Globalisierung ist das noch wichtiger.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Der interreligiöse Dialog ist für das Christentum überhaupt, aber auch besonders für die katholische Weltkirche eine zentrale Aufgabe. Davon dürfen und können uns auch nicht missbräuchliche Übertreibungen oder grundlegende Weigerungen abhalten. Papst Johannes Paul II. sagte absichtsvoll um die Jahrtausendwende: "Der Dialog muss weitergehen."&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;♦ ♦ ♦&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;Der Verfasser ist Bischof von Mainz und war von 1987 bis 2008 Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Alle Vorträge der Stiftungsprofessur "Weltreligionen" werden von Karl Kardinal Lehmann unter dem Titel "Weltreligionen. Verstehen, Verständigung, Verantwortung" im Verlag der Weltreligionen, Frankfurt am Main, herausgegeben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15.07.2009 Seite 8&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-8672848405776533329?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/8672848405776533329'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/8672848405776533329'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/07/was-heit-dialog-der-religionen.html' title='Was heißt: Dialog der Religionen?'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-8009571000343189928</id><published>2009-07-26T16:49:00.001+02:00</published><updated>2009-07-26T16:49:41.731+02:00</updated><title type='text'>Bindung kommt vor Bildung</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;Anhänger der "klassischen" Familie propagieren die Vorteile häuslicher Erziehung  / Von Uta Rasche &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;      BERLIN, im Juli&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die Befürworter eines "klassischen" Familienbildes haben es derzeit schwer. Seit sich die Familienpolitik der CDU von der der SPD kaum mehr unterscheidet, gilt als hoffnungslos altmodisch, wer behauptet, Familie sei da, wo "Mutter, Vater und Kinder zusammenleben", und nicht nur da, "wo Kinder sind". Das "Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V." (IDAF), eine seit vier Jahren bestehende Organisation für den Schutz der – klassischen – Familie, tut dies trotzdem. Den familienpolitischen Entscheidungen der großen Koalition in dieser Legislaturperiode, die dem Wunsch vieler junger Frauen nach einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf wie auch Erfordernissen der Wirtschaft und der erodierenden Sozialsysteme entsprechen, hält sie die Frage nach dem Wohl des Kindes entgegen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die Auswirkungen früher Fremdbetreuung, die Bedeutung einer sensiblen Interaktion mit den Eltern für die Entwicklung des kindlichen Gehirns – über diese Themen wollte das IDAF mit Bundestagsabgeordneten kürzlich während eines Symposions diskutieren. Von 350 angeschriebenen Parlamentariern schickten zwei eine Absage, die anderen antworteten nicht. Die angefragten Bundesminister für Familie und Wirtschaft schickten nicht einmal Grußworte. Dank einer treuen Anhängerschaft und großzügiger Spender fand die Tagung dennoch statt. Zu den Geldgebern zählten die Schweizer "Stiftung Humanum" um den Trierer Dominikanerpater Wolfgang Ockenfels, der "Deutsche Familienverband" (früher: Bund der Kinderreichen), eine Steuerberatungsgesellschaft, die Berliner Rennbahn "Hoppegarten", der Nordrhein-Westfälische Handwerkstag und andere. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Mit der rot-grünen Bundesregierung haben ökonomische und demographische Argumente in die Familienpolitik Einzug gehalten. Neuerdings bedient sich auch das IDAF wirtschaftlicher Argumente: Deutschland als rohstoffarmes Land brauche die besten Köpfe, seine Leistungsfähigkeit hänge ab von der Innovationskraft künftiger Eliten. Nur Kinder mit einer engen Bindung an die Eltern in den ersten Lebensjahren, so die These, die der IDAF-Geschäftsführer Jürgen Liminski zur Grundlage des Symposions machte, seien später fähig zu exzellenten Leistungen. Bindung gehe der Bildung voraus, sie sei die Grundlage für Ausdauer, Empathie, Verantwortungsgefühl und Sozialkompetenz. Der Nachweis jedoch, dass Kinder, die überwiegend zu Hause betreut worden seien , als Erwachsene innovativer und kreativer seien als andere, ist bisher nicht seriös zu führen. Studien über den Berufserfolg von Kindern, die als Ein- oder Zweijährige bereits im Kindergarten waren, gibt es noch nicht. Eine Bertelsmann-Studie bescheinigte diesen Kindern eine etwas größere Wahrscheinlichkeit des Übertritts auf ein Gymnasium – was aber auch an der meist akademischen Bildung ihrer Eltern liegen kann. Die amerikanische NICHD-Studie (National Investigation on Children Health and Development) stellte eine leicht erhöhte Aggressivität von früheren Krippenkindern während der Vorpubertät fest. Die anfangs festzustellenden kognitiven und sprachlichen Vorteile seien nach einigen Jahren von den familienbetreuten Kindern aufgeholt worden.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ungeachtet dieser Meinungsverschiedenheiten um den Weg zum "erfolgreicheren" Kind machte der Hannoveraner Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann deutlich, wie wichtig für das Kleinkind der feinfühlige Umgang der Eltern mit ihm sei: "Das Kind will den Eltern etwas bedeuten, es lockt sie, es will sich in ihnen spiegeln. Denn es spürt: Ich bin der, als der ich angeschaut werde." Identität und Selbstsicherheit entstünden aus der engen Bindung an die Mutter. Doch jedes Baby müsse lernen, dass die enge Symbiose mit der Mutter, die es gewohnt gewesen sei, vorbei sei: "Selbst die liebevollste Mutter kommt für das weinende Kind immer ein bisschen zu spät." Er verzichtete darauf, im Glaubenskrieg der Krippengegner und Krippenbefürworter eindeutig Stellung zu beziehen. Doch er wies darauf hin, dass Bindungsstörungen in der frühen Kindheit die Entstehung von ADHS bei Jungen und Autoaggression bei Mädchen begünstigen könnten.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Stuart Shanker, Sprachtheoretiker an der York University in Toronto, berichtete von einer kanadischen Studie, nach der 53 Prozent der Erstklässler Verhaltensprobleme, Entwicklungsstörungen oder seelische Belastungen aufweisen. Die kanadische Regierung bat ihn und den Washingtoner Kinderpsychiater Stanley Greenspan um Präventionsempfehlungen. Die beiden hatten zuvor die Bedeutung der elterlichen Zuwendung für die Gehirnentwicklung erforscht: Der emotionale Austausch zwischen Mutter und Baby forme das Gehirn; erwiderte Gefühle bildeten die Voraussetzungen menschlichen Denkens, förderten Sprache und Intelligenz. Überlieferte Fürsorgepraktiken dürften sich daher nicht zum Negativen verändern, mahnte Shanker in dem Bericht an die Regierung. Durch die Interaktion mit den Eltern lerne das Kind Selbstregulation. Erst sie ermögliche es ihm, sich zu konzentrieren, eine Enttäuschung zu überwinden, durchzuhalten.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Über die geringeren schulischen und universitären Leistungen von Kindern, die in Kibbuzim überwiegend kollektiv erzogen wurden, berichtete anhand von Studien die israelische Psychotherapeutin Carmelite Avraham-Krehwinkel. Der amerikanische Psychologe Patrick Fagan, Senior Fellow am Family Research Center in Washington, lobte die Erfolge der wachsenden Homeschool-Bewegung in den Vereinigten Staaten: Zu Hause unterrichtete Kinder erreichten bei den College-Aufnahmeprüfungen überdurchschnittliche Ergebnisse. Zugleich zeichneten sie sich durch Selbstvertrauen und eine disziplinierte Arbeitshaltung aus, seien kommunikativ und teamfähig. Dass Homeschooling hierzulande verboten ist, hat gleichwohl gute Gründe. In Deutschland ist die Schulpflicht eine Errungenschaft der Reformation. Die Homeschooling-Befürworter, die auf der Tagung ebenfalls vertreten waren, denken zumeist nicht darüber nach, dass auch fromme Muslime ihre Töchter gern aus der Schule nähmen – um sie den Blicken der Mitschüler und liberalen Einflüssen zu entziehen. Im Sinne einer umfassenden Integrationspolitik ist das nicht. Den Impuls des IDAF, um der angeblich besseren Bildungsgrundlagen willen Kinder mehr Zeit innerhalb ihrer Familien verbringen zu lassen, nahmen die anwesenden Wirtschaftsrepräsentanten nur verhalten auf. Klaus Kinkel, Vorsitzender der Telekom-Stiftung, plädierte aufgrund der Bildungsarmut in manchen Familien im Gegenteil sogar für mehr Ganztagskindergärten und Ganztagsschulen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15.07.2009 Seite 10&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-8009571000343189928?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/8009571000343189928'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/8009571000343189928'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/07/bindung-kommt-vor-bildung.html' title='Bindung kommt vor Bildung'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-7778897416554571396</id><published>2009-07-26T16:42:00.002+02:00</published><updated>2009-07-26T16:51:50.061+02:00</updated><title type='text'>Blueswunderkind: Joe Bonamassa in Darmstadt</title><content type='html'>&lt;span xmlns=""&gt;&lt;p&gt;Die Weitsicht eines Zweiunddreißigjährigen: "Wenn es uns nicht gelingt, die Rocktradition für die junge Generation zu modernisieren, wird es bald keine Musik mehr geben." Joe Bonamassa, der vielen als größte Hoffnung im zeitgenössischen Blues gilt, hat ein entspanntes Verhältnis zur Geschichte: "Viele meiner Altersgenossen möchten nicht mehr mit verstaubtem Blues in Verbindung gebracht werden. Doch für mich ist er kein Todesurteil, sondern ein Ehrentitel. Ich bin stolz darauf, Blues-Musiker zu sein, will aber zugleich für das größtmögliche Publikum spielen."&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Kein Wunder, dass ihn ein solch kommerzieller Anspruch bei Puristen in Verruf brachte. Dabei gelingt Bonamassa wie derzeit keinem zweiten Blues-Wunderkind – von Jonny Lang über Kenny Wayne Shepherd bis Derek Trucks – ein generationenübergreifender Brückenschlag vom britischen Bluesrock der Sechziger über Erinnerung an frühen Delta-Blues bis zu den Rock-Energien unserer Tage. Seine körnige Stimme schreit die Frage: "Who killed Joe Henry?" in das dichtbesetzte Auditorium der Darmstädter Centralstation. Dazu winden sich dickflüssige Soundschlieren aus komplex verschalteten Verstärkern. Schon der Eröffnungstitel von Bonamassas jüngstem und bisher besten Studioalbum – einer Hommage an Joe Henry, den großen amerikanischen Arbeiterhelden des späten neunzehnten Jahrhunderts – enthüllt Geheimnisse seiner Begabung: Der Amerikaner, der mit vier Jahren zum ersten Mal eine Gitarre in der Hand hielt, mit sechs "Voodoo Child" von Hendrix spielte, mit zwölf im Vorprogramm von B. B. King auftrat und zwei Jahre später John Lee Hooker begleitete, kämpft gegen alle Klischees. Er bemüht sich erfolgreich, jene Töne zu vermeiden, die man schon tausendmal gehört hat. Dabei hilft ihm nicht nur seine an Eric Clapton, Stevie Ray Vaughan und Danny Gatton geschulte Phrasierung, sondern vor allem sein schnelles Handgelenk-Vibrato im Stil Paul Kossoffs, des frühverstorbenen Free-Gitarristen, das jeder Note eine wimmernd-wehmütige Seele verleiht.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Joe Bonamassa, das demonstrieren vor allem seine schmerzlich langsamen Blues-Nummern, ist ein Klangfanatiker, dem der Ton eines Gitarristen das Wichtigste ist. In seiner Tiefendimension, in seinem Glanz und seiner Fülle spiegelt sich darin unmittelbar die Persönlichkeit eines Musikers. Immer wieder streut er deshalb klagende Einzeltöne in die Fließbewegung seiner Soli ein – markante Haltepunkte melodischer Assoziation. Seine rasante Schwelltechnik mit dem Lautstärkeregler à la Jeff Beck lässt die Gitarre bisweilen wie eine Querflöte klingen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Bonamassa hat sein Flitzefinger-Image hinter sich gelassen und kostet die subtilen Möglichkeiten seiner 57er Gibson-Goldtop aus. Unterstützt von einem kompakten Trio mit Keyboard, Bass und Schlagzeug, stimmlich ergänzt durch den französischen Blues-Shouter Gary Rafferey und die Sängerin Sandy Thon, liefert Bonamassa heute ein Versprechen auf eine glänzende Zukunft. Vielleicht sollte man den Jungstar nicht zu früh zur Legende stilisieren. Bei aller Brillanz hat Gary Moore – einer der heimlichen Heroen Bonamassas – mit seiner Ernüchterung recht: "Alle nennen ihn schon eine Blues-Legende, dabei ist der Typ noch viel zu jung. Mit zweiunddreißig kann man den dunklen Dämon des Blues noch nicht bändigen."      Peter Kemper&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-7778897416554571396?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/7778897416554571396'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/7778897416554571396'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/07/blueswunderkind-joe-bonamassa-in.html' title='Blueswunderkind: Joe Bonamassa in Darmstadt'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-952487949530681965</id><published>2009-07-26T16:41:00.003+02:00</published><updated>2009-07-26T16:41:41.565+02:00</updated><title type='text'>Fällt der Embryonenschutz?</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;Warum der Angriff auf das Schutzargument nicht trifft &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die internationale Finanzkrise ist vergleichsweise jung. Die Krise im Gesundheitswesen ein Dauerzustand. Die Zeitschrift für medizinische Ethik widmet ihr ein ganzes Heft. Klaus-Dirk Henke, Gesundheitsökonom aus Berlin, stellt noch einmal klar, dass es sich keinesfalls um eine Explosion der Kosten handelt. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt, haben sich die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung in anderthalb Jahrzehnten nur moderat erhöht. Die Leistungen sind explodiert. Henke prognostiziert, dass die Gesundheitswirtschaft an Bedeutung gewinnen wird. Sie werde aus der Wirtschaftskrise gestärkt hervorgehen. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Dennoch komme man um eine Rationierung nicht herum, meinen Wolfram Höfling und Steffen Augsberg. Es klaffe eine breite Lücke zwischen dem, was möglich, und dem, was finanzierbar sei. Die beiden Juristen vom Institut für Staatsrecht der Universität zu Köln sondieren die Vorgaben, die die Verfassung dem Gesetzgeber beim Rationieren von Gesundheitsleistungen auferlegt. Sie kommen zu dem Schluss, dass das Parlament sich kreativ entfalten kann. Nicht jeder Patient hat einen in der Verfassung verbürgten Anspruch auf alles. Auf Heilung abzielenden Ansätzen komme kein prinzipieller Vorrang zu. Umweltrecht oder etwa Regelungen des Straßenverkehrs seien ebenfalls geeignet, Krankheiten zu vermeiden. Das Parlament sei frei zu entscheiden, Unfallkliniken auszubauen oder ein Tempolimit einzuführen. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;In der freien Gesellschaft ist beim Rationieren Transparenz gefordert. Es sei daher problematisch und stehe im Widerspruch zur Verfassung, derartige Entscheidungen den Akteuren im Gesundheitswesen zu überlassen, wie es in der Transplantationsmedizin der Fall sei. Organe sind ein knappes Gut. Rationierung ist längst Routine. Das einschlägige Gesetz delegiert Allokationsentscheidungen an den Vorstand der Bundesärztekammer. Es sei irreführend, wie es im Gesetz heißt, dass die Kammer lediglich Feststellungen medizinischer Art treffe. Vielmehr enthielten die Richtlinien "substantiell eigene Wertungen von existentieller Bedeutung". Die seien aber Sache des Gesetzgebers, fordern Höfling und Augsberg. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Im Hastings Center Report will Matthew Wynia, Direktor des Ethikinstitutes der Amerikanischen Ärztegesellschaft, die Billionen Dollar Finanzhilfen für die Wirtschaft auch für die Gesundheit der Amerikaner fruchtbar machen. Niemandem könne ein gesunder Lebensstil aufgenötigt werden. Doch sind soziale Faktoren der Gesundheit förderlich. So belegen Studien, dass Personen körperlich aktiver sind, wenn sie vor dem Haus ein Trottoir vorfinden oder in der Nähe eines Parks wohnen. In gemischten Wohngebieten mit Geschäften in Reichweite für Fußgänger sinkt das Risiko, eine krankhafte Fettsucht zu entwickeln, um dreißig Prozent. Wynia hält einen Vorschlag für Präsident Obama bereit. Das Geld aus dem Konjunkturpaket für Verbesserungen der Infrastruktur dürfe nur für solche Projekte eingesetzt werden, die eine gesunde Lebensweise befördern. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die elektronische Fußfessel hält auch in der Medizin Einzug. Sie eignet sich, etwa Demenzkranke zu überwachen und sie vor Selbstgefährdung zu schützen. Helmut Kreicker untersucht in der Neuen Juristischen Wochenschrift die verfassungsrechtlichen Aspekte. Auch wer dement ist, hat eine private Sphäre und ein Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Pflegende dürfen nicht alles kontrollieren. Der Richter aus Hildesheim hält die neue Technik der Radiofrequenzidentifikation für grundsätzlich zulässig in der Versorgung dementer Personen. Allerdings bedürfe die Verwendung der entsprechenden Chips der Einwilligung eines Betreuers oder Bevollmächtigten.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die bahnbrechenden Entdeckungen japanischer und amerikanischer Wissenschaftler haben die Hoffnung geweckt, den Streit um den Verbrauch von Embryonen für die Wissenschaft beilegen zu können (siehe zuletzt Natur und Wissenschaft vom 8. Juli). Die Forscher haben Körperzellen reprogrammiert. Die wurden einer Verjüngungskur unterzogen. Wenn man sie nur geeignet behandelt, können sie sich zu einem Fetus entwickeln. An diesen Befund knüpfen Gerard Magill und William Neaves, Bioethiker aus Pittsburgh und St. Louis in den Vereinigten Staaten, im Kennedy Institute of Ethics Journal eine philosophische Debatte. Sie behaupten, die Reprogrammierung hebe das Argument der Potentialität aus den Angeln. Das Potentialitätsargument gilt als Eckstein im Gebäude der Gründe, die für den unbedingten Schutz des Embryos sprechen. Es besagt, dass im Embryo ein vollständiger, potentiell mit allen Funktionen ausgestatteter Organismus angelegt sei. Da aus jeder Zelle des Körpers ein Embryo reprogrammiert werden könne, müsse das Argument auch auf diese Zellen angewandt werden, schreiben Magill and Neaves. Es sei aber absurd, jeder beliebigen Körperzelle die Menschenwürde zuzuerkennen. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Fällt damit der Embryonenschutz? Nein, meinen die Neurobiologin Maureen Condic, der Jurist Partrick Lee und der Bioethiker Robert George in der gleichen Ausgabe der Zeitschrift. Sie halten den Angriff auf das Potentialitätsargument für logisch und wissenschaftlich nicht haltbar. So übersähen Magill und Neaves etwa den Unterschied zwischen einer Zelle und einem Organismus. Ohne Intervention können Körperzellen sich eben nicht zu einem vollständigen Organismus entwickeln. Schon dies allein offenbare – neben anderen Aspekten – eine fundamentale Differenz, die moralisch bedeutsam sei. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Kürzlich feierte die Juristen-Vereinigung Lebensrecht ein Jubiläum. Sie wurde vor einem Vierteljahrhundert von namhaften Staats- und Verfassungsrechtlern gegründet. In der von dem Verein herausgegebenen Zeitschrift für Lebensrecht befasst sich Mareike Klekamp aus der Sicht christlicher Gesellschaftslehre mit der Selektion von Embryonen. Sie beklagt, dass der Gesetzgeber bei der Verabschiedung des Embryonenschutzgesetzes nicht an die Möglichkeiten der Polkörperdiagnostik gedacht habe. Nicht erst mit der Vereinigung der Kerne von Ei- und Samenzelle sei das einzigartige Genom eines neuen Menschen bestimmt. Vielmehr sei dies bereits mit Abschluss der Reifeteilung der Fall, wenn das genetische Material noch getrennt in Vorkernen vorliegt. Bislang sind aber die Vorkernstadien in Deutschland nicht geschützt. Embryonen, das heißt Organismen nach der Kernverschmelzung, dürfen in Deutschland nicht tiefgefroren aufbewahrt werden. Es lagerten aber viele tausend kryokonservierte Vorkernstadien in den Fertilitätszentren. An ihnen werde eine genetische Selektion im Rahmen der Polkörperdiagnostik vor der Vereinigung der Kerne vorgenommen. Vorkernstadien seien keinesfalls nur eine therapeutische Ressource, wie es in einschlägigen Publikationen heiße. Vielmehr zählten sie zur Menschengattung.       Stephan Sahm&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24.07.2009 Seite 34&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-952487949530681965?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/952487949530681965'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/952487949530681965'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/07/fallt-der-embryonenschutz.html' title='Fällt der Embryonenschutz?'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-6136720077120905083</id><published>2009-07-26T16:41:00.001+02:00</published><updated>2009-07-26T16:41:00.392+02:00</updated><title type='text'>Sie haben es nur zum Lehrer gebracht?</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;Der Beruf des Pädagogen leidet unter der mangelnden gesellschaftlichen Wertschätzung / Von Timo Frasch &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Um sich in den Schul- oder Semesterferien die schönen Seiten des Lehrerberufs in Erinnerung zu rufen, sollten Lehrer, Studenten und Abiturienten vielleicht ein Buch zur Hand nehmen. Am besten, sie lesen Cees Nootebooms "Die folgende Geschichte". Deren Held ist der Altphilologe Hermann Mussert, ein im Leben ungelenker Mensch, der aber auf seiner kleinen Bühne, im Klassenzimmer, regelmäßig Triumphe feiert. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Mussert geht es wie 300 000 deutschen Lehrern in den kommenden zehn Jahren: Er wird pensioniert. Und was macht er in seiner allerletzten Schulstunde? Er behandelt noch einmal Platons Phaidon. Es geht also um das Athener Gefängnis, in dem Sokrates, vielleicht der berühmteste aller Lehrer, seine Schüler versammelt hat, um bei Sonnenuntergang aus dem tödlichen Schierlingsbecher zu trinken. Mussert spielt das alles in Vollendung: Im Klassenzimmer nimmt er seine Schüler mit in die Zelle, wo er Sokrates "mit einer Würde sterben lässt, die sie in ihrem kurzen oder langen Leben nie mehr vergessen" werden. Als die Schulstunde zu Ende ist, sind selbst die größten Rabauken zu aufgewühlt, um noch irgendetwas sagen zu können. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Vielleicht gab es diesen Mussert nie, wer weiß. Wenn Nooteboom nicht über ihn geschrieben hätte, dann hätte es ihn ganz sicher nicht gegeben. Heute ist es doch so: Nur was möglichst viele mitbekommen, was nach außen dringt, was sich in Ergebnissen messen lässt, ist auch und wird gut entlohnt. Oder umgekehrt: Nur was gut entlohnt wird, ist auch und wird von vielen zur Kenntnis genommen. Dem Lehrerberuf, den nicht mehr genügend junge Leute ergreifen wollen, scheint dieses marktwirtschaftliche Gesetz zum Verhängnis geworden zu sein. Zu gering sind für Lehrer die Aufstiegs- und Verdienstmöglichkeiten; zu vage und unbefriedigend ist die Aussicht, dass dereinst ein Schüler dem Lehrer dankt, was er ihm verdankt. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Wer heute etwas auf sich hält, will Erfolg, Geld und Anerkennung – so viel wie möglich und am besten sofort. Früher, als die Welt noch klein war und der Lehrer neben dem Arzt und dem Pfarrer der erste Mann im Dorf, mag das auch als Pädagoge möglich gewesen sein. Das ist vorbei. Wie der Deutsche Philologenverband zu Recht befindet, ist "der Lehrerberuf für viele leistungs- und karriereorientierte junge Erwachsene nicht lukrativ". Das zeigt sich insbesondere bei den jungen Männern, die ihren eigenen Status noch immer stärker als Frauen über den beruflichen Erfolg definieren: Nach Angaben des Verbands entwickelt sich bei einem schon fast neunzigprozentigen Frauenanteil im Grundschullehramt auch die Frauenquote unter den Studenten des Lehramts am Gymnasium hin zu etwa 70 bis 75 Prozent. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass sich die besten Leute, die für das Lehramt eigentlich gerade gut genug sein müssten, bevorzugt gegen ein Lehramtsstudium entscheiden: Nach einer Studie des Erziehungswissenschaftlers Udo Rauin ist für jeden vierten Lehramtkandidaten an einer Pädagogischen Hochschule Baden-Württembergs sein Studium eine Notlösung, weil er an den Zulassungsbeschränkungen in anderen Fächern gescheitert ist. Das Lehramt zieht seiner Meinung nach Leute an, die sich ein schwieriges Studium nicht zutrauen. Eine andere, kontroverse Studie von Ludger Wößmann zeigte, dass angehende Grund-, Haupt- und Realschullehrer im Schnitt eine schlechtere Abiturnote haben als andere Akademiker. Für Gymnasiallehrer gilt das nicht. Gewonnen ist damit allerdings noch nicht viel: Nach Angaben des Deutschen Lehrerverbands treten nämlich nur etwa zwei Drittel der Lehramtsstudenten in den Schuldienst ein. Ein Drittel bricht also ganz ab oder wechselt den Studiengang. Daran sind auch die Universitäten schuld. Obwohl Lehramtsstudenten selten weniger leisten müssen als diejenigen, die im selben Fach einen anderen Abschluss anstreben, werden sie an den Hochschulen mitunter belächelt: von Kommilitonen, die sich für risikofreudiger und aussichtsreicher halten, aber auch von Professoren, die ihr Selbstbewusstsein zumeist nicht aus der Lehre, sondern aus der Forschung und ihrer Zugehörigkeit zur "scientific community" beziehen. Nicht ohne Grund schrieb der Soziologe Uwe Schimank in dieser Zeitung: "Was der Gymnasiallehrer nur zaghaft für sich beanspruchen kann, fordert der Universitätsprofessor machtvoll für sich ein: als Mitglied der Elite der Forschenden weit über dem bloß Lehrenden zu stehen." &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Es gibt Länder, in denen das anders ist. In Finnland etwa gehören Lehrer ganz selbstverständlich zur gesellschaftlichen Elite. Das ergibt sich vor allem aus dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Im Sommer 2008 konkurrierten dort 6500 Bewerber um 800 freie Plätze. In Deutschland ist man hingegen schon jetzt froh, überhaupt jede Lehrerstelle besetzen zu können. Und in den kommenden Jahren werden die Pensionierungen entweder dazu führen, dass Stellen überhaupt nicht besetzt werden oder dass beinahe jeder, der nichts Besseres gefunden hat, auf die Schüler losgelassen wird. So bekommt man keine Lehrer, die in der Lage sind, den Schülern, das heißt: den potentiellen künftigen Lehrern, die Schönheit des Lehrerberufs zu vermitteln. Der Deutsche Philologenverband hat deshalb Alarm geschlagen. Nach seiner Einschätzung könnten schon in diesem Herbst mehr als 30 000 entsprechend ausgebildete Lehrer fehlen, vor allem in den sogenannten Mint-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik), aber auch in Hermann Musserts Altphilologie. Die Politik, die sich jahrelang die Zahlen schöngerechnet hat, reagiert allmählich auf die Missstände. So wurden bei der jüngsten Sitzung der Kultusministerkonferenz "gemeinsame Leitlinien zur Deckung des Lehrerbedarfs" vereinbart. Außerdem scheint sich unter den politisch Verantwortlichen inzwischen herumgesprochen zu haben, dass man nicht ständig über die Bedeutung der Bildung sprechen kann, ohne die Bedeutung der Lehrer wenigstens zu erwähnen. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ein grundsätzliches Problem wird sich dadurch nicht lösen lassen: Dass man erst einmal viele junge Leute braucht, die ins Lehramt wollen, damit viele andere junge Leute auch ins Lehramt wollen. Wie kann man diesem Paradox entrinnen? Indem man die Gesetze der Marktwirtschaft auch auf das Lehramt anwendet und versucht, die Leistungen der Pädagogen außerhalb des Klassenzimmers sichtbar zu machen: über eine fachkundige Bewertung des Unterrichts, über Prämien und Preise. Über einen echten Wettbewerb unter den Schulen um die besten Lehrer. Über Exzellenzzentren für die Lehrerbildung, wie sie jetzt an mehreren Universitätsstandorten eingerichtet werden. Schließlich durch eine engere Zusammenarbeit der Schulen mit den Universitäten, um auch so die Ansehenskluft zwischen Lehre und Forschung zu verkleinern. Solche Instrumente sind das eine. Das andere ist, dass sich die Gesellschaft wieder dessen bewusst werden muss, was es im besten und gar nicht so seltenen Fall heißen kann, ein Lehrer zu sein. Zum Beispiel: Sokrates mit einer Würde sterben zu lassen, welche die Schüler in ihrem Leben niemals mehr vergessen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24.07.2009 Seite 10&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-6136720077120905083?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/6136720077120905083'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/6136720077120905083'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/07/sie-haben-es-nur-zum-lehrer-gebracht.html' title='Sie haben es nur zum Lehrer gebracht?'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-6491463358218469117</id><published>2009-07-16T10:00:00.006+02:00</published><updated>2009-07-20T20:40:22.375+02:00</updated><title type='text'>Loest</title><content type='html'>&lt;div class="Section1"&gt;&lt;p style="LINE-HEIGHT: 12pt; BACKGROUND: white" class="MsoNormal"&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:7;color:black;"&gt;Erich Loest ist mit Leipzig verbuden (Bild: AP Archiv)&lt;/span&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:12;color:black;"&gt; &lt;?xml:namespace prefix = o /&gt;&lt;o:p&gt;&lt;/o:p&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;p style="LINE-HEIGHT: 12pt; BACKGROUND: white" class="MsoNormal"&gt;&lt;b&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';color:black;"&gt;&lt;a title="Audio Link: Gespräch mit Erich Loest" href="javascript:popupAOD(" station="3&amp;amp;broadcast=358901&amp;amp;datum=20090612&amp;amp;playtime=1244817398&amp;amp;fileid=bb3d699f&amp;amp;sendung=348687&amp;amp;beitrag=981243&amp;amp;/');&amp;quot;"&gt;&lt;span style="TEXT-DECORATION: none;color:#e85417;" &gt;"Das Mäuschen tanzte"&lt;/span&gt;&lt;/a&gt;&lt;o:p&gt;&lt;/o:p&gt;&lt;/span&gt;&lt;/b&gt;&lt;/p&gt;&lt;p style="LINE-HEIGHT: 14.4pt; BACKGROUND: white" class="MsoNormal"&gt;&lt;i&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt;Schriftsteller Loest über die Wende in der DDR und seinen Roman "Nikolaikirche"&lt;o:p&gt;&lt;/o:p&gt;&lt;/span&gt;&lt;/i&gt;&lt;/p&gt;&lt;p style="LINE-HEIGHT: 14.4pt; BACKGROUND: white" class="MsoNormal"&gt;&lt;i&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt;Erich Loest im Gespräch mit Sigrid Wesener&lt;o:p&gt;&lt;/o:p&gt;&lt;/span&gt;&lt;/i&gt;&lt;/p&gt;&lt;p style="LINE-HEIGHT: 16.8pt; BACKGROUND: white" class="MsoNormal"&gt;&lt;b&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt;Die Leipziger Nikolaikirche gilt als Symbol für den Unmut in der DDR. Nach Einschätzung des Schriftstellers Erich Loest hat sich das Stimmungsgefühl nach den ersten Demonstrationen im Herbst 1989 gewandelt. "Die Leute hatten dann keine Angst mehr", sagte Loest.&lt;/span&gt;&lt;/b&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt;&lt;o:p&gt;&lt;/o:p&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;p style="LINE-HEIGHT: 16.8pt; BACKGROUND: white" class="MsoNormal"&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt;Anmoderation: Die Leipziger Nikolaikirche wurde ja zum Symbol für den Unmut in der DDR, den man hier zuerst artikuliert. Hier fanden über Jahre die Friedensgebete statt, und von hier aus machten sich die Montagsdemonstrationen auf den Weg, die schließlich mit der berühmten Leipziger Demonstration vom Oktober 1989 den Anstoß gaben für die sich dann überschlagenden Ereignisse. "Keine Gewalt" und "Wir sind das Volk" - ursprünglich kamen diese Rufe aus Leipzig.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Mit dieser Stadt ist Erich Loest sein ganzes Leben lang verbunden, auch wenn er 1989 schon zehn Jahre im Westen lebte - nach einem Gefängnisaufenthalt in Bautzen und vielen Repressalien in der DDR war Loest ausgereist. Inzwischen lebt er wieder in Leipzig. In den historischen Herbsttagen im Herbst 1989 war auch für ihn plötzlich Unmögliches ganz einfach, wie Sigrid Wesener in einem Gespräch mit Erich Loest erfuhr.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;b&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt;Erich Loest:&lt;/span&gt;&lt;/b&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt; Ich lebte in Bonn, und zu meinen Füßen, am Rhein unten war die ständige Vertretung der DDR in der Bundesrepublik, und dort hatte ich jedes Jahr einmal einen Antrag gestellt, meine Verwandten in Leipzig und Mittweida besuchen zu dürfen. Meist hatte ich überhaupt keine Antwort bekommen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Und dann ging ich dort hinunter und klingelte und sagte: Ich heiße Loest. Ach ja, Herr Loest, kommen Sie bitte rein. Wir haben zwar gerade Ruhetag heute, aber … Ja, ja, ich sage, ich brauche ein Visum, ich will nach Leipzig. Ja, bitteschön, und klar, da waren diese Herren Genossen aber von einem Tag auf den anderen ganz andere, und der Feind Erich Loest war jetzt ein angenehmer Mensch, dem man auch am Ruhetag natürlich ein Visum ausstellte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;b&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt;Wesener:&lt;/span&gt;&lt;/b&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt; Die Situation hat sich dann ja über das Jahr sehr zugespitzt, dann gab es die Montagsdemos. Sie sind im Dezember 1989 zurückgekehrt nach Leipzig. Wie haben Sie diese Stadt vorgefunden?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;b&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt;Loest:&lt;/span&gt;&lt;/b&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt; Ich habe noch eine Demo miterlebt, das war vor Weihnachten und Magirius verkündete dann: Jetzt ist die letzte Demo vor Weihnachten, gehet hin in Frieden. Ich habe dann im Schriftstellerverband mit meinen alten Kollegen gesprochen, ich war sogar in dem Knast der Stasi, in dem ich mal gesessen habe, da hat mich da ein Fotograf hineingelockt und Reporter, die da auf Sensation aus waren. Die ersten Tage und Wochen war ich schon nach meinen Möglichkeiten eng dabei.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;b&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt;Wesener:&lt;/span&gt;&lt;/b&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt; Sie beschreiben das in dem Roman "Nikolaikirche" noch mal ganz genau, dieses Stimmungsgefühl: auf der einen Seite hoch aufgeladen und auf der anderen Seite war auch eine Leichtigkeit und so eine phantasievolle Antibewegung. Da war also auch viel Witz, da war viel Komik drin, dass die Situation eigentlich durch das Auftreten der Marschierenden entschärft werden konnte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;b&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt;Loest:&lt;/span&gt;&lt;/b&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt; Die Leute hatten dann keine Angst mehr. Bei den ersten Demonstrationen im September, da waren viele stumm, und dann hatten sie Angst, dass geschossen wurde und Gorbi, Gorbi haben sie gerufen. Später sangen sie dann frech "Stasi in den Tagebau". Nachdem der äußere Druck der Gefahr weg war, machten sich dann auch der Humor und der Volkswitz Platz. Das Mäuschen tanzte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;b&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt;Wesener:&lt;/span&gt;&lt;/b&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt; Sie haben auch darüber nachgedacht und geschrieben, dass sich dann ganz schnell 1989 der Schwerpunkt von Leipzig wieder zurück nach Berlin verlagerte. Hat Sie das enttäuscht?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;b&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt;Loest:&lt;/span&gt;&lt;/b&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt; Es ist dann doch der große Versuch gemacht worden am 4. November, die DDR immer noch zu erhalten, zu reformieren - mit dieser von der Partei organisierten großen Demonstration, wo Dampf abgelassen wurde und wo alle möglichen kühnen Versionen durchexerziert wurden, was man nun macht in diesem Land.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Und es war kein Wort davon, die Mauer müsse weg, es war kein Wort davon, die SED müsse zurücktreten. Es war immer noch ein Versuch, die DDR zu reformieren, aber durch diese Reformation zu erhalten. Und dann zog ein paar Tage später ein Funktionär zur falschen Zeit den falschen Zettel aus der Tasche und die Mauer war weg, sie war offen und das Volk flutete hindurch und die Trabis fuhren bis an den Rhein, und das war dann das Ende der DDR. Ein komisches Ende.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;b&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt;Wesener:&lt;/span&gt;&lt;/b&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt; Sie haben, Erich Loest, mal gesagt, dass Sie immer über die Stadt, über Leipzig, schreiben werden. Sie sind Ende der 90er zurückgekehrt, Sie leben jetzt wieder in Leipzig. Was vor allem haben Sie am Wandel innerhalb der Stadt am meisten empfunden?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;b&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt;Loest:&lt;/span&gt;&lt;/b&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt; Das war 90, ein neuer Aufbau mit neuen Leuten, die aus dem Westen kamen, mit einem klugen Oberbürgermeister, Lehmann-Grube, dem die Stadt Unendliches verdankt in dieser Zeit. Es kamen Glücksritter, es kamen notwendige Leute und überflüssige Leute, und im Nachhinein unterhalten sich nun viele, was man anders hätte machen müssen, mit der Treuhand und mit dem Geldumtausch und der irrsinnigen Aufwertung der DDR-Mark, die die Wirtschaft sofort zu Boden schmetterte. Und Helmut Schmidt und andere schreiben darüber kluge Bücher und zu diesem Herbst erscheinen wieder kluge Bücher, und unterdessen ist das Leben in dieser Stadt weitergegangen, für manche im Glück, für andere, die ihren Arbeitsplatz verloren haben, im Unglück. Ich habe mal gesagt: Man kann einen 50-jährigen Metaller nicht zu zwei 25-jährigen Bänkern umschulen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;b&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt;Wesener:&lt;/span&gt;&lt;/b&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt; Die Universitätskirche - auch sie ist in Ihren literarischen Texten immer wieder Gegenstand des Erinnerns. Inzwischen gibt es Konturen der neuen Paulinerkirche, und es gibt ja auch Dokumente, die die Zerstörungswut 1969 festhalten. Sie selbst haben in Ihrem neuen Roman "Löwenstadt" auch darauf Bezug genommen. Wie empfinden Sie jetzt diesen Wiederaufbau an dieser Stelle in dieser Form?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;b&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt;Loest:&lt;/span&gt;&lt;/b&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt; Das hat ja furchtbar viel Ärger gegeben in den letzten Jahren, dort stand ja ein 33 Tonnen schweres Karl-Marx-Relief. Wohin damit? Das ging in der Meinung von Einschmelzen - was nicht meine Meinung war - bis zum Aufstellen dort, wo die Trümmer der Kirche liegen, auf den ehemaligen Sandgruben in (…), und nun ist es wieder aufgestellt worden, immer noch auf Universitätsgelände, und das hat vielen missfallen und mir auch. So ist es mit einem Bild, was Werner Tübke gemalt hat, auf dem die Zerstörer und Verderber der Universität mit Paul Fröhlich zu sehen sind, was die Universität erhalten will und weiterhin aufstellen will, und die …&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;b&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt;Wesener:&lt;/span&gt;&lt;/b&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt; Und Erich Loest wäre nicht Erich Loest, wenn er nicht einen Gegenentwurf hätte machen lassen, der demnächst gezeigt werden wird in dem Erich-Loest-Museum.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;b&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt;Loest:&lt;/span&gt;&lt;/b&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt; Ja, es ist von mir dann ein Maler gefunden worden nach langem Suchen, Reinhard Minkewitz, der ein Gegenbild gemalt hat: die Opfer der Karl-Marx-Universität, die vertrieben worden sind, die umgebracht worden sind, Hans Bloch und Hans Maier, der Student Ihmels, Natonek, der Pfarrer Schmutzler, und ich dachte, an diesem Bild kann dann an der Universität in Leipzig niemand vorbeigehen. Es hat aber in Leipzig niemand haben wollen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;b&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt;Wesener:&lt;/span&gt;&lt;/b&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt; Und dieses Gemälde ist dann in Mittweida im Geburtshaus von Erich Loest aus Teil der ständigen Ausstellung zu sehen?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;b&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt;Loest:&lt;/span&gt;&lt;/b&gt;&lt;span style="font-family:'Verdana','sans-serif';font-size:9;color:black;"&gt; Das planen die Mittweidaer. Dort kommt das Bild hin, und wir schauen uns mal an, wie es wirkt.&lt;o:p&gt;&lt;/o:p&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;p class="MsoNormal"&gt;&lt;o:p&gt;&lt;/o:p&gt;&lt;/p&gt;&lt;p class="MsoNormal"&gt;&lt;o:p&gt;&lt;/o:p&gt;&lt;/p&gt;&lt;p class="MsoNormal"&gt;&lt;span style="font-family:'Tahoma','sans-serif';font-size:10;"&gt;&lt;o:p&gt;&lt;/o:p&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;p class="MsoNormal"&gt;&lt;span style="font-family:'Tahoma','sans-serif';font-size:10;"&gt;&lt;o:p&gt;&lt;/o:p&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;p class="MsoNormal"&gt; &lt;/p&gt;&lt;/div&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-6491463358218469117?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/6491463358218469117'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/6491463358218469117'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/07/loest.html' title='Loest'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-8495616852403456614</id><published>2009-07-11T21:28:00.003+02:00</published><updated>2009-07-11T21:28:47.407+02:00</updated><title type='text'>Mick Jagger zeigt sich als Geschichtsenthusiast</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;span style='font-family:Times New Roman'&gt;Er hat gerade das neue Buch des in Oxford lehrenden Historikers John Darwin zu Ende gelesen – und er ist durchaus angetan. Das Buch heißt "After Tamerlane. The Global History of Empire". Es verschaffe, sagt er, einen wirklichen Überblick: "Man erfährt, wie sich die Weltmacht-Strukturen seit dem fünfzehnten Jahrhundert entwickelt haben und wie sie miteinander verflochten sind. Wenn man sich normalerweise mit Geschichte beschäftigt, sieht man das Ganze doch immer nur aus einem sehr engen Blickwinkel. Darwins Buch setzt all die verschiedenen Weltmächte in Bezug zueinander – bis zum heutigen Tag. Das ist sehr interessant." Historiographische Erwägungen sind nicht eben das, was wir von ihm erwarten. Im Gespräch mit der Journalistin Christiane Rebmann, das am kommenden Montag im Deutschlandfunk zu hören sein wird, aber erweist sich Mick Jagger als Geschichtsenthusiast reinsten Wassers. Er befindet sich dabei in bester Gesellschaft: Schon Christopher Marlowe hat Timur, dem zentralasiatischen Herrscher des vierzehnten Jahrhunderts, ein Schauspiel gewidmet ("Tamburlaine der Große", 1590), Edgar Allen Poe hat ein Gedicht über ihn geschrieben ("Tamerlane", 1827). Jagger, einmal in Fahrt, weiß indes auch Begeisterndes über die Zeiten vor und nach Timur zu berichten. Sein neun Jahre alter Sohn lese gerade eine Weltgeschichte mit vielen Illustrationen: "Er fliegt förmlich durch die Geschichte" – und er stecke ihn, den Vater, mit seiner Leidenschaft an. Als seine historischen Lieblingsfiguren nennt Mick Jagger den russischen Feldherrn Potemkin und den französischen Chefdiplomaten Talleyrand. An beiden fasziniert ihn etwas sehr Ähnliches: Wie sie ihre Lust an gesellschaftlichen Ereignissen, an Bällen und Salongeplauder, mit "harter Arbeit" und einer "Vielzahl von Mätressen" zu verbinden wussten – Talleyrand, sagt er voller Respekt, "hat täglich eineinhalb Stunden auf seine Morgentoilette verwandt". Das Gespräch hat Christiane Rebmann jüngst in einer Suite des Londoner Soho-Hotels geführt. Und natürlich dreht es sich keineswegs nur um den Hobbyhistoriker Jagger. Unlängst hat er "The Very Best of Mick Jagger" veröffentlicht, seine Auswahl aus den vier Solo-Alben seit 1985. Also erzählt er viel Anekdotisches, etwa über die Zusammenarbeit mit John Lennon bei "Too Many Cooks" zu Anfang der siebziger Jahre. Selbstverständlich werden auch einige Songs eingespielt: Kracher wie "God Gave Me Everything", "Dancing in the Street" oder "Memo For Turner". Dies alles ist sehr unterhaltsam, vieles aber auch seit langem bekannt – ganz im Gegensatz zu seiner Geschichtsliebe.            Jochen Hieber&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;span style='font-family:Times New Roman'&gt;"Rock et cetera: Mick Jaggers Arbeit als Solist" ist am Montag um 22.05 Uhr im Deutschlandfunk zu hören.&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;span style='font-family:Times New Roman'&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 01.12.2007 Seite 41&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-8495616852403456614?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/8495616852403456614'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/8495616852403456614'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/07/mick-jagger-zeigt-sich-als.html' title='Mick Jagger zeigt sich als Geschichtsenthusiast'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-4244897727833316982</id><published>2009-07-11T21:28:00.001+02:00</published><updated>2009-07-11T21:28:03.465+02:00</updated><title type='text'>Slowhand, sechsfach fragmentiert</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;Gitarrengötter brauchen an ihrer Schöpfung nichts zu ändern: Eric Clapton spielt im Rahmen seiner Welttournee ein phänomenales Konzert in der Leipziger Arena. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die natürliche Überlegenheit des Gitarrenspiels von Eric Clapton wurde mir endgültig klar, als er im Juni 1988 beim Londoner Konzert für die Freilassung von Nelson Mandela auftrat. Er war gar nicht angekündigt, doch plötzlich stand er auf der Bühne – als Rhythmusgitarrist für die Dire Straits. Und obwohl die Band von Mark Knopfler selbst über einen der markantesten Gitarrensounds verfügt, riss Clapton die Musik sofort an sich und verpasste ihr den unverwechselbaren Klang seines Fender-Instruments: mit einer Fingerfertigkeit auf dem Griffbrett, die als größte Selbstverständlichkeit daherkommt – als "Slowhand" feiern ihn seine Anhänger dafür. Plötzlich war er in London der Solist, und es konnte auch gar nicht anders sein. Schließlich ist kein anderer der Heroen auf diesem Instrument so lange im Geschäft wie der heute dreiundsechzigjährige Brite. Neben Alexis Korner gilt er als einziger Weißer, der den Blues bis ins Letzte verstanden und – was noch wichtiger ist – verinnerlicht hat. Und das schon vor den zahllosen Schicksalsschlägen, die sein Leben überschattet haben.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Als er nun zum Auftakt von insgesamt vier Deutschland-Konzerten in der dampfenden Leipziger Arena auf der Bühne steht, sieht man dem schlanken Mann in Jeans, kurzärmeligem Hemd und mit randloser Brille diese traurige Vergangenheit nicht an. Aber man hört sie am noch einmal intensivierten Spiel, den kurzen Soli und im Zusammenklang mit Doyle Bramhall II, der seit einigen Jahren der zweite Gitarrist in Claptons Band ist. Gegenüber dem ein rundes Vierteljahrhundert jüngeren Texaner agiert Clapton als Mentor, der niemandem mehr etwas beweisen muss.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Natürlich ist er auch in Leipzig der Solist, aber einer, der seiner ganzen Band Raum gewährt, am schönsten im zwölfminütigen "Little Queen of Spades", dem Blues-Klassiker von Robert Johnson, den Clapton nach der zuvor flott heruntergespielten Eigenkomposition "Motherless Children" anreißt, als wollte er die Halle zum Einsturz bringen. Doch dann ist es der seit dreißig Jahren mit Clapton zusammenspielende Chris Stainton am Klavier, der mit seinem Solo eine neue Dramaturgie in den Song bringt, die vom Bassisten Willie Weeks und Abe Laboriel Jr. am Schlagzeug aufgenommen und weiterentwickelt wird, bis einem Hören und Sehen vergangen sind. Claptons aktuelle Band ist phänomenal.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Gerne würde man das auch von den weiteren Beteiligten des Abends sagen. Aber Jakob Dylan hat sich für das Vorprogramm zwar Hut und Stimme vom berühmten Vater geliehen und offenkundig dessen wunderbares Album "Oh Mercy" von 1989 oft gehört, doch sein Country Blues ist zu monoton und leichtgewichtig, um mehr als nur Begleitmusik zu sein. Immerhin sympathisch, dass er bei der Vorstellung seiner Band den eigenen Familiennamen bescheiden oder beschämt verschweigt. Gleichfalls enttäuschen neben Clapton dessen beide Background-Sängerinnen, allerdings weniger aus eigener Schuld. Die hervorragende Klangmischung des Leipziger Konzerts deckt die Schwächen nahezu aller Arrangements auf, in denen sie ihr einfallsloses "Hu Hu Hu" erklingen lassen. Zwar hat auch Chris Stainton manche Sünde zu begehen, vor allem bei "Isn't It a Pity", der Hommage an Claptons ehedem besten Freund George Harrison, das im Mottenkisten-Stil der Siebziger gespielt wird, aber spätestens mit "Before You Accuse Me" hat man dem Keyboarder alles verziehen. Die beiden Damen dagegen bekommen keine Chance mehr.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die Dramaturgie des Abends ist für jeden Clapton-Liebhaber absehbar; es geht los mit "Tell the Truth", dann "Key to the Highway", beide von der "Layla"Platte – schon sind wir mitten in den Klassikern. Bis zum vierten Stück, dem frühen Höhepunkt des Konzerts, einer langen magischen Version von Curtis Mayfields "Here But I'm Gone", in der Clapton den verkappten Reggae-Rhythmus des Lieds aufdeckt, tritt Bramhall II noch als eifriger Mitsänger auf, der sogar einzelne Strophen allein für sich bekommt. Doch dann, nach diesem Feuerwerk der Instrumente, ist er wohl unzufrieden mit der eigenen Sangesleistung neben dem stimmlich blendend disponierten Clapton und schweigt fortan.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;In der Mitte des Abends steht der mittlerweile obligatorische Akustikblock, der fünf Lieder umfasst, darunter als Höhepunkt Robert Johnsons "Travelling Riverside Blues". Auch das war zu erwarten, denn gegenüber anderen Konzerten der Tournee wird nur noch die Reihenfolge einzelner Lieder gewechselt. Aber ein Gott, als der Clapton schon vor vierzig Jahren in Graffiti gepriesen wurde, hat an seiner Schöpfung nun einmal nichts auszusetzen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Das hat auch Nachteile. Niemand brauchte zum Beispiel noch "Wonderful Tonight" oder "Running on Faith" – es waren große Hits, nicht mehr. Aber dann beweist Clapton nach fast zwei Stunden mit dem Finale, dass selbst das Bekannteste noch Spannung bieten kann: "Layla" wird inklusive der elegischen Coda aus der Originalaufnahme mit Derek and the Dominos gespielt und klimpert dann aus, ehe nach einer winzigen Generalpause das unverkennbare Riff von "Cocaine" einsetzt, worin dann Doyle Bramhall II sein bestes Solo bekommt und Eric Clapton das eigene Spiel ganz zurücknimmt, nur schließlich noch einmal in den Saal brüllt: "She don't lie, she don't lie, she don't lie", und dann dem Publikum die Antwort überlässt: "Cocaine". Und da strahlt der ernste Sänger zum ersten Mal.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Auch die Band hat das Leipziger Konzert ernst genommen, und das hat ihm gutgetan. Kaum Bewegung auf der Bühne, bestenfalls tritt Clapton bisweilen an die Seite Bramhalls, der wie ein Zinnsoldat Gitarre spielt; dafür jedoch umso mehr Bewegung in der Musik, ohne dass wirklich improvisiert würde. Es sind die winzigen Effekte mit Wah-Wah-Pedal, Bottleneck oder Plektron, die hier zählen. Und Claptons unglaubliche Geschicklichkeit auf den Saiten, die erfreulicherweise bis ins Detail auf den beiden Großbildschirmen links und rechts der Bühne zu verfolgen ist – und bisweilen sogar mehrfach vergrößert, wenn auch in sechs Teile zerstückelt, auf den wandhohen Diodenstreifen hinter der Band. Mehr als eine Zugabe schenkt der Meister nicht her: "Crossroads", also wieder Robert Johnson. Seinesgleichen hat Eric Clapton nur noch unter den Toten.            Andreas Platthaus&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14.08.2008 Seite 39&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-4244897727833316982?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/4244897727833316982'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/4244897727833316982'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/07/slowhand-sechsfach-fragmentiert.html' title='Slowhand, sechsfach fragmentiert'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-6174759774622148132</id><published>2009-07-11T21:27:00.001+02:00</published><updated>2009-07-11T21:27:18.768+02:00</updated><title type='text'>Sorry, das war ein Behandlungsfehler</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;Neue Sachbücher Sorry, das war ein Behandlungsfehler Hauptsache, die medizinische Behandlung ist juristisch wasserdicht. Aber ist sie auch die richtige? Zwei Bücher schlagen Alarm wegen der Verrechtlichung der ärztlichen Kunst. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Erkennen Sie die Melodie? Hören Sie sich doch bitte einmal folgendes Zitat an: "Bei einer solch unterschiedlichen Behandlung der Krankenkassenpatienten, insbesondere der Arbeiter, gegenüber den anderen Patienten durch die Ärzte", so ein zweiundvierzigjähriger ungelernter Arbeiter aus Bayern, "kann kein großes Vertrauen entstehen. Auch sind für die Krankenkassenpatienten immer nur die billigsten Präparate da." Solche und ähnliche Klagen über eine Zwei-Klassen-Medizin bringen Umfragen und Leserbriefe inzwischen zuhauf an den Tag.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Nur, in diesem Fall stammt das Zitat aus einer Befragung, die 1939 stattfand und bei der mehr als zehntausend Personen aus allen Schichten nach ihrem Vertrauen zum Arzt befragt wurden. Kann man also wirklich vom "Ende des klassischen Patienten" sprechen, wie ein Aufsatzband von Winand Gellner und Michael Schmöller zum Wandel der Arzt-Patienten-Beziehung in der Gegenwart suggeriert? Aus medizinhistorischer Sicht ist ein großes Fragezeichen angebracht. Denn Patienten waren nie passiv, auch nicht im GKV-System, das seit mehr als hundert Jahren besteht. Selbst die Bemühungen der Nationalsozialisten, den Arzt als "Gesundheitsführer" mit noch mehr Macht auszustatten, scheiterten an der Eigensinnigkeit der Patienten.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Davon zeugt eindrucksvoll die Konsumentenbefragung aus dem Jahre 1939, die trotz der für das Regime in vielerlei Hinsicht nicht besonders positiven Ergebnisse noch vor Kriegsende als Buch erscheinen konnte. Doch solche Zwischentöne stören das einheitliche Bild des Wandels, das Julia Hillebrand, eine Diplom-Kulturwirtin, von der Arzt-Patient-Beziehung zeichnet. Ihr Beitrag tradiert schwarze Legenden der Medizingeschichte, etwa dass sich die Masse der Bevölkerung vor dem 19. Jahrhundert nicht an einen Arzt wandte.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Das Idealbild der heutigen Gesundheitspolitik scheint, wie mehrere Beiträge des Aufsatzbandes erkennen lassen, der "mündige Patient" zu sein. Dieser ist nach Schmöller "informiert über sein eigenes Krankheitsbild und arbeitet dann an Entscheidungsprozessen mit, wenn sich die Informationsasymmetrie zwischen ihm und dem Arzt als nicht zu groß erweist". Wenn das so einfach wäre! Bereits Kant sah in seiner berühmten Schrift mit dem Titel "Was ist Aufklärung?" menschliche Trägheit als ein zentrales Problem der Arzt-Patient-Beziehung: "Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt usw.: so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen."&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Kant nennt noch einen weiteren wichtigen Faktor, der das Arzt-Patient-Verhältnis beeinflusst, nämlich die Finanzierbarkeit ärztlicher Leistungen. Nicht erst seit dem Arzneimittelversorgungs-wirtschaftlichkeitsgesetz ist die "traditionell persönlich geprägte Beziehung um nüchterne wirtschaftliche Gesichtspunkte" erweitert worden, wie Alexander P. F. Ehlers und Simone Gräfin von Hardenberg behaupten. Bereits 1939 beklagten sich Patienten vehement darüber, dass die Kassen ihren Vertragsärzten Vorschriften machten und auf "billige Medizin" drängten. Auch das Bild des Arztes, der überwiegend kaufmännisch denkt, war längst vor den zahlreichen Reformen, die das bundesdeutsche Gesundheitswesen in den letzten Jahrzehnten über sich ergehen lassen musste, ein häufiger Topos von Patientenklagen. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Für den Weg hin zum mündigen Patienten scheint nicht zuletzt der Trend zu immer mehr Arzthaftungsprozessen zu sprechen. Angesichts der großen Klageflut beschäftigen sich Juristen vermehrt damit, wie Auseinandersetzungen vor Gericht vermieden und Geschädigte gleichwohl zu ihrem Recht kommen können. Obwohl für die Patienten im Unterschied zu anderen Zivilverfahren Beweiserleichterungen gelten, ist es in der Rechtspraxis immer noch schwierig, ärztliche Behandlungsfehler nachzuweisen, weil die Gutachter sich nicht einig sind oder aus Kollegialität sich nicht kritisch äußern. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Dass Patienten in der Bundesrepublik im internationalen Vergleich nicht einmal schlecht gestellt sind, zeigt ein Band von Henning Rosenau und Hakan Hakeri, der Alternativen zu Arzthaftungsprozessen in zwei Ländern mit unterschiedlichen Rechtssystemen (Deutschland, Türkei) in den Blick nimmt. So gibt es in der Bundesrepublik seit 1975 regionale Schlichtungsstellen bei den Ärztekammern, bei denen "die Waffengleichheit" höher ist als bei Zivilprozessen, wie Johann Neu ausführt. In türkischen Krankenhäusern existieren seit 2004 sogenannte "Patientenrechtebüros", die allerdings nur bei der Feststellung von Behandlungsfehlern helfen, aber keine Entscheidungen in der Sache treffen. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;In skandinavischen Ländern gibt es bereits seit vielen Jahren Heilbehandlungsversicherungen, bei denen es nicht auf den Nachweis schuldhaften Verhaltens ankommt. Andernorts hofft man, mit "Critical Incident Reporting" zur Fehlerprävention beizutragen. Wie wichtig dieses Thema ist, zeigen nicht zuletzt Befürchtungen, dass die Zunahme von Arzthaftungsprozessen zu einer "defensiven Medizin" führen könnte, bei der der Arzt "weniger seinem Gewissen und dem Wohl des Patienten als vielmehr dem Ratschlag seines Rechtsanwalts verpflichtet ist" (Rosenau). Motto: Hauptsache, die Behandlung ist juristisch wasserdicht. Ob sie auch die richtige ist, steht auf einem anderen Blatt.      ROBERT JÜTTE&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;Winand Gellner, Michael Schmöller (Hrsg.): "Neue Patienten – Neue Ärzte?" Ärztliches Selbstverständnis und Arzt-Patienten-Beziehung im Wandel. Nomos Verlag, Baden-Baden 2008. 224 S., br., 39,– €.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;Henning Rosenau, Hakan Hakeri (Hrsg.): "Der medizinische Behandlungsfehler". Beiträge des 3. Deutsch-Türkischen Symposiums zum Medizin- und Biorecht. Nomos Verlag, Baden- Baden 2008. 231 S., br., 58,– €.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 22.10.2008 Seite 34&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-6174759774622148132?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/6174759774622148132'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/6174759774622148132'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/07/sorry-das-war-ein-behandlungsfehler.html' title='Sorry, das war ein Behandlungsfehler'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-676620477894115317</id><published>2009-07-11T21:26:00.003+02:00</published><updated>2009-07-11T21:26:29.867+02:00</updated><title type='text'>Sterben ist ein sozialer Prozess</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;Entscheidungen in Krisensituationen und am Lebensende sind komplex: Der gestern in Berlin vorgestellte Gesetzentwurf zur Patientenverfügung trägt dieser Einsicht Rechnung. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die Beratungen waren langwierig und offensichtlich mühselig; zeitweilig war unklar, ob es überhaupt gelingen würde, eine gemeinsame Strategie zu finden, um dem Vorstoß für eine weitgehende Deregulierung im Bereich der lebenserhaltenden Behandlungen einwilligungsunfähiger Patienten, der seit einigen Jahren die bioethische Debatte prägt, einen gemeinsamen Gesetzentwurf entgegenzusetzen. Zeitweilig erschien es auch als Strategie, auf eine gesetzliche Regelung der durch Rechtsprechung bereits normierten Vorgehensweisen ganz zu verzichten – eine Überlegung, die aber auch von Gruppen aus der Hospizbewegung wie der Deutschen Hospizstiftung und von Palliativmedizinern kritisiert wurde.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Dem am gestrigen Dienstag nach monatelangen Diskussionen von einer schwarz-rot-grün-gelben Abgeordnetengruppe um Wolfgang Bosbach (CDU), René Röspel (SPD) und Katrin Göring-Eckardt (Bündnis 90/Grüne) vorgestellten "Entwurf eines Gesetzes zur Verankerung der Patientenverfügung im Betreuungsrecht" merkt man die harte juristische Arbeit an, die dort geleistet worden ist. Es ist ein detailreiches Gesetz, das unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen gerecht werden will. Während der schon vor sieben Monaten von einer rot-rot-grün-gelben Gruppe um die Abgeordneten Joachim Stünker (SPD) und Michael Kauch (FDP) in den Bundestag eingebrachte "Entwurf eines dritten Gesetzes zur Änderung des Betreuungsrechtes" schlank und einfach daherkommt, um der schriftlich formulierten Patientenverfügung als Ausdruck des antizipierten Selbstbestimmungs ohne Wenn und Aber Geltung zu verschaffen, soll der jetzt fertiggestellte Entwurf die Entscheidungsmöglichkeiten der Patienten zur Geltung bringen, ohne aber die Aufgabe des staatlichen Lebensschutzes gerade für schwerstkranke Patienten und die Idee der ärztlichen Fürsorge aufzugeben.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Der Weg dorthin führt über ein sorgsam abgestuftes System, das Unterschiede macht zwischen einer nach ärztlicher Beratung notariell beurkundeten Patientenverfügung, einer Patientenverfügung, die auch ohne Beratung und Beurkundung wirksam ist, und dem mutmaßlichen Willen eines Patienten, der gerade keine Patientenverfügung verfasst hat. Die umstrittene Idee einer sogenannten Reichweitenbegrenzung der Patientenverfügung, die dazu führen sollte, dass Menschen, deren Erkrankung keinen irreversiblen tödlichen Verlauf genommen hat, sondern aussichtsreich behandelt werden kann, keinen Abbruch lebenserhaltender Behandlungen vorab verfügen können sollten, ist in dem neuen Gesetzentwurf nicht mehr enthalten. Allerdings muss, wer für einen solchen Fall – beispielsweise eine Lungenentzündung – wirksam vorab das Unterlassen lebensrettender oder lebenserhaltender Behandlungen verfügen möchte, sich vorab beraten und dann die Patientenverfügung notariell beurkunden lassen. Auch ein (verlängerbares) Zeitlimit der Wirksamkeit einer solchen qualifizierten Patientenverfügung von fünf Jahren schreibt der Entwurf fest. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Bei den Patientenverfügungen, die heute zumeist die Gerichte beschäftigen, geht es allerdings um andere Konstellationen: In diesen Fällen wollen Betreuer von Menschen, die aufgrund von Unfällen oder schwerer Krankheit dauerhaft das Bewusstsein verloren haben oder die infolge einer schweren, nicht behandelbaren, tödlich verlaufenden Erkrankung keine Einwilligung in Behandlungen mehr formulieren können, eine gerichtliche Genehmigung für den Abbruch von lebenserhaltenden Behandlungen erreichen. In so einer Konstellation verlangt auch der jetzt vorgelegte Entwurf nur eine schriftlich abgefasste Patientenverfügung, die auf die eingetretene Situation zutreffen muss. Weder muss sie notariell beurkundet worden sein, noch soll ihre Wirksamkeit von einer vorher stattgefundenen Beratung abhängen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Allerdings erleichtert der neue Gesetzentwurf, der aus Vorstellungen der Kirchen schöpft, der aber auch Anregungen von Wohlfahrts- und Behindertenverbänden aufgreift, die Durchführung solcher ärztlicher Beratungen, denn er führt einen Paragraphen 24c SGB V ein, der Patienten Anspruch auf eine dokumentierte Beratung zur Patientenverfügung durch den Arzt gibt. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Einen deutlichen Unterschied zu dem Gesetzentwurf der Kauch/Stünker-Gruppe zeichnet das von Bosbach/Röspel/Göring-Eckardt entworfene Regelwerk bei der "mutmaßlichen Einwilligung" aus. Hier geht es um die medizinische Behandlung von Menschen, die gar keine Patientenverfügung erstellt haben oder deren Patientenverfügung nicht für die Behandlungssituation zutrifft, in der eine Entscheidung getroffen werden muss. Bei Stünker/Kauch kann der Betreuer hier unter Berufung auf den durch konkrete Anhaltspunkte zu belegenden mutmaßlichen Willen des Patienten im Ergebnis genauso entscheiden, als wenn eine Patientenverfügung vorläge.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Bei Bosbach/Röspel/Göring-Eckardt geht das nicht. Aus Gründen des Lebensschutzes, aber auch des Respekts dafür, dass ein Patient sich nicht für eine Patientenverfügung entschieden beziehungsweise den nun eingetretenen Fall nicht geregelt hat, ist die Möglichkeit, lebenserhaltende Behandlungen nicht zu ergreifen oder abzubrechen, hier auf die Fälle eingeschränkt, in denen der Patient zwar noch nicht im Sterben liegen muss, aber eine aussichtslose ärztliche Prognose hat. Eine Neuerung gegenüber der bisherigen Praxis und Überlegungen anderer Gesetzesautoren ist auch die Einführung eines sogenannten "beratenden Konsils", das aus Pflegepersonen, Angehörigen, Lebenspartnern und anderen, vom Patienten benannten Personen besteht.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Das "beratende Konsil" trägt dem Gedanken Rechnung, dass die medizinische Behandlung und das Sterben soziale Prozesse sind. Behandelnde Ärzte und Betreuer sollen sich bei ihren Überlegungen über die Beendigung lebenserhaltender medizinischer Maßnahmen an der Diskussion beteiligen, ohne dass diesem mehr informellen Kreis allerdings Entscheidungsbefugnisse eingeräumt wären. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Der jetzt vorgelegte Entwurf, der auch die Bedeutung von Vorsorgevollmachten unterstreicht, hat das Potential, der Debatte über medizinische Behandlungen am Lebensende, die in den nächsten Wochen im Bundestag und in seinen Ausschüssen noch einmal Platz greifen wird, eine neue Richtung zu geben. Seine größe Stärke ist zugleich seine Schwäche: Er trägt der Einsicht Rechnung, dass Entscheidungen über medizinische Behandlungen in extremen Krisensituationen und am Lebensende komplex und nicht einfach sind. Ob sich vermitteln lässt, dass das auch Konsequenzen für ein Gesetz haben muss, das hier versucht, Klarheit zu schaffen, das deswegen aber nicht ganz einfach sein kann, wird über sein Schicksal entscheiden.             Oliver Tolmein&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 22.10.2008 Seite 35&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-676620477894115317?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/676620477894115317'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/676620477894115317'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/07/sterben-ist-ein-sozialer-prozess.html' title='Sterben ist ein sozialer Prozess'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-229412008384651413</id><published>2009-07-11T21:26:00.001+02:00</published><updated>2009-07-11T21:26:09.794+02:00</updated><title type='text'>Dionysos und der Buchhalter</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;Seit seiner Kindheit beschäftigt Daniel Kehlmann sich mit dem Werk Thomas Manns. Dessen Bücher sind für den Wiener Schriftsteller von unvergleichlicher Perfektion, reich an Witz, aber auch von Dämonen bevölkert. Für die Annäherung an Thomas Mann, so Kehlmann, muss man nicht nur genau lesen können, sondern auch Mut haben. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Von Daniel Kehlmann&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Im Dezember 1947 wurde das Haus am San Remo Drive in Pacific Palisades von zwei vierzehnjährigen Schülern besucht, einem Jungen und einem Mädchen. Sie hatten angerufen, die Nummer stand ja im Telefonbuch, und waren sofort eingeladen worden. Erst vierzig Jahre später, inzwischen selbst eine berühmte Schriftstellerin, schrieb Susan Sontag ihre Erinnerungen an diesen Nachmittag auf.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Mit maliziösem Witz schildert sie, wie Thomas Mann in seinem thronartigen Stuhl sitzt und seine Mundwinkel mit der Serviette abtupft: freundlich, gravitätisch, sehr hölzern. Was man denn so lese als junger typischer Amerikaner, fragt er die beiden, die sich natürlich keineswegs als typisch empfinden, um dann sogleich in einen Monolog zu fallen. "Ich hätte nichts dagegen gehabt, dass er gesprochen hätte wie ein Buch", erinnert sich Sontag. "Ich wollte ja, dass er sprach wie ein Buch. Was mich immer mehr störte, war, dass er sprach wie eine Buchrezension."&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Und es wurde schlimmer. "Er fragte nach unseren Studien. Unseren Studien? Noch mehr Peinlichkeit. Ich war sicher, er hatte nicht die geringste Idee, wie eine Highschool in Südkalifornien aussah. Wusste er von der Fahrausbildung (verpflichtend)? Von den Tippkursen? Wäre er sehr überrascht gewesen über die faltigen Kondome, die man sah, wenn man über die Wiese lief und seine erste Periode hatte, und über den sogenannten ‚Tee', den ein Pärchen Pachuken in den Vormittagspausen an der linken Wand der Schulaula verkaufte? Könnte er sich George vorstellen, der, wie einige von uns wussten, eine Waffe besaß und Geld von Tankwarten bekam? Wusste er, dass kein Latein mehr auf dem Lehrplan stand und kein Shakespeare und dass die sichtlich überforderte Englischlehrerin der zehnten Klasse monatelang bloß Exemplare von ‚Readers Digest' verteilt hatte – wir sollten einen Artikel auswählen und schriftlich zusammenfassen –, um danach die ganze Stunde schweigend, nickend und strickend an ihrem Tisch zu sitzen? Konnte er sich vorstellen, wie weltenfern von jenem Lübecker Gymnasium, wo der vierzehnjährige Tonio Kröger Hans Hansen umworben hatte, indem er versucht hatte, ihn dazu zu bringen, ‚Don Carlos' zu lesen, North Hollywood High School war, die Alma Mater der Kinostars Farley Granger und Alan Ladd? Er konnte es wohl nicht, und ich hoffte, er würde es nie können. Er hatte genug Gründe zur Traurigkeit."&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Das ist rührend und doch nicht ohne Boshaftigkeit, es stimmt überein mit dem Bild, das wir bis heute von ihm haben: die Starrheit der Repräsentationsfigur, eine nicht wirklich sympathische Weltfremdheit – es ist schwer, sich ihm nahe zu fühlen. Hans Mayer versuchte dieses Unbehagen in die Formel von Manns "Ungeliebtheit" zu bannen und hatte damit wohl, abgesehen nun von der doch leicht kitschigen Begriffswahl (man soll, könnte man unter Abwandlung von Hannah Arendt einwenden, seine Freunde lieben, aber keine Völker und auch nicht unbedingt Schriftsteller), nicht so ganz und gar unrecht.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die erste und wohl wichtigste Reaktion auf einen Autor ist aber noch nicht von Reflexion bestimmt, sondern von unmittelbarer Resonanz, und da kann es ganz anders aussehen. Mit dreizehn hielten mich die "Buddenbrooks" gepackt wie noch selten ein Buch zuvor, mit sechzehn saß ich fasziniert über dem "Zauberberg", und mit siebzehn lernte ich aus dem "Doktor Faustus", dass alle Möglichkeiten der abendländischen Kunst erschöpft seien, jede denkbare Melodie komponiert, alle großen Romane geschrieben und dass die Zukunft nur mehr Parodie und mildes Nachspiel sein werde. Für kurze Zeit schrieb ich also folgsam Lautgedichte und bedauerte mich als blassen Spätgeborenen, so sehr glaubte ich ihm jedes Wort, dann aber befreite mich Thomas Mann selbst von solch luftlosen Theorien, und zwar durch sein heiterstes, lichtdurchflutetes Spätwerk: "Joseph und seine Brüder" – ein in jeder Hinsicht großer Roman, wie es ihn nach den Lehren von Leverkühns Teufel lange schon nicht mehr hätte geben dürfen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Und doch: Sogar als einst Begeisterter empfindet man Thomas Mann gegenüber dieses Unbehagen, das sich gegenüber Nabokov, Borges und Proust nicht einstellen will. Wie also erklärt man, dass einerseits die Verehrung für ihn nie völlig ungemischt ist und dass andererseits dieser "Ungeliebte" Generation um Generation so viele Leser mehr findet als die meisten Autoren nicht nur seiner Zeit? Schriftsteller, sagte Norman Mailer, hätten die Fähigkeit, sich selbst am Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, sie seien Experten darin, ihre Schwächen in Stärken zu verwandeln. Kann es sein, dass auch Thomas Manns Größe mit jener problematischen Seite untrennbar verbunden ist und dass das Grandiose an ihm nicht zu haben ist ohne das, was einen an ihm stört?&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Müsste man sein Hauptthema auf möglichst abstrakte Art beschreiben, man hätte wohl vom Widerspiel von Emotionalität und Repression, von Pflicht und Leidenschaft zu sprechen, von einem Sichgehenlassen, das in seiner Welt immer verboten ist und immer lockt, und einer Disziplin, deren Bedeutung gerade darin liegt, dass sie im entscheidenden Moment versagt. Die Grundgegensätze heißen manchmal Bürgerlichkeit und Künstlertum, manchmal Gesundheit und Krankheit; im "Tod in Venedig" sind sie Respektabilität und Homosexualität und im "Joseph" die im Jaakob'schen Segen verkörperten Pole oben und unten, Himmel und Tiefe. Diese Spaltung, nicht so sehr zwischen Apollo und Dionysos als zwischen Buchhalter und Bohemien, bestimmt die Inhalte seines Erzählens, sie erzeugt aber auch dessen emotionalen Pendelschlag, den eigentümlichen Wechsel zwischen eiserner Kontrolle über das Material und scheinbar unvermitteltem Ausbruch. Bei Thomas Mann existiert das Rigide, um wirkungsvoll zu scheitern, in seinem Erzählton klingt stets die Stimme Aschenbachs mit, der ein bürgerlich respektabler Langeweiler sein möchte, aber zu seiner Größe findet genau dadurch, dass ihm das mit einemmal nicht mehr gelingt. Erst im "Verfall einer Familie" lässt sich über diese schreiben, im Zusammenbrechen der Struktur offenbart sich das Menschliche, und auch das Wesen europäischer Zivilisation wird am deutlichsten im Sanatorium und in der Verzerrung durch die Krankheit – vom Familienzerfall also zum Verfall einer Weltkultur, und indem Joseph die uralten Schemata bricht und aus dem vermeintlichen Gotteskind ein profaner Wirtschaftsminister wird, ist auch das Wesen des Mythos für den Roman fassbar.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Wie Aschenbach vor seiner schicksalhaften Begegnung mit dem geisterhaften Herrn im Münchner Park, so gibt sich auch der Romancier Thomas Mann als einer, der mit der wilden Seite des Lebens nichts zu tun haben will. In Wahrheit aber ist genau diese sein Thema, und von immer neuen Blickwinkeln aus setzt er in Szene, wie die Ordnungen scheitern und das Verdrängen versagt – darin eben liegt sein großes Täuschungsmanöver und der Grund, dass seine immer wieder verblüffende Gefühlsintensität nicht zu haben ist ohne den Habitus des kühlen Gelehrten, der am Schreibtisch Krawatte trug und dessen Anblick, sei es auf Fotos, sei es an der kalt schimmernden Oberfläche seiner Prosa, uns befremdet und verstört. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Dabei betonte er selbst immer wieder, dass er nicht jener poeta doctus war, als der die eigenen Romane ihn ausgeben. Joyce und Proust, Nabokov und Borges, sie alle wissen viel mehr und haben ihre Kenntnisse mit einer Natürlichkeit assimiliert, die ihm fremd bleibt. Da ist stets etwas Parvenühaftes an seiner Bildung, da ahnt man immer ein wenig den Schulabbrecher und Lexikonabschreiber, der Arthur Koestler erklärte, dass er gar nicht zu viel Information wolle, denn das behindere die Phantasie. Das war vielleicht aus einer Laune heraus dahingesagt, aber es beschreibt seine Methode auf das Gründlichste: Er ist ein Autor der Unmittelbarkeit, der sich als Virtuose der Vermittlung tarnt, ein Pathetiker, maskiert als Ironiker. Ich habe, offen gesagt, noch nie einen Leser getroffen, der an den Diskussionen zwischen Naphta und Settembrini echte Freude gehabt hätte – und doch wird kaum einer leugnen, dass der Roman diese Dialoge ebenso braucht wie die doch oft recht bleiernen Passagen über Krankheit, Bakterien und Kosmologie. Denn sie bereiten jene Stellen vor, die ganz plötzlich kommen und treffen wie Blitze; jene Stellen, deren Energie über das ganze Buch ausstrahlt und in denen gewissermaßen immer von neuem der Knabe Tadzio vor Aschenbach hintritt, so dass es diesem die Würde und die Rede verschlägt.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;So paradox es klingen mag: Thomas Mann ist unter allen Autoren der Klassischen Moderne der pathetischste, der gefühlsunmittelbarste, er ist distanzierter als die anderen, weil er mehr zu verbergen hat. Seine Ironie verhüllt einen Erzähler des Rausches und der Entgrenzung, der zuverlässig jede Hauptfigur in eine Lage führt, in der sie die Kontrolle über ihr Leben verliert und das Chaos so unbarmherzig nach ihr greift wie am ersten Abend auf dem Berg das Fieber nach dem armen Hans Castorp: "Aber sobald er eingeschlafen war, begann er zu träumen und träumte fast unaufhörlich bis zum anderen Morgen. Hauptsächlich sah er Joachim Ziemßen in sonderbar verrenkter Lage auf einem Bobschlitten eine schräge Bahn hinabfahren. Er war so phosphoreszierend leicht wie Dr. Krokowski, und vorneauf saß der Herrenreiter, der sehr unbestimmt aussah, wie jemand, den man lediglich hat husten hören, und lenkte. ‚Das ist uns doch ganz einerlei – uns hier oben', sagte der verrenkte Joachim, und dann war er es, nicht der Herrenreiter, der so grauenhaft breiig hustete."&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Solch halluzinogenes Flirren wäre auch Jack Kerouac oder Hunter S. Thompson nicht besser gelungen. Es überfällt einen wieder im "Walpurgisnacht"-Kapitel, in dem das strenge Hausregime, sowohl des Sanatoriums als auch des Romans, seine Macht verliert und Hans Castorp auf Französisch vor Frau Chauchat seine Seele ausspricht, dann in ungehemmter Gewalt im Kapitel "Schnee", in dem Hans, umfangen von feindlicher Natur, ins Delirium driftet. Aber Manns Augenblicke der Unmittelbarkeit können auch leise, fast unmerklich stattfinden, wie etwa beim gemeinsamen Friedhofsbesuch von Hans, Joachim und der jungen Karen Karstedt, einem Mädchen, von dem alle wissen, dass ihm nur noch wenige Wochen zu leben bleiben. Plötzlich kommen die drei zu einer freien Stelle – ebenjener, es wird nie ausgesprochen, wo Karen binnen kurzem liegen wird. "Sie standen, das Fräulein etwas vor ihren Begleitern, und lasen die zarten Angaben der Steine – Hans Castorp gelöst, die Hände vor sich gekreuzt, mit offenem Munde und schläfrigen Augen, der junge Ziemßen geschlossen und nicht nur gerade, sondern sogar ein wenig nach hinten abgeneigt – worauf die Vettern mit gleichzeitiger Neugier von den Seiten verstohlen in Karen Karstedts Miene blickten. Sie merkte es dennoch und stand da, verschämt und bescheiden, den Kopf schräg vorgeschoben, und lächelte geziert mit gespitzten Lippen, wobei sie rasch mit den Augen blinzelte." Ein Moment existentieller Peinlichkeit: Keiner weiß etwas zu sagen, und plötzlich steht der Tod nicht mehr für Kunst oder ästhetische Verfeinerung oder was auch immer, sondern einfach nur kalt, fremd und unausweichlich für sich selbst.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Dieses Erzählen lebt von Momenten des Umschlags. Aschenbach habe immer so existiert, sagt jemand im "Tod in Venedig" und zeigt seine zur Faust geschlossene Hand, nie aber so, und lässt die Hand offen herabfallen. So arbeitet auch Manns Prosa: Über lange Kapitel ist die Faust geschlossen, und wir betrachten mit ambivalenter Bewunderung ihre distanzierte Brillanz, ihren vollkommenen Stil, ihre scheinbar unzerstörbar souveräne Ironie . . . – doch plötzlich öffnet sich die Hand, die Masken fallen, das Geordnete bricht, und die Figuren werden zum Teil höchst willige Opfer von Trieb und Rausch, Schmerz, Traum, Fieber, Krankheit und Vision: Thomas Buddenbrooks Zusammenbruch, die Agonie der Kinder Hanno und Echo, das geisterhafte Auftauchen Goethes in Charlotte Buffs Kutsche und, die vielleicht berührendste Stelle in seinem Gesamtwerk, der Abend, da Joseph den Majordomus Mont-Kaw unter Aufbietung all seiner Eloquenz in den Tod hypnotisiert. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Fortsetzung auf der folgenden Seite &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25.10.2008 Seite Z1&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;Fortsetzung von der vorherigen Seite Dionysos und der Buchhalter &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;"Ist's nicht mit Müssen und Dürfen heut wie nur jemals, wenn dir mein Abendsegen empfahl, doch ja nicht zu denken, du müsstest ruhen, sondern du dürftest? Siehe, du darfst! Aus ist's mit Plack und jeglicher Lästigkeit. Keine Leibesnot mehr, kein würgender Zudrang noch Krampfesschrecken. Nicht ekle Arznei, noch brennende Auflagen, noch schröpfende Ringelwürmer im Nacken. Auf tut sich die Kerkergrube deiner Belästigung. Du wandelst hinaus und schlenderst heil und ledig dahin die Pfade des Trostes, die tiefer ins Tröstliche führen mit jedem Schritt."&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Immer trifft einen das unvorbereitet, immer wie zum ersten Mal. Seine Meisterschaft liegt eben darin, dass er das Gegenteil eines Theoretikers ist, und so stört es auch nicht, dass er die in die Romane eingeschlossenen Essaypassagen – die tatsächlich neben denen eines genuinen Denkers wie Musil recht blass aussehen – aus Kompendien abschrieb oder sich von fragwürdigen Autoritäten in die Feder diktieren ließ; weiß Gott, es hätte dem "Doktor Faustus" nicht schlechtgetan, wenn er sich von einem anderen Philosophen hätte beraten lassen als dem, der Strawinski und den Jazz als faschistische Regressionen abtat und voraussagte, dass Schönbergs Musik binnen kurzem populärer sein werde als die Wagners. Wo Thomas Mann aber nicht Meinungen anderer wiedergibt, wo er seine eigene Fähigkeit zu Einfühlung und höherem Rollenspiel walten lässt, ist seine Erkenntniskraft kaum zu übertreffen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Warum wird eigentlich so selten erwähnt, dass seine Essays über Schriftsteller nicht nur wohlformuliert und geistreich sind, sondern vor allem so gut wie immer vollkommen richtig? Kaum etwas Treffenderes wurde über Schiller geschrieben als Manns große Schiller-Rede, kaum Besseres über Wagner als sein Wagner-Aufsatz, wohl nichts Gültigeres über Kleists Prosa als seine für amerikanische Leser geschriebene Einführung in dessen Erzählungen, und der Korpus seiner Auseinandersetzung mit Goethe lässt sich immer noch spielend mit dem Allerbesten messen, was die Germanistik hervorgebracht hat. Marcel Reich-Ranickis Diagnose, dass Thomas Mann, von wem auch immer er sprach, nur von sich gesprochen habe, ist natürlich richtig, übergeht aber das Wesentliche, dass er nämlich das Kunststück fertigbrachte, von diesen anderen sprechend so von sich zu sprechen, dass er darin stets und zuverlässig das Wesentliche über die anderen traf.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Immer also der Pendelschlag zwischen Ferne und Nähe, zwischen Distanz und rückhaltloser Unmittelbarkeit. Wir finden ihn auch zelebriert in der erhabenen Langeweile seiner Tagebücher: die schärfste Aufmerksamkeit für die Regungen des Triebes, zugleich dessen rigorose Unterdrückung. Nein, seiner selbst entfremdet war er nicht, und auch vor der Nachwelt, der er die Tagebücher hinterließ, versuchte er nicht, sich zu verstecken. Er war ein Meister im Repräsentieren, aber dass die Rolle des Repräsentanten hohl ist und schief, schlimmstenfalls lächerlich und noch im besten Fall prekär-problematisch, diese Tatsache können wir nicht gut gegen ihn verwenden, denn wir haben sie ja von ihm gelernt; er brachte sie uns bei, sie ist ein Hauptthema seiner Romane. Dem echten Künstler ist die eigene Seele kein Geheimnis, würde er die Dämonen in sich nicht kennen, wie könnte er sie Tag für Tag, zurückgezogen im wohlgeordneten Arbeitszimmer, aufs Papier bannen? So wichtig war ihm die Disziplin und so tief durchschaute er zugleich das Alberne, das den Menschen Verkleinernde an ihr, dass er seiner im umfassendsten Sinn liebenswürdigsten Figur, Joseph-Osarsiph, den leitmotivisch wiederholten Bibelsegen "von oben vom Himmel herab und von der Tiefe, die unten liegt" mitgab, auf dass ein einziges Mal Gleichgewicht herrschen und einer wenigstens gottbegnadet sein sollte – umweht von Magie und zugleich doch auch Großbuchhalter, Ernährungsminister und respektabler Politiker.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;"Joseph", das ungelesene Hauptwerk, der ignorierte Jahrhundertroman, der so leicht der deutschen Literatur hätte eine andere Richtung weisen können. Ein Buch, dessen Figuren im Lauf der Handlung erst aus dem mythischen ins geschichtliche Zeitalter treten, ein Spiel mit Charakteren, die nur halb schon Individuen sind und halb noch Ausführende mythischer Verhaltensmuster – Menschen, die sich noch mit ihren Altvorderen verwechseln, erst im Übergang begriffen in moderne Psychologie. Ein Roman, der viel gemeinsam hat mit Joyces Traummythenbuch "Finnegans Wake", aber so viel heiterer und lesbarer ist und letztlich auch umfassender im philosophischen Entwurf: ein Epos über die Herauslösung des Individuums aus dem archaischen Kollektiv und die dabei wie nebenher sich ereignende Erfindung Gottes – und all das so verspielt und voll Leichtigkeit erzählt, als koste es keine Anstrengung. Doch das literarische Deutschland wollte anderes lesen als solch frühe Postmoderne aus dem Exil, machte sich lieber auf in Richtung von Engagement und treuherzigem Realismus, und die immer noch fortwirkende Abkoppelung Deutschlands von den Strömungen der Weltliteratur nahm ihren traurigen Anfang.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ja, man versteht Susan Sontags Enttäuschung gut. Wer möchte schon gerne einem nicht gestrauchelten Gustav Aschenbach gegenübersitzen, einem alten Lübecker Honoratioren, der alles Unheimliche auf den gut aufgeräumten Schreibtisch und in die Bücher verbannt hat und nunmehr spricht wie eine Buchrezension? "Jahre später", schließt sie ihren Rückblick, "nachdem ich selbst Schriftstellerin geworden war, nachdem ich viele andere Schriftsteller kennengelernt hatte, lernte ich, toleranter zu sein gegenüber der Kluft zwischen der Person und dem Werk." Wie wahr – und doch ganz falsch. Denn die scheinbare Kluft zwischen Person und Werk ist eigentlich eine Kluft in seiner Person, und sie ist ganz und vollständig im Werk ausgedrückt.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Wäre Thomas Mann nun also schockiert gewesen über all das, was sie ihm nicht sagen wollte – Kondome auf der Wiese, der Schulkollege mit der Waffe, die Drogenhändler? Ja und nein; als ältlicher Würdenträger sicherlich, als Künstler wohl kaum, denn noch der zahmste Teil seines Werks enthält mehr Chaos und Brutalität als all diese Schreckensbilder vom kalifornischen Schulhof. Es ist ein Werk von unvergleichlicher Perfektion, voll Witz und voller Dämonen, voll Schönheit und dunkler Winkel, denen man sich nur unter Aufbietung seines ganzen Mutes nähern kann. Erzengel treten in ihm auf und der Teufel und eine Menge zivilisierter Leute aus dem Zwischenreich; sie alle versuchen ordentlich zu sein und respektabel, aber es will ihnen nicht gelingen. Nur er selbst brachte es einigermaßen fertig und war sehr stolz darauf – so wie ich stolz bin auf diesen in seinem Namen vergebenen Preis. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;■ Daniel Kehlmann hielt diese Dankesrede anlässlich der Verleihung des Thomas-Mann-Preises der Stadt Lübeck am vergangenen Samstag.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25.10.2008 Seite Z2&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-229412008384651413?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/229412008384651413'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/229412008384651413'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/07/dionysos-und-der-buchhalter.html' title='Dionysos und der Buchhalter'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-2623717701230061203</id><published>2009-07-11T21:25:00.001+02:00</published><updated>2009-07-11T21:25:33.587+02:00</updated><title type='text'>„Die Menschen haben sich verzockt“</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;h2&gt;Deutschland in der Krise&lt;br /&gt;&lt;/h2&gt;&lt;p&gt;&lt;a href='http://www.faz.net/s/RubCD175863466D41BB9A6A93D460B81174/Doc%7EE7237E6107F664EFE86DA13DD0E7EEAD4%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html'&gt;Drucken&lt;/a&gt;&lt;a href='http://www.faz.net/s/RubCD175863466D41BB9A6A93D460B81174/Doc%7EE7237E6107F664EFE86DA13DD0E7EEAD4%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html'&gt;Versenden&lt;/a&gt;&lt;a href='http://www.faz.net/s/RubCD175863466D41BB9A6A93D460B81174/Doc%7EE7237E6107F664EFE86DA13DD0E7EEAD4%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html'&gt;Speichern&lt;/a&gt;&lt;a href='http://www.faz.net/s/RubCD175863466D41BB9A6A93D460B81174/Doc%7EE7237E6107F664EFE86DA13DD0E7EEAD4%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html'&gt;Vorherige Seite&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;a target='_blank' href='http://linkarena.com/bookmarks/addlink/?url=http%3a%2f%2fwww.faz.net%2f%2fs%2fRubCD175863466D41BB9A6A93D460B81174%2fDoc%7eE7237E6107F664EFE86DA13DD0E7EEAD4%7eATpl%7eEcommon%7eScontent.html&amp;amp;title=Deutschland+in+der+Krise%3a+%26%23132%3bDie+Menschen+haben+sich+verzockt%26%23147%3b+-+Hintergr%c3%bcnde+-+Gesellschaft+-+FAZ.NET'/&gt;&lt;a target='_blank' 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Dezember 2008 Der Psychologe Stephan Grünewald über die Auswirkungen der Krise auf die Befindlichkeit der Deutschen - und über Merkels Zögerlichkeit.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Herr Grünewald, ist die Krise überhaupt schon in den Köpfen der Menschen angekommen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Zum Teil. Im Alltag erleben die meisten Leute noch keine Krisensymptome - es kommt ja noch Geld, wenn man die Karte in den Automaten steckt, und Lebensmittel gibt es auch. Die meisten Arbeitsplätze scheinen noch sicher, sogar das Inflationsbarometer der Nation, nämlich der Benzinpreis, fällt derzeit. Insofern haben viele Bürger das Gefühl, von der Krise sogar zu profitieren, weil sie mehr Geld im Säckel haben. Andererseits bekommen sie natürlich das ständige Krisengerede in den Medien mit - und das hat eine stark verunsichernde Wirkung. Vor allem die 500-Milliarden-Staatsbürgschaft hat zu dem Gefühl geführt: Wenn so unermessliche Beträge bereitgestellt werden, muss irgendwas Schlimmes passiert sein.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die Krise ist für viele Menschen derzeit also noch abstrakt. Ist das nicht das eigentlich Furchterregende daran: zu wissen, es droht schlimme Gefahr - und gleichzeitig diese Gefahr nicht richtig benennen und einordnen zu können?&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Genau, das ist wie ein riesiges schwarzes Loch. Und dieses schwarze Loch kann alles verschlingen: Girokonten, Sparanlagen, Immobilien - ganze Banken können darin verschwinden. Diese Vorstellung ist derart ungeheuerlich, dass sie von den Leuten sofort wieder abgewehrt werden muss. Bei den Anschlägen vom 11. September hatten die Menschen immerhin noch das Gefühl, dass sich Trümmer beiseiteräumen lassen und der Terrorismus bekämpft werden kann. Vor dem schwarzen Loch jedoch versagt jede Handlungsfähigkeit. Das ist für die Menschen unaushaltbar.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Wie reagieren die Menschen auf dieses "Unaushaltbare"?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Mit einer Art Schockstarre: Man steckt den Kopf in den Sand, beschwört die Normalität - und setzt auf die Macht des Staates. Vater Staat soll sich möglichst breitbeinig vor dieses schwarze Loch stellen und dafür sorgen, dass da nichts reinflutscht. Gleichzeitig sorgen die ständigen Hiobsbotschaften dafür, dass die Bürger nicht nur die Normalität beschwören, sondern gleichzeitig auch Risikominimierung betreiben. Das führt im Weihnachtsgeschäft zu einem fast paradoxen Effekt: Große Investitionen - wie etwa in ein neues Auto - werden zwar abgesagt, gleichzeitig feiern die Bürger aber so etwas wie einen "Konsumkarneval". Der Karneval ist ja das Fest der letzten Stunde, eine Lebenssteigerung vor der toten Fastenzeit.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;span style='font-family:Times New Roman; font-size:12pt'&gt;Der Psychologe Stephan Grünewald sieht in der Krise auch eine Chance auf Selbstbesinnung&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Ist es nicht erstaunlich, dass die Leute Karneval feiern, anstatt zornig vor die Bankhäuser zu ziehen, um zu demonstrieren? Immerhin hat die Finanzbranche Milliarden vernichtet, und am Schluss müssen die Steuerzahler die Zeche zahlen. Wieso entsteht denn da kein revolutionärer Impuls?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Weil die Menschen spüren, dass sie sich in Wahrheit mitverzockt haben. Dieses Lebensideal, mit minimalem Aufwand ein Maximum an Rendite abzuräumen, herrschte ja nicht nur in der Finanzbranche - sondern in der gesamten Gesellschaft. Jugendliche träumen davon, über Nacht zum Superstar zu werden. Wir suchen Glückserfüllung durch Masturbation vor dem Fernseher, weil wir auf diese Weise ohne aufwendiges Liebeswerben zum Höhepunkt kommen. Letztlich sind ja auch diese ganzen Kontaktforen im Internet nichts anderes als soziale Spekulationsblasen: tausend Kontakte, aber kein einziger Freund aus Fleisch und Blut. Das ist ja alles im gesellschaftlichen Denken enthalten - also müssten die Menschen schon gegen sich selbst revoltieren.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Allerdings hat ein Durchschnittsbürger keine tollen Bonuszahlungen abgegriffen.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Richtig, deshalb müssen natürlich auch in dieser Krise ein paar Sündenböcke definiert werden. Das sind jetzt die Manager und vor allem die Bankangestellten, die sich verzockt haben. Aber dass das nicht zum offenen Protest führt, ist dann eben doch Ausdruck dieser verspürten Ambivalenz: Ich bin eigentlich mitschuld, weil ich Teil des Systems bin.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Sie konstatieren seit Jahren eine tiefe Verunsicherung bei den Deutschen - hervorgerufen durch die Globalisierung, durch Geschlechterrollen, die nicht mehr klar definiert sind, oder auch aufgrund mangelnder Zukunftsperspektiven. Wird die derzeitige Krise diese Verunsicherung weiter verschärfen? Oder sehen wir hinterher vielleicht sogar wieder klarer und haben neue Ziele vor Augen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;So eine Krise ist natürlich immer eine Chance zur Selbstbesinnung. Die Deutschen haben sich etwa bei der Flutkatastrophe im Jahr 2002 als "einig Volk" erlebt, und nach dem verheerenden Tsunami waren wir Spendenweltmeister, weil wir das Gefühl hatten, einen sinnvollen Beitrag in der Welt leisten zu können. Wenn es der Politik gelingt, die Finanzkrise nicht nur als schwarzes Loch erscheinen zu lassen, sondern als ein konkretes Problem, gegen das wir alle etwas tun können und müssen, dann würde das die Verunsicherung mindern. Dann gäbe es nämlich eine "Negativ-Vision", an der man sich abarbeiten könnte.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;"Negativ-Vision" im Sinne von: So etwas darf nie wieder passieren? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ja, als einigendes Dagegensein. So wie bei der drohenden Klimakatastrophe, die von Frau Merkel ja auch ganz geschickt als Negativ-Vision gespielt wird. Die Kanzlerin kompensiert so ihre Visionslosigkeit und gibt uns das Gefühl, wir können jetzt kollektiv das Ozonloch stopfen, wenn wir andere Autos fahren oder anders heizen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Im Angesicht der Finanzkrise bleibt die Kanzlerin allerdings weitgehend passiv. Müsste Frau Merkel nicht - wie etwa Sarkozy in Frankreich - viel mehr tun, um Vertrauen in der Bevölkerung zu gewinnen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die Kanzlerin wird ja von den Deutschen dafür geliebt, dass sie eben nicht wie Schröder als lautstarke Führungsfigur auftritt, sondern gewissermaßen als Vermittlungsengel. Man erlebt Angela Merkel als eine Gestalt, die Extreme ausgleicht, die ausbalanciert und die das vertrauensvolle Gefühl vermittelt: "Bei mir fällt keiner durch den Rost."&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Mag ja sein, aber reicht dieses Verhalten aus in einer akuten Krisensituation, wie wir sie jetzt erleben? Muss sie da nicht einfach mal richtige Führungsqualität beweisen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Es reicht erst mal aus, um die groben Ängste zu mindern. Der Vermittlungsengel stellt sicher, dass mich das schwarze Loch nicht verschlingt. Da ist man erst mal froh. Was jetzt aber eine Zukunftsperspektive angeht, da kommt von der Kanzlerin natürlich zu wenig. Und da sind wir im Grunde genommen wieder bei dem urdeutschen Dilemma, dass wir uns schwertun, klare Zielvorgaben zu entwickeln. Die aus den Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus herrührende Tabuisierung von Visionen existiert eben immer noch.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Wenn Sie die Kanzlerin als Psychologe beraten sollten, was würden Sie ihr empfehlen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ich glaube, es sollte ihr weniger um Konjunkturprogramme gehen, die ja auch nur eine beschwichtigende Funktion haben, als vielmehr um klare Leitlinien: Was sind unsere Stärken, was können wir der Welt geben? Zum Beispiel der Erfindungsreichtum deutscher Ingenieure - zum deutschen Naturell gehört ja auch immer ein bisschen die Hoffnung, dass wir aus der Position der Weltzerstörer rauskommen und zu Weltrettern werden. Ich glaube, die Deutschen haben ein Potential, gerade in der Not erfinderisch zu sein, ihre Entwicklungskünste zu entfalten. Wichtig ist, dass das jetzt kanalisiert wird, dass wirklich konkret gesagt wird, welches unsere Zukunftsfelder sind.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Ist die Krise vielleicht auch dafür gut, neue Leitbilder zu finden? Die "Masters of the Universe" von der Wall Street, die großen Finanzjongleure und Investmentbanker, wurden als gesellschaftliche Orientierungsfiguren ja praktisch über Nacht abgeräumt. Wer könnte an deren Stelle treten?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Wir erleben schon seit ein paar Jahren einen Umbruch, was die Leitbilder angeht. Früher hatten wir wirklich perfekte Leitbilder, die Arnold Schwarzeneggers dieser Welt und andere, wie Sie sagen, "Masters of the Universe". Die entsprachen der digitalen Allmachtsphantasie: Wir können alles in der Welt bewegen. Inzwischen kehrt aber fast ein neues Realitäts- oder Demutsprinzip ein. Schauen Sie sich doch nur mal die Fernseh-Charaktere an: Dr. House, Adrian Monk - das sind, wie ich sie nenne, behinderte Kunstwerke. Brüchige Gestalten, die im Kampf mit dem Schicksal etwas bewegen. Dr. House, mittlerweile Deutschlands beliebteste Fernsehfigur, ist ja ein körperlicher und seelischer Krüppel, der aus seiner Behinderung aber etwas macht und dadurch an Liebreiz gewinnt. Die neuen Helden sind nicht perfekt - und das kann man gewissermaßen auch Frau Merkel zugutehalten. Sie ist ja wahrlich kein Top-Model, sondern eine Frau, die ihre Ecken und Kanten, Behinderungen und Probleme hat.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Und sie ist eine ostdeutsche Protestantin, die im Vergleich mit ihrem Amtsvorgänger irgendwie geerdeter und ernsthafter erscheint. Kehrt nach der Ära des schnellen Geldes womöglich das protestantische Arbeitsethos zurück?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die Vorstellung, dass wir per Knopfdruck die Welt verändern können, ist natürlich immer noch in den Köpfen der Menschen verankert - und bewahrheitet sich ja auch täglich im Internet. Sie googeln sich innerhalb weniger Sekunden die halbe Welt zusammen oder haben nach wenigen Mausklicks die erotische Phantasie vor Augen, die ihren Tagträumen genügt. Der Aufwand, den wir früher mal betreiben mussten, um an irgendetwas heranzukommen, ist enorm geschrumpft, und die Leute haben unbewusst das Gefühl, das müsse in jedem Lebensbereich so funktionieren. Es gibt allerdings eine Gegenbewegung, die darin besteht, sich auf die analoge Prozesshaftigkeit des Alltags einzulassen. Davon zeugen zum Beispiel die vielen Koch-Shows. Beim Kochen muss man ja stundenlang in der Küche stehen, da kann man am Herd auch grandios scheitern - aber wenn etwas gelingt, ist der ganze Freundeskreis bezaubert.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;"Es gibt sie noch, die guten Dinge", wie es beim Versandhaus "Manufactum" heißt . . .&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Das bedeutet nicht, dass die Leute jetzt jeden Tag kochen - aber zumindest haben sie das Gefühl, einmal pro Woche muss ich zeigen, dass ich mit Arbeit etwas bewegen kann. Eine der erfolgreichsten Zeitschriften der letzten Jahre ist ja "Landlust", in der es um die Rückkehr zu einem analogen Leben geht, das sich den Rhythmen der Natur anpasst, in dem man auch selber wieder ein bisschen töpfert oder pflanzt und sich dann an den Früchten der Arbeit erfreut. Diese Gegenbewegung zur vermeintlichen Aufwandslosigkeit ersetzt zwar nicht die Phantasie, dass wir im Prinzip alles auf Knopfdruck hinkriegen. Aber zu wissen, dass ich zur Not auch selber Hand anlegen kann, das wirkt beruhigend.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Noch ein Wort zum Liberalismus, der in Deutschland ja ohnehin nie eine besonders große Anhängerschaft hatte. Ist mit dem freiheitlichen Gesellschaftsmodell aufgrund der Krise vorerst Schluss?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ja, für die nächsten fünf Jahre ist das vorbei. Die Finanzkrise hat das zugeschüttet. Wir haben schon im vergangenen Jahr in Untersuchungen festgestellt, dass dem Staat viel mehr Wirtschaftskompetenz zugesprochen wird als umgekehrt der Wirtschaft Sozialkompetenz. Und gerade die Gerechtigkeitsdebatte zeigt, wie wichtig es den Leuten ist, dass sie vermeintlich gerechte und berechenbare Verhältnisse vorfinden. Die Liberalisierung im Sinne einer Entfesslung der Marktkräfte ist für viele Menschen im Moment ein Schreckgespenst - und dieses Schreckgespenst bleibt jetzt erst mal in die Kiste gesperrt.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;span style='font-family:Times New Roman; font-size:12pt'&gt;Das Gespräch führte Alexander Marguier.&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Text: F.A.S.&lt;br/&gt;Bildmaterial: dpa&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-2623717701230061203?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/2623717701230061203'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/2623717701230061203'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/07/die-menschen-haben-sich-verzockt.html' title='„Die Menschen haben sich verzockt“'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-1657451203692588423</id><published>2009-07-11T21:24:00.001+02:00</published><updated>2009-07-11T21:24:48.366+02:00</updated><title type='text'>Im Windschatten von Madame George</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;Schallplatten und Phono Ist das Jazz? Schon bei "Astral Weeks" wusste man das nicht. Jetzt hat Van Morrison seine legendäre Platte von 1968, mit der er einst die Grenzen des Blues aufhob, neu und live eingespielt. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Alles Wollen entspringt aus Leiden – oder umgekehrt. Und nur eine Handvoll Auserwählter beherrscht die Kunst, dem Ausdruck zu verleihen, allerdings auch nur für eine kurze Zeit, denn selbst deren Körper verlieren bald jene Exaltation gewordene Not, aus dem Geiste höllischer Qualen künstliche Paradiese erschaffen zu müssen. Wohl in diesem Sinne hat Van Morrison davon gesprochen, dass die Stücke von seiner Platte "Astral Weeks" (1968) eine Art "Licht am Ende des Tunnels" für ihn seien. Damit ist die heilende Kraft der Musik angesprochen, die er seit "Into the Music" (1979) auf zunehmend ritualisierte Weise beschwört, wobei sich zuweilen der Eindruck aufdrängte, das poetologische Moment seines Werks nehme in dem Maße überhand, in dem die reale Schöpferkraft nachlässt.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Sei's drum: Auf "Astral Weeks" hat er sich vermittels der Musik allemal zu einer irrwitzigen Leib-Seele-Einheit zusammengerissen, die sich in Drei-Akkord-Oden im 6/4-Takt erlöst. Drei Sitzungen genügten, mit wildfremden Jazzern, die ob der genialischen Spannungsbögen irritiert durch die Stücke mäandern, strolchen und dümpeln. Die Befürchtung, diese vollkommene Unvollkommenheit, die "Astral Weeks" mit seinen Vibraphon-Wetterleuchten, Geigen-Schauern und Gitarren-Rinnsalen zu einer Art Naturerscheinung der dritten Art macht, im Bügelfaltenhosen-Live-Sound vorgesetzt zu bekommen, war groß, als "Astral Weeks Live at the Hollywood Bowl" angekündigt wurde. Hatte die zwölfköpfige Band etwa auch all die liebgewonnenen Spielfehler einstudiert? Würde eine solche Live-Fassung überhaupt anders denn als bloßer Abglanz des Originals wirken können?&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Das Wiederhören des Originals erregte zudem einen ganz anderen Zweifel: Wenn es etwas gibt, worum es auf "Astral Weeks" im Kern geht, dann darum, ein geradezu übersinnlich-animalisches Bewusstsein der eigenen Jugend in die Welt herauszubrüllen, zu flüstern und zu grunzen. "I'm dynamite", heißt es in "Sweet Thing", das die Wendung "I shall never grow so old again" zum Mantra hat. "The Way Young Lovers Do" sagt im Titel schon alles und hat einen Refrain, an dem man stimmlich und emotional nur scheitern kann. Wie klug mag es da sein, mit dreiundsechzig Jahren nochmals das zu suchen, was sich ein Dreiundzwanzigjähriger im Raubtiersprung erobern konnte: ewige Jugend, getrunken an kristallklaren Gebirgsbächen, die "the love that loves to love" murmeln?&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;"Live at the Hollywood Bowl" ist dennoch eine wunderbare Aufnahme geworden, die sich mit deutlich transparenteren Arrangements am Vorbild orientiert, ohne es sklavisch zu imitieren. Die Sequenz der Stücke hat eine Umstellung erfahren. "Madame George" steht nun am Ende, "Listen to the Lion" von der Platte "St. Dominic's Preview" (1972) und "Common One" aus dem gleichnamigen Album (1980) fungieren als Epilog. Das sind wohl Fingerzeige, denn im ersten Stück geht es um die Unmöglichkeit, zum Wesenskern der Liebe vorzustoßen, ohne Schmerz als integralen Teil unseres Selbst zu begreifen. Im zweiten um das Paradies.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Betrachtet man die Gesangsperformance im Detail, so hat Van Morrisons Stimme erwartungsgemäß an keiner Stelle die rhythmische Verve und delirierende Luzidität von damals. Sang er früher in die Nasenwurzel, was seiner Stimme jenen leicht metallisch-angeriebenen Parmesanreiben-Sound verlieh, so scheint er sie heute fast zu trinken – &lt;em&gt;bere la voce&lt;/em&gt;, wie man es in manchen Schulen des Belcanto nennt und lehrt. Dadurch bewegt sich sein nach wie vor voluminöses Organ in einem viel engeren und dunkleren Ausdrucksband, das die bluesigen Wurzeln der Stücke stärker betont.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Tritt man etwas zurück und lässt das Album als Ganzes auf sich wirken, dann überrascht der kontemplative Fluss, der sich dort einstellt, wo einst ewig die Landstraße ans Meer lockte. Doch der Schein trügt: Es ist ja gar nicht "Astral Weeks", sondern "Live at the Hollywood Bowl", was wir hören. Der Mann, der da singt, könnte sein eigener Großvater sein, und die Oden an die Unzerstörbarkeit der Jugend sind nun dem Gedanken geweiht, dass "Leben" heißt, das Sterben zu lernen. Ein metaphysischer Widerspruch ist das nicht. Aber bemerkenswert ist es schon, dass man beides mit denselben Liedern und Worten sagen kann – "Dry your eyes and say goodbye to Madame Joy".      Alessandro Topa&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;Van Morrison, Astral Weeks: Live at the Hollywood Bowl. Listen to the Lion Records/Blue Note 6326713 (EMI)&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 03.03.2009 Seite 32&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-1657451203692588423?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/1657451203692588423'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/1657451203692588423'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/07/im-windschatten-von-madame-george.html' title='Im Windschatten von Madame George'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-2215274581354318110</id><published>2009-07-11T21:23:00.003+02:00</published><updated>2009-07-11T21:23:31.990+02:00</updated><title type='text'>Entweder man brennt, oder man verfault</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt; "Die Abenteuer des Augie March", "Humboldts Vermächtnis" und "Herzog": In Neuübersetzungen dieser drei großen Romane ist Saul Bellow jetzt als einer der größten amerikanischen Autoren wiederzuentdecken. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Von Thomas David&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Dort sitzt er, der Adler, und raschelt mit dem Gefieder. Seine Augen gleichen harten Edelsteinen, sie sind von kalter Grausamkeit, sein Zischen klingt wie rutschender Schnee. In den Menschen, denen Augie und Thea während ihrer Fahrt durch Mexiko begegnen, erweckt der Anblick des Vogels religiöse Ehrfurcht, einen stillen, würdevollen Ernst. Sein Kot ist von beißendem Gestank. Er hat rostrote, feurige Federn, er ist jung und hat noch keinen weißen Kopf: Er erhebt sich stolz aus dem Reich der Mythen und Legenden, und als Augie den Adler zum ersten Mal sieht, trübt sich sein Blick, und Augie fühlt sich benommen und schwach. Dieser Adler, so Augie, "wirkte wie ein naher Verwandter des Vogels, der sich einmal am Tag auf Prometheus niedergelassen hatte". Dieser Adler, so Saul Bellow in "Die Abenteuer des Augie March", "lebte nur für seine Bedürfnisse, deren fleischgewordenes Manifest" er war. Er schlägt mit den Schwingen, er blitzt mit den Augen und wendet den Blick, dessen Botschaft Augie zu entziffern versucht, niemals von diesem ab. &lt;em&gt;I had his eye on me and his comment to try to read and will to feel:&lt;/em&gt; "Immer", so Augie, "spürte ich seinen Willen." Er ist der einsame Adler, König der Tiere: Wenn er sich aufschwingt und hoch oben kreist "wie über dem Feuer der Atmosphäre", so Bellow in seinem mächtigen und wilden Roman, hat es den Anschein, als regierte er von dort aus die Welt. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;"Die Abenteuer des Augie March", Bellows Epos von 1953, das der Verlag Kiepenheuer &amp;amp; Witsch mehr als fünfzig Jahre nach Erscheinen der ersten deutschen Ausgabe nun zusammen mit "Herzog" und "Humboldts Vermächtnis", zwei weiteren Hauptwerken des 2005 verstorbenen Autors, in einer grandiosen Neuedition vorlegt, ist einer der bedeutendsten Romane der amerikanischen Nachkriegsliteratur. Philip Roth, der in Bellow und William Faulkner das "Rückgrat der amerikanischen Literatur im zwanzigsten Jahrhundert" sieht, bezeichnet ihn als "unseren ,Ulysses'". Für Martin Amis, der Bellows väterlichem Einfluss ebenso wenig zu entkommen vermag wie Ian McEwan in dem von einer großen Bewunderung für "Herzog" überschatteten Roman "Saturday", ist "Die Abenteuer des Augie March" schlichtweg &lt;em&gt;the great American novel&lt;/em&gt;, diese "mythische Bestie, dieser Heilige Gral, dieses irdische Eden", auf das amerikanische Schriftsteller seit Generationen so selbstbewusst Anspruch erheben wie ein New Yorker Tellerwäscher auf den sprichwörtlichen Traum vom Glück. Bellows Roman ist ein Bruder von Melvilles "Moby-Dick", von Fitzgeralds "Großem Gatsby": Er ist vollkommen und schön, der poetische Höhenflug seines bei Veröffentlichung des Romans achtunddreißigjährigen Autors, und zugleich doch so gewaltig, so unförmig und maßlos wie die Geschichte von Ahabs Jagd auf den weißen Wal, aus deren Kielwasser uns Augies eigenwillige, die kollektive Obsession des materialistischen Existenzkampfes beharrlich unterlaufende Version des American Dream entgegenzuspülen scheint.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;"Ich bin Amerikaner, geboren in Chicago – dem düsteren Chicago –, habe mir selbst beigebracht, wie man die Dinge in die Hand nimmt, nämlich unkonventionell" – &lt;em&gt;freestyle&lt;/em&gt;, wie Bellows temperamentvoller Ich-Erzähler im Original seines berühmten ersten Satzes sagt –, "und werde auch auf meine Art Erfolg haben." Der Weg aus dem jüdischen Viertel von Chicago, dem der 1915 im kanadischen Lachine zur Welt gekommene und ab 1924 in Chicago aufgewachsene Bellow mit der genialischen, vom starken Licht seiner Erinnerungskraft ausgeleuchteten Imagination ein lebendes Denkmal setzt, führt Augie durch die ärmlichen Hinterhöfe der "Großen Depression", die Hinterzimmer kleiner Ganoven: von der Highschool ins Haus des Grundstücksmaklers William Einhorn, für den Augie eine Zeitlang als Sekretär und Begleiter arbeitet, von der Universität in die ebenfalls nur vorübergehende Anstellung als Gewerkschafter der CIO und in einer von Bellow mit der energischen Kraft eines Fernschnellzuges rasant vorangetriebenen Szenenfolge schließlich von Chicago nach Mexiko, wo sich Augie und die von ihm leidenschaftlich geliebte Thea Fenchel mit einem abgerichteten Weißkopfseeadler auf die Jagd nach Leguanen begeben.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die lange Mexiko-Episode des Romans, in der Bellow das darwinistische, bislang in der industriellen Glut der Großstadt ausgetragene &lt;em&gt;survival of the fittest &lt;/em&gt;unter gleißender Sonne fortsetzt, ist der spektakuläre Höhepunkt des Romans: eine erzählerische "tour de force", in deren Verlauf sich der junge Adler, den Thea bei dem brutalen Versuch, ihn ihrem zielstrebigen Willen zu unterwerfen, beinahe zugrunde richtet, allmählich als Schlüsselfigur des Romans zu erkennen gibt, deren von einer mythischen Aura umgebene Urgestalt tief in Bellows Denken verwurzelt ist. Caligula, wie Augie den Vogel schließlich nennt, ist Bellows kühner Gegenentwurf zu jenen "Nebenstraßen- und Nachbarschafts-Machiavellis", die Augie auf der Odyssee durch die zahlreichen Etappen seiner Lebensgeschichte als Rekrut ihrer Überzeugungen einzuspannen und zu beherrschen trachten: Er ist der in seiner wilden Kreatürlichkeit von keiner Machtgier korrumpierte Antipode der bei den Marchs zur Untermiete wohnenden Oma Lausch, die als "busshardhafte Bolschewikin" in liebevoller Tyrannei ihr Regiment über den kleinen Augie und seinen älteren Bruder Simon führt; der in seinem natürlichen Stolz von keinerlei menschlicher Verblendung fehlgeleitete Antagonist des gerissenen Entrepreneurs Einhorn, der Augie auf ähnliche Weise eine Rolle im Geschäft seines Lebens zuzuweisen sucht wie die wohlhabende, von Augies Adoption in ein privilegiertes Dasein träumende Mrs. Renling und die diversen anderen der von Bellow mit sprachgewaltiger Fabulierkunst lebensgroß gezeichneten Figuren, deren Einfluss sich der scheinbar willensschwach dahintreibende Augie letztlich immer wieder entzieht. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;"Wann hat ein Blick je so viel Schaden angerichtet", sinniert Augie, als er noch geblendet ist von Thea Fenchels fehlgeleitetem Traum, den Adler zu domestizieren, um mit dem Verkauf gefangener Riesenleguane Geld zu verdienen, "wann haben Augen je einen so schrecklichen Despotismus ausgestrahlt?" Doch Caligulas vermeintlicher Despotismus entspringt in Wahrheit derselben "übermäßig großen Kraft, die man in die alten Vulkankrater zurückgedrängt hatte", und Bellow zelebriert den Adler schließlich als die Inkarnation jener Utopie des unschuldigen, von purer Lebensgier erfüllten Individuums, die auch der widerständige Ich-Erzähler des Romans instinktiv gegen die falschen Weltbilder, die man ihm aufzuzwingen droht, verteidigt. "Weil das Leben ringsumher so mächtig ist, weil seine Instrumente so groß und schrecklich, die Leistungen so gewaltig und die Gedanken so edel und bedrohlich sind, muss man ein Selbst erschaffen, das alldem gewachsen ist", so Augie, der Caligula rückblickend zum heimlichen Helden seiner Erzählung macht, da ihn der Vogel an den Triumph jener gelegentlichen Momente zu erinnern scheint, in denen es ihm gelang, die Welt gleichfalls "wie ein wildes Geschöpf" wahrzunehmen – frei von den Fesseln und der Last der menschlichen Existenz und den Ideologien, mit denen Oma Lausch oder William Einhorn und schließlich auch Thea Fenchel im Begriff waren, Oberhand über Augie zu gewinnen: "Das Bestreben des Menschen besteht immer nur darin, andere zur eigenen Version dessen zu bekehren, was die Wirklichkeit ist. Dann werden sogar die Blumen und das Moos auf den Steinen zu dem Moos und den Blumen einer bestimmten Version dieser Welt. Ja, und ich schien tatsächlich der ideale Rekrut zu sein", so Augie, der in seiner intuitiven Selbstbehauptung keinen Machtanspruch über andere erhebt und sich mit einem ähnlichen Freiheitsdrang zu den Abenteuern seines Lebens aufschwingt wie Caligula, der hoch am Himmel Saltos schlägt. "Aber die erfundenen Dinge", so Augie, "wurden niemals Wirklichkeit für mich." &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Bellows Roman erzählt nicht nur von Augies Mühen, sich im Babel jener amerikanischen Wirklichkeit durchzuschlagen, die Charlie Citrine, der Erzähler von "Humboldts Vermächtnis", zwei Jahrzehnte später als "schwachsinniges Inferno" bezeichnet. "Die Abenteuer des Augie March" ist auch der Entwicklungsroman seines Autors, der in seinem dritten Buch alle Ketten sprengt, die ihn bei der Arbeit an seinem Debüt "Mann in der Schwebe" (1944) und dem drei Jahre später veröffentlichten Roman "Das Opfer" noch zurückgehalten hatten. In "Die Abenteuer des Augie March" bezwingt Saul Bellow den starken Formwillen, der diese beiden an Vorbildern wie Flaubert und Dostojewski scheiternden Romane heute eher konventionell erscheinen lässt, und erlöst den Antihelden des von Bellow schließlich als "Opfer-Literatur" bezeichneten zeitgenössischen jüdisch-amerikanischen Romans in die robuste, vom Heroismus seines unbezwingbaren Optimismus geleitete Figur des Augie March, dessen Stimme laut Philip Roth im weltlichen und demokratischen Amerika auf keinen Widerstand mehr stoße: "Dieses entschlossene Behaupten der ununterdrückbaren Mitbürgerschaft im Freistil-Amerika", so Roth über den selbstbewussten Duktus der pulsierenden, von Henning Ahrens virtuos ins Deutsche übertragenen Prosa, mit der Bellow der amerikanischen Literatur einen neuen Kontinent erschloss, "war ebenjener kühne Ton, der nötig gewesen war, um sämtliche Zweifel an den amerikanischen Schriftsteller-Referenzen eines Einwanderersohnes wie Saul Bellow auszuräumen." Als "eine Art Kolumbus des Naheliegenden", als der Augie sich am Ende des Romans beschreibt, ist er der Entdecker jener verwirrenden Terra incognita der amerikanischen Gegenwart, in der sich die Protagonisten der Romane "Herzog" und "Humboldts Vermächtnis" zu verlieren drohen. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;"Sie haben eine Seele, nicht wahr, Moses?" In "Herzog", seiner 1964 veröffentlichten Meditation über den vom "faustischen Geist der Unzufriedenheit" heimgesuchten Gelehrten Moses Herzog, der ähnlich wie in "Humboldts Vermächtnis" der Schriftsteller Charlie Citrine aus der Unordnung seines Lebens zum Kern einer existentiellen Krise vordringt, zeichnet Bellow ein ironisches Porträt des unter der "knochenbrechenden Bürde von Selbstsein und Selbstentwicklung" strauchelnden modernen Menschen. Herzog hat seine akademische Stellung aufgegeben, auch die Ehe mit seiner zweiten Frau ist gescheitert. Er ist unfähig zur Arbeit, sein großes Werk über die sozialen Ideen der Romantik ist unvollendet, und schreibt stattdessen wie besessen Briefe an Zeitungen, an Personen des öffentlichen Lebens wie Präsident Eisenhower und Martin Heidegger, an Freunde und Verwandte – die lebenden wie die toten. Herzog ist "durch eine Gefühlsverwirrung behindert", er glaubt sich auf dem besten Weg, den Verstand zu verlieren und ist doch längst "auf der Spur von Dingen, die er erst jetzt und nur undeutlich zu begreifen" beginnt. "Schlimmes Handicap, eine Seele", so der geschäftstüchtige Mann einer ehemaligen Geliebten, die Herzog bei einem der Ausflüge besucht, die er in der realen Unterströmung des weitläufig delirierenden Gedankenflusses, der Bellows mitreißenden Roman ausmacht, zu diversen Nebenfiguren seines Lebens unternimmt. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Wie Charlie Citrine, der in "Humboldts Vermächtnis" der irren Intensität der amerikanischen Realität zu entkommen versucht und sich mit Unterstützung seines toten Freundes Von Humboldt Fleisher im expandierenden, lediglich auf äußere Wunder spezialisierten Wirtschaftsunternehmen Vereinigte Staaten auf die Suche nach einem "inneren Wunder" begibt, durchdringt auch Herzog auf seinem mäandernden Erkenntnisweg die von fremden Welt- und falschen Selbstbildern belebte Sphäre seines Lebens und kommt im stillen Triumph eines endlich sprach- und gedankenlosen Augenblicks schließlich zu sich selbst.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Herzog probiere in dem Roman nach und nach noch einmal alle Rollen aus, die ihm bisher Halt gegeben hätten, so Bellow über seinen Helden, der Augie Marchs Abenteuer der Selbstbefreiung, den Widerstand gegen die "Realitätslehrer", wie es in "Herzog" heißt, in der schwindelerregenden Höhe abstrakter Gedanken mit einem waghalsigen intellektuellen Drahtseilakt nachzuahmen scheint: "den Vater, den Liebhaber, den Ehemann, den Gelehrten, den Rächer. Er schlüpft hinein und streift sie sich ab wie Kleidung. Keine dieser Rollen passt ihm wirklich. Alle haben ihn in die Irre geführt", so Bellow, der Herzog und Citrine und Augie March am Ende ihrer Romane zumindest das Wissen um die Möglichkeit eines anderen, von der Last und der Verwirrung ihrer Zeit befreiten Lebens schenkt. &lt;em&gt;You got a soul – haven't you, Moses.&lt;/em&gt; "Ja, ich glaube", so Bellow, "am Ende geht aus all diesem Unsinn eine Person hervor, wenn Herzog begreift, dass sein Leben eine viel größere, von ihm bisher ignorierte Bedeutung hat – eine transzendente Bedeutung." &lt;em&gt;Can't dump the sonofabitch, can we? Terrible handicap, a soul.&lt;/em&gt; In Saul Bellows olympischem, 1976 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichneten Werk vereint sich ein kritischer, vom reinen höheren Licht des akademischen Geisteslebens durchfluteter Rationalismus mit dem Mysterium einer ganz ursprünglichen Spiritualität. Saul Bellow war der vielleicht letzte bedeutende Metaphysiker der amerikanischen Literatur. "Wir betreten die Welt ohne vorherige Ankündigung, wir sind erschienen, bevor uns das Erscheinen bewusst sein kann", wie er in "Vettern und Kusinen" schreibt – an zentraler Stelle nicht nur dieser 1984 veröffentlichten Erzählung: "Ein ursprüngliches Ich existiert oder, wenn man das vorzieht, eine ursprüngliche Seele." &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Und in gewisser Hinsicht sind natürlich auch Bellows Romane ihr eigenes, gleichsam ursprüngliches Ich, dessen sprachliche Urgestalt sich selbst in der gelungensten Übersetzung nicht wirklich zeigt. Dave Eggers attestiert Bellow "die schönsten, die musikalischsten Sätze", die er je gelesen habe. Jeffrey Eugenides spricht in seiner Einleitung zur amerikanischen Neuausgabe von "Humboldt's Gift" von einer Prosa, "die, in jedem Satz, von Erleuchtung berührt" sei. "Jeder Satz", so Eugenides, "leuchtet mit seiner eigenen Aura." Bellow ist der Autor eines unverwechselbaren, eines unverwechselbar amerikanischen Stils, dessen spektrale sprachliche Farbigkeit in den bisher lieferbaren, längst in die Jahre gekommenen Übersetzungen von "Die Abenteuer des Augie March", von "Herzog" und "Humboldts Vermächtnis" kaum noch zum Vorschein kam. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Es ist Bellows deutschem Verlag Kiepenheuer &amp;amp; Witsch daher hoch anzurechnen, diese drei schillernden Meisterwerke vom Staub der Zeit befreit zu haben und ihren bei uns ein wenig in Vergessenheit geratenen Autor als einen der großen Schriftsteller Amerikas in Erinnerung zu rufen. Henning Ahrens erlöst Augie March nun endlich von jenem historischen, im Eis der fünfziger Jahre gefrorenen Jargon, aus dem sich Bellows glühendes Original immer wieder ganz von selbst in eine neue Zeit befreit, und auch Bärbel Flads Überarbeitung der Mitte der sechziger Jahre von Walter Hasenclever besorgten Übersetzung rettet "Herzog" in die Gegenwart, die Bellows im kristallinen Bewusstsein seines verirrten Helden dahinschwebende Erzählung im Englischen nie verlassen hat. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Es ist jedoch Eike Schönfelds fulminante, wie eine strahlend phosphoreszierende Membran aufgespannte Übersetzung, durch die man am tiefsten in Bellows Werk zu blicken meint. "Humboldts Vermächtnis" ist Bellows wilder Totentanz, ein vom grellen Schein der Vergänglichkeit illuminiertes Schauspiel, "so überdreht und karnevalesk" – Roth – "wie kein anderes" von Bellows Büchern, und Schönfeld legt in seine Übersetzung so viel Mut, so viel Freiheit und deshalb letztlich so viel Leben, wie man es vielleicht nur im Angesicht des Todes wagen kann. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;"Wenn das Leben nicht berauschend ist, ist es gar nichts", so Von Humboldt Fleisher, dessen Vermächtnis schließlich nicht nur Bellows todesfürchtigen Ich-Erzähler Charlie Citrine in die Schwerelosigkeit eines höheren Bewusstsens enthebt. "Entweder man brennt, oder man verfault." &lt;em&gt;Here it's burn or rot. &lt;/em&gt;Aber in "Humboldts Vermächtnis", in "Herzog" und "Die Abenteuer des Augie March" schenkt Saul Bellow seinen Lesern einen berauschenden Anblick ihrer Seele, und sie fliegt hoch wie der Adler über den täglichen Schicksalen der Menschen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21.03.2009 Seite Z5&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-2215274581354318110?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/2215274581354318110'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/2215274581354318110'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/07/entweder-man-brennt-oder-man-verfault.html' title='Entweder man brennt, oder man verfault'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-8425996296343364655</id><published>2009-07-11T21:23:00.001+02:00</published><updated>2009-07-11T21:23:05.895+02:00</updated><title type='text'>Vom „Bösen“ spricht man nicht</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;Was die Kirchen zum Amoklauf zu sagen haben / Von Thomas Jansen &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurt, 20. März. Warum konnte es zu einer Schreckenstat wie dem Amoklauf von Winnenden kommen? Wer auf diese Frage in den vergangenen Tagen eine Antwort suchte, konnte sich über einen Mangel an psychologischen, soziologischen und pädagogischen Beiträgen nicht beklagen. Und auch an Vorschlägen, wie solchen Taten künftig vorzubeugen sei, fehlte es nicht: strengere Waffengesetze, mehr Schulpsychologen und ein Verbot von gewaltverherrlichenden Computerspielen. Doch wer sich fragte, ob in dem Amoklauf vielleicht nicht doch auch Grundsätzlicheres zum Vorschein gekommen sein könnte als eine laxe Handhabung der Waffengesetze oder eine Überforderung des Täters durch seine Eltern, etwa das, was Theologen das Böse oder die Sünde nennen, sah sich weitgehend alleingelassen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Es war der baden-württembergische Kultusminister Helmut Rau, der als erster Politiker in einer größeren Öffentlichkeit den Amoklauf als Manifestation des Bösen bezeichnete. Das Böse sei ausgebrochen, und es sei vorher nicht zu erkennen gewesen, sagte Rau einen Tag nach dem Amoklauf im Zweiten Deutschen Fernsehen. Ein Patentrezept, so lautete seine Schlussfolgerung, mit dessen Hilfe sich Taten wie die des Tim K. verhindern ließen, gebe es nicht. Dass der praktizierende Protestant Rau, von Haus aus nicht etwa Theologe, sondern Anglist und Politologe, kaum Nachahmer unter seinesgleichen fand, lässt sich noch leicht erklären: Das Eingeständnis der eigenen Ohnmacht ist für Politiker, die vom Wähler normalerweise an ihren Taten oder zumindest an ihren Forderungen gemessen werden, meist mit einem Risiko behaftet. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Verwunderlicher ist es schon, dass auch Kirchen und Theologen in ihren Äußerungen den Begriff des Bösen meist übergingen oder allenfalls am Rande erwähnten. In den Stellungnahmen des EKD-Ratsvorsitzenden Bischof Huber und des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Zollitsch, findet sich kein Hinweis darauf, dass es in beiden Kirchen durchaus so etwas wie eine Lehre vom Bösen gibt. Man wolle Schmerz und Fassungslosigkeit "Raum geben" sagte Huber. Die Tragödie übersteige die "menschliche Vorstellungskraft", sagte Zollitsch. Der Landesbischof der Evangelischen Kirche in Württemberg, July, erinnerte angesichts des Amoklaufs in einem Beitrag für die Wochenzeitung "Rheinischer Merkur" an die christliche Rede von Schuld und Vergebung und zitiert die entsprechende Bitte aus dem Vaterunser. Eine andere Bitte aus diesem wichtigsten Gebet der Christenheit, "und erlöse uns von dem Bösen", erwähnt er hingegen nicht. Auch im ökumenischen Gedenkgottesdienst am Mittwoch vergangener Woche in Winnenden, an dem unter anderen der Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Fürst, teilnahm, tauchte der Begriff des Bösen nur einmal kurz auf, von der Sünde war, bezogen auf den Amoklauf, überhaupt nicht die Rede. Im "Wort zum Sonntag", dem kirchlichen Forum mit der größten Breitenwirkung, sprach eine evangelische Pfarrerin darüber, wie sie mit ihren Konfirmanden die Passionsgeschichte gelesen hat, und schlägt anschließend einen Bogen zum Amoklauf. Auch sie kommt ohne "das Böse" und "die Sünde" aus.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Schließlich gab es auch kirchliche Stellungnahmen, die sich nahtlos in die politische Debatte einfügten. Die hannoversche Bischöfin Käßmann sprach sich in einem Gespräch mit der Zeitung "Neue Presse" dafür aus, dass Schulen mehr Sozialpädagogen beschäftigen und die Klassenstärken verringert werden sollten.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Warum machten Vertreter beider Kirchen nach dem Amoklauf von Winnenden einen solch großen Bogen um den Begriff des Bösen? Weil er für die christliche Botschaft eben doch nicht entscheidend ist? Weil sie den richtigen Zeitpunkt noch nicht für gekommen hielten oder weil sie fürchteten, das Vokabular könne die Menschen abschrecken? Der fehlende Anlass kann es jedenfalls nicht gewesen sein.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21.03.2009 Seite 6&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;Im Gespräch: Joachim Wanke, Bischof von Erfurt "Das Geheimnis des Bösen ist unerklärbar" &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Bischof Wanke, woher kommt das Böse in der Welt?&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die Frage nach der Herkunft des Bösen angesichts eines guten Gottes bleibt für den Menschen ein dunkles Rätsel. Manche Begleitumstände einer bösen Tat, wie jetzt wieder der Amoklauf in Winnenden, mögen sich begreiflich machen lassen. Doch vor dem harten Kern der Fragen Was ist das Böse? Woher kommt es? bleiben wir ratlos.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Gott ist also gut, der Mensch böse?&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Wenn wir Christen ein dualistisches Weltbild ablehnen, in dem das Böse gleich ursprünglich wäre wie das Gute, aber auch ein Weltbild, in dem das Böse seinen Ursprung in Gott selbst hat, dann bleibt nur der Weg, eine auf Freiheit und Entscheidung ruhende Verneinung des Guten als Quellgrund des Bösen anzusehen. Dieser "Mangel" an Bejahung des Guten kann unterschiedliche Gestalt annehmen, nicht nur eine individuelle, sondern auch eine strukturelle, die man mit dem Stichwort "Verblendungszusammenhang" kennzeichnen könnte. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Gibt es nur "das Böse" oder auch "den Bösen"?&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Wenn eine Freiheitstat am Anfang des Bösen steht, wird verständlich, dass im christlichen Glauben "das Böse" immer auch eine personale Dimension hat. Doch ist die Rede von der Personalität des Bösen, etwa als Satan oder Teufel, nicht mit menschlichem Person-Sein gleichzusetzen. Wo es nur noch reine Verneinung gibt, kann es an sich keine Personalität, keine Kommunikation geben. Für mich ist das Böse so etwas wie ein "schwarzes Loch", das alles in sich verschlingt, aber keinen Lichtstrahl aus sich herauslässt.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;In allen europäischen Sprachen ist das Wort für "Teufel" aus dem griechisch-biblischen Wort "diábolos" abgeleitet. Gäbe es ohne das Christentum den Teufel nicht?&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Religionsgeschichtlich gesehen, ist der Teufel kein Eigengut des Christentums. Auch das, was mit dem Wort Sünde bezeichnet wird, ist anderen Religionen durchaus bekannt. Für das Christentum eigentümlich ist die Einordnung der mit Teufel und Sünde bezeichneten Wirklichkeiten in das Ganze der christlichen Welt- und Heilssicht.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Das "Vater unser", das von Jesus überlieferte Grundgebet der Christenheit, endet mit der Bitte um Erlösung "von dem Bösen". Warum?&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Weil Jesus – wie der Evangelist Johannes bemerkte – "wusste, was im Menschen ist". In jedem Menschen, auch dem heiligsten, steckt eine Potenz der Verneinung, eine Möglichkeit, sich dem Leben zu verweigern. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Was ist mit der Rede von der "Erbsünde" gemeint? Ist das Böse immer schon als Möglichkeit im Menschen, oder kommt es von außen in ihn hinein? &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die Rede von der Erbsünde, als theologisches Denkmodell besonders von Augustinus entwickelt, will die grundsätzliche Erlösungsbedürftigkeit jedes Menschen festhalten. Übrigens hat Erbsünde nichts mit Geburt und Fortpflanzung zu tun. Die Heilige Schrift will mit ihren Erzählungen vom Paradies aussagen, dass der Mensch von seinem Schöpfer ohne Sündenanfälligkeit gedacht ist. Durch eine Anfangsentscheidung des freien Menschen, wie immer diese auch zu denken ist, sind alle Menschen in "Mithaftung" genommen. Dieses Phänomen der "Einschließung unter die Sünde" (wie Paulus das nennt) ist uns nicht fremd, denken wir nur an politische und sonstige Mithaftung für Verhältnisse, die ich persönlich nicht verursacht habe, die ich aber mitzutragen habe. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Im Johannes-Evangelium heißt es von dem Teufel, er sei der "Herrscher dieser Welt". Was ist damit gemeint? &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;In der Sprache des Johannes ist "Welt" die Chiffre aller Gottfeindlichkeit. Jesus entmachtet durch sein Kommen jede gottwidrige Herrschaft. Die Bibel rechnet mit der Herrschaft Satans, weiß ihn aber durch Jesus besiegt, so wie ein feindliches Heer besiegt ist, aber man durchaus noch im Nachhutgefecht mit dem schon besiegten Gegner fallen kann. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Während der Feier der Taufe und der Feier der Osternacht werden die Gläubigen gefragt, ob sie "dem Satan widersagen". Warum?&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Weil die Unterstellung unter das schon hier und jetzt in jedem Glaubenden angebrochene Reich Gottes einer Entscheidung bedarf. Der Ruf in die Nachfolge Christi spricht die Freiheit des Menschen an, die von Gottes zuvorkommender Gnade umfangen wird. Darum gehört von Anfang an das Taufgelöbnis mit der Absage an den Satan zum Taufritus. In der Feier der Osternacht wird dieses Gelöbnis gleichsam aktualisiert. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die Auferweckung Jesu von den Toten deutet die Kirche als Sieg über Sünde und Tod. Die Geschichte der Menschheit spricht eine andere Sprache. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Hier mag der Vergleich mit dem helfen, was 1989/90 politisch im Osten passiert ist. Die Bedingungen für ein freies, selbstbestimmtes Leben waren nach der friedlichen Revolution gegeben, aber nicht alle haben die damit gegebenen Möglichkeiten ergriffen. Ostern ist für mich so etwas wie ein "Herrschaftswechsel". Natürlich hinkt der Vergleich, weil er innerhalb menschlicher Geschichte bleibt. Diese ist noch nicht in Gottes Welt endgültig eingemündet, wie manche Ideologien, auch manche Terroristen uns glauben machen wollen. Trotz der bitteren Erfahrungen aus Geschichte und Gegenwart gilt für den Christen: Gott hat im Auferstandenen einen schöpferischen Neuanfang gesetzt: Das Alte ist vergangen – siehe, Neues ist geworden. Das kann freilich nur Gott. Aus dieser Perspektive vermag man auch in der Dunkelheit österlich zu leben. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Im Neuen Testament ist weitaus häufiger als im Alten Testament von "Dämonen" die Rede und von Menschen, die von unreinen Geistern "besessen" sind. Ist das eine zeitbedingte, einem längst überholten Weltbild verpflichtete Rede oder eine heute noch gültige Einsicht in die Befindlichkeit des Menschen?&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die Bibel ist kein Lehrbuch der Psychologie, und natürlich ist ihre Sprache von zeitbedingten Vorstellungen geprägt. Auch wir haben heute "Vorurteile", die anzufragen sind, etwa den grassierenden Unschuldswahn. Dass freilich ein Mensch "besetzt" sein kann, ist für mich außerhalb jedes Zweifels. Man muss jedoch aufpassen: Die Rede von Besessenheit streift schnell die Grenze zum Aberglauben. Wir wissen um die furchtbaren Folgen etwa des Hexenwahns. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Kardinal Ratzinger hat 1983 vor einer "rationalistisch verflachten Theologie des Teufels und der Welt der Dämonen" gewarnt, sollten beide nur noch als Chiffre für die inneren Gefährdungen des Menschen dienen. Ist diese Warnung noch immer aktuell?&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ohne Zweifel, wie mein Hinweis auf den "Unschuldswahn" zeigt. Der Mensch ist nicht nur durch persönliche Schuld gefährdet, sondern auch durch "Strukturen des Bösen". Was das sein könnte, erahnt man als aufmerksamer Betrachter des Zeitgeschehens durchaus. Die Rebellion gegen Gottes Schöpfungsordnung ist alles andere als ein Kavaliersdelikt. Sie gibt dem Bösen gleichsam ein Gesicht. Freilich geht das Böse nicht völlig in Einzelpersonen und deren Bosheit auf. Für mich ist die Redeweise vom Teufel ein bleibendes Festhalten am Geheimnis des Bösen, das letztlich unerklärbar ist. Aber noch einmal: Wer verloren in einer Eisspalte liegt, sinnt nicht über deren Ursprung nach. Er müht sich vielmehr, mit allen Kräften die rettende Hand zu ergreifen, die sich ihm entgegenstreckt. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;In welchen Gestalten begegnet Ihnen das Böse?&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Vor allem im eigenen Leben, in dem sich immer wieder die Täuschung breitmacht, selbst Gott sein zu können. Es begegnet in Taten der Inhumanität, die menschliche Würde, die das Leben selbst zerstören. Es begegnet in Verhältnissen, in denen Freiheit unterbunden, die Wahrheit unterdrückt und jede Hoffnung auf Veränderung zum Guten geraubt wird. Freilich ist zu bedenken: Dort, wo das Licht stärker wird, werden auch die Schatten tiefer. Das Böse ist ein Epiphänomen. Es begleitet das Gute, das es gottlob nie verschlingen kann. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Wie kann man diese Wirklichkeit überwinden?&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Durch die Demut, von jedem ideologischen Experiment zu lassen, die Welt mit Gewalt gut zu machen. Bischof Franz Kamphaus hat das Wort geprägt: Religion ist dazu da, Gott zu verehren, nicht Gott zu spielen. Die Anerkennung Gottes und das Vertrauen auf ihn als Quelle alles Guten ist eine Hilfe, an der Welt, so wie sie ist, nicht zu verzweifeln, sondern im Gegenteil: immer wieder neu Biotope des Guten zu bauen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;      Das Gespräch mit dem Bischof von Erfurt führte Daniel Deckers.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21.03.2009 Seite 6&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-8425996296343364655?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/8425996296343364655'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/8425996296343364655'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/07/vom-bosen-spricht-man-nicht.html' title='Vom „Bösen“ spricht man nicht'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-3007737204081818230</id><published>2009-07-11T21:22:00.003+02:00</published><updated>2009-07-11T21:22:43.168+02:00</updated><title type='text'>Was treibt junge Mädchen in den Tod?</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;Amerikanische Teenager haben Jay Ashers Roman "Tote Mädchen lügen nicht" verschlungen. Jetzt erscheint das Jugendbuch über den Selbstmord einer Schülerin auf Deutsch. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;In diesen Tagen kommt in Deutschland ein Buch heraus, das keine Expertenstudie, kein statistisches Nachschlagewerk, sondern ein Jugendroman ist. Er heißt "Tote Mädchen lügen nicht", und sein Autor ist der dreiunddreißigjährige Kalifornier Jay Asher. Seit das Buch im Oktober 2007 in den Vereinigten Staaten erschien, hat es sich dort gut hundertsechzigtausendmal verkauft, und das, obwohl es anfangs kaum Verlagswerbung gab: Teenager haben vielmehr Teenagern davon erzählt. "Thirteen Reasons Why", so der Originaltitel, ist im amerikanischen Handel immer noch ausschließlich als Hardcover erhältlich. Es war bis auf den dritten Platz der "New York Times"-Bestsellerliste gerückt. Seine Rechte sind inzwischen in vierzehn Länder verkauft worden. In Deutschland trifft der Roman auf ein Publikum, jung wie alt, das sich beim Lesen wahrscheinlich kaum von den Ereignissen in Winnenden lösen kann – auch wenn es gar nicht um ein "High School Shooting" geht, sondern um den Selbstmord einer Schülerin.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Am Montag hat Alice Schwarzer, die Herausgeberin der Zeitschrift "Emma", einen streitbaren Artikel über Winnenden veröffentlich. Sie hat den Amoklauf "das erste Massaker mit dem Motiv Frauenhass in Deutschland" genannt – weil von den neunzehn toten und verletzten Opfern in der Albertville-Realschule achtzehn weiblich gewesen seien. Auf der Flucht habe der Täter dann wahllos und auch auf Männer geschossen. "Tim K. soll ,Depressionen' gehabt haben", schreibt Alice Schwarzer. "Wir alle kennen depressive Frauen. Morden sie? Nein, höchstens sich selbst."&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Morden sie? In den Tagen seit den Ereignissen von Winnenden hat man zwei andere Fragen wieder und wieder gehört. Die eine lautet: Hätten wir die Warnsignale des Schulamokläufers rechtzeitig erkennen können? Und die andere: Warum sind es eigentlich immer Jungs oder junge Männer? Experten haben daraufhin erklärt, dass es sehr wohl Amokläuferinnen gibt, wenn ihre Zahl auch gering ist: Eine Studie aus dem Jahr 2006, die neunundneunzig Amokläufe an Schulen auf der ganzen Welt seit 1974 aufgeschlüsselt hat, zeigt, dass es viermal Täterinnen waren. Und obwohl die Gewaltbereitschaft junger Mädchen zuletzt gestiegen ist, was wiederum andere Studien belegen: Die Aggression psychisch belasteter Frauen, und das bringen Alice Schwarzers bittere Worte zum Ausdruck, scheint sich also eher nicht nach außen, sondern nach innen zu richten. Doch auch Jungen, dass darf man dabei nicht vergessen, begehen Selbstmord. Sie tun es sogar häufiger als Mädchen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;In "Tote Mädchen lügen nicht" geht es um einen jungen Menschen, der sich isoliert fühlt, jedes Vertrauen verliert und irgendwann beschließt, in den Tod zu gehen – aber nicht ohne noch zu dokumentieren, welche Signale es für diesen Selbstmord gegeben hat. Ihr hättet es erkennen können, diese Botschaft hinterlässt die junge Hannah Baker dreizehn Menschen aus ihrem Umfeld: zwölf Mitschülern und einem Lehrer. Ihr hättet mich aufhalten können, denn die Signale waren da, als ich mir die Haare abschnitt und auf Gängen herumgeschrien habe. Ihr hättet nur hinsehen, hinhören müssen, ihr hättet nur einmal nachdenken müssen, was ihr mir antut. Dann hättet ihr vielleicht verhindern können, dass es so weit kommt und ich Tabletten nehme.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Aber dazu ist es nun zu spät. Und daher müssen die dreizehn Menschen, die Anteil am Schicksal Hannahs hatten, dem Mädchen zwei Wochen nach seinem Freitod so genau zuhören, wie sie es vorher eben nicht taten: Hannah Baker hat vor ihrem Tod Kassetten besprochen, dreizehn Stück, für jeden eine: für den Jungen, der sie zum ersten Mal küsste und danach bei seinen Freunden damit prahlte; für das Mädchen, das sie benutzte, um selbst heller strahlen zu können; für einen anderen Jungen, der ihr Briefgeheimnis brach; für einen dritten Jungen, der ungefragt ein Gedicht von ihr druckte und an der Schule verteilte; für eine Freundin, die keine war; und schließlich für den Lehrer, der ihr riet, doch einfach auf sich beruhen zu lassen, was sie umtrieb, und der in seinem Büro sitzen blieb, als Hannah aufstand und sagte: Ich schließe jetzt mit meinem Leben ab. Dreizehn größere und kleinere Verletzungen kommen so zusammen. Erst in der Summe der Teile wird ein Bild daraus, das nur Hannah erkannte, die anderen aber nicht, aus Teilnahmslosigkeit, Arroganz, Dummheit – oder weil es zu schwer war, die Verletzung überhaupt zu erkennen. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Jay Asher hat es weder sich noch seinen Figuren leichtgemacht. Er hat auch Hannah Baker als ungerecht, unfair und unzugänglich beschrieben: Das bewahrt sein Buch davor, eine banale Anleitung zum Seelenklempnern zu sein. Das ist vielleicht auch das Geheimnis, warum das Buch an amerikanischen Highschools von Hand zu Hand wanderte. Es ist nicht pädagogisch, nicht altklug, nicht berufsjugendlich, es ist kompliziert. Was hat "Tote Mädchen lügen nicht" inspiriert, warum rückt einem das Buch so nah? "Mich hat die Geschichte einer jungen Verwandten beschäftigt, die sich das Leben zu nehmen versucht hat", erzählt Jay Asher im Gespräch. Und dass er sich mit seiner Frau und anderen Freundinnen hingesetzt hat und sie fragte, was in deren Schulzeit geschehen sei, das sie nicht bewältigen konnten. Gerüchte, antworteten sie, Gerede, Rufmord und Klatsch. Als er selbst noch in der Highschool war, hat Asher an einem Präventivkurs zur Verhinderung von Selbstmorden teilgenommen. Auch im Buch wird eine Broschüre verteilt, die "Warnsignale suizidgefährdeter Menschen" heißt. "Ich wollte, dass es kein zu großes Ereignis ist, das Hannah umtreibt", sagt Asher. "Ich wollte, dass es viele kleine Dinge sind." Ein Herz, das immer wieder bricht, und mit jedem Mal wird der Knacks größer. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Natürlich hat Jay Asher von den Ereignissen in Winnenden gehört, die Bilder waren auch auf CNN zu sehen, weil jedes "High School Shooting" außerhalb des Landes die Amerikaner offenbar darin versichert, nicht allein mit diesem Phänomen zu sein (sie führen die eingangs genannte Statistik von 2006 mit großem Vorsprung an). Asher versteht auch, warum sein Jugendbuch in eine ungefähre Nähe zu dem Unglück rückt, er selbst aber sieht Parallelen zu einem ganz anderen Fall: Megan Meier, ein Mädchen mit Zahnspangen aus einem Vorort von St. Louis, erhängte sich im Oktober 2006 in ihrem Kleiderschrank, nachdem sie auf ihrer MySpace-Seite von einem Jungen namens Josh Evans gemobbt worden war. "Die Welt wäre ein besserer Ort ohne Dich", lautete Joshs letzter Eintrag. Vorher hatte er über eine längere Zeit im Netz mit Megan geflirtet. Nur: Diesen Jungen gab es gar nicht. Eine Nachbarstochter hatte sich "Josh Evans" gemeinsam mit ihrer Mutter und einer Bekannten ausgedacht. Dass Megan Psychopharmaka nahm, hatten die Beteiligten offenbar gewusst. Die Nachbarsmutter ist im vergangenen November wegen Computerbetrugs verurteilt worden – es war der erste amerikanische Prozess gegen "Cyberbullying" überhaupt. Auch bei Megan, sagt Jay Asher, habe kein großes Ereignis den Anstoß gegeben, sondern ein Satz: dahingesagte Worte für andere, für das dreizehnjährige Mädchen der letzte Treffer.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Es wundert nicht, dass in Amerika nach Megan Meiers Selbstmord heftig über das Internet und seine anonyme Grausamkeit diskutiert wurde, genau wie man jetzt im Fall Winnenden im Computer von Tim K. nach Spuren gesucht hat. In "Tote Mädchen lügen nicht" allerdings spielt das Internet überhaupt keine Rolle. Das Wort fällt auf den 283 Seiten des Buchs kein einziges Mal. Dafür spielen Postkarten eine Rolle, Briefchen, Listen, Schuljahrbücher, Gedichte: Asher hat eine analoge Geschichte geschrieben. Hannah Baker verschickt ein Paket mit Kassetten, die, so verfügt sie, von Adressat zu Adressat weitergereicht werden sollen – andernfalls habe sie dafür gesorgt, dass ihr peinlicher Inhalt veröffentlicht werde. Das ist das Erzählmodell des Buchs, angeregt, sagt Jay Asher, von Audioguides, wie sie seit einiger Zeit in Museen verteilt werden und Besucher über eine Stimme im Kopfhörer von Artefakt zu Artefakt leiten. Hannah hat auch eine Karte beigelegt, die ihre Zuhörer (und den Leser) an die Orte des Geschehens führt und immer näher heran an ein dunkles Geheimnis, an eine Mitschuld Hannahs bei einem anderen Verbrechen, dessen Zeugin sie war, ohne einzugreifen. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Liest Jay Asher aus seinem Debüt an Schulen oder in Buchläden vor, stehen nachher Jungs und Mädchen bei ihm an, um davon zu erzählen, wie sie die Lektüre verändert habe. Einige gründeten Diskussionsrunden und Buchclubs an ihren Schulen. Andere sendeten E-Mails: "Ich habe bestimmte Stellen in Hannahs Geschichte angestrichen", schrieb ein Mädchen, "und meinem Cousin geschickt. Er hat mir dann die Hilfe besorgt, die ich brauchte, um mit meiner Depression fertig zu werden." Ein anderes Mädchen gestand: "In den letzten Jahren habe ich mit dem Gedanken an Selbstmord gekämpft, alles, was Sie erwähnt und gezeigt haben, war so genau: die Gerüchte, die Jungs, das Drama, alles. Und ich habe mich so viel besser gefühlt, weil ich wusste, dass jemand es versteht." Und ein Junge schrieb: "Ich war sehr gemein zu anderen, ein Schwein. Seit Ihrem Buch habe ich begonnen, anderen zuzuhören und höflicher zu sein."&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ein Mann hat "Tote Mädchen lügen nicht" geschrieben, ein Junge erzählt es: Clay, der in Hannah verliebt war und sie vielleicht in ihn, aber als die beiden das merkten, war es zu spät und Hannah schon zu weit abgetrieben, um noch erreichbar zu sein. Der Roman endet damit, dass Clay einem anderen Mädchen, einem Drifter mit komischen Haaren, nachläuft. Er weicht nicht mehr aus, er nimmt Kontakt auf. In der entscheidenden Passage, als Clay das Geheimnis Hannahs erfährt, bricht er, den Walkman auf den Ohren, im Auto eines Freundes zusammen. Da sitzen die beiden nebeneinander, fast wortlos, fast reden sie, aber noch nicht richtig. Und deshalb beginnt in diesem Buch auch eine andere Geschichte, die jetzt weitererzählt werden muss, jenseits des Papiers, und die handelt von Jungs.       Tobias Rüther&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20.03.2009 Seite 33&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-3007737204081818230?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/3007737204081818230'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/3007737204081818230'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/07/was-treibt-junge-madchen-in-den-tod.html' title='Was treibt junge Mädchen in den Tod?'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-7459499069588802434</id><published>2009-07-11T21:22:00.001+02:00</published><updated>2009-07-11T21:22:07.297+02:00</updated><title type='text'>Gott ist kein Bigamist</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;Dürfen Christen unter den Juden Mission treiben? Oder doch dafür beten, dass sie sich zu Christus bekehren? Zur Kritik der Denkfigur der zwei Bundesvölker. Von Robert Spaemann &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Komm, wir gehen für unser Volk" sind die letzten überlieferten Worte der Philosophin und Karmeliternonne Edith Stein zu ihrer Schwester Rosa, als die beiden in Holland zum Transport nach Auschwitz abgeholt wurden. Das Wort wurde seither oft zitiert, aber in der Regel ohne Kenntnis, was das "für" eigentlich meinte. Was es meinte, erfährt man aus dem Testament Edith Steins von 1939. Ihren gewaltsamen Tod vorausahnend, schreibt sie, sie gebe ihr Leben "zur Sühne für den Unglauben des jüdischen Volkes". Dazu muss man wissen, dass für Edith Stein die Konversion zum Christentum zugleich die Wiederentdeckung ihrer Zugehörigkeit zum jüdischen Volk und eine tiefe Solidarisierung mit diesem bedeutete. Das Bekenntnis zu Jesus Christus war für sie (ebenso wie später für den nachmaligen Erzbischof von Paris, Kardinal Lustiger) die Erfüllung der jüdischen Bestimmung.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Alles falsch – erklärt uns nun, einige Jahre nach Kardinal Lehmann, das Zentralkomitee der deutschen Katholiken in einer Broschüre, die den Titel trägt: "Nein zur Judenmission – Ja zum Dialog zwischen Juden und Christen". Kardinal Lehmann wollte die beiden genannten großen Gestalten christlicher Juden noch als Ausnahmen gelten lassen, während der normale Heilsweg der Juden (im Unterschied zu dem aller übrigen Menschen) nicht über Jesus gehe. Das ZdK geht den Weg konsequent zu Ende. Es gibt also danach nicht mehr, wie es die Apostel und mit ihnen die ganze christliche Tradition sahen, das eine Bundesvolk Israel, das sich in Christus nun für alle Völker öffnet und zur "Kirche aus Juden und Heiden" wird.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die Kirche braucht angeblich die Juden nicht mehr. Sie ist zur Heidenkirche geworden und soll nun nichts anderes mehr sein wollen. Verschwinden muss nicht nur "Judenmission", was immer das heißen mag, die Christen müssen auch aufhören, den Juden im Gebet das Beste zu erbitten, was jeder Christ seinem Nächsten erbitten kann: die Erkenntnis Jesu als seines Erlösers. Juden brauchen keinen Erlöser, lesen wir in der Broschüre. Das muss also wohl heißen, dass sie den "Gottesknecht" des Propheten Jesaja an die Christen abgetreten haben, die ihre Deutung des Todes Jesu als eines erlösenden Sühnetodes vor allem dem Gottesknechtlied des Jesaja verdanken, das sie an jedem Karfreitag lesen und in dem es heißt: "Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünden willen zerschlagen, . . . auf dass wir Frieden hätten. Und durch seine Wunden sind wir geheilt." &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Man muss den Anlass zu der Broschüre verstehen. Im Jahre 1989, als Reaktion auf die illegalen Priesterweihen des Erzbischofs Lefebvre und das damals entstandene Schisma, ersuchte Papst Johannes Paul II. die Bischöfe der Welt um großherziges Entgegenkommen gegenüber den Gläubigen, die um die Feier der Messe in der Form des Missale von Papst Johannes XXIII. aus dem Jahr 1962 baten. Diese "alte Messe" enthielt am Karfreitag im Rahmen der großen Fürbitten auch ein Gebet für die Juden, an dem Johannes XXIII. nur eine kleine Korrektur vorgenommen hatte: Aus der Aufforderung, für die "untreuen Juden" zu beten, wurde das Wort "untreu" gestrichen. Das Gebet selbst blieb unverändert. Es enthält die (paulinische) Bitte um Wegnahme des "Schleiers von ihrem Herzen", der sie hindert, in Jesus ihren Messias und Erlöser zu erkennen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Man kann aus dem Text des Gebetes einen gewissen diskriminierenden Ton heraushören. Johannes Paul II. sah dennoch bei der Wiederzulassung der alten Messe keinen Grund, den Text zu ändern. Erst Benedikt XVI. ging in der Liberalisierung einen Schritt weiter und gab den Gläubigen einen Rechtsanspruch auf die Feier in der "außerordentlichen Form". In diesem Zusammenhang formulierte er die Fürbitte für die Juden neu. Sie ist nun in einem brüderlichen Ton gehalten: "Lasst uns auch beten für die Juden, dass unser Gott und Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus als Retter aller Menschen erkennen." Die Formulierung macht die eschatologische Dimension der Bitte deutlich: Nach Paulus wird Gott sie spätestens erhören, wenn "die Fülle der zur Bekehrung berufenen Heiden (der Völker)" eingetreten ist.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Dass ausgerechnet diese ganz und gar israelfreundliche Korrektur eine breite publizistische Kritik auslöste, der sich sogar der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und – natürlich – das Zentralkomitee der deutschen Katholiken anschloss, ist schwer begreiflich. Gegen Johannes XXIII. und gegen Johannes Paul II. wurde eine solche Kritik wegen ihres Festhaltens am früheren Text nie erhoben. Was die Kritiker nun fordern, ist die Ersetzung des Gebetes in der "alten Messe" durch das Fürbittgebet der neuen Liturgie Pauls VI. – und zwar deshalb, weil in diesem Gebet der Name Jesus gar nicht mehr vorkommt. Das soll den Text auch für Juden akzeptabel machen, an die doch diese Bitte gar nicht gerichtet ist und die für sie auch nicht verantwortlich sind.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Dass es absurd ist, Papst Benedikt XVI. dieses Gebet vorzuwerfen, schrieb bereits vor einem Jahr der hochangesehene New Yorker Rabbiner Jacob Neusner, der darauf hinwies, dass doch die Juden selbst in ihrer Liturgie täglich für die Bekehrung aller Nichtjuden beten. "So wenig wie das Christentum und der Islam Anstoß am israelitischen Gebet nehmen, sollte auch das heilige Israel keinen Einwand gegen das katholische Gebet erheben. Beide Gebete . . . erfassen die Logik des Monotheismus und seine eschatologische Hoffnung." &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die Thesen der von Juden und Christen gemeinsam verfassten Broschüre sind, kurz gefasst, folgende. Erstens: Die Karfreitagsbitte legt es nahe, dass die Kirche "Judenmission" für möglich hält, wie sie heute zum Beispiel von den "messianischen Juden" in Israel praktiziert wird. Zweitens: Versuche, Juden von der Messianität Jesu zu überzeugen, sind zu missbilligen. Es gibt keinen Auftrag Jesu, Juden zum Glauben an ihn und zur Taufe zu bewegen. Drittens: Es gibt eine mit anderen interreligiösen Beziehungen unvergleichbare Beziehung zwischen Christentum und Judentum. Beide beruhen auf göttlicher Offenbarung. Bezüglich des Alten Testaments glauben das beide; bezüglich des Neuen nur die Christen selbst.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Viertens: Neben dem "Bundesvolk" Israel gibt es nach christlichem Glauben ein zweites, das Volk Gottes aus den Völkern, das heißt den Nichtjuden. Der neue Bund ersetzt nicht den alten, sondern tritt als ein zweiter Bund neben diesen. Fünftens: Beide sind vollgültige, von Gott gewollte Heilswege. Für Juden gibt es keinen Grund, an Jesus zu glauben und sich taufen zu lassen. Sechstens: Die Vereinigung beider Wege mag, wie Paulus denkt, am Ende der Zeiten geschehen. Bis dahin sollen sie getrennt bleiben. Die Erwartung von Christen, dass Juden schon heute Jesus als den Christus, das heißt den Messias anerkennen, würde "die Basis für den katholisch-jüdischen Dialog zerstören". Siebtens: Dialog zwischen Juden und Christen soll stattfinden. Christen sollen in diesem Dialog ihren Glauben bezeugen, aber ohne den Partner von der Wahrheit dieses Glaubens überzeugen zu wollen, denn das wäre "Mission" und deshalb verwerflich.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Man muss sich klarmachen, dass die Annahme der meisten dieser Thesen einen Bruch mit dem Selbstverständnis der Kirche seit den Tagen der Apostel bedeuten würde. Ich für meinen Teil könnte dieser Kirche nicht mehr angehören. Denn seit dem sogenannten Apostelkonzil versteht sich die Kirche als Kirche aus Juden und Heiden seit Jesus, wie Paulus schreibt, durch sein Kreuz den Zaun zwischen Juden und Heiden niedergerissen hat. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass mit dem Verschwinden des Judenchristentums als eigener Gruppe in der Kirche unter dem Druck von Byzanz und dem Islam die christliche Kirche phänotypisch zur Heidenkirche geworden ist.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Das ist aber für Christen nicht, wie die Broschüre suggeriert, ein Idealzustand. Die israelischen Judenchristen dringen auf eine Wiederherstellung der "ecclesia ex circumcisione". Das Zweite Vatikanische Konzil, so heißt es in der Broschüre, "bekennt . . ., dass die Kirche mit dem Stamm Abrahams geistlich verbunden" ist. Die katholische Liturgie (sowohl in der alten wie in der neuen Form) geht aber weit darüber hinaus. Sie spricht nicht von Verbundenheit, sondern von Identität. In der Osternacht, der Taufnacht, spricht sie davon, dass in dieser Nacht Gott "unsere Väter, die Kinder Israels", trockenen Fußes durch das Rote Meer geführt hat. Sie dankt Gott, dass er durch die Taufe "den Abraham zum Stammvater vieler Völker macht", und wenn sie bittet, dass die Fülle der ganzen Welt Teil gewinne "an der Kindschaft Abrahams und an der Würde Israels", dann wirkt das, was das Konzil hierzu zu sagen hat, eher blass. Jedenfalls ist der Gedanke von zwei Bundesvölkern dem Neuen Testament vollkommen fremd. Es gibt nur das eine Volk Gottes, dessen "geborene Mitglieder" die Juden und dessen adoptierte Mitglieder die Heiden sind.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Dieses Volk Gottes wird von Paulus mit dem Ölbaum verglichen, dem die Heiden als wilde Schösslinge eingepfropft werden, während die Juden die "natürlichen Zweige" sind, über die die Heidenchristen sich nicht erheben dürfen. Die Erklärung zitiert diese Stelle auch, aber ohne den Kontext. Paulus sieht nämlich in dem "Unglauben" der Juden die historische Voraussetzung für die Berufung der Heiden und bezeichnet die nicht an Jesus glaubenden Juden als Zweige, die von dem einen Ölbaum ausgebrochen sind und so Platz für die neuen Zweige gemacht haben, die von derselben Wurzel getragen werden.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Auch die Sünden, die Gott zulässt, haben einen providentiellen Sinn. Nirgends aber ist davon die Rede, dass Gott einen zweiten Baum gepflanzt hat. Und wenn Paulus auch in der Verblendung der Juden ein providentielles Ereignis sieht, das bis ans Ende der Geschichte fortwirkt, so tut er doch alles, was er kann, "um wenigstens einige von ihnen zu retten". Die große Rückkehr Israels erwartet die Kirche, wiederum Paulus folgend, erst für die Zeit der Wiederkunft Christi. Und indem sie für diese Rückkehr betet, betet sie, wie seit jeher, für die baldige Wiederkunft, deren Zeitpunkt wir ja nicht kennen. Unterdessen aber sollten eigentlich in jeder Kirche die vordersten Plätze am Sonntag für die Juden freigehalten werden.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Sie sind, wie Papst Johannes XXIII. sagte, unser "älterer Bruder", der, wie es im Gleichnis Jesu heißt, "immer beim Vater geblieben" ist und nun ein Problem hat, weil der Vater zur Rückkehr des verlorenen Sohnes ein Festmahl veranstaltet. Trotz dringlicher Bitten des Vaters will er nicht daran teilnehmen. Das Festmahl ist aber erst wirklich gelungen, wenn er daran teilnimmt. Wenn der wiedergekehrte verlorene Sohn ihm sagen würde: "Du kannst ruhig bleiben, wo du bist, das Fest ist auch ohne dich ganz schön", dann hätte ihn der Vater wohl nicht wieder aufgenommen. Der Gedanke, das Problem durch die Gründung einer zweiten Familie zu lösen, hat mit dem Neuen Testament nichts zu tun. Das Bundesvolk wird im Alten Testament auch als Braut dargestellt und Gott als eifersüchtiger Bräutigam. Die Braut soll nicht fremdgehen. Aber auch Gott ist kein Bigamist, dem es genügt, wenn die beiden Familien "im Gespräch sind".&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die Broschüre will "Dialog ohne Mission". Jeder soll seinen Glauben vor dem anderen bezeugen, ohne den anderen überzeugen zu wollen. Petrus dagegen fordert die Christen auf, nicht einen blinden Glauben zu bezeugen, sondern "jedermann Rechenschaft zu geben über den Grund unserer Hoffnung". Ein Grund (eine "raison") ist etwas nur, wenn es wirklich begründet. Und wenn jemand den Grund einsieht, dann heißt das, er hat ihn überzeugt. Der christliche Glaube hat seit jeher etwas mit Erkenntnis und mit Wahrheit zu tun. In dem letzten großen Gebet Jesu heißt es: "Das ist das ewige Leben, dass sie dich erkennen, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Christus."&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Zum allein wahren Gott müssen Juden nicht "bekehrt" werden. Juden und Christen beten denselben Gott an, wenngleich Christus im Johannesevangelium sagt: "Ihr kennt ihn nicht, ich aber kenne ihn." Aber Christen glauben auch, dass Jesus der ist, "den du gesandt hast", und dass, wenn Paulus schreibt, vor dem Namen Jesu müsse sich "jedes Knie beugen, im Himmel, auf Erden und unter der Erde", er damit nicht jedes Knie, ausgenommen das der Juden, meinte. Universalistische Religionen sind in ihrem Wesen "missionarisch". Sie würden sich aufgeben, wenn sie ihre Botschaft partikularisieren und damit relativieren würden. Auch das frühe Judentum war missionarisch und machte "Proselyten", bis seine Mission zum Erliegen kam, in erster Linie aufgrund der christlichen "Schleuderkonkurrenz" – durch die Aussicht, in den Gottesbund ohne Beschneidung und ohne das Gesetz (mit Ausnahme der Zehn Gebote) eintreten zu können.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Zum Kern des Christentums gehört der Glaube an die Auferstehung Jesu. Wenn Jesus nur "für uns" auferstanden ist, dann heißt das: Er ist in Wirklichkeit eben nicht auferstanden. Es heißt, der Glaube glaubt nicht deshalb, weil es wahr ist; es ist nur wahr "für den Glauben". Das ist gleichbedeutend mit der Meinung, es sei tatsächlich eben nicht wahr, sondern nur eine gläubige Fiktion. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Der Austausch zwischen Christen und Juden hat immer schon zu vertieften Einsichten beider Partner und zu gegenseitigem Lernen geführt (zu Zeiten Rosenzweigs und Bubers mehr übrigens als heute, weil der Relativismus noch nicht alles durchdrang). "Nicht glauben, was man glaubt", so definierte Charles Péguy den "Modernismus". Aber das ist ein Thema für sich, ebenso wie die Begriffe "Bund", "Bundesvolk", "Heil" und "Heilsweg", die in der Broschüre ständig vorausgesetzt werden, ohne dass der Versuch gemacht wird, über ihre Bedeutung näher Auskunft zu geben. Vielleicht ist es überhaupt nur das, woran die Broschüre krankt.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Der Philosoph Robert Spaemann veröffentlichte zuletzt das Buch "Rousseau – Mensch oder Bürger: Das Dilemma der Moderne".&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20.04.2009 Seite 29&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;Der Streit um die Judenmission &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die Botschaft Jesu Christi richtet sich an alle Menschen. Was das für das Verhältnis der Christen zu den Juden bedeutet, ist in der katholischen wie in der evangelischen Kirche immer wieder Gegenstand von Auseinandersetzungen. Auf protestantischer Seite steht Synodenbeschlüssen zur Abkehr von der organisierten Judenmission das Engagement evangelikaler Gruppen gegenüber. Auf katholischer Seite sorgte die Neuformulierung der Karfreitagsfürbitte des tridentinischen Ritus durch Papst Benedikt XVI. für Streit. Jetzt hat das Zentralkomitee der deutschen Katholiken eine "Erklärung" unter dem Titel "Nein zur Judenmission – Ja zum Dialog zwischen Juden und Christen" publiziert. Dort wird dargelegt, es gebe zwei Völker Gottes, das jüdische Volk und ein Weltvolk aus Nichtjuden.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20.04.2009 Seite 29 &lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-7459499069588802434?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/7459499069588802434'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/7459499069588802434'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/07/gott-ist-kein-bigamist.html' title='Gott ist kein Bigamist'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-6768859418726310728</id><published>2009-07-11T21:21:00.003+02:00</published><updated>2009-07-11T21:21:22.992+02:00</updated><title type='text'>Der Papst, das Konzil und die Hermeneutik</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;War die Aufhebung der Exkommunikation der Priesterbruderschaft St. Pius X. ein Amtsfehler oder nicht doch ein Beitrag zum Kirchenfrieden? Von Stephan Otto Horn &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Peter Hünermann, Gründungspräsident der Europäischen Gesellschaft für Katholische Theologie, hat in der "Herder Korrespondenz" vom März 2009 den "Versuch einer Schichtenanalyse der aktuellen Krise" vorgelegt. Er beschreibt die Hintergründe der Lefebvre-Bewegung und der Haltung Roms ihr gegenüber. Vor allem prüft er die Entscheidung von Papst Benedikt, die Exkommunikation der vier Bischöfe der Pius-Bruderschaft aufzuheben, und kommt zum Schluss, der Papst habe eine gravierende Fehlentscheidung getroffen. Sie zeige, dass er nicht mehr voll für die Geltung des Zweiten Vatikanischen Konzils einstehe. So glaubt er in Benedikt XVI. selbst den entscheidenden Grund für die derzeitige Krise in der Kirche gefunden zu haben. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Als Präfekt der Glaubenskongregation bemühte sich Kardinal Ratzinger früh um Erzbischof Lefebvre und dessen Bewegung, nachdem dieser seine ursprüngliche Zustimmung zu einzelnen Konzilsdokumenten zurückgezogen hatte. Um ein Schisma zu verhindern, galt es, rasch und entschieden zu handeln. So trat Ratzinger in Verhandlungen mit Lefebvre ein. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;1988, das Jahr des scheinbaren Erfolgs in den Bemühungen um Einigung, wurde schließlich doch zum Datum des Scheiterns der Gespräche. Erzbischof Lefebvre widerrief seine Unterschrift unter einen mit Kardinal Ratzinger vereinbarten Text und begann, mit der Weihe von vier Bischöfen seinen eigenen, zum Schisma tendierenden Weg zu gehen. Er tat dies, obwohl er wissen musste, dass er sich und den Beteiligten dadurch nach dem Kirchenrecht automatisch die Beugestrafe der Exkommunikation zuzog. Diese wurde durch ein römisches Dekret bestätigt. Nach gut zwanzig Jahren, am 21. Januar 2009, mitten in der Weltgebetsoktav um die Einheit der Christen, hob Papst Benedikt diese Strafe auf. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Er hob damit eine Strafe auf, die auf Umkehr zielt und erlassen werden muss, wenn sie ihr Ziel erreicht hat, nämlich den Schuldigen zur Aufgabe seiner Widersetzlichkeit zu führen. Die Exkommunikation ist eine außerordentlich schwere Beugestrafe, da sie das Leben eines Christen sehr beeinträchtigt. Er darf keine Dienste mehr bei einer gottesdienstlichen Feier verrichten, keine Sakramente empfangen oder spenden und keine kirchlichen Ämter und Dienste mehr ausüben. Hünermann sieht in der Aufhebung der Exkommunikation für jene, die an der illegitimen Weihe im Jahr 1988 beteiligt waren, jedoch darüber hinaus die Gewährung der Kirchengemeinschaft und somit die Aufhebung des Schismas.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Dies bedeutet einen schwerwiegenden Irrtum. Wie der Kirchenrechtler Winfried Aymans erläutert, bedeutet Exkommunikation "eine umfassende Rechtsminderung des Betreffenden hinsichtlich seiner Teilnahme am kirchlichen Leben, namentlich am Empfang der Sakramente. Exkommunikation ist also nicht Ausschluss aus der Kirche, sondern Ausschluss vom sakramentalen Leben in der Kirche." Dementsprechend ist ihre Aufhebung auch nicht Wiederaufnahme in die Kirchengemeinschaft. Die Bischöfe, deren Exkommunikation aufgehoben wurde, gehören auch gemäß dem Dekret von Papst Benedikt dadurch nicht in voller Weise der Kirche an. Ihre volle Communio wird erst für die Zukunft erhofft. So heißt es im Dekret: "Es ist zu hoffen, dass diesem Schritt (der Aufhebung der Exkommunikation) die baldmögliche Verwirklichung der vollen Gemeinschaft von Seiten der gesamten Bruderschaft St. Pius X. mit der Kirche folgt." &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Nach Can. 1347 – § 2 des Codex Iuris Canonici steht die Aufhebung einer Beugestrafe am Ende eines Weges der Umkehr, sie gehört zum Augenblick, in dem die Widersetzlichkeit (contumacia) aufgegeben ist, und bedeutet dann die Erfüllung eines Rechtsanspruchs. Hünermann vertritt nun die Auffassung, bei den vier Bischöfen der Pius-Bruderschaft liege keine Reue vor, und so sei der Akt der Aufhebung der Exkommunikation ungültig. Aber trifft dies wirklich zu? Die Aufhebung der Exkommunikation bedeutet gewiss einen ungewöhnlichen und mutigen Schritt von Papst Benedikt. Er sieht eine außerordentliche Situation vor sich: die Möglichkeit und Hoffnung, einen Weg zur Umkehr, der schon beschritten wurde, aber bei weitem noch nicht zu Ende gegangen ist, durch eine Aufhebung der Exkommunikation als Akt der Barmherzigkeit (also nicht aus einem Rechtsanspruch heraus) in entscheidender Weise fördern zu können. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;In seinem Dekret stützt er sich für seine Entscheidung darauf, dass sich die betroffenen vier Bischöfe nach dem Schreiben vom 15. Dezember 2008 verpflichtet haben, "keine Mühe zu scheuen, um die Gespräche mit dem Heiligen Stuhl in den noch offenen Fragen zu vertiefen und dadurch zu einer vollständigen und befriedigenden Lösung des entstandenen Problems zu gelangen". Zugleich verweist er auf ihre im gleichen Schreiben betonte Anerkennung des Petrusprimats. Bereitschaft zum Dialog, Bejahung der päpstlichen Autorität: das konnte Papst Benedikt zu Recht als Zeichen für eine gewisse Bereitschaft betrachten, die Widersetzlichkeit aufzugeben. Die volle und endgültige Umkehr konnte er sich am ehesten von den Gesprächen über ein authentisches Verständnis des Vatikanum II und der daraus am Ende resultierenden Bejahung des Konzils erhoffen. Benedikt XVI. ging mit seiner Entscheidung über den Wortlaut des bestehenden Gesetzes hinaus. Aber liegt sie nicht doch in der Linie des tieferen Sinnes des Gesetzes und des Kirchenrechts? Handelte der Papst nicht in der vom Evangelium vorgezeichneten Haltung des Hirten, der die neunundneunzig Schafe zurücklässt, um das eine verlorene zu suchen?&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Zu den offenen Fragen gehören vor allem die Vorbehalte der Bruderschaft gegenüber bestimmten Dekreten des Zweiten Vatikanischen Konzils. Bischof Fellay hatte sich mit den anderen drei Bischöfen der Pius-Bruderschaft zu allen Konzilien bis zum Ersten Vatikanum bekannt, dann aber offen geschrieben: "Aber wir kommen nicht umhin, in Bezug auf das Zweite Vatikanum unsere Vorbehalte zum Ausdruck bringen." Mit diesen Vorbehalten ist eine außerordentliche Entschiedenheit verbunden, nicht nur das Credo zu bekennen, sondern auch den Antimodernisteneid von Pius X. Hünermann liest daraus ab, dass "hier in keiner Weise eine Veränderung" stattgefunden habe. Die Schwierigkeiten des beabsichtigten Dialogs treten hier unübersehbar hervor. Ob er zu einem guten Ende geführt werden kann, ist nicht vorauszusehen. Aber konnte Papst Benedikt die Gesprächsbereitschaft ignorieren? &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Wie wir gesehen haben, nimmt Peter Hünermann an, die Aufhebung der Exkommunikation bedeute die Beendigung des Schismas der Lefebvre-Bewegung und die Wiederaufnahme der vier exkommunizierten Bischöfe in die Kirchengemeinschaft. Da der Papst diesen Akt vollzog, ohne die Zustimmung zu jenen Teilen des Zweiten Vatikanischen Konzils zu verlangen, die von ihnen abgelehnt werden, folgert Hünermann, dass der Papst das Konzil nicht mehr voll bejahe, sondern von der vollen Annahme des Vatikanum II dispensiere. Das bedeute einen gravierenden Amtsfehler, der sich gegen Glaube und Sitte richte, "deren Wahrung dem Nachfolger Petri in besonderer Weise für die universale Kirche anvertraut ist". &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;In Wirklichkeit bedeutet die Aufhebung der Exkommunikation nicht die Wiederaufnahme in die Kirchengemeinschaft. Der Papst dispensiert damit auch nicht von der vollen Annahme des Zweiten Vatikanischen Konzils, sondern eröffnet mit diesem Akt den Weg für ein Gespräch mit der Pius-Bruderschaft über die offenen Fragen und damit vor allem über jene Teile des Konzils, die für sie strittig sind, um eine Versöhnung und die künftige Gewährung der vollen Gemeinschaft vorzubereiten. So kann Hünermanns Auffassung zurückgewiesen werden, der Papst habe "durch seine Amtsführung das Vertrauen der Gläubigen in den Dienst des Petrus als Zeugen von Glaube und Sitte zutiefst erschüttert" und er bringe "durch seine Entscheidung die Kirche in Gefahr, Bischöfe und Priester zu haben, die sich nicht zu Glauben und Sitte der katholischen Kirche bekennen". Vielmehr hat Papst Benedikt mit seinem Akt gegenüber einer nicht mehr so kleinen Gemeinschaft in voller Treue zum Konzil ein mutiges Zeichen für den ökumenischen Dialog gegeben. Diese Absicht lässt er am Schluss des Dekrets zum Ausdruck bringen. Das "Geschenk des Friedens soll – am Ende des weihnachtlichen Festkreises – auch ein Zeichen des Papstes sein, um die Einheit in der Liebe der Universalkirche zu fördern und das Ärgernis der Spaltung zu überwinden".&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Papst Benedikt XVI. hatte in seiner "Neujahrsansprache an das Kardinalskollegium und die Mitglieder der Römischen Kurie beim Weihnachtsempfang" vom 22. Dezember 2005 das Thema der Deutung des Zweiten Vatikanischen Konzils behandelt. Damit eröffnet sich die Möglichkeit, seine Stellung zum Zweiten Vatikanum in den Blick zu nehmen und zu sehen, wie er eine Linie vorgibt, die gerade für die Lösung der Probleme, welche die Pius-Bruderschaft umtreibt, von grundlegender Bedeutung ist. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Der Papst sieht in seiner Ansprache die Verwirrungen der nachkonziliaren Zeit und die nur langsam sich einstellenden guten Früchte des Konzils als Ergebnis zweier einander entgegengesetzter Grundkonzeptionen von Auslegung. Die eine nennt er "Hermeneutik der Diskontinuität und des Bruches". Er weist dabei darauf hin, dass eine solche Hermeneutik "das Risiko eines Bruches von vorkonziliarer und nachkonziliarer Kirche" in sich trage, und zeigt, dass ihre Vertreter, indem sie über die Konzilstexte hinausgehen und nicht ihnen, sondern ihrem Geist folgen wollen, keine klare Linie finden können, sondern "Raum für Spekulationen" schaffen. Die zweite Hermeneutik nennt er nicht, wie man es erwarten möchte, "Hermeneutik der Kontinuität", sondern "Hermeneutik der Reform", betont also ihre dynamische Dimension. Er leitet sie aus der Konzeption von Johannes XXIII. für das Zweite Vatikanische Konzil ab. Dabei verweist er auch auf ein Wort des Papstes: "Es ist notwendig, die unumstößliche und unveränderliche Lehre, die treu geachtet werden muss, zu vertiefen und sie so zu formulieren, dass sie den Erfordernissen unserer Zeit entspricht." Das heißt für Benedikt XVI., die Wahrheit in ihrem Sinn und ihrer Tragweite zu bewahren, sie aber zugleich neu zu verstehen und zu leben. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Peter Hünermann begrüßt die Überzeugung des Papstes, dass die Kirche "sich, vom Glauben geleitet, in der modernen Welt neu positionieren musste". Zugleich beklagt er aber, dass dieser bei der Darstellung der Diskontinuität "zwar auf die ‚Progressisten'", in keiner Weise aber auf die Traditionalisten anspiele. Es zeige sich damit, "dass Benedikt XVI. das Konzil bejaht, die Gefährdung der Rezeption des Konzils aber völlig einseitig sieht". Er erkühnt sich sogar zu behaupten: "Der Papst sieht die Akzeptanzkrise der Kirche in der modernen Welt und ist der Überzeugung, dass in der Rückgewinnung ganz traditioneller Kreise die Zukunft der Kirche liegt." Bedeutet das nicht, dass nach seiner Auffassung Benedikt XVI. einen scharfen Kurswechsel für die Kirche der nachkonziliaren Epoche im Sinn hat? &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Hünermann bietet für seinen Verdacht freilich nur einen äußerst schwachen Beleg. Er zeigt sich irritiert, dass der Papst, wie soeben angedeutet, bei der Kritik der Hermeneutik der Diskontinuität nicht auch auf Traditionalisten anspiele. Aber er übersieht, dass der Papst sich nicht damit begnügt, die beiden Hermeneutiken der Diskontinuität und des Bruches auf der einen und der Reform auf der anderen Seite einander gegenüberzustellen. Überraschenderweise denkt Benedikt XVI. nämlich noch ausgiebig über die Möglichkeit einer Form der Hermeneutik der Diskontinuität nach, die nicht zugleich eine Hermeneutik des Bruches ist. Hier findet sich die von Hünermann vermisste sehr ausführliche Auseinandersetzung mit traditionalistischen Positionen. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Papst Benedikt nimmt hier eine Anregung von Papst Paul VI. aus dessen Rede zum Abschluss des Konzils auf. Er bezieht sich dabei nicht auf die großen dogmatischen Texte, sondern auf jene, in denen die Konzilsväter das Verhältnis von Kirche und Moderne neu bestimmen mussten. Hier führten die ganz unterschiedlichen geschichtlichen Situationen zu einem "Zusammenspiel von Kontinuität und Diskontinuität auf verschiedenen Ebenen", als "Entwicklungsprozess des Neuen unter Bewahrung der Kontinuität". Es würde zu weit führen, die Erwägungen des Papstes im Detail nachzuzeichnen. Jedenfalls berührt er die Themen Kirche und moderner Staat, religiöse Toleranz, Religionsfreiheit, Gewissens- und Glaubensfreiheit; Themen also, die einen ersten Platz im Gespräch mit der von Lefebvre herkommenden Bewegung einnehmen werden. Der Papst kommt zum Schluss: "Das Zweite Vatikanische Konzil hat durch die Neubestimmung des Verhältnisses zwischen dem Glauben der Kirche und bestimmten Grundelementen des modernen Denkens einige in der Vergangenheit gefällte Entscheidungen neu überdacht oder auch korrigiert, aber trotz dieser scheinbaren Diskontinuität hat sie ihre wahre Natur und ihre Identität bewahrt und vertieft. Die Kirche war und ist vor und nach dem Konzil dieselbe." &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Wir sehen, wie es dem Papst gelingt, die Diskontinuitäten in einer tieferen Kontinuität aufgehoben zu sehen. So gibt er die Linie vor, in der der Heilige Stuhl die Gespräche mit der Pius-Bruderschaft führen kann. Ihm liegt daran, sie argumentativ zur Anerkennung des Zweiten Vatikanischen Konzils zu bewegen. Im Ganzen zeigt sich, dass Papst Benedikt die Hermeneutik des Konzils in der Linie fortführt, die Papst Johannes XXIII. und Paul VI. vorgezeichnet haben. Er hält den Kurs des Konzils. Für die Auslegung ist ihm maßgebend im Bereich der dogmatisch geprägten Texte eine Hermeneutik der Kontinuität und der Reform, im Bereich jener Texte, die sich auf die Fragen der Begegnung von Kirche und moderner Welt beziehen, eine Hermeneutik tieferer Kontinuität inmitten von Diskontinuität. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Peter Hünermann zeigt sich der Richtigkeit seiner Analysen so sicher, dass er gegen Ende seiner Ausführungen in aller Schärfe zu sagen wagt, es sei "unabdingbar, dass die (vom Papst) getroffenen Entscheidungen nichtig sind". Noch einmal erhebt er die gravierende Anklage, das Handeln von Papst Benedikt stelle einen skandalösen Amtsfehler dar. Er mildert sie dann aber doch beträchtlich ab, indem er nun hinzufügt: "meines Erachtens – und ich betone: salvo meliori iudicio (vorbehaltlich eines besseren Urteils)". Es wird Peter Hünermann ehren, wenn er die Suche nach einem besseren Urteil von neuem aufnimmt.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;Stephan Otto Horn ist emeritierter Professor für Fundamentaltheologie der Universität Passau.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 22.04.2009 Seite N4&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-6768859418726310728?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/6768859418726310728'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/6768859418726310728'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/07/der-papst-das-konzil-und-die.html' title='Der Papst, das Konzil und die Hermeneutik'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-7996155497890605899</id><published>2009-07-11T21:21:00.001+02:00</published><updated>2009-07-11T21:21:02.443+02:00</updated><title type='text'>Kierkegaards kaiserliche Botschaft</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;Zwischen Identifizierung und Kritik: Kafka als Leser des dänischen Denkers &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die deutsche Kierkegaard-Rezeption setzte spät ein. Mit Hofmannsthal, Rilke, Kassner und Lukács hatte sie schon an Fahrt gewonnen, als sich vor hundert Jahren der Diederichs-Verlag entschloss, eine zwölfbändige Gesamtausgabe herauszubringen, verantwortet von Hermann Gottsched und Christoph Schrempf. Als 1909 die ersten Bände erschienen, "Furcht und Zittern" mit der "Wiederholung" sowie "Der Augenblick", konnten sie noch im selben Jahr in die zweite Auflage gehen. Die gesamte Ausgabe ließ sich aber erst 1922 abschließen. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;"Die Krankheit zum Tode" war 1849 erschienen. In schonendem Umgang mit der Erstübersetzung durch A. Bärthold rechtfertige Hermann Gottsched seine eigene Version im Nachwort zum achten Band der Werkausgabe von 1911. Aber schon für die Neuauflage griff der Mitherausgeber Christoph Schrempf energisch ein. Kierkegaard handelt in diesem Buch zwar von der Verzweiflung als Sünde, stellt sie aber auch als eine Existenzmöglichkeit dar, die niemals gehabt zu haben geradezu ein Unglück wäre: Ihre Dialektik liegt darin, dass sie, als unwissende Verzweiflung, die schlimmste Krankheit ist, dass sie aber andrerseits einen Ausweg aus der Trivialität des Wahrscheinlichen bietet. Im zweiten Abschnitt stellt Kierkegaard die Sünde als Potenzierung der Verzweiflung vor und illustriert sie mit einer Erzählung, die die "Möglichkeit des Ärgernisses" zeigen soll.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Glaube eines Tagelöhners&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;"Wenn ich mir einen armen Tagelöhner denke und den mächtigsten Kaiser, der je gelebt hat, und dieser mächtigste Kaiser bekäme plötzlich den Einfall, einen Boten zu dem Tagelöhner zu schicken, der nie davon geträumt hatte und in dessen Herz nie der Gedanke aufgestiegen war, daß der Kaiser von seinem Dasein wisse, und der sich unbeschreiblich glücklich preisen würde wenn er den Kaiser bloß einmal sehen dürfte, was er dann Kindern und Kindeskindern als die wichtigste Begebenheit seines Lebens erzählen würde / wenn der Kaiser zu diesem Tagelöhner einen Boten schickte und ihn wissen ließe, daß er ihn zum Schwiegersohn haben wolle: was dann? Dann würde der Tagelöhner menschlicherweise etwas oder sehr verlegen werden und sich geniert fühlen, es würde (und das ist menschlich), ihm menschlich, wie etwas höchst Sonderbares, etwas Verrücktes vorkommen, worüber man am allerwenigsten zu einem anderen Menschen reden dürfe, da er selbst schon in seinem stillen Sinn nicht weit von der Erklärung ist, auf die alle Nachbarn und Bekannten möglichst bald lebhaft verfallen würden, nämlich: daß der Kaiser ihn zum Narren halten wolle; so daß er zum Gelächter für die ganze Stadt würde, in die Witzblätter käme und die Geschichte von seiner Vermählung mit des Kaisers Tochter auf dem Jahrmarkt verkauft würde. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Doch soll er Schwiegersohn des Kaisers werden, so muß es wohl bald eine äußere Tatsache werden, so daß sich der Tagelöhner mit seinen Sinnen davon überzeugen kann, wieweit es dem Kaiser Ernst damit ist, oder ob er den armen Menschen bloß zum besten haben, für sein ganzes Leben unglücklich machen und ihm zum Irrenhaus verhelfen will; denn das quid nimis ist zur Stelle, das so schrecklich leicht in sein Gegenteil umschlagen kann. Eine kleine Gunsterweisung würde der Tagelöhner fassen können, die würde in der Kleinstadt, von dem hoch geehrten gebildeten Publikum, von den alten Weibern, von den 500 000 Menschen verstanden werden, die in jener Kleinstadt wohnen, die freilich hinsichtlich der Volksmenge sogar eine sehr große Stadt sein mag, dagegen in Hinsicht auf Sinn und Verstand für das Außerordentliche eine sehr kleine Kleinstadt ist / aber das mit dem Schwiegersohn werden, das ist viel zu viel.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Und gesetzt nun, es wäre nicht von einer äußeren Tatsache die Rede, sondern von einer inneren; so daß also kein Faktum dem Tagelöhner zur Gewißheit verhelfen kann, sondern der Glaube selbst das einzige Faktum ist, so daß also alles dem Glauben überlassen wird, ob jener Mann genug demütigen Glauben hat, es glauben zu dürfen, denn frecher Mut kann zum Glauben nicht helfen; wieviele Tagelöhner gäbe es dann wohl, die diesen Mut hätten? Wer aber diesen Mut nicht hätte, würde sich ärgern; das Außerordentliche würde ihm wie ein Spott über ihn klingen. Er würde dann vielleicht offen und ehrlich eingestehen: so etwas ist mir zu hoch; ich kann es nicht fassen; d.h. daß ich es gerade heraussage, es ist eine Torheit."&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Dass Franz Kafka zu den Kierkegaardlesern gehörte, weiß man. "Er bestätigt mich wie ein Freund" - diese affirmative Form der Lektüre konnte er auf Dauer nicht durchhalten. Was er im August 1913 ins Tagebuch schrieb, war seine Reaktion auf eine Auswahlausgabe aus den Tagebüchern. Darin war ebenso von Kierkegaards rätselhafter Ver- und Entlobung mit Regine Olsen die Rede wie auch von seinem heiklen Verhältnis zum Vater. In den späteren Jahren ging Kafka allerdings mehr und mehr auf Distanz, er nannte sie "abscheuliche, widerwärtige Bücher", ihr Autor sei "ein Stern, aber über einer mir fast unzugänglichen Gegend". Man weiß aus Kafkas Briefen, welche Bücher des Dänen kannte, etwa wenn er Ende 1917 an Oskar Baum schrieb: "Ich kenne nur ‚Furcht und Zittern'." Das war die Zeit seiner intensivsten, allerdings nicht länger affirmativen Lektüre, während des Aufenthaltes in Zürau bei der Schwester Ottla im nordwestlichen Böhmen. Aus "Furcht und Zittern" ist es vor allem die Abraham-Gestalt, die Kafka fesselte, aber er hat auch andere Schriften wahrgenommen, außer den schon genannten "Entweder Oder", die "Stadien auf dem Lebensweg", die "Wiederholung" und den "Augenblick". Material zu dieser Konstellation hat wohl zuletzt die Hildesheimer Dissertation von Helge Miethe bereitgestellt (Sören Kierkegaards Wirkung auf Franz Kafka. Motivische und sprachliche Parallelen, erschienen Marburg: Tectum 2006), in der auch die Geschichte der kaiserlichen Botschaft berücksichtigt wird. Ungeachtet ihres philologischen Vorgehens wird darin aber die neuere, Kafka unbekannte Übersetzung von Emanuel Hirsch zitiert. Dabei ist die Gottschedsche Ausgabe von 1911 in Kafkas Bibliothek erhalten, mit einer Anstreichung und einem Besitzvermerk, der das Buch als Eigentum von Karel Projsa ausweist, eines Freundes von Ottla. Dass es aber Kafkas eigener Büchersammlung angehört hat, halten die Experten für wahrscheinlich. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Wie in Kafkas 1917 geschriebenem Text "Eine kaiserliche Botschaft" wird in der zitierten Erzählung aus der "Krankheit zum Tode" eine Art konjunktivisches Phantasma inszeniert, als eine Parabel der märchenhaften Unglaubwürdigkeit, jedenfalls der Unwahrscheinlichkeit: Der mächtigste Kaiser, der den ohnmächtigsten seiner Untertanen als Schwiegersohn haben möchte – das wird bei Kierkegaard zum Experiment des Absonderlichen, des Absurden, das eine Probe auf die Glaubensfähigkeit wird. Was Kafka in die Phantasie einer im wörtlichen Sinn unendlich großen, unentrinnbaren Großstadt auseinanderlegt, ist die säkularisierte, phantastische Variante einer Allegorie auf den "kleinstädtischen" Krämergeist, mit einer boshaften Anspielung auf Kopenhagen. Was dem bloßen Verstand bloßes Ärgernis bleibt, wird bei Kierkegaard im Mut des Glaubens zum Sprung. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Das Paradox und der Liebhaber&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Kafkas Text wurde wohl im März 1917 im sogenannten Oktavheft C als Teil der fragmentarisch bleibenden Erzählung "Beim Bau der chinesischen Mauer" festgehalten; er erschien 1919 in der jüdischen "Selbstwehr" und ging schließlich in den Band "Ein Landarzt" ein. Da es sich um einen der dichtesten Texte dessen handelt, was landläufig als "kafkaesk" bezeichnet wird, hat es nicht an Vermutungen über Vorlagen oder Quellen gefehlt, die man unter anderem in chassidischen Geschichten zu finden glaubte. Für Kafkas Kenntnis der Tagelöhnergeschichte aus der "Krankheit zum Tode" fehlt der Beweis, dass er das in seinem Bücherschrank vorhandene Buch gelesen hat. Und die für den Herbst 1917 belegte Wiederbegegnung mit Kierkegaard müsste um ein mindestens halbes Jahr vorverlegt werden. Aber die Parallelen zwischen den Texten können für sich stehen – "Etwas verteidigen heißt immer es disrekommandieren", schreibt Kierkegaard in der zitierten Schrift.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;So kann von einer Nähe nicht die Rede sein, ohne die Distanz zu berücksichtigen. Kafka konnte Kierkegaards radikaler Religiosität nicht folgen – so wenig wie die anderen Leser in dieser Zeit. Kafka teilte mit ihnen, mit Rilke, Kassner, Hermann Broch, zwar das Interesse an der raffinierten literarischen Vermittlung dieser "Existenz-Mitteilungen", am Spiel der Pseudonyme. Aber wie kein anderer unter den Kierkegaardlesern seiner Zeit verband ihn mit diesem die Affinität zum Paradoxen, zur Zumutung des Widerspruchs. Kierkegaards Paradox ist ihm, so die "Philosophischen Brosamen", "die Leidenschaft des Gedankens, und der Denker, der ohne das Paradox ist, der ist wie ein Liebhaber ohne Leidenschaft: ein mittelmäßiger Patron". Kafka ist darin vielleicht der gelehrigste, aber freilich auch der widerständigste Schüler Kierkegaards: Das Paradoxon ist ihm nicht eine Form der Wahrheit, sondern eine literarische Praxis, hinter der keine verbürgte Wahrheit gegeben ist. Im Februar 1918 hält er fest: "Ich bin nicht von der allerdings schon schwer sinkenden Hand des Christentums ins Leben geführt worden wie Kierkegaard und habe nicht den letzten Zipfel des davonfliegenden jüdischen Gebetsmantels noch gefangen wie die Zionisten." Leer bleibt daher auch der Inhalt der kaiserlichen Botschaft – nicht sie selbst, nur von ihr kann erzählt werden.      Mathias Mayer&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 22.04.2009 Seite N3&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-7996155497890605899?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/7996155497890605899'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/7996155497890605899'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/07/kierkegaards-kaiserliche-botschaft.html' title='Kierkegaards kaiserliche Botschaft'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-8338139918218669577</id><published>2009-07-11T21:20:00.001+02:00</published><updated>2009-07-11T21:20:35.256+02:00</updated><title type='text'>Warum ich nach Halle emigriere</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;In Leipzig, der Heldenstadt von 1989, triumphieren heute wieder Marx und Co. In der Kulturpolitik wird die Verharmlosung und Verklärung der DDR vorweggenommen. Von Erich Loest &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Überall in der Bundesrepublik Deutschland werfen die Wahlen von 2009 ihre Schatten voraus. Besonders diffizil ist es in Leipzig, denn hier wird alle Welt des Oktobers von 1989 gedenken, den Sturz der DDR und der SED feiern. Gleichzeitig will die Linkspartei zur stärksten Fraktion im Stadtparlament aufsteigen. Vermutlich bereite ich mich am besten auf die Schlammschlachten vor, indem ich mich mit drei jüngeren Niederlagen beschäftigte. Die erste: Franz Häuser, der aus Limburg zugezogene Rektor unserer Universität, stand vor einigen Jahren öffentlich über sein Wirken Rede und Antwort. Vom Masterstudium war die Rede, vom Ausländeranteil unter den Studenten und vielem mehr. Dann wurde er gefragt, wann wohl endlich das mächtige Marx-Relief an der Frontseite des Hauptgebäudes demontiert werden würde. Häuser behauptete, das dürfe man keinesfalls abnehmen, sonst falle das Haus, an dem es hinge, zusammen; beim ins Auge gefassten Neubau werde man das Problem lösen. Ich stürzte ans Mikrofon, ohne dass mir das Wort erteilt worden wäre, erklärte, das Monstrum hinge nicht, sondern stünde fest auf eigenen Stützen, und was Häuser da verkündet habe, sei übel und dreist. Magnifizenz blickten ungerührt. Später schrieb ich, Häuser habe gelogen. (Später schrieb mir Häuser, er sei von Fachleuten getäuscht worden – beiderseits sorry.)&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Mit den Schöpfern der Großbronze fetzte man sich in der Nikolaischule &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die Bronze blieb, Demontage-Termine, so die Fußballweltmeisterschaft mit ausländischen Gästen auch in Leipzig, verstrichen. Kurz vor dem Abriss des Plattenbaus wurden die 33 Tonnen in drei Teile zerschnitten, um sie transportieren zu können, und von der Universitätsleitung an einem nahezu geheimen Ort zwischengelagert. Ich schlug vor, die Bruchstücke dort abzulegen oder aneinanderzulehnen, wo die Trümmer der 1968 gesprengten Universität und ihrer Kirche in eine Kiesgrube geschüttet worden waren, am Stadtrand nahe dem Völkerschlachtdenkmal. Andere Ideen reichten vom Einschmelzen bis zur Montage an der Moritzbastei im Stadtzentrum; das lehnte die Verwaltung ab. Mit zweien der drei Schöpfer der Großbronze fetzte ich mich in der Aula der Nikolaischule. Linksparteiliche Leserbriefschreiber fanden in der "Leipziger Volkszeitung" freie Räume, einer stellte zutreffend fest, Marx sei berühmter als Loest. Dem Argument, Marx werde in seiner Geburtsstadt durch ein Museum geehrt, setzte ich entgegen: Trier und die Pfalz wären ja auch nicht durch vierzig Jahre kommunistischer Wirtschaft in den Ruin getrieben und die Porta Nigra keineswegs im Geiste des Klassenkampfs gesprengt worden.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Eines Tages stand in der Zeitung, die drei Teile seien in einer Nachtaktion aus ihrem Verlies auf das Gelände der ehemaligen Hochschule für Körperkultur gebracht worden, dort sollten sie aufgestellt werden, die Dresdner Wissenschaftsministerin Stange, SPD, habe dafür 300 000 Euro bewilligt. Wütend schrieb ich einen offenen Brief an sie und Oberbürgermeister Jung, ebenfalls SPD, und forderte sie auf, diesen Plan zu vereiteln und so Schande von der Stadt der friedlichen Revolution von 1989 abzuwenden. Tagelang schien Jung auf meiner Seite zu sein, stolperte in Formfehler, zäh wurde offen und in Politzimmern gefeilscht. In der ideologischen Tiefprovinz Leipzig vollzog sich eine Politposse von letztem Rang.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Schließlich siegte Franz Häuser, der Beharrliche, der Aussitzer. Von ganzem Herzen frohlockte die Linkspartei. Im vergangenen Oktober verkündete die Lokalzeitung: "Marx ist wieder da." Nach hitzigen Debatten sei das Bronzerelief am neuen Standort der Öffentlichkeit übergeben worden. Reden habe es nicht gegeben und Sekt schon gar nicht. Eine aus Edelstahl gefertigte Tafel erläutere Geschichte und Funktion des Kunstwerks. Von Vernichtungsaktion und Gewalttaten der SED sei auf dieser Tafel die Rede. "Während der Übergabe stürmt es. Der Wind verfängt sich in der Bronze. Es rumpelt in ihr. Das werden doch nicht Signale aus dem Jenseits sein?, fragt Häuser." Die Lokalzeitung abgründig: "Warum nicht?"&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die zweite Niederlage: Der Maler Werner Tübke hatte im Auftrag der SED ein Riesengemälde geschaffen, "Arbeiterklasse und Intelligenz", das den Sieg des Kommunismus über Aufklärung und Humanismus an der Leipziger Universität feierte. Es hing schlecht im alten Plattenbau – quasi Rücken an Rücken mit der Marx-Bronze –, mit dem Abriss fand es ans Licht und wurde im Museum der bildenden Künste mit Pomp ausgestellt. Der Kustos der Universität, Rudolf Hiller von Gaertringen: "Es gibt den konkreten Vorschlag, das Gemälde am rekonstruierten Seminargebäude vor den Hörsälen zu plazieren." Franz Häuser: "Das Bewusstsein für die Licht- und Schattenseiten der Vergangenheit ist unabdingbare Voraussetzung für eine entschlossene Gestaltung von Gegenwart und Zukunft, was eine Auseinandersetzung mit der sozialistischen Vergangenheit der Universität einschließt. Dieser in vieler Hinsicht auch schmerzhafte Prozess der Aufarbeitung steht noch am Anfang. Die Beschäftigung mit einem so bedeutenden Werk wie Werner Tübkes ,Arbeiterklasse und Intelligenz' könnte ein guter Ansatz sein, diese Arbeit zu intensivieren."&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Dem Manne könnte geholfen werden, meinte ich und wendete mich der Person Paul Fröhlichs zu, den Tübke in seine Ruhmes-Bildpersonnage aufgenommen hatte. "Die Krake lacht", schrieb ich. "Ohne Zweifel: Paul Fröhlich hat zu DDR-Zeiten der Stadt Leipzig und seiner Universität geschadet wie kein Zweiter. Er schaffte es, die bürgerlich-humanistische Universität zu zerschlagen und zu einer marxistisch-leninistischen umzubauen. Er vertrieb die Professoren Ernst Bloch und Hans Mayer und schickte Studentenpfarrer Schmutzler ins Zuchthaus. Er war maßgeblich beteiligt, den Befehl Walter Ulbrichts umzusetzen, die klassizistische Universität, in vielen Teilen benutzt, in den beschädigten ausbaufähig, zu sprengen. Als erster Akt sank die Paulinerkirche, eine Barbarei ohnegleichen. Mit Malern und Nichtmalern saß ich neulich zusammen, wir machten uns Gedanken, wie man Paul Fröhlich malen könnte. Wir erwogen, ihn als klassenkämpferische Krake darzustellen, vielarmig. Wie er Köpfe widerborstiger Studenten und Professoren abbeißt und nach Bautzen spuckt, woher er gekommen, wie er Dächer von Bürgerhäusern abnagt und an die Grundmauern pisst, wie er und Hans Vogelsang, sein oberster SED-Richter, mit Schädeln aus den Paulinergrüften Kegeln spielen – vom Wehrmachtskoch zum Stadtsadisten." &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Jahrelang suchte ich nach einem Maler, der nicht die Sieger der Karl-Marx-Universität, sondern ihre Opfer darstellen wollte. Nach mancherlei Absagen kam ich mit Reinhard Minkewitz ins Gespräch. Die Professoren Bloch und Hans Mayer, Pfarrer Schmutzler, Studentenratsvorsitzender Natoneck und der Student Ihmels, der in Bautzen umkam, sollten für viele stehen. Format wie bei Tübke, viel kleiner freilich, eine ausbaufähige Studie. Die alte Universität. Gebrochene Schollen davor. Als das Gemälde mit einigen Vorstudien im Galerie-Hotel nahe der Eisenbahnstraße vom Hausherrn Klaus Eberhard gezeigt wurde, war das Haus berstend voll. Schulterklopfen. Ich dachte: Daran kann eine Universitätsleitung doch nicht vorübergehen! Aber Häuser und Hiller von Gaertringen blieben beinhart. Vier Monate lang hing das Minkewitz-Bild in der Galerie, ebenso lange stand es bei mir im Keller. Unterdessen schenkte ich es dem Museum in Mittweida. In der neuen Universität werden Paul Fröhlich und seine Kumpane zu sehen sein, aber niemals Ihmels, Schmutzler, Bloch und Mayer.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Wer SPD wählt, wählt einen Kommunisten&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die dritte Niederlage: Die sächsische SPD beschließt, sich für die Landtagswahl 2009 jeder Koalitionsaussage zu enthalten. Vorher war ein Antrag von fünf Leipzigern, die Zusammenarbeit mit der Linkspartei auszuschließen, gescheitert. Der Landesparteitag erklärt es als Hauptziel, eine schwarz-gelbe Koalition zu verhindern. Das bedeutet: Wenn ich die Sozialdemokraten ankreuze, wähle ich die Linken mit. Seit meiner Ankunft in der Bundesrepublik 1981 stimme ich für die SPD. Wenn ich sie diesmal wähle, leiste ich Vorschub für einen kommunistischen Ministerpräsidenten. Kultusminister könnte Volker Külow werden, ein ehemaliger Stasi-Spitzel. Auf den Straßen der untergehenden Weimarer Republik skandierten Rotfrontkämpfer: "Wer hat uns verraten – Sozialdemokraten!" Das könnte zum Slogan für die Bürgerrechtler von 1989 werden. Für mich ist die sächsische wie die Leipziger SPD unwählbar.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Als die Dienstzeit unseres Kulturbürgermeisters Georg Girardet zu Ende ging, vermasselte Oberbürgermeister Jung die Kandidatur eines Nachfolgers, indem er sowohl den Grünen als auch der Linkspartei Avancen machte. Girardet, amtsmüde, musste bleiben. Nun suchte keineswegs die SPD-Fraktion nach einem Nachfolger, vielmehr bat sie die Linksfraktion, dies zu übernehmen, und sichert blanko zu, sich dann ihrem Urteil anzuschließen. Die Kandidatur fähiger Leute von außerhalb war damit praktisch ausgeschlossen und fand nicht statt. Die SPD-Fraktion degradierte sich vorauseilend zum Juniorpartner. Ich versuche mir die Rede eines Linksbürgermeisters zum 9. Oktober 1989 vorzustellen – so viel Phantasie bringe ich beim schlechtesten Willen nicht auf.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Fazit: Wenn die Linkspartei 2009 zur stärksten Fraktion im Leipziger Stadtrat wird, sollte sie honorieren, in welch enormer und hartnäckiger Weise sich Franz Häuser für ihre ideologische Rehabilitierung und Mobilmachung eingesetzt hat. Es wäre nur gerecht, würde sie ihn zum Ehrenbürger vorschlagen. Bis dahin bin ich konsequenterweise nach Halle emigriert.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Der Schriftsteller Erich Loest veröffentlichte zuletzt eine Neufassung seines Romans "Löwenstadt".&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18.04.2009 Seite 35&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-8338139918218669577?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/8338139918218669577'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/8338139918218669577'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/07/warum-ich-nach-halle-emigriere.html' title='Warum ich nach Halle emigriere'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-6839538556212488048</id><published>2009-07-11T21:19:00.003+02:00</published><updated>2009-07-11T21:19:49.647+02:00</updated><title type='text'>Der Gewinner</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die Berliner CDU hat ihrer Stadt ungewollt einen Dienst erwiesen, indem sie Christoph Lehmann zweimal nicht als Bundestagskandidaten aufstellte. So hatte der Rechtsanwalt und Vater von vier Kindern Zeit, am Küchentisch nicht nur über die Politik von SPD und PDS zu schimpfen, sondern aktiv zu werden. Die Mittel dazu, die Elemente plebiszitärer Politik, stammen aus dem linken Lager. Der letzten Verfassungsänderung 2006 aber stimmten Mitglieder aller Fraktionen zu: Volksinitiativen, -begehren und -entscheide richten sich nun einmal gegen die Regierung, und die besteht seit 2002 aus SPD und PDS.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Den Fehler der Tempelhof-Freunde machte der Jurist Lehmann nicht. In den gesetzlich vorgeschriebenen Etappen führte er die Bürgerinitiative "Pro Reli" in die klassische demokratische Situation, in der das Volk eine Frage entscheidet, die von ihm entschieden werden kann. In den vergangenen Jahrzehnten hatte es die Berliner Landespolitik nicht fertiggebracht, über das Thema Religionsunterricht auch nur ernsthaft zu diskutieren. Das ist Lehmanns Bürgerinitiative auf unerwartet kurzweilige und leidenschaftliche Weise gelungen. Die Regierung nutzte einen Mord dazu, das Fach Ethik zwingend zu verschreiben, als stammten solche Taten oder ihre begütigende Bezeichnung "Ehrenmord" aus einem kollektiven Mangel an Werten, die Gesellschaft aber diskutiert seither über den Wert von Religion im öffentlichen Leben der Hauptstadt. Das Wahlvolk hat über einen regelrechten Gesetzestext zu entscheiden und forderte nicht, wie beim Flugverkehr in Tempelhof, die Obrigkeit auf, sich die Sache bitte doch noch mal zu überlegen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Seit Monaten argumentiert Lehmann als Vater, der weiß, dass einer seiner Söhne innerhalb von zwei Jahren Ethikunterricht noch nichts über Religion gehört hat. Er argumentiert als Katholik, also als Vertreter einer selten wahrgenommenen Minderheit, und als Bürger von Berlin zitiert er einen, der integrationspolitisch weiter und religiös toleranter war als Wowereit: Friedrich II. baute den "Heiden und Türken" Gotteshäuser, damit in Preußen "jeder nach seiner Fasson selig" werde.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Rot-Rot und die Mehrheit der Berliner Grünen aber halten allein den verpflichtenden Ethikunterricht – übrigens ohne jeden Beleg dafür – für geeignet, Jugendlichen Werte näherzubringen. Dass der Religionsunterricht seine Absolventen tatsächlich toleranter macht, hat die empirische Forschung inzwischen belegt. Im politischen Berliner Atheismus aber schließen Glauben und Wissen einander aus, unbeirrt verkündet er, Ethik verbinde, Religion spalte. Während der Kampagne für die Gleichberechtigung des Religionsunterrichts zeigte sich der Katholik Lehmann integrationspolitisch avancierter als Rot-Rot-Grün. "Pro Reli" genießt die Unterstützung prominenter SPD-Politiker, die der christlichen Kirchen, die zweier muslimischer Verbände und die der Jüdischen Gemeinde. Egal, wie die Abstimmung ausgeht, sie hat Berlin das aufgeklärte, auch wissenschaftlich gebildete Gespräch über Religion gebracht.       Mechthild Küpper&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27.04.2009 Seite 10&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-6839538556212488048?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/6839538556212488048'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/6839538556212488048'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/07/der-gewinner.html' title='Der Gewinner'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-6937272530507627327</id><published>2009-07-11T21:19:00.001+02:00</published><updated>2009-07-11T21:19:05.629+02:00</updated><title type='text'>Ich gehe so, wie ich gekommen bin</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ich gehe so, wie ich gekommen bin Es ist Musik, mehr gibt es nicht zu sagen: Bob Dylan nimmt ein Bad im Rio Grande &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Der erste Eindruck ist: vielleicht etwas zu viel Akkordeon. Aber es wird nicht von Flaco Jiménez bedient, diesem wichtigen Rock-Akkordeon-Spieler, der 1976 auf Ry Cooders "Chicken Skin Music" mitmachte und zuvor, 1973, schon auf der Platte "Doug Sahm And Band", auf deren Cover man auch Bob Dylan sieht, gut versteckt natürlich, wie es seine Art ist, aber er spielt da wirklich mit. Dieses Album gilt immer noch als Meilenstein des Tex-Mex und Doug Sahm, der vor zehn Jahren achtundfünfzigjährig starb und damit vom selben Jahrgang ist wie Dylan, als der wichtigste Vertreter dieses Stils, in dem Texas und Mexiko zusammenfließen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Dass Bob Dylan nun gewissermaßen ein Bad im Rio Grande nimmt, war nicht direkt vorauszusehen, aber sonderlich überraschend ist es auch nicht. Die Quetschkommode spielt David Hidalgo von den Los Lobos – eine interessante Personalie, denn es hätte näher gelegen, Garth Hudson von The Band zu fragen, aber der ist dazu vermutlich doch schon zu alt, und vielleicht hatte Dylan auch Angst, dass Hudson das Ganze dann zu sehr in Richtung Country-Folk getrieben und damit leichter ausrechenbar gemacht hätte.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die zweite überraschende Personalie des neuen Albums ist Robert Hunter, einst fester freier Mitarbeiter bei den Grateful Dead und natürlich auch bei Dylan, der dem Meister nun beim Dichten unter die Arme greifen durfte oder musste. Ein vernünftiger Co-Autor kann nie schaden, das hat man schon 1975 bei "Desire" gesehen, auf dem sich Jacques Levy entscheidend nützlich machte. Worte fürs Lebensbilanzziehen, fürs bitter-zynische oder auch einfach bloß achselzuckende Abschiednehmen, wie sie auch jetzt wieder zu hören sind, hätte Dylan wohl auch von sich aus noch gefunden; aber vielleicht stammt ja die Zeile "I got a restless feeling in my brain / the way I leave here will be the same way I came" vom Gehilfen? Schon damit hätte sich die Mitarbeit ausgezahlt.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;"Together Through Life" – dieser Titel passt nicht zu Dylan, er wirkt unnötig kumpelhaft, niemand nimmt ihm das ab, auch wenn er noch so viele nette Radiosendungen macht und seine Musik wildfremden Filmregisseuren zur Verfügung stellt. Mit wem wäre dieser Musiker durchs Leben gegangen? Doch nur mit sich selbst.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Es wurde in der Vergangenheit allenthalben bemerkt, dass Dylan trotz seiner ungewöhnlich starken, ja fast aufdringlichen Präsenz in Film, Funk, Fernsehen und neuerdings auch noch im Internet keineswegs transparenter oder gar zugänglich, zutraulich geworden ist. Im Gegenteil, er wirkt immer geheimniskrämerischer, weil jede menschliche oder künstlerische Regung vor allem unter dem Aspekt betrachtet wird, was wohl dahinterstecken könnte – als dürfte man gute Rockmusik nicht einfach so hören.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Das neue Album quillt davon nicht gerade über, schon deswegen, weil es Rockmusik nur noch in einem erweiterten Sinne bietet, der jenseits von Stilbezeichnungen wie Tex-Mex und Cajun beziehungsweise Zydeco anzusiedeln ist. Natürlich unterhielt Dylan, der blasse Junge aus dem kalten Minnesota, der Folk-Superstar aus dem hippen Greenwich Village, schon immer gute Beziehungen zum Süden und Südwesten, wo die Frösche deutlich lauter quaken und einen schon mal die Klapperschlange in die Ferse stechen kann – man höre nur "New Morning" (1970) und betrachte dabei das Rückcover oder lege die Nadel auf die wunderbare "Romance in Durango" von "Desire".&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;An diese Musik kommt die neue nicht heran, und das war wahrscheinlich auch gar nicht Dylans Absicht. Eher hat es den Anschein, dass er seinen Kurs, der Mit- und Nachwelt Lektionen über vergessene Stilformen zu erteilen, hier fortsetzt, und zwar ohne die geringste Rücksicht auf popgerechte Bekömmlichkeit des Gereichten. Seit "Love And Theft", die er sich nachträglich zum Sechzigsten schenkte und die den zweiten Abschnitt seines Alterswerks markiert, hat dieses Vorgehen relativ klare Konturen: Dylans späte Liebe gehört eindeutig dem Country-Blues und Country-Swing mit allen möglichen Ober-, Unter- und Zwischentönen; es ist Musik, die es schon zur amerikanischen Depressionszeit, noch vor dem Rock 'n' Roll, gab, in der seine Karriere unverrückbar feste Wurzeln geschlagen hat.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Wenn man das neuerliche Ergebnis dieses zwar respekteinflößenden, aber naturgemäß nur selten mitreißenden Rückversicherungsunternehmens hört, wünscht man sich, das erste Mal in seinem eigenen Dylan-Leben, Dylan wäre ein anderer, ein Ry Cooder beispielsweise aus dem Jahr 1976 ("Chicken Skin Music"!), zur Not auch ein Bob Dylan von 1975 ("Desire"!). Der Tex-Mex von damals klingt nämlich beschwingter, freier. Dylan verschleppt das ganze Verfahren jetzt doch ganz erheblich, wenn auch wohl mit voller Absicht. Der Auftakt "Beyond Here Lies Nothin'" gerät ihm noch recht flott, irritiert aber mit seinem massiven Rumba-Einschlag. "Oh well, I love you pretty baby / You're the only love I've ever known / Just as long as you stay with me / The whole world is my throne / Beyond here lies nothin' / Nothin' we can call our own": Ein solches, im Grunde ja banales Liebesbekenntnis bekommt, wenn Dylan es spricht, etwas imponierend Großartiges, wie überhaupt die Lyrik sich alltäglich und diesseitig gibt. Der Mandolinen-Blues "Life Is Hard" kommt dann kaum noch von der Stelle, die Sonne steht schon ganz niedrig, die kühle Brise, die den Alten anweht und ihm sagt, dass es Zeit ist zu gehen, scheint vom Jazzbesen nur ganz sacht getrieben zu sein, während Mike Campbell feinfühlig seine Saiten zupft. Dann kommt der rauhe Shouter "My Wife's Home", Muddy Waters und Willie Dixon lassen nun doch sehr grüßen. Letzterer bekommt im Booklet einen ausdrücklichen Dank, weil es einfach zu offensichtlich ist, dass es sich dabei eigentlich um "I Just Wanna Make Love To You" handelt.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Es wurde schon beim Vorgängeralbum "Modern Times" bemerkt, welche große Rolle der Chicago-Blues für Dylan spielt. Auch hier kommt er ihm aus fast allen Poren, der Tex-Mex ist da eher äußerlich. "Forgetful Heart", der einzige Song, in dem Dylan wirklich stimmliche Schärfe entwickelt, atmet die faszinierende Düsternis, wie sie zuletzt auf "Love Sick" (von "Time Out Of Mind", 1997) zu hören war. "If You Ever Go to Houston" bietet, dank dem Akkordeon, flirrende, lauernde Sehnsucht, die Dylan für seine jetzigen Verhältnisse bemerkenswert flüssig vorträgt.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Der Elektroblues "Jolene" ist so knorrig, wie man in diesem Alter nun einmal meistens ist; "This Dream of You", akustisch ein schönes "Romance-in-Duran- go"-Imitat, beschwört das, was allenfalls noch bleibt in einem langen Leben (Liebe); "Shake Shake Mama" und "It's All Good" haben, obwohl schon recht mürbe, den aufsässigen Rock-Beat, der 1965 die Folkpuristen so erbitterte; "I Feel a Change Comin' On" schließlich wälzt sich mit majestätischer Gelassenheit und Gewissheit ins Tal hinab, wo sich Sam "A Change is Gonna Come" Cook und der frühe Dylan gute Nacht sagen. Zeit und Wandel, diese altvertrauten Chiffren, beherrschen also auch das jüngste Werk, das Dylan unter dem Pseudonym Jack Frost und ohne hörbare Nachbearbeitungen wieder selbst produziert hat, leider unter Ausschluss der Tour-Gitarristen Stu Kimball und Denny Freeman. Aber Dylan wollte es mal wieder nicht anders.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Was soll man dazu noch sagen? Diebstähle bei den Bluesvätern oder den "Canterbury Tales" wird die Dylan-Philologie sicherlich bald herausfinden, die am Ende manchmal eben doch die Vermutung nahelegt, dass etwas hauptsächlich deswegen bewundert wird, weil es von Bob Dylan stammt. Er ist jetzt so alt, wie seine Bluesväter, denen er mit unvermindertem Eigensinn hinterherstiefelt, überhaupt nur wurden, doppelt so alt sogar wie die früh dahingegangenen Blueser. Es wäre nicht opportun, von ihm jedes Mal aufs Neue zu verlangen, dass er noch Bäume ausreist. Diese Platte stellt zufrieden, ist interessant, hinterlässt aber auch ein wenig Ratlosigkeit. Wir müssen damit leben. Dylan selbst tut es ja auch.      EDO REENTS&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;Bob Dylan, Together Through Life. Columbia 51697 (Sony/BMG)&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25.04.2009 Seite 37&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-6937272530507627327?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/6937272530507627327'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/6937272530507627327'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/07/ich-gehe-so-wie-ich-gekommen-bin.html' title='Ich gehe so, wie ich gekommen bin'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-956327493660836567</id><published>2009-07-11T21:17:00.001+02:00</published><updated>2009-07-11T21:17:39.140+02:00</updated><title type='text'>Es hat sich etwas verändert in der Stadt</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt; "Pro Reli" hat verloren. Die Forderung nach einem besseren Ethikunterricht und einer engeren Kooperation mit den Kirchen wird wieder aktuell. Von Mechthild Küpper &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;BERLIN, 27. April. Wer zum Feiern in die Katholische Akademie gekommen war, hätte gleich um halb sieben Uhr umkehren können: Für die Bürgerinitiative "Pro Reli" und die beiden Kirchen gab es am Sonntag nichts zu feiern. Bei einer Wahlbeteiligung von 29,2 Prozent votierten nur 14,2 Prozent der Stimmberechtigten und 48,4 Prozent der Teilnehmer am Volksentscheid dafür, dass Religion künftig dem Ethikunterricht gleichgestellt werden sollte und Schüler die Wahl zwischen den Fächern erhalten sollten. Da also keine Partystimmung aufkam, wurde viel geredet, und das passte am Ende ganz gut zu der Kampagne. Christoph Lehmann, der Kopf von "Pro Reli", erhielt so viel Applaus, dass damit die Eitelkeit eines durchschnittlichen Zivilisten fürs Leben gestillt werden könnte.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Natürlich hätten sich seine Mitstreiter und er ein anderes Ergebnis gewünscht, sagte er, aber sie hätten der Stadt "eine Diskussion angetragen, die aufgenommen wurde", das werde nicht folgenlos bleiben. Der Einsatz habe sich gelohnt, sagte Lehmann, und das bekräftigte auch Bischof Wolfgang Huber. "Vor zehn Jahren" sei es unvorstellbar gewesen, dass in Berlin monatelang über religiöse Bildung gestritten werden könne: "Es hat sich etwas verändert in der Stadt", und "die Ansprechbarkeit der Menschen" in diesen Fragen werde bleiben. Die Anstrengungen, sagte Georg Kardinal Sterzinsky, "der Religion den gebührenden Platz in der Schule zu sichern", würden nun auf einen "anderen Resonanzboden treffen". Religion sei zwar etwas "sehr Persönliches", aber nichts nur Privates.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die Frage, die "Pro Reli" stellte, ist durch den Volksentscheid eindeutig beantwortet worden: Es bleibt, was den Werteunterricht betrifft, alles beim Alten, zwei Stunden Ethik in der Woche sind Pflicht zwischen der 7. und der 10. Klasse, Religion ist freiwillig, der Unterricht findet außerhalb des Lehrplans statt. Dass wie erwartet Ost und West in dieser Frage sehr unterschiedlich votierten, kam nicht überraschend. Zu Anfang des Streits über den obligatorischen Ethikunterricht, den Rot-Rot einführte, wies der damalige Vorsitzende der PDS, Stefan Liebich, darauf hin, dass seine Partei in ihrem Milieu sich durchaus straflos offene Kirchenfeindlichkeit leisten könne. Dieses Instrumentarium einzusetzen, haben auch seine Nachfolger sich versagt; doch nahmen in den östlichen Bezirken unterdurchschnittlich wenige Wähler am Volksentscheid teil, und überdurchschnittlich viele stimmten mit Nein. "Die Berliner sind helle und haben sich nicht einlullen lassen", sagte der Präsident des Abgeordnetenhauses, Walter Momper (SPD), bei der Party des Regierungslagers zum Abstimmungsergebnis. Am Morgen danach interpretierte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit das Ergebnis als "schallende Ohrfeige" für Lehmann. Seiner Ansicht nach haben sich die Kirchen mit der Kampagne geschadet. "Wie gehe ich mit Religion um, wie gehe ich mit dem Religionsunterricht um?", sei "vor allen Dingen auch eine innere Auseinandersetzung". Die Kirche werde diskutieren, ob der Kurs, den Bischof Huber "gesetzt" habe, richtig gewesen sei. Der Hinweis auf den scheidenden Bischof entspricht Wowereits Verhältnis zu Huber. Politisch stehen sich SPD und evangelische Kirche durchaus nahe, wie Wowereit später herausstrich, doch dass Huber, etwa beim Staatskirchenvertrag, darauf hinwies, dass die Frage des Religionsunterrichts offen bleibe, verzeiht ihm die Berliner SPD offenbar nicht.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Huber sagte, das Ergebnis zeige "etwas von dem Riss", der durch die Stadt gehe, doch sei es die Aufgabe der politisch Verantwortlichen und der Kirchen, diesen nicht zu vertiefen. Er werde den Senat beim Wort nehmen, der erklärt habe, mehr Werteunterricht an staatlichen Schulen anzubieten. Der Landesschülerausschuss forderte nach dem Volksentscheid, die Diskussion über den Ethikunterricht zu nutzen, um "den Rahmenlehrplan des Faches zu verbessern". Auch die Aus- und Weiterbildung der Lehrer müsse "optimiert" werden, damit das Fach "mehr Akzeptanz" finde.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die FDP, die gegen das sonstige liberale Credo von der wünschenswerten Trennung zwischen Staat und Kirche engagiert für die Gleichstellung des Religionsunterrichts eingetreten war, forderte am Montag, die Politik solle es den Schulen freistellen, wie das Angebot an Ethik und Religion jeweils gehandhabt werde. Auch aus der SPD, die in der Frage des Religionsunterrichts gespalten war, kamen Forderungen, nun müssten Senat, Kirchen und Religionsgemeinschaften zusammen "den Ethik- und Religionsunterricht weiterentwickeln". Es war auch die FDP, die wie "Pro Reli" auf die integrationspolitische Seite des Volksentscheids hinwies. So berichteten auf Einladung der bildungspolitischen Sprecherin Mieke Senftleben hessische und niedersächsische FDP-Politiker in Berlin über die Anstrengungen ihrer Landesregierungen für die Einrichtung eines islamischen Religionsunterrichts.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Der Abgeordnete Jörg Stroedter, der in Reinickendorf SPD-Direktkandidat für den Bundestag ist, sagte, "eine enge Zusammenarbeit zwischen dem neutralen Ethikunterricht und dem bekenntnisorientierten Religionsunterricht" sei gut für die Schüler. Von Plänen des Senats, den Erfolg im Volksentscheid zu nutzen, um den Religionsgemeinschaften etwa in der Gestaltung des Ethikunterrichts entgegenzukommen, war am Montag nicht die Rede.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die Spitzenpolitiker von Rot-Rot werden den Volksentscheid nutzen, um eine Zäsur zu würdigen: An diesem Dienstag werden Wowereit und Bürgermeister Harald Wolf von der Linkspartei "Zwischenbilanz und Ausblick" ihrer Regierung erörtern. In Berlin wird 2011 gewählt. Beim Religionsunterricht genoss Rot-Rot wie schon bei der Volksabstimmung über den Flugbetrieb in Tempelhof vor einem Jahr die Unterstützung der Grünen, so dass die Aussicht auf eine Ablösung durch ein Jamaika-Bündnis unwahrscheinlicher geworden ist. Am Abend werden die Unterstützer von "Pro Reli" einen ökumenischen Dankgottesdienst feiern.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28.04.2009 Seite 2&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-956327493660836567?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/956327493660836567'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/956327493660836567'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/07/es-hat-sich-etwas-verandert-in-der.html' title='Es hat sich etwas verändert in der Stadt'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-1525989482279188380</id><published>2009-07-11T21:16:00.003+02:00</published><updated>2009-07-11T21:16:48.447+02:00</updated><title type='text'>Gott ist kein Christ</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;Im neunzehnten Jahrhundert wollten die Vorkämpfer gegen den Antisemitismus die Juden noch missionieren. Heute ist das undenkbar. Eine Erwiderung auf Robert Spaemann. Von Michael Brenner &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Man stelle sich einen Moment lang vor, es hätte in Europa weder mittelalterliche Ritualmordvorwürfe noch frühneuzeitliche Judenvertreibungen und auch keine Pogromnacht vom November 1938 gegeben und unsere Stadtbilder würde daher neben den Kathedralen von mittelalterlichen Synagogen geprägt sein, von deren Fassaden auf der einen Seite die triumphierende Synagoga mit siebenarmigem Leuchter und aufrechtem Zepter, auf der anderen die gedemütigte Ecclesia mit zerbrochenem Kreuz und verbundenen Augen herabblickten. Man stelle sich weiter vor, eine dominierende jüdische Gemeinde hätte Jahrhunderte lang eine ins Getto gedrängte und durch diskriminierende Gesetze eingeschränkte kleine Christengemeinde mit Zwangspredigten in die Synagogen zitiert und Glaubensdisputationen angeordnet, an deren Ende die Bekehrung zum Judentum stehen sollte.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Und wenn dies alles nichts half, hätten jüdische Herrscher die perfiden Christen vor die Wahl gestellt, entweder unters Beschneidungsmesser zu eilen oder des Landes verwiesen zu werden. Man stelle sich zuletzt vor, dass in einem Staat, dessen Bürger zu mehr als 90 Prozent Juden wären, zur Vernichtung der ein Prozent der Bevölkerung zählenden christlichen Minderheit aufgerufen würde und die Oberrabbiner des Landes es wagten, sich öffentlich nur für die sich zum Judentum bekehrenden Christen einzusetzen. In einem solchen Lande lebte nach dem erfolgten Genozid dann noch ein kleines Häufchen von Christen, die über keine nennenswerten Theologen oder Philosophen mehr verfügten und alle ihre Priester aus dem Vatikan importieren müssten. Diesen Christen erklärte man nun, Geschichte hin, Geschichte her, in unserer Heilvorstellung habt ihr nun mal euren Platz, daher werden wir weiterhin wie bisher versuchen, unter euch zu missionieren, friedlich versteht sich, und als Freunde.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;In seiner vehementen Kritik der Absage des Zentralkomitees der deutschen Katholiken an die Judenmission (F.A.Z. vom 20. April) klammert Robert Spaemann eine Geschichte aus, die sich in etwa umgekehrt zu den oben geschilderten Vorstellungen zugetragen hat. Die Frage der Bekehrung der Juden zum Christentum auf ihre theologischen Ursprünge zu reduzieren kommt einer Missachtung der historischen Verhältnisse gleich.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Juden bekehren nicht mehr&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Um die Position der Juden in dieser Sache zu verstehen, muss man zunächst ihr eigenes Verständnis in Bezug auf die Bekehrung anderer etwas differenzierter darstellen. Spaemann sagt, auch das frühe Judentum war missionarisch. Das ist richtig, doch seit zweitausend Jahren ist es dies eben nicht mehr. Das rabbinische Judentum kennt zwar die Möglichkeit zum Übertritt, doch wird dieser keineswegs leichtgemacht, der Bekehrungswillige muss vom Rabbiner mehrere Male abgewiesen werden, bevor er beginnen kann, den Weg ins Judentum zu finden.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Unter Berufung auf einen Rabbiner behauptet Spaemann weiter, die Juden beteten selbst in ihrer Liturgie für die Bekehrung der Nichtjuden. Erstens wird dies so explizit wie in der Karfreitagsbitte nirgends im jüdischen Gebetbuch gesagt, und zweitens ist selbst ein vager Bekehrungswunsch im Judentum nicht an eine bestimmte Gruppe gerichtet, mit der die eigene Heilserwartung verbunden ist. Bekehrung ist, um daran keinen Zweifel zu lassen, für Juden ein negativ geprägter Begriff. Kaum jemand hat dies klarer formuliert als der Aufklärungsphilosoph Moses Mendelssohn, der selbst zur Zielscheibe christlicher Bekehrungsaufrufe wurde und der, im Gegensatz zu seinem das Wort prägenden König Friedrich dem Großen, tatsächlich glaubte, dass Anhänger aller Religionen im wahrsten Sinne des Wortes nach ihrer Façon selig werden können. Ist Gott deswegen Bigamist oder gar Polygamist? Nein, aber Gott ist eben auch kein Christ.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Spaemanns Vorstoß kann nicht aus dem Kontext einer neuen päpstlichen Politik gelöst werden, die bereits für Verstimmungen im katholisch-jüdischen Dialog gesorgt hat. Er streut nun neues Salz in die offenen Wunden. Dieser Dialog ist nach dem Holocaust mühsam erarbeitet worden. Das zwanzig Jahre nach Ende des Krieges und der Katastrophe für das europäische Judentum zunächst von Papst Paul VI. und danach von 2221 katholischen Bischöfen aus allen Teilen der Welt auf dem II. Vatikanischen Konzil unterschriebene Dokument Nostra aetate definierte erstmals eine grundlegend veränderte Haltung der katholischen Kirche gegenüber dem Judentum. Vom Band mit dem Stamme Abrahams ist hier die Rede, von der Liebe Gottes, die noch immer für die Juden Geltung habe, und schließlich auch von der Verurteilung "aller Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgendjemandem gegen die Juden gerichtet haben".&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Dennoch würde dieses Dokument, wäre es heute Diskussionsgrundlage des christlich-jüdischen Gesprächs, kaum jemanden zufriedenstellen. Da heißt es etwa, dass Jerusalem seine Heimsuchung nicht erkannt habe und dass "die jüdischen Obrigkeiten mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen" hätten, dass – ganz selbstverständlich – die "Kirche das neue Volk Gottes" sei. Zu Recht hat die französische Bischofskonferenz in einer der bisher überhaupt beachtenswertesten Erklärungen auf diesem Gebiet 1973 dargelegt: "Man muss in der Stellungnahme des Konzils eher einen Beginn als eine Endphase sehen." &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Johannes Paul II. war schon weiter&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;			&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Dass auch nach solchen Erklärungen noch ein weiter Weg zu gehen war, drückte der unlängst verstorbene jüdische Theologe Ernst Ludwig Ehrlich aus: "Antisemitismus verurteilt heute jeder. Dass Jesus ein Jude war, hat sich inzwischen auch herumgesprochen. Die eigentlichen Probleme liegen anderswo." Bisher sind die meisten jüdischen Vertreter dieses Dialogs selbstverständlich davon ausgegangen, dass der eingeschlagene Weg fortgesetzt würde und die verbliebenen eigentlichen Probleme, zu denen vor allem die Judenmission gehört, ebenfalls aus dem Weg geräumt würden. Papst Johannes Paul II. hat dies durch zahlreiche Gesten, nicht zuletzt während seines denkwürdigen Israel-Besuchs, glauben lassen. Bei seinem Nachfolger war man sich nach der Wiederzulassung der Karfreitagsbitte und nach der Wiederaufnahme eines den Holocaust leugnenden Bischofs in den Schoß der Kirche nicht mehr so sicher, ob auch er diesen Weg beschreitet. Es scheint jedoch, dass die vatikanische Diplomatie darum bemüht ist, jeden Schaden vom katholisch-jüdischen Gespräch abwenden zu wollen und die Geschehnisse als Missverständnis darzustellen. Angesichts dieser Bemühungen müssen Spaemanns Äußerungen vor allem dem Vatikan ungelegen kommen. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Spaemann behauptet, die traditionelle Fürbitte für die Juden, damit auch sie "Jesus Christus als Retter aller Menschen erkennen", sei eine israelfreundliche Korrektur gewesen, das Freihalten der ersten Kirchenbänke für potentielle jüdische Konvertiten betrachtet er als Zeichen des besonderen Ausdrucks der Freundschaft gegenüber den Juden. Diese Einstellung ist gewiss nicht neu. Während des neunzehnten Jahrhunderts waren die bedeutendsten Vorkämpfer gegen den Antisemitismus oft auch die prominentesten Judenmissionare. Franz Delitzsch gründete sein Institutum Judaicum zur Erforschung jüdischer Geschichte und Literatur wie auch zur Ausbildung von Judenmissionaren. Und selbst der bekannteste Gegner des politischen Antisemitismus, der liberale Historiker Theodor Mommsen, wünschte sich eine Taufe der Juden aus politisch-historischen Gründen, da man nun einmal im christlichen Abendland lebte. Nach dem Holocaust ist eine solche Forderung noch weitaus kritischer zu bewerten als am Ende des neunzehnten Jahrhunderts.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Wenn die Päpste von Johannes XXIII. bis Johannes Paul II. ihr Verhältnis gegenüber den Juden neu bedacht haben, so ist dies vor dem Hintergrund einer langen und oftmals tragisch verlaufenen Familiengeschichte zu sehen. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken hat dies verstanden. Angesichts der Veränderungen, die sich in der katholischen Kirche in dieser Beziehung seit Jahrzehnten beobachten ließen, nimmt sich Spaemanns Eingreifen nicht nur für Juden als unverständlicher Rückschritt aus.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Wie zentral ihm das Festhalten an der Judenmission ist, erkennt man aus Spaemanns Satz, er könne einer Kirche nicht mehr angehören, die derartigen Empfehlungen des Zentralkomitees deutscher Katholiken folge. Dies ist schweres Geschütz. Übertroffen wohl nur von der Behauptung, zu Zeiten Bubers und Rosenzweigs habe der Austausch zwischen Christen und Juden deswegen zu stärker vertieften Einsichten als heute geführt, "weil der Relativismus noch nicht alles durchdrang". Könnte es vielleicht auch sein, dass der Austausch deswegen damals ertragreicher war, weil es vor Auschwitz noch einen jüdischen Partner gab, weil eine nennenswerte deutsch-jüdische Gemeinde existierte, die über Philosophen und Theologen verfügte? Doch die Geschichte scheint Spaemann wenig zu interessieren. Wenn er im Namen der Israelfreundschaft und Brüderlichkeit für das Festhalten an der Mission unter den Juden argumentiert, ist man an jene Schlagzeile einer jüdischen Zeitung am Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts erinnert, die in Bezug auf die damaligen missionarischen Gedanken eines Delitzsch und Mommsen seufzte: "Gott schütze uns vor unseren Freunden."&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;Michael Brenner&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;bekleidet den Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur am Historischen Seminar der Universität München. Zuletzt erschien seine "Kleine Jüdische Geschichte".&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28.04.2009 Seite 31&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-1525989482279188380?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/1525989482279188380'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/1525989482279188380'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/07/gott-ist-kein-christ.html' title='Gott ist kein Christ'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-5768846441275452971</id><published>2009-07-11T21:16:00.001+02:00</published><updated>2009-07-11T21:16:24.812+02:00</updated><title type='text'>„Der Staat darf die Werte nicht vorgeben“</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;Im Gespräch: Prälat Bernhard Felmberg, Bevollmächtigter der Evangelischen Kirche in Deutschland "Der Staat darf die Werte nicht vorgeben" Mit dem Berliner Volksentscheid ist die Kirche zum politischen Akteur geworden. Der EKD-Bevollmächtigte über Grenzen der Politisierung, Plakate der Linkspartei und die neue Rolle der FDP. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Herr Prälat, das Volksbegehren "Pro Reli" war erfolgreich, beim Volksentscheid am Sonntag hat "Pro Reli" aber das notwendige Quorum nicht erreicht. Wie bewerten Sie das Ergebnis? &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Vor einem dreiviertel Jahr hätte ich noch nicht geglaubt, dass wir überhaupt den Volksentscheid erreichen und dafür über 300 000 Unterschriften sammeln. Denn das Problem des Religionsunterrichtes beschäftigt doch eigentlich vor allem Menschen, die Kinder in der Schule haben und bildungspolitisch interessiert sind. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Fühlen Sie sich von der rot-roten Regierung fair behandelt?&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Der Senat hat mit seiner Anzeigenkampagne einen Weg gewählt, der ihm vom Oberverwaltungsgericht ausdrücklich untersagt wurde; ein deutlicherer Kommentar ist kaum vorstellbar. Die Linkspartei hat Dürers betende Hände vor einer Tapete der fünfziger Jahre plakatiert. Damit bedient sie das Ressentiment, Religion sei rückwärtsgewandt und nur etwas für alte Leute. Das ist diffamierend. Das Vorziehen des Wahltermins zu Lasten des Steuerzahlers zeigt, dass man alles versucht hat, damit das notwendige Quorum von 25 Prozent nicht erreicht wird. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die Präsidentschaftskandidatin der SPD, Gesine Schwan, hat sich gegen "Pro Reli" ausgesprochen und sich dabei auf ein "laizistisches Schulverständnis" berufen . . .&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Wir haben kein laizistisches Staatswesen in Deutschland. Das Staatswesen ist säkular. Das heißt: Staat und Kirche sind unabhängig voneinander. Aber es gibt gemeinsame Angelegenheiten von Staat und Kirche. Zu diesen zählt der Religionsunterricht.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Sitzt die Kirche mit der SPD genau so lange im Boot, wie es nicht um die Interessen der Kirche geht?&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Nein, das trifft nicht zu. Sowohl Frank-Walter Steinmeier als auch Wolfgang Thierse haben sich öffentlich für "Pro Reli" ausgesprochen. Aber die Politik, die die Berliner SPD gemeinsam mit der Linkspartei betreibt, ist in Deutschland einzigartig. Man hat fast den Eindruck, das Godesberger Programm sei in Teilen der Berliner SPD noch nicht in allen Punkten angekommen. Ich hoffe nicht, dass sich das auf das Gesamtbild der deutschen Sozialdemokratie auswirkt.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Waren Sie überrascht, dass die FDP "Pro Reli" offen unterstützt hat?&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die FDP hat in den letzten Jahren – für die meisten unmerklich, aber jetzt deutlich spürbar – ihr Verhältnis zu den Kirchen normalisiert. Die Kirchen werden längst nicht mehr als Gegner freiheitlichen Denkens wahrgenommen. Hinzu kommt, dass Guido Westerwelle oder auch Otto Fricke, der Vorsitzende des Haushaltsausschusses des Bundestags, sich öffentlich als evangelische Christen zu erkennen geben. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Was bleibt von "Pro Reli"?&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Berlin hat eine Bildungsdiskussion erlebt, wie es sie zuvor nicht gegeben hat. Die öffentliche Auseinandersetzung hat dem Religionsunterricht gutgetan, auch wenn sich sein Status nun leider nicht verbessert hat. Die Debatte hat aber auch den Religionslehrern gutgetan, denn die Lehrer haben gemerkt: Weite Teile der Öffentlichkeit stehen genauso hinter ihnen wie ihre Kirche. Für Lehrkräfte anderer Fächer ist es doch kaum vorstellbar, dass sich "Klein Hänschen" vor sie hinstellen kann und sagt: Herr Lehrer, ich komme nicht weiter in ihren Unterricht. Den Religionslehrern wird abverlangt, dass die Kinder von sich aus sagen: Ich gehe jetzt nicht in die Eisdiele, sondern ich gehe in den Religionsunterricht – notfalls auch am Freitagnachmittag. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Was stört Sie am gemeinsamen Ethikunterricht?&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Am Ethikunterricht stört mich nichts. Nur wenn Ethik als allein seligmachender Unterricht angeboten wird, ohne dass alternativ Religionsunterricht gewählt werden kann, prägt der Staat die ethisch-religiöse Wertevermittlung in einer Weise, die ihm nicht zusteht. Der Staat kann eben nicht, wie er es in Berlin für sich im Moment in Anspruch nimmt, vorgeben, welche Werte zu gelten haben. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Hat sich die Kirche durch die offene Unterstützung für "Pro Reli" kompromittiert?&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Nein. Es liegt doch in der Natur eines Volksentscheids, dass man genötigt ist, sich in die Öffentlichkeit zu begeben. Die evangelische Kirche befindet sich seit vielen Jahren mit dem Senat in einem Streit über den Religionsunterricht. Als in Berlin nach langen Diskussionen endlich ein Staatskirchenvertrag zustande kam, hat es zu einer Einigung über den Religionsunterricht leider nicht gereicht. Wenn sich dann eine Bürgerbewegung bildet, die genuin die Bildungsverantwortung der Kirche vertritt, wäre es nicht redlich, wenn sich die Kirche dann zurückhält. Weil unser Land religiös pluraler geworden ist, wird auch der Dialog über Religion verstärkt in der Öffentlichkeit ausgetragen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Für "Pro Reli" wurde auch in Predigten geworben. Gibt es eine Grenze politischer Polarisierung im Gottesdienst?&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Jeder Prediger und jede Predigerin ist gehalten, das Wort Gottes richtig in evangelischer Freiheit und Verantwortung auszulegen. In diesem Rahmen ist eine Bezugnahme auf den Volksentscheid zulässig. Der Gottesdienst hat außerdem in den Abkündigungen einen Raum, um darauf hinzuweisen, was die Kirche umtreibt. Es wäre geradezu fahrlässig gewesen, diese Möglichkeiten nicht mit ganzer Kraft zu nutzen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Was kann die Kirche nun tun?&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Wir merken, dass wir gerade in unserer Bildungskompetenz mehr und mehr nachgefragt werden. In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Schülerzahlen an evangelischen Schulen verdoppelt. Ich könnte mir vorstellen, dass nach dem knappen Scheitern des Pro-Reli-Volksentscheids der Zulauf noch zunimmt. Damit wäre das Anliegen des Senats, einseitig die staatlichen Schulen zu stärken, in sein Gegenteil verkehrt. Zahlreiche Gründungen von evangelischen Schulen hat es in den letzten zehn Jahren gegeben, und es deutet vieles darauf hin, dass sich diese Entwicklung in der Zukunft fortsetzt.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die Fragen stellte Reinhard Bingener.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28.04.2009 Seite 2&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-5768846441275452971?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/5768846441275452971'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/5768846441275452971'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/07/der-staat-darf-die-werte-nicht-vorgeben.html' title='„Der Staat darf die Werte nicht vorgeben“'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-8751034846085183769</id><published>2009-07-11T21:15:00.001+02:00</published><updated>2009-07-11T21:15:52.392+02:00</updated><title type='text'>Wer glauben will, zweifle</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;Herbert Schnädelbachs intelligenter Atheismus &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Es ist das Sachbuch der Woche: Her- bert Schnädelbachs Einlassungen über "Religion in der modernen Welt" (S. Fischer Verlag). Hier wird das Politikum Religion, das es mittlerweile ist, in der denkbar gründlichsten und zu- gleich unterhaltsamsten Art behandelt: nämlich von einem atheistischen Standpunkt aus, mit dem sich Schnädelbach (anders als etwa Dawkins) sehr einfühlsam in sein Thema hineinzudenken weiß. Der prominente Philosoph zeigt, wie viel Neues und Substantielles von der Religion freigelegt wird, wenn man sich dem Glauben zwar inwendig, aber aus der Außenperspektive nähert. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Dieses Kunststück, absolute Betriebsferne mit hoher Einfühlung ins Thema zu verbinden, gelingt nur ganz wenigen theologischen Autoren. "Die Kompetenz, in diesem Bereich überhaupt mitzureden, wurde mir einfach zugemutet", schreibt Schnädelbach im Vorwort, "und zwar durch das breite Echo, das meine Streitschrift ,Der Fluch des Christentums', die 2000 in der Wochenzeitung ,Die Zeit' erschienen war, in der Öffentlichkeit fand; dadurch wurde ich in die Rolle eines ernstzunehmenden Religionskritikers gedrängt, die auszufüllen ich gar nicht beabsichtigt hatte." Robert Leicht hatte zur "Schnädelbach-Debatte", die auch in der Wissenschaft weite Kreise zog, seinerzeit eine instruktive Dokumentation herausgegeben. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;In seinem jetzt erscheinenden Buch demonstriert Schnädelbach auf durchweg verständlichem Niveau (ohne falschen Tiefsinn, mit Mut zur Oberfläche in Nietzsches Sinne!), dass das Thema Religion, wenn es nur richtig angefasst wird, das Zeug zum Gassenhauer hat und bei einem breiten Publikum auf starkes Interesse stößt. Wie ein Widerlager baut der Autor in den Glauben den Zweifel ein und befreit die Religion so aus dem Kauderwelsch und den rhetorischen Routinen der Insider. Wer glauben will, muss zweifeln: Mit leichter Hand wird Profanes mit Transzendentem in Beziehung gesetzt. So, im beständigen Abgleich mit unserer säkularen Kultur, kommt Religion als Lebensmacht recht eigentlich erst zur Geltung.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Schnädelbach wettert gegen eine "selbstzerstörerische Tendenz", den Glauben nur noch unter dem Gesichtspunkt zu sehen, wozu er gut ist. Als "nachdenklicher, irreligiöser Sympathisant der Religion" findet der Philosoph diesen "leichtfertigen und gedankenlosen Umgang" mit Religion empörend. Religion ist nur dann eine gute Therapie, wenn man sie nicht auf ihre therapeutische Funktion reduziert. Gott ist scheu, gibt der Religionskritiker Schnädelbach zu verstehen und erklärt: Sobald Gott auf seinen Nutzwert für die Lebensbewältigung festgenagelt werden soll, hört er auf, der Seele zu nutzen. Ähnlich gut vertraut wie mit den Abgründen einer religiösen Verwertungsindustrie ist Schnädelbach mit den großen Reli- gionsdebatten unserer Tage, etwa mit jener Gewaltdiskussion, die sich an Jan Assmanns wirkmächtigem Buch über die monotheistischen Offenbarungsreligionen entzündet hatte. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Deftiges und Bissiges findet sich bei Schnädelbach auf beinahe jeder Seite. Herrlich die Polemik gegen den Versuch "machtbewusster Berufschristen, die normative Früherziehung der Kinder in die Hand zu bekommen". Auch hier wieder sein Dringen auf das unterscheidend Christliche, wenn er in Abrede stellt, dass ein katholischer Kindergarten bessere Werte vermittele als ein städtischer. Amtsträgern, die ihre Religion als moralische Agentur verkaufen, empfiehlt er generell Zurückhaltung: "Das Problem ist doch nicht, dass die Menschen die ,Werte' nicht kennten oder nicht akzeptierten, sondern dass sie immer weniger wissen, was sie in unserer unübersichtlichen Welt im Konkreten bedeuten. Wer möchte denn nicht gern moralisch sein – wenigstens im Prinzip, auch wenn sich die Ausnahmen häufig lohnen –, aber es wird immer schwieriger, in komplexen Einzelfällen und erst recht in Konfliktsituationen genau zu bestimmen, wie man das macht." &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Hier tut sich ein weites Feld für eine informierte Publizistik auf, das man laut Schnädelbach aber nicht den "Schamanen" überlassen dürfe. Gefragt sei kein hochfahrendes theologisches Patentrezept, sondern praktische, vom Glauben angeleitete Urteilskraft. Nur so entgeht man in Zeiten wachsenden Orientierungsbedarfs dem Risiko des Fundamentalismus, das Schnädelbach – wenn auch mit unterschiedlichen Folgen – im Islam wie im Christentum angelegt sieht.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ob es sich um den Fundamentalismus der katholischen Piusbrüder handelt, der evangelikalen Kreationisten oder der Islamisten: immer herrscht eine überdehnte Auffassung von religiöser Identität vor, die den Eigensinn des Kulturellen überspringen und theokratisch zähmen will. Das ist eine Sicht der Dinge, wie sie uns auch im jüngsten Buch von Navid Kermani eindrucksvoll begegnet. Schnädelbach zeigt, wozu eine intelligente und passionierte Religionskritik in der Lage ist: Sie macht Religion nicht verächtlich, sondern verteidigt sie gegen ihre Liebhaber.             christian geyer&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27.04.2009 Seite 29&lt;/p&gt;&lt;/span&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/8383576537123816378-8751034846085183769?l=faz-besprechungen.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/8751034846085183769'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/8383576537123816378/posts/default/8751034846085183769'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://faz-besprechungen.blogspot.com/2009/07/wer-glauben-will-zweifle.html' title='Wer glauben will, zweifle'/><author><name>Gerold Hicke</name><uri>http://www.blogger.com/profile/18299025856743756989</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='16' height='16' src='http://img2.blogblog.com/img/b16-rounded.gif'/></author></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-8383576537123816378.post-4558038974510490389</id><published>2009-07-11T21:14:00.001+02:00</published><updated>2009-07-11T21:14:57.477+02:00</updated><title type='text'>Was aus mir geworden wäre</title><content type='html'>&lt;span xmlns=''&gt;&lt;p&gt;Ohne die Wende wäre das Leben eines fünfzehnjährigen Schülers aus einem Dorf bei Leipzig ganz anders verlaufen. Die Frage ist, wie. Von Marcus Jauer &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Am Abend, an dem die Mauer fiel, hatte ich Tanzstunde. Wir standen vor dem Haus der Pioniere, Jungs bei den Jungs, Mädchen bei den Mädchen, und warteten. Im Sommer war &lt;em&gt;Dirty Dancing&lt;/em&gt; im Kino gelaufen. Der Film war bei unseren Mädchen sehr gut angekommen, und so hatten sie unseren Tanzlehrer überredet, uns neben Walzer auch Mambo beizubringen. Er war ein älterer Herr, der sich die Haare quer über die Stirn kämmte, aber er hatte Geduld. Ich trug an diesem Abend ein grellbuntes Hemd, das mir zu Hause noch passend erschienen war, für das mir aber jetzt, wo wir auf der Straße standen, langsam der Mut abhanden kam. Ich weiß noch, wie ich unter meinem Anorak zu schwitzen begann. Dann kam Atze und sagte, die Mauer sei offen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Er hieß eigentlich Thomas, aber er achtete darauf, dass jeder ihn Atze nannte. Er hatte sich den Spitznamen wie eine Eigenschaft zugelegt. Der schräge Atze. Manchmal fing er mitten im Unterricht an zu singen, und wenn ihn die Lehrerin ermahnte, sang er weiter. &lt;em&gt;Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder.&lt;/em&gt; Als ich ihn vor zehn Jahren zum letzten Mal gesprochen habe, sagte er, dass er fort wolle aus der kleinen Stadt, in der unsere Schule stand. Aber solange er sich um den Hund kümmern müsse, den sein Vater ihm hinterlassen habe, ginge das nicht. Er kam nicht mehr weg. Dabei war er als Erster losgefahren.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Er raste mit seinem Moped auf uns zu, riss sich den Helm vom Kopf. Es sei wahr, sagte er, er habe es eben im Fernsehen gehört. Die Mauer sei auf. Er wollte sofort los, und wir sollten mit. Aber wir zögerten. Wir standen um das Moped herum und überlegten, wie weit es überhaupt ist in den Westen und was man macht, wenn man da ist. Ich musste denken, wie sauer das Mädchen, mit dem ich tanzte, jedes Mal war, wenn ich nur die Schritte für den Mambo nicht beherrschte. Wäre ich jetzt in den Westen gefahren, ich hätte gar nicht wiederkommen müssen. Also ist Atze allein aufgebrochen an dem Abend, mit seinem Moped, so weit er kam, auf der Autobahn. Alle anderen sind zur Tanzstunde gegangen. &lt;em&gt;Dirty Dancing&lt;/em&gt; im Pionierhaus. Das war mein Mauerfall.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ich war damals fünfzehn Jahre alt. Ich bin jetzt vierunddreißig. Inzwischen lebe ich länger ohne Mauer als mit. Ich habe in München studiert, ich arbeite bei einer westdeutschen Zeitung, ich kann mir aussuchen, worüber ich schreibe. Meine besten Freunde kommen aus dem Westen, meine liebsten Bücher, die Musik, die ich höre, die Filme, die ich sehe. Den schönsten Sonnenaufgang meines Lebens habe ich in Nepal erlebt. Es war vier Uhr morgens, alles um mich war in blaues Grau gehüllt. Ich stand vor einer Hütte und schaute auf einen achttausend Meter hohen Berg, an dessen Spitze sich ein hellroter Streif zeigte. Er kam von der Sonne, die hinter meinem Rücken aufging. Ich weiß natürlich, dass ohne diesen Sonnenaufgang eben ein anderer der schönste meines Lebens gewesen wäre. Ich bin aber froh, dass es dieser war. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Im Herbst ist es zwanzig Jahre her, dass das Land, in dem ich geboren wurde, sich aufzulösen begann. Manchmal denke ich, dass alles, was mit ihm zu tun hatte, aus meinem Leben verschwunden sein müsste. Dann sehe ich alte Fotos, und ich merke, dass es nicht so ist. Dann ist mir dieses Land wieder so nah, als würde es noch existieren. Ich frage mich, was ich gemacht hätte, wenn die Mauer nicht gefallen wäre. Was wäre aus mir geworden?&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;"Das ist nicht so schwierig", sagt einer meiner Freunde. Er kommt aus dem Westen, da fallen ihm manche Sachen leichter. "Entweder, du warst dabei, oder du warst nicht dabei."&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;"Wobei?"&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;"Bei der Stasi."&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;"Es gab in diesem Land aber mehr als zwei Berufe", sage ich.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;"Das weiß ich auch", sagt er.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die Gegend, in der ich aufgewachsen bin, liegt im Süden von Leipzig. Es gibt keine Hügel dort, und an manchen Punkten ist die Landschaft so flach, dass sich einem bis zum Horizont nichts entgegenstellt. Das liegt daran, dass alles, was es dort gegeben hat, Häuser, Bäume, Landschaft, in einer Grube verschwunden ist. Meine Gegend ist Braunkohleland. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Hinter dem Dorf, in dem wir wohnten, gab es einen Tagebau, vor dem uns nur eine Straße noch schützte. Nachts konnten wir das Quietschen der Baggerketten hören. Der See, in dem wir im Sommer badeten, war an sieben Stellen von rauchenden Schloten umgeben, Kraftwerke, Brikettfabriken, eine Schwelerei, und wenn im Winter Schnee fiel, färbte der Ruß ihn bald grau. Ich weiß noch, wie wir in der Schule einmal einen Aufsatz geschrieben haben über das Jahr 2000, wenn alle Kohle aus der Erde geholt sein würde. Wir sollten uns vorstellen, wie schön es dann sei, die Gruben zu Seen geflutet, Strände, Häfen, Promenaden, Radwege entlang der Ufer, neuer Wald. Im Grunde ist es genauso gekommen. Nur eben anders.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Jedes Jahr vor den großen Ferien fragte unsere Klassenleiterin ab, was wir werden wollen. Sie ging durch das Alphabet, jeder sagte einen Beruf, und sie notierte ihn in einem Buch. Wusste einer nichts zu sagen, notierte sie das auch. Alle Wünsche wurden auf dem Elternabend verlesen, wobei die Lehrerin gleich darauf hinwies, dass unsere Volkswirtschaft so viele Automechaniker und Kindergärtnerinnen nicht gebrauchen könne und dass einige Jungs darüber nachdenken sollten, in die Armee zu gehen und einige Mädchen in die Brikettfabriken. Es war wie mit jeder Wahl in diesem Land, am Ende musste das Ergebnis stimmen. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Beim ersten Mal gab ich an, dass ich Koch werden wolle, keine Ahnung, warum, beim nächsten Mal Zootechniker. Ich mochte Tiere und dachte, ich käme so einmal an etwas Exotisches heran. Auch wenn mein Vater meinte, dass man als Zootechniker Elefanten nur den Dreck nachräumt, es wäre Elefantendreck gewesen. Das letzte Mal, dass wir gefragt wurden, bevor dann keiner mehr fragte, wollte ich tropische Landwirtschaft studieren. Die Lehrerin hatte von so einem Studium noch nie gehört. Aber ich wusste, dass es in Leipzig angeboten wurde und dass man damit später zum Beispiel nach Angola oder Moçambique kam, Länder, die als irgendwie sozialistisch galten. Ein Berufswunsch wie ein Ausreiseantrag. Ich frage mich, wie ich darauf gekommen bin. Ich wollte doch gar nicht weg.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Kurz nachdem ich geboren wurde, hatten meine Eltern in einem Plattenbauviertel eine Wohnung bekommen. Hinter unserem Haus gab es lange noch eine Baugrube, an der wir uns nach dem Kindergarten trafen und mit Dreck bewarfen. Später zogen wir ein paar Orte weiter auf den Bauernhof meiner Großeltern, dessen Scheune wir zu einem Haus ausbauten. An den Wochenenden schachteten, siebten oder räumten, oder wir fuhren die Baustoffversorgungen der Gegend ab auf der Suche nach Zement oder Bier für die Maurer. Die Wasserhähne und Türgriffe in unserem Haus stammten aus dem Westen, wo wir Verwandte haben, die ein Weingut betreiben. Jeden Sommer durfte meine Oma dort für ein paar Wochen arbeiten, wenn wir sie danach vom Bahnhof abholten, hatte sie so viele Taschen dabei, dass sie ein Abteil für sich allein brauchte. Ich habe immer gewusst, dass fünfzig Jahre vergehen müssen, bevor ich sehen darf, wovon sie erzählte. Aber ich erinnere mich an kein Bedauern, das länger anhielt, als ein Westkaugummi schmeckte.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Mein Vater leitete einen landwirtschaftlichen Betrieb für Milchproduktion, von dem er stets nur als der Anlage sprach. Als Kind war ich davon überzeugt, dass darin auf verschiedene Ställe verteilt mindestens zwanzigtausend Kühe lebten, aber so viele können es nicht gewesen sein, jedenfalls war die Anlage sehr groß. Sie lag auf freiem Feld. Am Ende einer Betonstraße gab es ein Pförtnerhäuschen, in dem meine Oma saß, nachdem mein Vater sie von ihrer Arbeit im Braunkohlewerk befreit hatte, dahinter lag der Zwinger des kaukasischen Schäferhundes, den ich manchmal ausführte. An den Wochenenden fuhren mein Vater und ich mit dem Dienstwagen die einzelnen Ställe ab, um nach dem Rechten zu sehen. Trafen wir dabei Leute an, die Milch klauten für ihre Tiere zu Hause, hatte mein Vater eine Art, sie zu befragen, die auch für den unangenehm war, der nur zuhören musste. Der Betrieb war Eigentum des Volkes, aber so führte er ihn nicht. Einmal habe ich während der Ferien im Stall gearbeitet, überall, wo ich hinkam, wurde ich als Sohn des Chefs behandelt, was nicht hieß, dass es mir darum besser ging, im Gegenteil. Aber ich habe mich nicht beschwert. Ich verstand es als Test. Mein Vater hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass ich diese Anlage einmal leiten könne, wenn ich wollte. Dann wäre ich heute Herr über zwanzigtausend Kühe.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Irgendwann fand mein Vater Gefallen an der Vorstellung, zu reiten. Ich weiß nicht, wie er seinen Vorgesetzten gegenüber begründete, wofür er in einer Milchviehanlage vier Pferde brauchte, dazu einen Stall und einen Mann, der sich ausschließlich um sie kümmerte, aber von da an ritten mein Vater und ich am Wochenende häufiger aus. Einmal kamen wir dabei an einen Fluss mit einer Brücke, von der nur die Pfeiler noch standen. Wir stiegen ab, weil wir ein paar Minuten am Ufer sitzen wollten, aber wir fanden nirgends eine Stelle, die Pferde anzubinden. Da waren überall nur Büsche, die Zweige hielten die Zügel nicht. Wir mussten wieder aufsteigen. Als mein Vater auf seinem Pferd saß, sagte er, er werde morgen hier einen Haken anbringen lassen. Es war ein Witz, aber er konnte ihn wahr werden lassen, und in dem Moment begriff ich, was Macht ist und welche Versuchung in ihr liegt. Wir haben beide gelacht.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;"Ich denke, du hättest Karriere gemacht", sagt einer meiner ältesten Freunde. Er kennt mich noch aus der Schule, er hat nicht lange überlegt.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;"Warum?", frage ich.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;"Steckt das nicht in jedem?"&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;"Dann steckt es auch in dir."&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;"Ich hätte aber die Menschen nicht ertragen, auf die ich da getroffen wäre."&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die erste Funktion, um die ich mich bemühte, war die des Klassensprechers, der damals Gruppenratsvorsitzender hieß. Es muss in der sechsten oder siebten Klasse gewesen sein, es gab mehrere Bewerber, jeder Schüler schrieb einen Namen auf einen Zettel, die Lehrerin sammelte sie ein und trug die Stimmen an der Tafel ab. Es war eine geheime Wahl, und ich habe gewonnen. Ich kann nicht mehr sagen, welche Befugnisse ein Gruppenratsvorsitzender hatte, ich machte nie Gebrauch davon, ich wollte es vor allem sein. Jedes Jahr bewarb ich mich wieder, jedes Jahr wurde ich gewählt, außer einmal, als die Mädchen meinten, ich sei faul, und mein Gegenkandidat für jede Stimme fünfzig Pfennig zahlte, da wurde ich Agitator. Als Agitator musste ich jeden Freitag zu Beginn des Unterrichts berichten, was die Woche über in den Zeitungen gestanden hatte, und weil mir das oft erst am Abend davor einfiel und meine Mutter die Zeitungen da schon weggeworfen hatte, war ich im Jahr darauf wieder Gruppenratsvorsitzender. Ich war bei den Jungpionieren, den Thälmannpionieren und der Freien Deutschen Jugend. Ich habe immer gedacht, dass ich niemanden kannte, der nicht dabei war. Aber das stimmt nicht.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Es gab das Mädchen, neben dem ich ein paar Jahre lang in der Schule saß. Sie kam aus demselben Dorf und verstand auch Späße, über die sonst nur Jungs lachen. Wenn ich mich beim Diktat verschrieb, borgte sie mir ihren Tintenkiller, den sie von ihren Verwandten aus dem Westen geschickt bekam. Sie ging zur Christenlehre, bewahrte kleine Jesusbilder in ihrem Schulheft auf, und wenn unsere Klasse am 1. Mai an der Tribüne vorbeizog, dann fehlte sie. Fragte die Lehrerin am nächsten Tag, warum sie nicht gekommen sei, sagte sie, ihre Eltern hätten es nicht erlaubt. Irgendwann stellte ihre Familie einen Ausreiseantrag. Als er genehmigt wurde, hatte sie achtundvierzig Stunden Zeit zu gehen. Ich weiß noch, wie sie in der Pause kam, um sich zu verabschieden. Ihr Name war Manuela Schließauf, kein schlechter Name für eine, die aufbricht. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Als sie später auf Besuch zurückkehrte und sich in der Schule alle um sie drängten, ihre Schuhe bewunderten, ihre Frisur, ihre Klamotten, habe ich nicht mit ihr gesprochen, weil ich mich nicht klein machen wollte vor jemandem aus dem Westen. Als im Herbst vor zwanzig Jahren die ersten Leute in Leipzig auf die Straße gingen, habe ich im Staatsbürgerkundeunterricht den Führungsanspruch der Partei verteidigt, weil ich glaubte, dass jemand auf den Sozialismus aufpassen muss. Und als wir nach dem Mauerfall zum ersten Mal zu den Verwandten in den Westen fuhren, habe ich sie gefragt, ob sie sich jetzt freuen, weil sie uns besiegt haben. Ich kann gar nicht sagen, wie ich zum Bürger dieses Staates geworden war. Mir gefiel das Kämpferische der Arbeiterlieder, der Zug der Massen bei den Demonstrationen, mir gefiel die Vorstellung, dass es eine Aufgabe gibt, die uns alle verbindet. Es wäre leicht gewesen, mich für etwas zu gewinnen, in dem ich mich verloren hätte. Das ist es inzwischen nicht mehr.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ich wohne heute allein in einer Wohnung, die fast doppelt so groß ist wie die Plattenbauwohnung, in der ich anfangs mit meinen Eltern und meinem Bruder wohnte. Es gibt in meinem Leben keine Aufgabe, die mich über meine Arbeit hinaus mit anderen verbindet. Ich habe für nichts Verantwortung außer für mich selbst. Ich habe nicht einmal ein Haustier. Als mich letztens jemand fragte, was ich für die Gesellschaft tue, habe ich gesagt, ich sei in der gesetzlichen Krankenkasse. Es war ein Witz, aber auch die Wahrheit.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;      Fortsetzung auf der Seite 2&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 07.05.2009 Seite B1&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;Fortsetzung von der vorherigen Seite Was aus mir geworden wäre &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;"Ich denke, du wärst Tierarzt geworden", sagt meine Mutter, die noch immer auf unserem Bauernhof lebt, dessen Garten sie jeden Sommer in eine blühende Landschaft verwandelt, "vielleicht hättest du es sogar in den Zoo geschafft."&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;"Ich meine nicht nur den Beruf."&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;"Ich denke, du hättest mit fünfundzwanzig geheiratet, du hättest jetzt Kinder, und wir hätten dir den Stall zu einem Haus ausgebaut."&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;"Aber wäre ich glücklich gewesen?" &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;"Wenn du es gewollt hättest, ja."&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Es gibt eine Erinnerung an ein Gespräch mit meinem Vater, darüber, was aus mir werden soll. Was es auch sei, sagt er, es wäre gut, wenn ich dafür mit achtzehn in die Partei ginge. Ich konnte nicht erkennen, ob er es richtig fand oder nur hilfreich, und es störte mich, dass eine Sache, die als freiwillig galt, es auf einmal doch nicht war. Aber davon abgesehen, könnte ich nicht sagen, warum ich heute nicht in der Partei wäre. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ich weiß noch, wie mein Vater manchmal abends von der Parteiversammlung nach Hause kam. Er trug das Lied noch auf den Lippen, das die alten Männer zum Abschied gesungen hatten. &lt;em&gt;Die Partei, die Partei, die hat immer recht&lt;/em&gt;. Er konnte sie sehr gut nachahmen. Er spürte, dass sie einen Sohn in ihm sahen. Er glaubte, er könne mit ihnen spielen, ich habe geglaubt, dass er mit ihnen spielt. Er hat sich geirrt, und als er das nach der Wende sah, ist er darüber sehr erschrocken. Aber auch das holt man nicht mehr zurück.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Und noch etwas. Eine Szene, die ich vergessen hatte. Sie fiel mir erst jetzt wieder ein. Es muss in der achten oder neunten Klasse gewesen sein, als mitten in der Stunde die Tür aufging. Unser Direktor trat ins Zimmer und mit ihm ein anderer Mann. Sie holten einen Jungen aus dem Unterricht, später noch einen und noch einen. Mein Freund Wito war der Letzte. Er arbeitet heute als Segellehrer auf Mallorca. Wir kennen einander schon aus dem Kindergarten. Von dort stammt auch das früheste Bild, das ich von ihm habe. Darauf schleift er die verhasste neue Strickjacke, die seine Eltern ihm gekauft hatten, auf der Straße hinter sich her, von einer Pfütze zur anderen. Ich habe ihn nie eingeschüchtert erlebt, aber als er in die Klasse zurückkam, konnte ich sehen, dass er geweint hatte. In der Pause ging ich zu ihm. Er sagte nur, dass der Mann vom Wehrkreiskommando gewesen sei und ihn in die Armee zwingen wolle, als Offizier, für zehn Jahre. Ich wusste von der Armee, nur was mein Vater erzählt hatte, davon, was die Alten dort mit den Neuen machen. Er erzählte es lustig, aber das war es nicht. Ich stand da, und ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Irgendetwas hatte mich verschont. Irgendetwas wartete auf mich.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Im Herbst vor zwanzig Jahre ist die Mauer gefallen. Ich kann nicht sagen, was aus mir geworden wäre. Ich weiß nur, ich wäre heute vierunddreißig Jahre alt. Ich bin heute vierunddreißig Jahre alt.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 07.05.2009 Seite B2&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;&lt;p&gt;Nach der Party Kleines Glossar des Neuen Deutschland &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ampelmann Realsozialistisches Inbild der DDR. Einen Arm vorgestreckt, den anderen um die Arbeitstasche gelegt, eilt er mit Riesenschritten zum Werkstor. Wenn er steht, ist es ein Volkspolizist, der mit ausgebreiteten Armen für Ordnung sorgt. Einen Begriff von Muße, Schlendern, Kontemplation haben diese Männlein nicht. Und sie sehen alle aus, als ob sie "Erich" hießen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Ballack Die deutsche Elf hatte 2:1 gewonnen in der EM-Qualifikation gegen die Schotten im September 2003, alle waren zufrieden. Nur Günter Netzer griff Michael Ballack an. Letzterer sei nicht prädestiniert für eine Führungsrolle, schrieb Netzer, denn er sei "in der DDR aufgewachsen. Dort zählte das Kollektiv, das hat den Weg für Genies verstellt." Ballack möge sich ein Beispiel an einem Teamkollegen nehmen, der alles getan habe, "was man von Ballack erwartet – Bälle fordern, Rhythmus bestimmen, Mitspieler in Szene setzen". Gemeint war Bernd Schneider, geboren und aufgewachsen in Jena.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Cindy Auch bekannt als Mandy, Jacqueline, Grace, Grit, Peggy, Polly, Sindy, Jordana oder Aline, in der männlichen Form als Danilo, Ronny, Devid oder Silvio geläufig. Beliebter ostdeutscher Vorname, der im Westen von Menschen als Provinzlertum und Weltflucht verlacht wird, die ihre Kinder Friedrich, Paul, Heinrich, Gregor, Charlotte, Henriette oder nach anderen deutschen Kurfürsten und Prinzessinnen des neunzehnten Jahrhunderts benennen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;DT 64 Was die Abkürzung bedeutete, wusste eigentlich keiner, für eine kurze Zeit aber galt der Radiosender DT 64 in Berlin als der beste im ganzen Lande. Ins Leben gerufen anlässlich des "Deutschlandtreffens der Jugend 1964" – daher der Name –, war DT 64 die Jugendwelle der DDR, die so richtig kritisch auch erst wurde, als die DDR schon gewaltig wankte. Nach der Wende blieb das Programm zunächst erhalten; die geplante Einstellung sorgte für eine Welle der Proteste von Ostdeutschen und Westdeutschen, die sich mitreißen ließen. Letztlich vergeblich – der Name DT 64 verschwand, seine Spuren finden sich heute im RBB-Programm Fritz und in der MDR-Welle Sputnik.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Einheitsdenkmal Der nächste Aufreger im deutsch-deutschen Dauerzwist. Ein ideales Schlachtfeld für den ästhetischen und historischen Nahkampf. Es hat nur noch keiner gemerkt. Also los, Professoren, Patrioten, deutsche Umzügler: auf den Schlossplatz mit Gebrüll!&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Fidschi Ostdeutsche Bezeichnung für Asiaten, früher meist Vertragsarbeiter aus der SR Vietnam, heute Betreiber von Thai-Imbissen oder Kiosken. Da "Fidschi" im Vokabular von Rechtsradikalen wie jedes zweite Wort diskriminierend verwendet wird, ist es politisch inkorrekt, von Fidschis zu reden, obwohl das Wort im Alltag analog gebraucht wird zum westdeutschen Sammelbegriff "Türke" in "Ich hol mir noch was vom Türken". Fidschis sind tatsächlich einfach ausnehmend höfliche, fleißige, scheinbar nie schlafende oder Urlaub machende Menschen, die wie die meisten Ostdeutschen auch lieber im Südpazifik leben würden. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Grass, Günter Auch wenn er das selbst vielleicht anders sieht, aber zu dem fällt uns diesbezüglich nichts mehr ein.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Hauptstadt Am 19. April 1999 zog die Regierung von Bonn nach Berlin – begleitet von heftigen Debatten. Besonders im Westen schimpfte man über verschwendete Steuergelder. Die Verabschiedung des Bonn-Berlin-Gesetzes markiert das Ende dieses erbitterten Streits. Viele Gegner der Entscheidung für Berlin werden heute nur noch ungern auf ihre Fehler von damals angesprochen. Aber auch wenn noch heute sechs Bundesministerien in Bonn sitzen, Berlin ist die Nummer eins.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Inoffizieller Mitarbeiter Im Gegensatz zu anderer Ministeriumsmitarbeit ist die Inoffizielle Mitarbeit beim Ministerium für Staatssicherheit mit wenig Prestige, meistens sogar mit sozialer Ächtung verbunden; die Rufschädigung ist kaum wiedergutzumachen. Die vielen Klagen gegen die Titulierung "IM" deuten darauf hin, dass die Ausschnüffelei selbst von denen, die sie vielleicht begangen haben, als Unrecht betrachtet wird, unabhängig davon, wie es zur Mitarbeit kam: aus Überzeugung, Opportunismus oder auf Druck.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Jugendweihe Für den Protestantennachwuchs ist es erst Jungschar, dann Konfirmation. Der katholische Präpubertant hat es nicht zwingend so bastelgruppenfreudig, ehe ihn Erstkommunion, dann Firmung initiieren. Die DDR machte es gleich gründlich: mit Jugendstunden als Vorbereitung auf die Jugendweihe, die in Jugendweihefeiern kulminierte, einem staatssozialistischen Ringelreihen, dessen Höhepunkt ein dreifaches "Ja, das geloben wir!" bildete, in Richtung Kräfteeinsatz für die große Sache. Hinterher gab es für die "jungen Bürger" daheim Kaffee und Kuchen. Wie bei den Katholiken und Protestanten im Westen.&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Kohl, Helmut Wäre 1989 beinahe von den eigenen Leuten gestürzt worden, aber die rechtzeitig vorgenommene Öffnung der Grenze zwischen Österreich und Ungarn und was danach kam, rettete ihn vor dem Abstellgleis und promovierte ihn in die deutsche Geschichte. Im aufrechten Überschwang versprach er "blühende Landschaften" in den neuen Ländern, wo man aber zu viele Versprechungen und zu viel Überschwang gehört hatte, früher immer und es misstrauisch für einen Trick hielt. War aber nicht so gemeint gewesen. &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Letscho Universelle aus Tomate, Zwiebel und Paprika bestehende Zutat für die Ostküche, die als einziger der volkseigenen Bereiche auch nach der Wende unverändert ihr Niveau h
